Laufen, wo die Besten laufen

Im Hochland von Äthiopien finden nicht nur Profisportler beste Bedingungen vor. Freizeitläuferinnen und Hobbyathleten eröffnet sich eine neue Trainingswelt.

Auf dem Weg zum Bergkloster: Die Höhenlagen Äthiopiens bieten atemberaubende Aussichten. Foto: Monica Schneider

Auf dem Weg zum Bergkloster: Die Höhenlagen Äthiopiens bieten atemberaubende Aussichten. Foto: Monica Schneider

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Jeden Moment geht die Sonne hinter der Bergkuppe auf. Der Weg schlängelt sich schmal zwischen dürrem Gebüsch und kleineren und grösseren Gesteinsbrocken den Hang hinauf. Der Wallfahrtsort auf 2500 Meter über Meer liegt schon ein gutes Stück hinter uns. Von den fast tausendjährigen Felsenkirchen in Lalibela sind aus der Ferne nur noch die überdimensionierten Dächer zu sehen, welche die Unesco zu ihrem Schutz errichtet hat. Unser Ziel ist das ­Asheten-Maryam-Kloster, hoch oben grob aus dem Felsen gehauen. Auch dort beten und feiern die orthodoxen Christen fast ununterbrochen. Es ist drei Tage vor Weihnachten – nach dem julianischen Kalender am 7. Januar.

Dass wir statt eines leichten Dauerlaufs um Lalibela einen Berglauf hinauf zum Kloster absolvieren, hat viel mit Desale zu tun. Der 24-Jährige ist Teilzeitangestellter im Hotel, in dem wir wohnen. Desale ist ein ambitionierter Freizeitläufer und träumt wie so viele im Land von der Teilnahme an den nationalen Meisterschaften. Doch dieser Weg ist weit. Schnell hat er die Absicht der rund 20-köpfigen Schweizer Gruppe erkannt. Diese wird sich natürlich die architektonischen Wunderwerke in Form von elf Felsenkirchen ansehen. Aber: Sie will auch laufen. In Lalibela und dort, wo die Besten laufen.

Äthiopien bietet nicht nur professionellen Langstreckenläufern in seinem Hochland hervorragende Trainingsbedingungen. Wir Freizeitläufer, Breitensportlerinnen und Hobbyathleten entdecken völlig neue und faszinierende Gebirgs- und Hügellandschaften. Und eine Welt, in der Läuferinnen und Läufer eine spezielle Stellung haben. Die Legenden Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele – den einen werden wir noch treffen – haben in den letzten Jahrzehnten mit ihren Olympia- und WM-Goldmedaillen im Ausland viel Werbung für den äthiopischen Laufsport gemacht. Aber auch für die Vorzüge ihres Landes.

Sandalen auf dem Pilgerweg

Markus Ryffel und Martin Weber leiten zusammen mit einem einheimischen Guide die zwölf­tägige Rundreise. Ryffel gewann 1984 an den Olympischen Spielen die Silbermedaille über 5000 Meter, Weber ist Tropenarzt und regelmässig in Krisengebieten des Roten Kreuzes aktiv. Beide lassen sich also von Desales Vorschlag überzeugen, der Berglauf scheint für die ganze Gruppe eine Bereicherung zu werden. Statt mit uns im Bus hinaufzufahren, zeigt er uns den Fuss- und Pilgerweg. Jene, die nicht laufen wollen, marschieren der Sonne entgegen, die Ambitionierteren ziehen vorne mit dem äthiopischen Läufer weg.

Lauffreunde: Markus Ryffel (l.) und Haile Gebrselassie. Foto: mos

Die frühmorgendliche Diskussion um die Frage, welche Laufschuhe am geeignetesten sind, kommt uns schon bald lächerlich vor. Denn mit uns pilgern Einheimische flink die rund fünf Kilometer und 500 Höhenmeter hoch. Mütter, Väter, Kinder jeden Alters tragen ausnahmslos bunte Plastiksandalen. Sie scheinen auch in den steilen Passagen genügend Halt darin zu haben. Nur in der Kirche müssen sie sie ausziehen (wie wir unsere Laufschuhe auch).

