Karabiner aus fairer Produktion

Ausrüstungen für Bergsportler werden oft nicht nachhaltig hergestellt. Eigentlich erstaunlich, denn die Nachfrage besteht.

Die Kleidung für Kletterer ist oft «grün», die Ausrüstung dagegen kaum. Foto: Robert Boesch (Getty Images)

Die Kleidung für Kletterer ist oft «grün», die Ausrüstung dagegen kaum. Foto: Robert Boesch (Getty Images)

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Bei der Bergsportbekleidung ist das Thema Nachhaltigkeit längst angekommen. Labels gibt es zur Genüge. Von Tierschutz über Arbeitsbedingungen bis zur Ökologie – der Kunde will wissen, was er hat. Was beim T-Shirt anfing, ist mittlerweile auch bei der Hardshelljacke ein Thema. «Grün» soll die technische Bekleidung sein, frei von toxischen Polyfluorcarbonen (PFC) und hergestellt unter fairen Arbeitsbedingungen. Deklariert werden solche Produkteigenschaften durch mehr oder minder transparente Labels wie Bluesign oder Fair Wear Foundation, um zwei der etablierteren Zertifikate aus der Labelflut herauszugreifen.

Während die Kleider immer grüner werden, tut sich bei der restlichen Ausrüstung des Bergsportlers aber noch wenig: Karabiner, Ski, Helm, Pickel, Klemmgeräte.

Dabei ist gerade dort die Produktion mit allerlei Schaden für Mensch und Umwelt verbunden. Die Utensilien werden aus Rohstoffen hergestellt, die nicht nachwachsen und aufwendig zu gewinnen sind. Verwendete Materialien sind vor allem Aluminium und Stahl, weitere Legierungen und Plastik. Und nicht alles, was glänzt, ist nachhaltig – nicht selten ist das Gegenteil eher der Fall. So wird beispielsweise das für Karabiner essenzielle Aluminium aus Bauxit gewonnen. Dabei handelt es sich um ein in der Erdkruste häufig vorkommendes Gestein aus Aluminium- und Eisenerzen.

Abbau in den Tropen

Der Grossteil des Abbaus findet in tropischen Regionen statt, wo Bauxit in relativ dünnen horizontalen Schichten vorkommt, überlagert von einigen Metern Erdreich. Für die Gewinnung muss zuerst grossflächig Regenwald gerodet und danach der Boden aufgerissen werden – dies in zum Teil empfindlichen Naturräumen. Bis zu vier Tonnen Bauxit werden benötigt, um zwei Tonnen Alumina und letztlich eine Tonne Aluminium herzustellen. Und der Stromverbrauch ist enorm. Der Restbauxit, welches nach der Alumina-Extraktion zurückbleibt, wandert als giftiger Rotschlamm in riesige Geländebecken.

Was passiert, wenn die Dämme eines solchen Rotschlammbassins brechen, zeigte sich 2010 im ungarischen Kolontár: Rund eine Million Kubikmeter ätzender und schwermetallhaltiger Schlamm trat aus und kontaminierte weite Teile des Umlands. 400 Menschen aus den umliegenden Gemeinden mussten evakuiert werden, zehn Personen kamen ums Leben, 150 wurden verletzt und teilweise mit schweren Verätzungen in Kliniken eingeliefert.

In Barcarena, im Nordosten Brasiliens, leidet die Bevölkerung unter der grössten Aluminiumraffinerie der Welt. Bei Trockenheit verbreitet der Wind den Aluminiumstaub über weite Strecken und in die umliegenden Wasserläufe. Die Folgen sind laut einer 2016 publizierten Studie im Auftrag des deutschen Umweltbundesamtes gravierend. Betroffen sind all jene, welche von den Flussläufen abhängig sind und das Wasser für Fischfang, zum Trinken, Kochen und zur Körperhygiene verwenden.

Erfolgsgeschichte Daunen

Keine Frage: Solche Zustände widerstreben dem allgemeinen Umwelt- und Ethikverständnis des Bergsportlers. Doch wer hat schon mal nach einem Karabiner aus nachhaltigem Aluminium gefragt? Oder nach recycelten Klemmkeilen? Einem Ski, garantiert ohne Tropenholzkern und hergestellt mit Bioharz?

Die Nachfrage ist praktisch inexistent. Das zeigt eine Masterarbeit an der Universität Bern, bei der über 300 Konsumenten, 100 Verkaufspersonen, Branchenexperten und Vertreterinnen namhafter Bergsportfirmen befragt wurden: Nachhaltigkeit gehört zwar zu den Werten des heutigen Bergsportlers, allerdings nicht überall in gleichem Masse. Ganze 78 Prozent der Befragten gaben an, bei Bekleidung auf Nachhaltigkeitsstandards zu achten – bei Hartwaren galt dies aber nur noch für 7 Prozent. Dies deckt sich mit den Erfahrungen von Fachhändlern: Das Bedürfnis ist kaum vorhanden.

Verschlungene Wege auf dem Weltmarkt

Während man sich bei den Textilien inzwischen im Label-Dschungel verirrt, bleibt es bei Karabiner und Co. «übersichtlich». Genau genommen gibt es kein einziges Label, welches dem Konsumenten etwas über die Nachhaltigkeit des Produktes sagen würde. Dies liegt nicht etwa an der Geheimniskrämerei der Hartwarenmarken. Die wissen schlicht selbst nicht, wo ihre Rohstoffe herkommen, da es sich dabei um «globally traded commodities» handelt, also um Güter, welche auf dem Weltmarkt gehandelt werden.

