«Ich bin halt kein richtiger Bergsteiger»

Stephan Siegrist gilt als Meister des «entspannten Extrembergsteigens»: Der Berner Kletterprofi sucht am Berg nicht nur die technische Schwierigkeit.

Stephan Siegrist wird weiterhin klettern – «auch wenn es eines Tages niemanden mehr interessiert». Foto: Thomas Senf (Visual Impact)

Stephan Siegrist wird weiterhin klettern – «auch wenn es eines Tages niemanden mehr interessiert». Foto: Thomas Senf (Visual Impact)

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Am Tag, an dem der Schnee kommt, klettert Stephan Siegrist an Eiszapfen. Es ist Anfang Januar, in der Höhe verfrachtet der Wind den eben gefallenen Schnee. In Kandersteg spürt man ihn nicht, das Dorf ist von hohen Bergen umgeben. Auch die Sonne schafft es im Winter kaum hierhin, und so ist der Ort bekannt für seine Wasserfälle, die in der Kälte erstarren. Die Routen im steilen Eis haben sprechende Namen, «Haizähne» etwa oder «Reise ins Reich der Eiszwerge». Siegrist klettert sie beide an diesem Tag, der eigentlich nicht zum Draussensein einlädt. «Lustige Kletterei, immer ein bisschen den Weg suchen, mal links, mal rechts», erklärt er später gestikulierend im warmen Tea-Room. Es klingt, als wollte er einen gleich auf den Weg schicken.

«Leben im Sturm» heisst das Buch, das er jüngst herausgegeben hat. Ein Selbstporträt, redigiert von der Journalistin Annette Marti. «Ich selber kann ja nicht schreiben», behauptet Siegrist, die Journalistin habe gute Arbeit geleistet. Und doch spürt man, dass es sich um das ehrliche Manuskript eines Profibergsteigers handelt, der alt genug ist, um zurückzublicken. Und jung genug, das Geleistete einzuordnen, ehe die zweite Lebenshälfte kommt. Er spricht Themen an, die in der Alpinliteratur sonst zweitrangig bis gar nicht behandelt werden: das Abschiednehmen von der Familie etwa oder den schlechten Schlaf, ausgelöst durch die Anspannung vor einer grossen Tour. «Das gehört dazu, ich habe kein Problem, das offenzulegen.»

«Was ich da gemacht habe, können hundert andere auch.» Stephan Siegrist

1999 verfolgte die Schweiz am Bildschirm, wie sich vier Bergsteiger für die Sendung «Eiger live» die Eigernordwand hocharbeiteten; auffallendster Akteur war der junge Stephan Siegrist. Als er danach Autogramme geben sollte, überraschte ihn das. «Für mich war klar: Was ich da gemacht habe, können hundert andere auch. Kein Grund für Autogramme.»

Doch er gab sie. Nicht weil er seine Leistung hinterher anders einordnete – er redet noch heute von Verhältnisblödsinn –, sondern weil er bereit war, dem Interesse der Öffentlichkeit gerecht zu werden. Auch nach 20 Jahren als professioneller Bergsteiger stellt man diesbezüglich keine Veränderung fest. Siegrist ist nicht umgeben von der Schutzhülle, wie sie sich manche Profis aneignen. Neben seinen Expeditionen arbeitet er als Bergführer – ein Job, in dem er es sich nicht leisten könnte, einfacheres Bergsteigen als minderwertig zu betrachten. Er sagt, für ihn stehe das gemeinsame Bergerlebnis im Vordergrund. Es klingt nicht vorgefertigt.