Obwohl es erst halb neun Uhr ist, sind wir spät dran. Viele Kirchgänger befinden sich bereits auf dem Rückweg von der Andacht. Wir kreuzen ganze Kolonnen, nicken gelegentlich zu einem Gruss, ernten aber auch verwunderte Blicke. Dieser Weg scheint keine klassische Laufroute zu sein.

Morgen-Jogging auf dem Meskel Square in Addis Abeba. Foto: Alamy Stock

Doch die Aussicht ist, je höher wir kommen, umso phänomenaler: Vor uns erstreckt sich das weite Land. Der Berg fällt steil ab und geht über in hügeliges Gelände. Dieses Bild oder jenes mit den eindrücklichen Wasserfällen des Blauen Nils, die wir auf einer Wanderung nahe Bahir Dars erkunden, müssen wohl gemeint sein, wenn im Zusammenhang mit Äthiopien von der «Wiege der Menschheit» die Rede ist.

Die Bauern bewirtschaften ihre Felder auf einfachste Art. Was wir als helle, runde Punkte wahrnehmen, sind Dreschplätze. Ochsen und Kühe drehen dort mit dem Dreschflegel ihre Runden. Die Zeit scheint stillzustehen. Desale hat nicht zu viel versprochen. Der Lauf ist ein eindrückliches Erlebnis. Obwohl wir uns auf 3000 Meter über Meer bewegen, haben wir mit der Höhe kaum Probleme, zwei Tage Angewöhnung haben geholfen.

Die kleine Klosterkirche ist überfüllt, was uns in diesen Tagen nicht überrascht. Ganz im Gegensatz zur Tatsache, dass wir ausser unserem Guide niemandem begegnet sind, der hier zum Vergnügen läuft, obwohl wir uns im Land der Läufer aufhalten. Die Einheimischen, zumindest die Erwachsenen, haben andere Sorgen. Wie sehr das Laufen dennoch in der Kultur und den Köpfen der Jugend verankert ist – als eine der wenigen Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs –, erleben wir am nächsten Morgen im Nachbardorf von Lalibela.

Wie wir schon in Addis Abeba feststellten, wird hier frühmorgens im Zentrum gelaufen. Dutzende von Jugendlichen drehen auf dem riesigen Aschenplatz ihre Aufwärmrunden. Ihre Ausrüstungen sind ärmlich, nicht einmal die Hälfte trägt Joggingschuhe. Sie müssen sich mit ihren Sandalen begnügen, ihrer Freude und ihrem Eifer scheint dies aber keinen Abbruch zu tun. Bald teilen sie sich in Gruppen auf. Hier die Mittelstreckenläufer, dort jene, die auf der Langstrecke zu Hause sind. Trainiert werden sie von einem einheimischen Leichtathletik-Instruktor. Stolz zeigt er uns das Diplom, das ihm der äthiopische Verband ausgehändigt hat.

Haile und Klein-Magglingen

Die Jungen sind ehrgeiziger am Werk als jene äthiopischen Hobbyläuferinnen und -läufer, die wir in der Hauptstadt auf dem Meskel Square antreffen. Auf dem grossen zentralen Platz führt auch die im September 2015 eröffnete Stadtbahn vorbei. Wie in einem Amphitheater wird auf den Hunderte von Metern langen Treppenabsätzen gelaufen. Bei den meisten ist es auf den grasbewachsenen Stufen ein leichtes Joggen in den Tag hinein.

Das eigentliche Laufmekka aber befindet sich im Norden der Stadt. Die Fahrt dorthin dauert rund eine halbe Stunde. Unser Ziel ist das Yaya Village von ­Haile Gebrselassie. Nicht erst nach seinem Rücktritt als Spitzensportler ist er zu einem wichtigen Arbeitgeber in Äthiopien geworden. Der 46-Jährige beschäftigt rund 2000 Einheimische in der Landwirtschaft. Er ist Autoimporteur und Betreiber von vier Freizeitresorts. Dasjenige im Vorort Sululta auf 2800 Meter über Meer ist ein beliebtes Ausflugsziel für bessergestellte Einheimische, vor allem aber angesagte Trainingsdestination von Eliteläufern aus der ganzen Welt. Dass der Eigentümer oft in Europa und der westlichen Welt unterwegs war, merkt man der Anlage und dem Hotel gut an. Es bietet sehr viel Komfort.

