Insel der guten Laune

Fischen, tanzen, geniessen: Im Südwesten der Republik zeigen die Einheimischen den Touristen, was Irland so liebenswert macht.

Eldorado für Angler: Mit Geduld und etwas Glück lassen sich kapitale Lachse aus dem Wasser der Laune ziehen. Foto: PD

Eldorado für Angler: Mit Geduld und etwas Glück lassen sich kapitale Lachse aus dem Wasser der Laune ziehen. Foto: PD

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Gordon Tagney quittiert den Anfängerfehler mit dem milden Lächeln eines nachsichtigen Schulmeisters: Der Angelhaken samt Regenwurm hat sich im Geäst eines in den River Laune ragenden Baums verheddert. Es bedarf des Geschicks Gordons, bis der Köder erneut im Wasser des gut 20 Kilometer langen Flusses treibt, der die drei Seen von Killarney in Südwestirland mit dem Atlantik verbindet. Auf einen kapitalen Lachs wagen wir nicht zu hoffen, an den Ruten kurbeln Anfänger. Immerhin gelingt es einem frischgebackenen Jünger Petri, eine Regenbogenforelle an Land zu ziehen. Aber Gordon befindet die Beute als zu leichtgewichtig und lässt sie vom Haken.

Der Fischer arbeitet für die drei irischen Hotels der Schweizer Industriellen-Familie Liebherr und begleitet Touristen zum Angeln. Das sumpfige Laune-Ufer, an dem wir unser Glück versuchen, liegt nur ein paar Hundert Meter von der Luxusherberge Dunloe Hotel & Gardens entfernt, aber in einer andern Welt. Auf der gegenüberliegenden Laune-Seite blökt jämmerlich ein Lamm, Vögel geben ein Morgenkonzert, und in der Ferne wiehern Pferde. Zum Hotel gehört eine Farm mit 500 Stück Vieh und zwei Dutzend Haflingern. Die geduldigen Pferde stehen den Dunloe-Gästen zum Reitausflug zur Verfügung. Attraktion sind die vier Fohlen, die hinter den grün gestrichenen Zäunen freudig über die Weide toben.

Vom Feinsten: Im Burren Smokehouse wird mit Torf geräuchert. Foto: Alamy Stock Photo

Die Liebherrs lassen sich nicht lumpen: Das Dunloe bietet wie das Schwesterhaus Europe in Killarney alle erdenklichen Annehmlichkeiten, inklusive Hallenbad, subtropischem Park und Wachtturm aus dem 12. Jahrhundert.

Der Geldadel aus Dublin reist gerne fürs Wochenende an, vergnügt sich aber eher auf den Golfplätzen als beim Fischen oder im Städtchen Killarney, das aus lauter Bistros, Pubs und Souvenirshops zu bestehen scheint. Immerhin, in der St Mary’s Cathedral ist das wahre irische Leben zu bestaunen: Wir geraten ins Finale einer Erstkommunion. Nach der Feier unterhalten sich die Sippen um die herausgeputzten Kinder im Kirchenschiff. Ein Duo pflegt einen nicht gerade katholisch-konservativen Stil: Mutter und Tochter geben die irische Antwort auf Kim Kardashian – beide dick geschminkt, mit künstlicher Haarverlängerung, bauchfreiem pinkfarbenem Top und krallenartigen Fingernägeln.

Der Priester, der eben den Segen erteilt hat, will sich das alles gar nicht mehr ansehen und blättert unter dem Bild der Mutter Gottes resigniert in einer Bibel.

Das Klacken der Schuhsohlen reisst die Zuschauer mit

Die Iren haben in ihrer Geschichte viel Leid erlebt. Mitte des 19. Jahrhunderts, als während fünf Jahren die Kartoffelfäule die Ernte vernichtete, halbierte sich die Bevölkerung auf vier Millionen. Die Leute verhungerten oder emigrierten. Die englische ­Besatzungsmacht schaute dem Drama tatenlos zu.

Vielleicht ist das ein Grund, weshalb die Iren heute Nationalstolz und Volksmusik so gut gelaunt zelebrieren. Die grünen Fans bei Fussball- und Rugby-Länderspielen bilden eine stimmgewaltige Kulisse, und einst tanzte die Landbevölkerung an Sonntagen auf den Strassenkreuzungen. Heute wird in Pubs und auf allen möglichen Festen gefiedelt und gesteppt.