Der bekannte deutsche Bergsteiger Thomas Huber, ein regelmässiger Seilschaftspartner, attestiert Siegrist, dank seinem Feingespür für die Berge eine neue Disziplin erfunden zu haben: «Schönes, entspanntes Extrembergsteigen.» Was wie ein Paradoxon tönt, entpuppt sich als Königsdisziplin, wenn Siegrist erklärt, was darunter zu verstehen sei: «Wir haben es gerne lustig unterwegs. Das gibt dieser ernsten Sache des Bergsteigens eine gewisse Entspannung. Manchmal ist das auch Angstbewältigung, keine Frage. Aber im grossen Ganzen bedeutet es für mich, dass man versucht, etwas zusammen zu erreichen. Ohne dass einer sich in den Vordergrund stellt, weder während der Tour noch danach, wenn es um die Medienarbeit geht.»

In seiner Jugendzeit war Siegrist oft mit Ueli Steck unterwegs. Heute leben die beiden im gleichen Dorf. Viel mehr verbindet sie nicht mehr. In den letzten Jahren herrschte praktisch Funkstille, dies nach einem Telefongespräch im Herbst 2013. Damals kamen öffentliche Zweifel auf, ob Ueli Steck den Gipfel des Annapurna über die Südwand tatsächlich erreicht hatte. Siegrist rief bei Steck an und fragte nach der Wahrheit. Später lobte Steck seinen Freund, der als Einziger bei ihm persönlich nach dem Sachverhalt gefragt hatte – statt wie andere zuerst über die Medien ihre Zweifel durch­sickern zu lassen. Doch das Gespräch löste auch etwas anderes aus.

Abgrenzung zu Ueli Steck

«Dieses Telefonat hat uns sicher verändert. Ich habe danach noch zweimal die Initiative ergriffen, zusammen etwas zu unternehmen. Aber Ueli hatte andere Leute um sich.» Steck und Siegrist entwickelten sich zu zwei Antipoden des Profibergsteigens: hier Steck, der Getriebene, der sich bereits vor 15 Jahren das Ziel setzte, der beste Bergsteiger der Welt zu werden – der Sologänger. Und da Siegrist, der Besonnene, der das Gemeinsame ins Zentrum rückt, eine Familie hat und Kompromisse eingeht.

Die Unterschiede offenbarten sich vor zehn Jahren auf einer gemeinsamen Expedition am Gasherbrum Ost geradezu symbolisch: Siegrist schätzte die Lage wegen Neuschnee als zu gefährlich ein, brach ab und ging nach Hause. Steck fand, man könne weitergehen, und erreichte den Gipfel.

Zurück in der Schweiz, begingen die beiden wenig später ihre gemeinsam erschlossene Route Paciencia in der Eigernordwand. Sie wechselten sich ab mit dem Vorstieg, wobei Ueli Steck drei schwierige Längen mehr führte. In den Medien wurde die erste Begehung danach vor allem Steck zugeschrieben, obwohl auch dieser anerkannte, dass es eine Teambesteigung war. Doch: «Ueli hatte bereits eine gut funktionierende Medienmaschinerie um sich.» Und das Bild, das in der Öffentlichkeit durch verschiedenste Publikationen schliesslich entstand, war, so Siegrist, «nicht nur einseitig, sondern auch falsch. Da war ich enttäuscht.» War es also die Vermarktung, welche die Bergfreunde entfremdete? «So würde ich das nicht sagen, ich sehe uns nicht als Rivalen. Letzten Monat hatten wir wieder einmal Kontakt, das hat mich gefreut.»

Niemand weiss so genau, ab wann eine alpinistische Leistung als extrem gilt.

Nach «Eiger live» ging Siegrist mit dem Ausrüster Mammut eine Kooperation ein. Fortan trug er die in leuchtendem Orange und Blau gehaltenen Anzüge der Linie Mammut extreme in die Welt hinaus. Zurück kamen Eindrücke vom Klettern in widrigsten Bedingungen – und das Image eines Extrembergsteigers. «Ich tat mich immer extrem schwer mit diesem Titel», sagt Siegrist und muss grinsen über seine unbeabsichtigte Wortwahl. Doch letztlich wehrte er sich erfolglos: Das Wort prangt nun auch auf dem Buchcover, der Verlag wollte es so. «Da machst du dann halt den Spagat zwischen deiner persönlich empfundenen Realität und dem, wonach es aussieht.»

