Globetrotterin mit 92 Jahren

Trotz hohen Alters will Charlotte Peter das Reisen nicht lassen. In China etwa war sie schon über 100 Mal. Die Zürcher Buchautorin hat eine eigene Fangemeinde.

Reiseleiterin Charlotte Peter ist lieber ein «Toro bravo» als ein «Würstli-Ochs». Foto: Michele Limina

Reiseleiterin Charlotte Peter ist lieber ein «Toro bravo» als ein «Würstli-Ochs». Foto: Michele Limina

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Die alte Dame echauffiert sich, der Kellner lässt auf sich warten, demonstrativ reckt sie den dünnen Arm in die Höhe, «hallo!», sie steht auf, «das ist ja unmöglich», sie schreitet zur Bar, stellt den Kellner, ordert Kaffee. «Himmel», stöhnt sie und setzt sich wieder aufs Polster, «in solchen Momenten ist mir bewusst, ich bin wieder in der Schweiz.»Nicht nur weniger Personal, sondern vor allem kein nettes Personal.

Ihr Äusseres täuscht, das zarte Persönchen mit dem hellen Pagenschnitt weiss sich zu wehren. Charlotte Peter schlägt sich auf der ganzen Welt alleindurch, jedes Jahr fliegt sie mindestens einmal um den Globus, in China war sie über 100 Mal. Sie sagt: «Ich liebe alles, was mich fortträgt, ob Flugzeug, Eisenbahn oder Kamel.»

Sie trägt den «Airportlook»

Sie ist Journalistin, Buchautorin und Reiseleiterin – und das mit 92 Jahren. Rücksicht auf ihr Alter nimmt die Zürcherin bei der Reiseplanung nie, «ich bin ja nicht krank». Und passieren könne überall etwas, «inschallah», das liege nicht in ihren Händen. Den Hausarzt sieht sie alle zehn Jahre – um den Fahrausweis zu verlängern.

Charlotte Peter trägt keine gedeckten Farben wie die meisten älteren Leute, «Grau steht mir nicht». Die Seidenbluse in knalligem Pink ist aus China, die roten, bestickten Finklein ebenfalls, an den schmalen Handgelenken klimpern Armreifen aus muslimischen Ländern. Total 40 Stück, in Zürich trage sie kaum die Hälfte, denn in Zürich will sie nicht zu sehr klimpern.

Ihr Markenzeichen ­jedoch seien die auffälligen Halsketten, heute eine aus Perlen, von einer Freundin aufgepeppt mit einer grossen Muschel. «Airportlook», nennt sie ihren Modestil, da sie am Flughafen oft «vorige» Zeit habe, um zu shoppen. Gedanken über Falten mache sie sich nicht, «wissen Sie, ich bin nie hübsch gewesen, deshalb habe ich nicht verloren».

Besuch eines Prozesses in China

Sie sitze gern in einem Lehnstuhl, lese die Zeitung und trinke ein Glas Wein, aber: «Am besten, der Lehnstuhl steht in einem Flugzeug.» Die Lust aufs Reisen sei ihr angeboren, «ich bin quasi reisebegabt, das ist wohl mein Talent». ­Charlotte Peter spricht Französisch, Englisch, Spanisch, auf Chinesisch schaffe sie es, Schilder zu entziffern, und Rotwein könne sie in allen Sprachen bestellen.

Schon als Journalistin – unter anderem war sie 15 Jahre lang Chefredaktorin der Frauenzeitschrift «Elle»– kam die Historikerin in der Welt herum. Nach der Pensionierung wurde sie Reiseleiterin und schrieb über ein Dutzend Reisebücher. Ausgerüstet mit Stift und Block könne sie überall schreiben, ob auf Tempeltreppen oder im Flughafen.

Entwicklungshilfe «sur place»

Immer hat sie ihren roten Koffer dabei, den erkenne sie auf dem Rollband sofort. Und nie mehr als sieben Kilo Gepäck, «ich will nicht auf einen Gepäckträger angewiesen sein». Ihr Tipp: Zu Hause alles ausbreiten, was man mitnehmen will. «Die Kleider halbieren, das Geld verdoppeln.» Sie habe immer reichlich Geld dabei, das sei ihre Art der Entwicklungshilfe, «sur place, nöd waar», es nerve sie grausam, wenn jemand kein Trinkgeld gebe. Die Reisen unter der «kulturellen Leitung von Dr. Charlotte Peter», die sie für verschiedene Spezialisten anbietet, haben eine eigentliche Fangemeinde.

