Plötzlich ertönt ein unheimliches Gemurmel aus dem Eis

Hinter dem Eiger wartet das «Ischmeer»: Eine Abfahrt über die gefährlichen Gletscherspalten des Eismeers.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn die Jungfraubahn am Fusse der Eigerwestflanke in den Stollen einbiegt, ist es für rund eine Viertelstunde dunkel, während die Bahn langsam Höhe gewinnend durch den Eiger rauscht. Ehe das Ziel erreicht wird, gibt es einen Zwischenhalt. Die Station Eismeer: Hier lassen Fenster aus dem Inneren des Bergs herausblicken auf die Südseite des Eigers.

Es wirkt wie im Zoo: wilde Natur hinter dicken Glasscheiben. Ischmeer heisst der Gletscher mit seinen spektakulären Formationen, ein Meer aus Eis. Nur zum Anschauen da?

Keineswegs. Die Abfahrt durchs Ischmeer ist ein Klassiker der Gletscherskitouren. Das Jungfraujoch ist Ausgangspunkt unserer zweitägigen Tour, die uns hinter den Eiger führt und über rund 33 Kilometer auf dem Gletscherweg bis zum Grimselpass. Es beginnt gemütlich: Eine vom Pistenbully präparierte Spur führt ostwärts, vorbei am Mönch. Bei der Mönchsjochhütte endet sie, ab hier ist man auf sich gestellt. Gemächlich schieben wir unsere Ski durch glitzernden Schnee Richtung Mönchsjoch. An diesem Übergang fällt die zuvor fast flache Gletscherebene steil in die Tiefe ab: das Ischmeer, das wir zuvor noch hinter den Glasscheiben betrachtet hatten.

In der Voraussicht, dass es von oben schwierig würde, die Linie zu finden, hatten wir ein Foto gemacht. Mit dessen Hilfe gelingt die Orientierung besser, denn die Karte hilft nur noch bedingt. Die von Jahr zu Jahr ändernden Eisformationen kann man nicht präzise herauslesen. So manövrieren wir nun durch die Eisgebilde, die wie riesige Styroporklötze herumliegen.

Nicht immer finden wir den Weg durchs Eislabyrinth auf Anhieb. Einmal stehen wir auf einer Scholle, die abrupt vor einer Tiefe endet. Im zweiten Anlauf finden wir durch einen schmalen Korridor in offenes Gelände, wo wir die letzten Schwünge dieser aufregenden Abfahrt in den Hang ziehen. Ein Glitzern in der Eigersüdwand gegenüber verrät die Fenster der Station.

Tückische Pässe

Wer einmal auf der Rückseite des bekannten Dreigestirns Eiger-Mönch-Jungfrau gelandet ist, der kommt so schnell nicht wieder weg von dort. In alle Richtungen sind es mindestens Tagesmärsche, ehe man wieder in einem grünen Tal endet – es ist ein aufregendes Aufbrechen ins Eis, das dank zahlreicher Hütten und Biwaks aber nicht zur extremen Expedition werden muss. Wir wollen die Nacht im Aar­biwak verbringen, das nach der Ischmeer-Abfahrt noch rund zwölf ­Kilometer entfernt liegt – fast die ganze Strecke verläuft über ­Gletscher.

Ein anstrengender Aufstieg führt uns vom Ischmeergletscher zum Pfaffenstecki, einem kleinen Gipfel, der den Übergang in den nächsten Kessel markiert. Die zweite Abfahrt steht an. Der Gletscher ist hier weniger zerbrochen: offene Hänge im Sulzschnee anstatt kompliziertes Labyrinth. Danach geht es wieder anstrengend bergauf Richtung Strahleggpass. Es ist unser dritter und letzter Übergang für diesen Tag.

Die Pässe sind oft Schlüsselstellen auf hochalpinen Skitouren, denn der Gletscherrückgang hat mancherorts dazu geführt, dass man sie nur noch erschwert passieren kann. Dort wo das Eis fehlt, kommen oft Felsplatten oder Schutt zum Vorschein, welche man nur noch mit Abseilen überwinden kann. Auf dieser Tour bleibt man aber verschont davon.

Die Nacht lässt die Eiswelt, die eben noch zum Leben erwachte, wieder erstarren.