Weiter als zum Zulieferer, also einen Schritt zurück in der Wertschöpfungskette, wird hier nicht gegangen. Kann auch nicht gegangen werden: Viele Firmen beklagen, es gebe schlicht keine Möglichkeit der Rückverfolgung, wie dies bei Textilien der Fall ist. Auch wenn der Wille da wäre. Zu marginal scheint der Ressourcenverbrauch der Bergsportausrüstung, verglichen mit jenem der Auto- oder Bauindustrie, um hier Licht ins Dunkel zu bringen. Und das öffentliche Auge bleibt bloss auf Textilien und im besten Fall noch auf Schuhe gerichtet.

Ein Kleiner machts vor

Doch der Einfluss der Bergsportindustrie auf die Zulieferer könnte mehr als Wunschdenken sein, wie in der Vergangenheit bereits ersichtlich wurde: Eine Erfolgsgeschichte sind die Standards bei Daunen, wie sie in Schlafsäcken und Isolationsjacken zum Einsatz kommen. Nach Untersuchungen der European Outdoor Group (EOG) beträgt der Anteil der Bergsportindustrie am gesamten globalen Daunenkuchen weniger als ein Prozent. So sind die Daunenjacken und Schlafsäcke einer Handvoll Bergfreaks im Vergleich zur Bettenindustrie quasi vernachlässigbar. Dennoch hat es die Outdoorbranche geschafft, inzwischen verbreitete Standards einzuführen.

«You will never change that business!», hatte es geheissen. Und wenig später brachte der Marktwinzling Bergsport die seriösesten und strengsten Standards der Industrie auf den Markt. In der Folge zogen prompt einige Unternehmen aus der Bettenindustrie mit. Die Frage nach ethischer Tierhaltung kam auf den Tisch, zumindest Lebendrupf und Zwangsfütterung der Tiere wurden aus der Daunenherstellung mehrheitlich verbannt. Der Einfluss der Lobby für bessere Daunen wuchs somit rapide an – ausgehend vom zunächst machtlos wirkenden Bergsportsektor. Eine Signalwirkung, die niemand ahnte.

Erstmals runder Tisch

Im Gespräch mit Bergsportfirmen wird deutlich, dass ein grundsätzliches Interesse vorhanden ist, auch bei anderen Ressourcen wie Aluminium mehr Klarheit zu schaffen und Verantwortung zu übernehmen. Den skrupellosen Geldhai trifft man eher nicht an. Dass die Bergsportindustrie am globalen Aluminium- oder Stahlmarkt eine kleine Rolle spielt und damit eine marginale «Schuld» an etwaigen Missständen trägt, dem ist nichts entgegenzusetzen. Doch Nachholbedarf wäre da. So liegt die Recyclingrate von Aluminiumdosen laut dem International Aluminium Institute (IAI) weltweit um die 70 Prozent, in der Bau- und Transportindustrie sogar bei 90 Prozent. Dagegen erscheinen Karabiner und Pickel in keiner Recyclingstatistik. Noch nicht.

Inzwischen kann man in den meisten grösseren Bergsportgeschäften seine alte Ausrüstung abgeben, anstatt sie wegzuwerfen. Die Ware wird allerdings nicht direkt recycelt in dem Sinne, dass aus einem alten Karabiner ein neuer gegossen würde. Zu gross sind die Bedenken um die Qualität, auch wenn es bislang noch keine Tests dazu gab. Doch es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis der Kunde im fair produzierten Biobaumwollhemd sich fragt, wo sein Eispickel herkommt. Und auch durch die Nachfrage einschlägiger NGOs nimmt sich die Industrie des Themas erstmals an. An der Outdoormesse Friedrichshafen fand im Juni 2017 zum ersten Mal ein Treffen zum Thema mit dem Titel «Outdoor Equipment Sustainability Roundtable» statt. Am Tisch sassen Vertreter der European Outdoor Group, der Scandinavian Outdoor Group sowie bekannte Bergsportmarken und die NGO Mountain Wilderness.

In viele Richtungen wurde gedacht: Könnte man beispielsweise mit anderen Industrien kooperieren, welche die gleichen Materialen benutzen, zum Beispiel aus dem Radsport, und so die Hebelwirkung vergrössern? Oder gibt es Nachhaltigkeitsinitiativen grösserer Branchen, denen man sich anschliessen könnte? Im Zuge der Sitzung wurden Arbeitsgruppen gebildet, welche sich erneut an der Internationalen Fachmesse für Sportartikel und Sportmode (Ispo) in München treffen werden. Dann werden bisherige Ergebnisse ausgetauscht – um an den Erfolg der Daunen anzuknüpfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2017, 19:39 Uhr

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Auch Ski hinterlassen nicht nur im Schnee Spuren. Zwar werden die Latten immer leichter, jedoch bleiben sie allzu oft ökologisch schwergewichtig. Laut Hanno Schwab, Gründer und Eigentümer von earlybirdskis, ist die Produktion zudem für den Menschen ein belastendes Unterfangen.

Nach seinen ersten Versuchen mit herkömmlichen Materialien ging Schwab trotz Atemschutz und Schutzkleidung täglich mit Kopfschmerzen und extremem Juckreiz ins Bett – eine Folge des Umgangs mit Glasfasern und Standardepoxidharzen. Für den Ingenieur und Architekten war das Anlass, nach verträglicheren Alternativen zu suchen. Mit Erfolg, denn was ihn zunächst von seinen gesundheitlichen Beschwerden befreite, mündete darüber hinaus in einer erfolgreichen Highend-Skimanufaktur bei Bern. Die handgemachten «Eco Freeride Skis» haben sich mittlerweile in der Szene einen Namen gemacht. Schwab kennt jeden einzelnen Schritt seiner Wertschöpfungskette und kann seine Holzkerne bis zum Baum hin zurückverfolgen. (TA)

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