Die meisten im Pensionsalter, darunter viele Lehrer, deshalb schaue man in Japan auch mal eine Schule an oder besuche in China einen Scheidungsprozess, weil das den Juristen in der Gruppe interessiert. Es tönt fast ein bisschen störrisch, wenn sie sagt: «Ich mache Dinge, die man eigentlich nicht tut.» Zum Beispiel in Madrid eine Corrida, einen Stierkampf, besuchen, «da lebe ich auf, da bin ich voll ­dabei». Sie weiss, dass sie mit dieser Aussage viele empört. Aber: Sie wäre jedenfalls weit lieber der «Toro bravo», der wilde Stier, der sein Leben auf bestem Weideland verbrachte, bevor er vor ­tobender Kulisse den Heldentod stirbt – als irgendein «Würstli-Ochs».

Reisen, um zu lernen

Es hat sie immer schon Richtung ­Osten gezogen, in den Orient, vor allem nach Asien. In fernöstliche Kulturen, im buddhistischen Glauben, «wo Denken und Hinterfragen erlaubt sind», fühlt sie sich aufgehoben. Natürlich reise sie in islamische Länder, trage auch ein Kopftuch, wenns verlangt wird. Die Weltenbummlerin betont, sie sei immer gereist, um zu lernen, nie, um zu ­belehren.

Sie lebe in Frieden mit der Welt, von der sie «ordeli vil» sehen durfte. Nein, die weltweite Unsicherheit, die Terrorwarnungen überall, hätten ihr Reiseverhalten nicht verändert. «Ich lasse mich nicht verrückt machen.» Ausserdem helfe man den Menschen in der Türkei oder Ägypten nicht, wenn man ihre Länder meide. Anfang Oktober fliegt Charlotte Peter nach Indien, fährt auf einem Flussdampfer den heiligen Ganges runter. Es folgt eine Reise in die Mongolei, die sie für eine Gruppenreise auskundschaften wird. Zwischendurch mache sie einen Hupf nach Paris, wo sie eine kleine Wohnung besitze. Warum nicht ein Heimetli im Toggenburg, fragten die Bekannten. «Ja, was mache ich denn im Toggenburg?», frage sie jeweils zurück.

«Ich bin Charlotte»

Was sie nicht ausstehen kann, seien Schweizer Hotels, die Pension Alpenrösli, wo der Stammgast vom Direktor persönlich begrüsst wird, das beste Zimmer und einen Tisch am Fenster bekommt. Da ziehe sie ein anonymes Hilton oder Marriott vor, wo jeder Gast gleich behandelt werde. Das letzte Kapitel ihres nächsten Buches, «Vom Sir zum Sepp», handle vom Standesdünkel, den sie immer schon verabscheut habe. Und sie findet, es sei endlich an der Zeit, dass sie das Du anbiete, «ich bin Charlotte».

Geheiratet hat sie nie – dafür einen Liebhaber in jedem Land? Sie lacht, «das wäre jetzt übertrieben», aber gute Freunde habe sie überall auf der Welt. Reisen und Schreiben seien ihre grossen Lieben. Dutzende Reisebücher hat sie geschrieben, das letzte erschien im Herbst 2015, das aktuelle, «Die alten Götter kehren zurück», ist ab morgen Freitag im Handel, am nächsten Werk arbeitet sie schon. Warum dieser Eifer, fürchtet sie, die Zeit wird knapp? «Ich schreibe einfach gern», so die simple Antwort.

Letzte Reise? Ins grosse Nichts.

Das letzte Buch handelte von einem usbekischen Heiler, das aktuelle von Schamanen – sucht Charlotte Peter gegen Ende des Lebens nach etwas ­Speziellem? Sie habe das ganze Leben lang gesucht, antwortet die Weitgereiste, «ich bin in ein Meer von Wissen eingetaucht, habe jedes Tröpfchen aufgesaugt». So viele Geschichten habe sie im Kopf, «ein Fest der Erinnerungen».

Wohin führt die allerletzte Reise? Charlotte Peter überlegt lange – sie glaube daran, dass der Geist weiterlebt, aber nicht im Sinne einer Reinkarnation: «Er wird ins Nirwana eingehen, ins grosse Nichts.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2016, 18:27 Uhr

Charlotte Peter

«Die alten Götter kehren zurück»

Offizin, Zürich 2016. 220 Seiten, ca. 29 Franken.

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