Ab und zu ertönt ein unheimliches Gemurmel aus den Abbrüchen, wenn Eis­gebilde zusammenstürzen. Meist sieht man davon nichts, doch ist es ein Mahnmal, dass hier alles in Bewegung ist. Besonders mit der voranschreitenden Ta­geszeit. War die Schneeschichtmorgens noch hart gefroren und tragend, so beginnt sie sich im Laufe des Tages durch die Sonneneinstrahlung langsam aufzuweichen. Das erhöht die Gefahr, dass man plötzlich in einem verborgenen Spalt landet, wenn Schneebrücken einbrechen.

Als der Strahleggpass näher kommt, haben wir langsam genug von der sagenhaften Gletscherwelt: Gletscher hier, Gletscher dort, die Sonne brennt, die Trinkflaschen sind leer. Und als der pappige Schnee auch noch an den Ski kleben bleibt, entweichen uns liebevolle Flüche, die vom mächtigen Lau­ter­aar­horn ohne Regung zur Kenntnis ­genommen werden. Vor dem geistigen Auge malen wir uns aus, wie wir bald die Tür zum Aar­biwak aufstossen. Am Pass angekommen, sind wir wieder bestens gelaunt, auch wenn wir kurz leer schlucken angesichts der steil abfallenden Flanke, die wir hier abfahren müssen. Zuunterst tut sich noch ein Berg­schrund wie ein hungriges Maul auf, hungrig sind auch wir.

Die letzte Etappe dieses Tages über den Strahl­egg­glet­scher ist dafür wieder geschenkt. In sanfter Steilheit düsen wir dem Aar­biwak entgegen, oder zumindest dem Ort, wo wir es auf der Karte vermuten. Gerade einen Tick zu spät erkennen wir, dass wir bereits zu tief sind. Mit einem letzten Anstieg korrigieren wir unseren Fehler, da will bereits die Nacht anbrechen. Sie lässt die Eiswelt, die eben noch zum Leben erwachte, wieder erstarren.

Alles im Einklang

Es gibt viele Biwaks in den Alpen, doch nicht alle betritt man so gern wie das Aar­biwak: Es ist schlichte Gemütlichkeit auf wenigen Quadratmetern, schnell spendet der Ofen Wärme, und es hat sogar ein Radio, das uns an diesem abgeschiedenen Ort am Weltgeschehen teilhaben lässt (oder zumindest an einer Quizsendung). Anderntags wollen wir früh starten, denn die rund 15 Kilometer bis zum Grimselpass wollen wir hinter uns bringen, ehe die Schneedecke zu tauen beginnt. Wegen der Spaltengefahr einerseits, aber auch, um bei der sanften Neigung gut voranzukommen auf unseren Ski.

Die Gletscherwege können durchaus speditiv sein, und so vergehen die letzten Kilometer wie im Flug. Noch am Vormittag erreichen wir den Grimselpass und spazieren vergnügt über die einsame Passstrasse talwärts. Bald donnert wieder Verkehr an uns vorbei, doch für den Moment ist die Pass­stras­se die Asphalt gewordene Finalissima unserer kleinen Alpenreise. Die Ski auf dem Rücken, Blasen an den Füssen, Durst in der Kehle – alles im Einklang, so müssen Frühlingsskitouren enden.

Erstellt: 28.03.2019, 18:11 Uhr

Artikel zum Thema

Ausgezeichnet: Expedition in eisige Tiefen

Unsere Multimedia-Reise gewann in Berlin den renommierten Deutschen Reporterpreis. Steigen Sie nochmals mit uns ab in die geheimnisvollen Eishöhlen des Plaine-Morte-Gletschers. Mehr...

Artikel zum Thema

Auf Skitour mit dem ÖV

Outdoor Stau auf der Strasse, Stau auf der Piste: Das muss nicht sein. So nutzen Sie das ÖV-Netz für Winterausflüge. Zum Blog

Sie lösen sich auf, verschwinden im Meer

Islands Gletscher schmelzen rapide, irgendwann wird es sie nicht mehr geben. Fotograf Ragnar Axelsson stellt den Schmelzprozess in Bildfragmenten dar. Mehr...

Gletscher schmelzen noch schneller als gedacht

Infografik Forscher haben die Eismasse von Gletschern weltweit neu berechnet und warnen vor den Folgen für die Wasserversorgung. Mehr...

Kommentare

Blogs

Sweet Home Das Bauhaus ist 100

Geldblog Nestlé enttäuscht den Markt

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...