Hier, am Fusse des Entoto-Gebirges, laufen wir in Eukalyptuswäldern, die Gruppen werden von Angestellten des Resorts geführt. Sie treffen wir auch beim Gang in die Sauna und im Kraftraum wieder an. Es hat schon seine Gründe, wieso das Village von den Schweizern den Übernamen «Klein-Magglingen» bekommen hat. Gleich hinter dem Eingangstor liess Gebrselassie auch eine Rundbahn anlegen, und vis-à-vis, im Park, findet sich ein Swimmingpool.

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Und dann steht er plötzlich da. Wir strecken beim Kaffee im Garten die Beine, als Gebrselassie wie aus dem Nichts auftaucht. «Good afternoon, everybody!», tönt es fröhlich in die Runde. Der charismatische Geschäftsmann erkundigt sich nach dem Wohlbefinden seiner Gäste, kramt mit seinem Freund Markus Ryffel in Erinnerungen an seine Weltrekordläufe bei «Weltklasse Zürich» und erzählt dann von Äthiopien.

Hat es je jemanden mit breiterem Lachen gegeben als Haile Gebrselassie? Er kündigt an, morgen wieder von Addis Abeba heraufzukommen – um mit uns zu laufen. Wir fühlen uns zwar geehrt, zweifeln aber – und täuschen uns gewaltig. Gebrselassie beherbergt nicht nur die Besten, die sich in langen und hügeligen Läufen die Form für Grossanlässe aufbauen. Er betreut auch uns Breitensportler, die im Laufen ­etwas vom Besten fürs Leben ­gefunden haben.

Die Reise wurde unterstützt von DER Touristik Suisse/Kuoni.

Erstellt: 19.09.2019, 17:45 Uhr

Äthiopien im Überblick

Anreise: Flug ab Genf mit Ethio­pian Airlines, 4-mal wöchentlich, www.ethiopianairlines.com

Arrangement:

Lauf- und Kultur­reise Äthiopien:



  • Stadtbesichtigung in Addis Abeba mit National­museum und grösstem Freiluftmarkt Afrikas (Merkato).


  • Besuch der monolithischen Felsenkirchen in Lalibela.


  • Wanderungen im Simiengebirge mit den seltenen Dschelada-Affen auf über 3000 Meter über Meer.


  • Schifffahrt auf dem Tanasee ab Bahir Dar.


  • Ausflug zu den Wasserfällen des Blauen Nils.


  • Laufaktivitäten täglich möglich, vom Jogging über den leichten Dauerlauf bis zum mittleren Berglauf.


  • Gezielte Trainingsmöglichkeiten im Yaya Village von Haile Gebrselassie in Sululta.



Reisetermin: 2. bis 13. Januar 2020. Reiseveranstalter: DER Touristik Suisse/Kuoni; ab 4800 Fr. p. P. im DZ, Tel. 058 702 62 85, www.reise-sport.ch, www.kuoni.ch

Unterkünfte: Kenenisa Hotel, Addis Abeba, 139 Fr. DZ/ZF, kenenisa-hotel.tophotelsethio-pia.com; Sora Lodge, Lalibela, 70 Fr. DZ/ZF, www.soralodgelalibela.com; Simien Lodge, Simien Nationalpark 75 Fr. DZ/ZF, www.simiens.com; Kuriftu Resort, Bahir Dar, 168 Fr. DZ/ZF, www.kurifturesorts.com/bahir-dar; Yaya Village, Sululta, ab 75 Fr. DZ/ZF, www.hailehotelsandresorts.com/yaya-african-village-hotel

Einreise: Für Schweizer Bürger ist ein mindestens noch 6 Monate über das Rückreisedatum hinaus gültiger Reisepass erforderlich. Für die Einreise in Äthiopien ist ein Visum erforderlich (E-Visum für Schweizer Bürger).

Beste Reisezeit: Oktober bis Mai, November, Dezember und Januar.

Allgemeine Informationen: Tourismus-Informationen, www.tourismus.de/afrika/aethiopien

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