Tatsächlich weiss niemand so genau, ab wann eine alpinistische Leistung als extrem gilt. Sicher ist, dass die wahrlich extremen Unternehmungen nicht unbedingt die am meisten beachteten sind. «Ist der Berg bekannt, dann ist das Interesse automatisch grösser. Dagegen schert sich kaum jemand danach, wenn man an irgendeinem abgelegenen und unbekannten Berg etwas macht – egal wie schwierig das ist.» Als Beispiel nennt Siegrist seine Expedition zum Arwa Tower mit Denis Burdet und Thomas Senf. Das Team verbrachte zwölf Tage in der Nordwand, bis die Begehung gelang. «Eine der härtesten Expeditionen, die ich je gemacht habe – aber kaum beachtet. Macht man hingegen irgendwas halbwegs Verrücktes am Matterhorn, dann schauen alle hin», sagt Siegrist. Die Aussage bezieht sich auf seine Aktion, als er über ein Hochseil zwischen den beiden Matterhorngipfeln balancierte. Führt dieser Umstand dazu, dass Profibergsteiger sich jene Ziele suchen, die am meisten Aufsehen erregen? «Nein. Sonst könnte ich den Kashmir jedenfalls abschreiben, dort zieht es mich seit 2011 jedes Jahr hin.»

Im Kashmir findet Siegrist die Berge, die seinem Ideal entsprechen: formschön, technisch schwierig, abgelegen und vielfach unbegangen. Im nächsten Sommer wird er ein weiteres Mal eine Expedition in dieses Gebirge starten. «Das ist mein Bergsteigen. Aber klar, der zweite Teil ist schwierig, die Vermarktung. Bis jetzt hat es immer irgendwie geklappt. Doch ich gehe auch weiter dorthin, wenn es eines Tages niemanden mehr interessiert.»

Und die Achttausender?

Eines kann der Kashmir nicht bieten: die höchsten Berge der Welt. Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass ein «richtiger» Bergsteiger nur einer ist, der auch auf einem Achttausender gestanden hat. «Ich bin halt kein richtiger Bergsteiger», entgegnet Siegrist ironisch. Denn er stand nie auf einem Achttausender und wird es auch nicht mehr anstreben.

Nicht, weil es keine Ziele gäbe. «Der Westgrat am Makalu wäre eine Linie, die mir sehr entsprochen hätte. Aber ich hatte keine Chance.» Siegrist redet von seinem letzten Versuch, mit dem Makalu (8485 m) einen der höchsten Berge im Alpinstil zu erklimmen (ohne zusätzlichen Sauerstoff, keine fix installierten Seile, keine Träger). Starke Kopfschmerzen zwangen ihn zur Umkehr, kaum dass er über das Basislager hinausgestiegen war. Die Ärzte vermuteten sogenannte Clusterschmerzen – die Spätfolgen eines Schädelbruchs, den sich Siegrist vor vielen Jahren zugezogen hatte.

Das Achttausender-Bergsteigen nach seinen Vorstellungen war damit erledigt, bevor es begonnen hatte. «Und das andere, Everest und so, das interessiert mich nicht», sagt Siegrist und ergänzt, dass man ihn nicht missverstehen solle: Der höchste Berg der Welt fasziniere natürlich jeden Bergsteiger. «Aber mit zusätzlichem Sauerstoff über eine präparierte Route – das ist nicht meine Welt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2017, 18:28 Uhr

Stephan Siegrist

Der 44-Jährige gehört zu den besten Bergsteigern der Welt. Er kletterte 1999 fürs Fernsehen live durch die Eigernordwand. Seither führten ihn seine Expeditionen in zahlreiche Länder.

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