Im Zickzack über den Glitzerteppich

Das Luterental ist ein Hort der Ruhe. Ein prächtiges Panorama erwartet die Schneeschuhwanderer.

Seit die Skilifte stillstehen, finden im Winter nicht mehr viele Besucher ins Luterental. Foto: Marc Latzel

Seit die Skilifte stillstehen, finden im Winter nicht mehr viele Besucher ins Luterental. Foto: Marc Latzel

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Fast wie im Niemandsland fühlt sich, wer von Nesslau Richtung Schwägalp fährt. Nach dem Weiler Rietbad ist man ausserhalb jeglicher Zivilisation. Halt macht im Luterental kaum jemand. Und so finden wir selbst an einem herrlichen Wintertag problemlos einen Parkplatz. Bei Schiltmoos starten wir die Schneeschuhtour in diese unbekannte Ecke des Obertoggenburgs im Kanton St.Gallen.

Tourleiterin Monika Knobel legt Wert auf seriöse Vorbereitung. Zwar scheint das Lawinenrisiko eher gering. «Aber auch bei guten Verhältnissen gilt es, die Steilhänge nicht zu unterschätzen und der Lawinengefahr immer genügend Aufmerksamkeit zu schenken», meint die ausgebildete Wanderleiterin. Also hängt sie uns ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) um, erklärt den Gebrauch.

Der vierbeinige Begleiter Jamie wird langsam ungeduldig. Der Mischlingshund kann es kaum erwarten, bis wir endlich loslegen. Mit der Sonne im Gesicht folgen wir dem Pfad durch die voralpine Landschaft mit Lütispitz, Stöllen, Schwarzchopf und Silberplatten am Horizont. Wir passieren einen lichten Tannenwald, schreiten vorbei an riesigen Felsbrocken, die durch einen Bergsturz vor 600 Jahren die Landschaft in eine Art Hobbit-Areal verwandelten, und sind schon bald bei der Alp Dunkelboden. Die Schneekristalle glitzern und funkeln um die Wette. Es fühlt sich an, als würden wir im frischen Weiss auf Watte laufen. Nur manchmal kommen den Schneeschuh-Anfängern die breiten Schuhe in die Quere. Es ist nicht einfach, die Balance zu halten, wenn wir uns gleichzeitig ducken müssen, weil schwerer Schnee die Äste herunterdrückt. Wir entdecken feine Hasenspuren und auch ein paar grössere tierische Fussabdrücke.

Bei Dunkelboden zweigen wir Richtung Lutertannen ab und folgen dem Winterwanderweg. Nun haben wir den Säntis im Rücken und den Stockberg vor uns. Einsam legen wir neue Spuren in den Schnee, der sich wie ein Glitzerteppich ausbreitet. Monika Knobel führt geschickt durch die Winterlandschaft, ohne dass wir bisher einer Menschenseele begegnet wären. «Obwohl das Gelände keine grosse Herausforderung bietet, ist man dem Gebirge so nahe. Kaum jemand verirrt sich hierher.» Zudem ist die Tour auf 1200 Meter über Meer schneesicher und meidet Wildruhezonen.

Im Luterental stehen um Rietbad nur ein paar verträumte Häuser. Dabei ging es hier vor einigen Jahrhunderten dank der heilenden Mineralquellen lebhaft zu und her. Der berühmte St. Galler Stadtarzt und Reformator Joachim Vadian hatte dem Wasser schon um 1530 «einen guten Schwefel, mit etwas Alaun und terrae sigillatae vermischt» attestiert. Alsbald pilgerten Rheumatiker, Arthritiker, Kreislaufgeschädigte und Nervenschwache ins Kurhaus nach Rietbad. Ab dem 17. Jahrhundert erlebte der Ort seine Glanzzeit: Obwohl das Schwefelwasser scheusslich nach faulen Eiern roch, reisten Herrschaften aus Deutschland, Österreich, ja selbst aus England ins ständig erweiterte Kurbad, um ihren Zipperlein beizukommen.

Vom einstigen Kurort ist nur noch ein Brunnen übrig

Die lange Bädertradition war zu Ende, als das Kurhaus 1988 niederbrannte. 2006 plante zwar ein Investor mit einem 50-Millionen-Franken-Bau eine Wiederbelebung, daraus wurde aber nichts. 2016 sanierten ein paar engagierte Männer die Quellfassung und verlegten neue Leitungen. So steht heute an der Schwägalpstrasse, gleich bei der Postautohaltestelle Rietbad, ein Brunnen mit dem gesunden Schwefelwasser.

Auch die drei Skilifte in Rietbad konnten den Niedergang nicht verhindern. Heute stehen sie still. Nur noch die Säntis-Loipe lockt vor allem am Wochenende Langläufer ins Luterental. Sie führt abwechslungsreich in mehreren Schlaufen entlang der Luteren.

Um auf den Hinderschluchen und den Schlipf zu kommen, müssen wir bei Lutertannen ein Stück auf der Alpstrasse gehen. Und dann sind wir plötzlich doch nicht ganz allein. «Wo gönder?», fragt Monika Knobel die sportlichen Wanderer. «Z’Alp.» Es sind Bauern, die beim nahen Risipass ihre Alphütten haben und nach dem Rechten schauen wollen.

In spitzen Kehren bewältigen wir die 300 Höhenmeter hinauf zum Schlipf. So langsam fährt uns die Anstrengung in Hüfte und Beine. Jamie zeigt dagegen noch keine Spur von Müdigkeit und hüpft munter durch den Schnee. Perfekt, dass unsere Tourenleiterin eine Pause ankündigt. Vor uns breitet sich das Panorama vom Stockberg bis zum Säntis aus. Gestärkt schaffen wir auch noch den letzten Anstieg, bevor wir auf der Säntis­alp talwärts Richtung Dunkelboden gleiten. Einen Moment noch haben wir die Sonne im Rücken, bevor sie sich hinter dem Stockberg verabschiedet – und wir unser Ziel Schiltmoos erreicht haben.

Erstellt: 28.12.2018, 16:25 Uhr

Wanderstrecke, Verpflegung und Unterkunft

Anreise: Mit der Bahn bis Nesslau-Neu St. Johann, weiter mit dem Postauto bis Rietbad, Lutertannen/Bernhalden oder Schiltmoos.

Schneeschuhstrecke: Ab Schiltmoos Richtung Dunkelboden, dann via Lutertannen, Hinderschluchen und Schlipf zum Dunkelboden und Schiltmoos. Die einfache Rundtour dauert ca. 2,5 Stunden und kann Richtung Schwägalp oder Risipass verlängert werden.

Unterkunft: Säntis - Das Hotel, modernes Dreisternhaus auf der Schwäg­alp; www.saentisbahn.ch/hotel

Restaurants: www.krone-ennetbuehl.ch; www.freihof-germen.ch

Infos Schneeschuhwanderungen: Tel. 071 999 99 11, www.toggenburg.org; www.respektiere-deine-grenzen.ch

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