Wer die reine Form von Irish Folk erleben will, fährt nach Tralee ins Siamsa Tíre, eine halbe Autostunde von Killarney entfernt. Der Direktor des staatlich alimentierten Folklore-Theaters lässt beim Besuch der etwas sperrigen Schweizer die gleiche Milde walten wie Fischer Gordon bei den Angelversuchen. Geduldig zeigt Jonathan Kelliher ein paar Grundschritte: mit dem rechten Bein zweimal nach vorne zucken, dann zweimal nach hinten, ein kleiner Sprung und den rechten Fuss im 90-Grad-Winkel nach aussen stellen. Klingt simpel, ist es aber bei halbwegs forschem Tempo nicht.

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«In unserem Land lernen fast alle Kinder das Tanzen», sagt Jonathan. «Wir Iren definieren uns auch über die Folklore.» Die Engländer verbannten einst die Volksmusik aus der irischen Öffentlichkeit, was sie aber nicht daran hinderte, Tänze von der grünen Insel an den eigenen Residenzen einzuführen.

Nach dem Workshop mit dem überschaubaren Resultat erleben wir das Tanzdrama «Anam» auf der Bühne des Siamsa Tíre. Die Bodhran-Trommel, die mit einem Knochen geschlagen wird, Dudelsack, Fiedel, Pfeife oder irische Busuki, eine spezielle Laute, begleiten Tänzer, die akrobatisch über die Bretter steppen. Das Klacken der glasfiberverstärkten Schuhsohlen reisst die Zuschauer mit, je zur Hälfte Touristen und Iren. Musiker und Tänzer arbeiten nur in den Sommermonaten im Siamsa Tíre. ansonsten sind sie Lehrer oder Bürolisten; einige haben auch schon bei Riverdance mitgewirkt.

Der Zuchtlachs kämpft im Atlantik mit den Wellen

Birgitta Hedin-Curtin ist zwar in der Nähe von Stockholm geboren, hat aber in den 30 Jahren in Lisdoonvarna die Gelassenheit der Iren verinnerlicht. Obwohl sich hoher Besuch für Ende Woche angekündigt hat, lässt sie sich die Unruhe nicht anmerken. Erst muss Birgitta den Sohn zum Fussballspiel bringen, bevor sie den Schweizern die Geheimnisse des lokalen Räucherlachses erklären kann. Zusammen mit ihrem Mann Peter und einigen Angestellten produziert die innovative Unternehmerin köstlichen Räucherlachs.

Die Fische stammen aus nachhaltiger Zucht im nahen Atlantik. «Dort kämpfen sie mit den Wellen und bewegen sich ständig», sagt Birgitta, «deshalb bleibt ihr Fleisch vergleichsweise fettarm.» In den Kammern im Burren Smoke­house werden während acht Stunden 250 Kilo Lachs zu Tran­chen von einem oder zwei Kilo ­geräuchert. Eichenspäne und der gute alte Torf liefern den Rauch. «Ich habe damals mit meinem Vater in Schweden Aale geräuchert», erinnert sich Birgitta, «seither lässt mich die Geschichte nicht mehr los.» Burren verkauft im Besucherzentrum, das pro Jahr 45 000 Touristen empfängt, über Feinkosthändler und das Internet.

Nun, die Chefin der Räucherei, die mit ihren ökologischen Ideen Schwung ins Dorf gebracht hat, ist nun doch etwas nervös – schliesslich hat sich für Ende Woche ausgerechnet das schwedische Königspaar angesagt. Silvia und Carl Gustav können sich auf wahrhaft irische Delikatessen freuen.

Die Reise wurde unterstützt von Rolf Meier Reisen



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Erstellt: 17.08.2019, 17:53 Uhr

Das Beste vom Westen

Anreise: Flug von Zürich nach Cork (viermal pro Woche, Swiss) oder nach Dublin (täglich, Swiss oder Aer Lingus) weiter mit Mietwagen, www.swiss.com, www.aerlingus.com

Irland-Spezialist: Rolf Meier Reisen (RMR) mit grosser Auswahl an Unterkünften und Rundreisen (etwa: «Von Cork nach Dublin – Das Beste vom Westen»), Tel. 052 675 50 40, www.rolfmeierreisen.ch

Unterkunft: Luxus-Refugium The Dunloe Hotel & Gardens, DZ mit Frühstück ab 145 Fr. p. P. bei RMR, www.thedunloe.com; Hochzeitshotspot Armada Hotel, Spanish Point, DZ mit Frühstück ab 85 Fr. p. P. bei RMR, www.armadahotel.com

Aktivitäten: www.siamsatire.com, www.burrensmokehouse.com

Beste Reisezeit: April bis Oktober

Allg. Infos: www.ireland.com

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