Gleitende Ferienzeit

Im Winter bietet Finnlands grösste Seenlandschaft mit 14'000 Inseln viel Platz und Abwechslung für Schlittschuhwanderer.

Wenn die Kufen rufen: Entspanntes Dahingleiten über die zugefrorenen Seen im Süden Finnlands. Bild: Mikko Nikkinen

Wenn die Kufen rufen: Entspanntes Dahingleiten über die zugefrorenen Seen im Süden Finnlands. Bild: Mikko Nikkinen

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Der Schnee ist pulvrig wie Mehl, die Luft minus 20 Grad kalt und trocken wie Knäckebrot: Rapsakka nennen die Finnen dieses Wetter mit der knusprigen Kälte. Alle Seen sind zugefroren, die Sonne blinkt vom knallblauen Himmel. Am Boden glitzern Eiskristalle, als wären nachts Sterne vom Himmel geplumpst.

Misa packt ihren Rucksack, befestigt die Schneeschuhe mit einem Karabiner, setzt Mütze und Helm auf, nimmt die Schlittschuhe in die Hand. Bei der umfangreichen Ausrüstung könnte man meinen, sie wolle die Alpen überqueren. Aber die Frau führt ihre Gäste an diesem Tag nur aufs Eis; sie betreibt mit ihrem Mann ein Hotel im 160-Einwohner-Dorf Oravi in Südfinnland. Normalerweise hat sie noch Eisnägel dabei. «Falls man doch mal einbricht, kann man sich damit selbst herausziehen», sagt Misa, «aber heute brauchen wir sie nicht. Das Eis ist dick.» Startpunkt ist beim Hotel, das am Rande des Nationalparks Linnansaari liegt.

Am Eingang der präparierten Eisbahn stehen Bänke mit Fellen für den bequemen Schuhwechsel bereit. Wir ziehen finnische Tourenschlittschuhe an, deren Kufen länger und einfacher zu fahren sind. Bald gleiten wir mühelos Richtung Horizont. Auf der mit 40 Kilometern längsten Eisbahn Finnlands trifft man wochentags kaum eine Menschenseele.

Der Nationalpark Linnansaari ist Teil der Saimaa-Seenlandschaft, der viertgrössten Seenplatte Europas und der grössten in Finnland. Vor 8000 Jahren schmolzen die Gletscher der letzten Eiszeit und schufen ein Meer mit 14'000 Inseln. Später hob sich das Festland, umarmte die Inseln und versperrte den dort lebenden Robben den Zugang zum Meer. So konnte sich die Saimaa-Süsswasserrobbe entwickeln, heute eine der am meisten gefährdeten Robbenarten der Welt. Zum Luftholen bohren die Säugetiere Löcher ins Eis.

Vor der Insel Linnansaari schnallen wir die Schlittschuhe ab. Am Rastplatz macht Misa ein Feuer und setzt einen Kessel mit Teewasser auf. Bis es brodelt, schauen wir uns um und entdecken am Ufer die Spuren eines Otters im Schnee. Nach dem Tee ziehen wir Schneeschuhe an und wandern über die Insel mit ihren schönen Aussichtspunkten auf die Seenplatte.

Ehemalige Handelsrouten sind heute Schlittschuhwege

Im südwestlichen Zipfel erzählt ein altes Hausmuseum vom früheren Bauernleben. Ein mannshoher Ofen war damals das grösste Möbelstück. An den Fenstern hat das Eis kleine Blumenkunstwerke geschaffen. Wieder draussen, setzen wir unsere Tour mit dem Schlittschuhen fort. Dabei dürfen wir den Blick nicht nur an den Horizont heften, der Weg erfordert auch ein wenig Konzentration. Denn hin und wieder schneiden tiefe Rillen ins Eis, über die man leicht stolpern kann. 

Wir laufen weiter und erreichen 18 Kufen-Kilometer später Järvisydän. Hier empfangen Tanja und Markus Heiskanen in 11. Generation Gäste. Gebaut aus hundert Jahre alten Holzbalken, ist das historische Gebäude eines der schönsten in ganz Finnland. Schon 1658 wurden hier Pferde gewechselt und Durchreisende beherbergt. Damals vereinbarten der russische Zar und der schwedische König den Bau markierter Eiswege als Handelsrouten. Heute kann man in dem Resort einen sportlichen Winterurlaub verbringen mit Schlittschuh- oder Skilanglauf, Eisstockschiessen, Tretschlittenfahren, Schneeschuhwandern – und nebenbei die Rentiere füttern.

Am nächsten Tag lassen wir uns von einem Schneemobil abholen und fahren zurück nach Oravi und von dort eineinhalb Autostunden weiter Richtung Südosten. In Punkaharju führt eine schmale bewaldete Landzunge in Form einer Schlange über das Wasser. Dieser eiszeitlich entstandene Eskergrat ist eine alte Reiseroute, die von Tieren und Menschen gleichermassen genutzt wurde, um das Wasser zwischen den Inseln zu überbrücken. Die erste Strasse auf dem historischen Grat wurde im 18. Jahrhundert gebaut und diente dem Warentransport. Heute gehört sie zum Nationalpark Esker und zieht viele Besucher an.

Wir schnallen uns Langlaufski an die Füsse. Mehrere Loipen führen durch den Wald und über die Seen. Mitten in der weissen Weite treffen wir den Eisfischer Arto Keinänen, einen sympathischen Mittfünfziger mit rosigen Wangen. Er hockt auf einem Schemel und ruckelt an der Angelrute, darauf wartend, dass einer anbeisst. «Ich kann stundenlang hier sitzen. Es ist so ruhig, dass man nur seine eigenen Bewegungen hört», schwärmt er.

Anreise: Mit Finnair von Zürich nach Helsinki, in 4 Stunden mit dem Mietwagen nach Oravi Wintersport www.lakelandgte.fi oder www.saimaaholiday.net Übernachten www.jarvisydan.com, www.harjunportti.fi Reiseveranstalter: www.glur.ch, www.travelhouse.ch, www.agtra­veltrend.ch, www.kontiki.ch
Allg. Infos: www.visitsaimaa.de, www.visitfinland.de

Die Reise wurde unterstützt von Visit Finnland. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.11.2018, 20:06 Uhr

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