Heiss auf Eis

Erst ein wärmendes Bad im Holzfass, dann eine Nacht im gefrorenen Schlafzimmer – auf dem Kemmeriboden finden Paare alles für ein romantisches Abenteuer.

Iglu-Restaurant in Kemmeriboden-Bad: Zur Einstimmung gibts Käsefondue mit Trockenfleisch. Foto: Urs Homberger

Iglu-Restaurant in Kemmeriboden-Bad: Zur Einstimmung gibts Käsefondue mit Trockenfleisch. Foto: Urs Homberger

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Bei null Grad Celsius wird der Atem sichtbar. In kleinen Dampfwolken steigt er an der blauen Eiswand entlang bis zur Kuppel hinauf. Darunter liegen zwei Paar Socken auf der grossen Bettstatt; sie warten, hübsch verziert mit hellblauen und rosaroten Streifen, auf die Füsse der Gäste. Die Bettflaschen hingegen bleiben unsichtbar; seit Stunden schon sind sie laufend ausgewechselt worden und haben zwischen mehreren Schichten aus Wolldecken und Tierfellen ein gemütlich warmes Kuschel­klima geschaffen.

Seit bald zehn Jahren lässt das Romantik-Iglu auf dem Kemmeriboden die Herzen abenteuerlustiger Liebespaare höherschlagen.

Wer im luzernisch-bernischen Grenzgebiet, dort, wo das Entlebuch endet und das Emmental beginnt, seinen Weg Richtung Schallenberg fortsetzt und in Schangnau scharf links ins Tal der oberen Emme abbiegt, gelangt nach wenigen Kilometern zu einer malerischen alten Holzbrücke. «Wer sie überquert», verspricht Reto Invernizzi, «entdeckt eine völlig neue Welt.»

Vor acht Jahren, damals 29-jährig, hat der Junggastronom als Vertreter der sechsten Generation der Gründerfamilie Gerber den Kemmeriboden übernommen und erst einmal gründlich modernisiert. Die Herberge, 1834 als Kemmeriboden-Bad eröffnet, war vor allem für die legendäre «Merängge» bekannt, jenes Gebäck aus Nidle, Eiweissschaum und Zucker, das alles andere sein will als eine gewöhnliche Meringue – und dessen Rezeptur sorgsamer gehütet wird als die Kräutermischung im Appenzeller Käsesud.

Bauen mit Schneelanze und Eissäge

Zwischen Weihnacht und Fasnacht allerdings herrscht das Winterdunkel; kein Sonnenstrahl erreicht den Talboden – und selbst die süsseste Süssspeise vermochte kaum einen Wanderer in das abgelegene Schattenloch zu locken. Bis die fortgeschrittene Beschneiungstechnologie sowie der tatkräftige Enthusiasmus des Architekten Hans Hiltbrunner zur zündenden Idee führten: «Wir machten aus der Not eine Tugend», schmunzelt Invernizzi, «beziehungsweise aus Eis und Schnee eine touristische Attraktion – das Iglu-Dorf.» Wobei es sich weniger um die bekannte klassische Inuit-Behausung handelt, sondern eher um eine Eishöhle, an deren Ursprung ein Gummiballon steht. Der wird so lange aufgeblasen, bis er mehr als vier Meter durchmisst und von der Schneefräse mit frischem Schnee eingedeckt werden kann.

Seit vier Wochen sind Architekt Hiltbrunner und sein Team am Werk. Sowie die Fassade stabil vereist ist, darf die Luft aus dem Ballon entweichen. Mit Eissäge und Schneeschaufel wird in akkurater Kleinarbeit da ein Stück Eis weggefräst und dort noch etwas Schnee angefügt. Immer wieder kommt auch die Schneelanze zum Einsatz, ein Gerät, das der berühmteste Gast auf dem Kemmeriboden ganz gut kennt. Zwar lässt sich der amtierende Abfahrtsweltmeister Beat Feuz – er ist im Nachbardorf Bumbach aufgewachsen und inzwischen nach Innsbruck ausgewandert – nur noch selten am Stammtisch blicken. Er muss in diesen Tagen Weltcuprennen bestreiten. Die Pisten aber, über welche er Richtung Ziel jagt, sind mit jenen Schneelanzen präpariert worden, die auch den Iglus auf dem Kemmeriboden den letzten Schliff verpassen.

Stille Zweisamkeit lockt mehr als laute Geselligkeit

Ursprünglich hat Hotelier Reto Invernizzi seinem Eishöhlendorf auch ein Sport-Iglu anfügen wollen, sozusagen einen «Massenschlag» für jedes Budget. Doch rasch hat er einsehen müssen, dass seine Gäste die Romantik vorziehen und dafür gerne auch etwas tiefer ins Portemonnaie greifen. Zweisamkeit statt Geselligkeit ist gefragt – und statt Schlafsack lieber eine Bettflasche. Zur Einstimmung wärmt man sich paarweise im warmen Holzfassbad auf – und im Iglu-Restaurant wird Käse­fondue mit Trockenfleisch aufgetragen, bevor die lange Nacht im Eis beginnt.

Zwei Accessoires allerdings sind im Paket nicht inbegriffen. Schal und Zipfelmütze wären nützlicher als Nachthemd oder Pyjama, wenn Hals, Ohren und Nase ungeschützt Temperaturen um den Gefrierpunkt ausgesetzt sind. Für Gastgeber Invernizzi allerdings reichen die Bettsocken vollkommen. «Im Romantik-Iglu-Bett kommt man einander so nah, dass die Kälte kein Thema mehr ist», weiss er – und ist überzeugt, «dass im eisigen Bett manch eine eingefrorene Beziehung wieder auftaut».

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.12.2017, 15:13 Uhr

Das «Romantik-Paket» auf dem Kemmeriboden umfasst die Benützung der Sauna, Bad im Holzfass, Käsefondue sowie Übernachtung im Iglu und Frühstück im Hotel für, je nach Anreisedatum, 249 bis 269 Franken pro Nacht und Person.

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