Mit Golfhandschuhen in die Wand

Das Klettern mit Steigeisen und Pickeln im Fels sieht zwar eigenartig aus, hat aber einen guten Grund. Eine Grotte im Kanton Baselland gehört zu den Hotspots des «Eiskletterns ohne Eis».

Es sieht seltsam aus – doch modernes Eisklettern führt oft durch reine Felspassagen. Fotos: Severin Karrer

Es sieht seltsam aus – doch modernes Eisklettern führt oft durch reine Felspassagen. Fotos: Severin Karrer

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In Pratteln, einem Vorort von Basel, steht ein leuchtender Komplex von Einkaufs- und Logistikzentren. Basel – die nördlichste Stadt der Schweiz. Wir befinden uns also in nicht alpiner Umgebung. Umso erstaunlicher ist die Episode, die sich hin und wieder mitten im Einkaufsparadies von Pratteln abspielt, wo zwischen Möbelhäusern und einem Badetempel auch ein Golfladen untergebracht ist.

Männer und Frauen betreten den Laden, die so gar nicht nach Golfen aussehen. Sie gehen geradewegs auf das Regal neben der Kasse zu und kaufen Handschuhe aus weissem Leder. Als die Verkäuferin einmal nachfragte, staunte sie – die eigenartigen Kunden waren Eiskletterer: aus Russland, Kanada, Südkorea, Tschechien. Sie fanden in den Golfhandschuhen das ideale Textil für ihre Sportart, die sie «Drytooling» nannten und wenig erhellend präzisierten, das sei Eisklettern ohne Eis. Und was noch mehr erstaunte: Sie waren nicht etwa auf der Durchreise in die Alpen, ihr Ziel lag um die Ecke.

Gespür und Erfahrung

In Diegten, nicht weit entfernt von Pratteln, liegt eine unscheinbare Grotte. Sie ist feucht, schattig, schlammig – und der Grund für die bergsteigende Kundschaft im Golfladen. Der Lärm der Autobahn dröhnt in das Gewölbe. Es ist ein Ort, an dem man nicht ans Bleiben denkt – und ans Klettern auch nicht, denn der Fels ist nass, brüchig und stark überhängend. Ein kleiner Wasserfall fällt über die Kante und plätschert lustlos auf moosbewachsene Steine.

Drytooling bedeutet Klettern in Eisklettermontur, also mit Steigeisen und Pickeln. Doch man bewegt sich eben nicht im Eis, sondern im mehr oder weniger trockenen Fels. Die schlechte Felsqualität hat hier Vorteile: Im eher weichen Kalkfels findet man besser Halt mit Steigeisen und Pickeln und bewegt sich so in einem Terrain, das für «richtiges» Klettern nicht taugt. Es sieht eigenartig aus, und es tönt nach einer Untat, wenn der Fels unter der Malträtierung der Eisen «faucht». Die Frage ist berechtigt: Was zum Henker soll das eigentlich?

Video: In der Diegter Grotte

Die Beschreibung «Eisklettern ohne Eis» ist ebenso verwirrend wie zutreffend. Video: Luca Osswald

«Ich betrachte es als ideale Vorbereitung für alpine Nordwände», gibt ein deutscher Bergsteiger Auskunft in der Grotte. «Im Nordwandgelände muss man auch im Fels mit Steigeisen und Pickel hantieren können, hier findet man gutes Übungsgelände. Ausserdem kann man hier auch gut für das Eis­klettern trainieren, solange die Eisfälle noch nicht gefroren sind.»

Tatsächlich ist man in einer kombinierten Wand, wie etwa der Eigernordwand, abwechselnd sowohl im Fels als auch im Eis unterwegs – man muss also auch im Fels mit Steigeisen und Pickeln umgehen können. Dazu braucht es ein gutes Gespür und viel Erfahrung. Manchmal gibt es nur zentimeterbreite Leisten, auf denen man die Haue aufsetzen und dann sorgfältig belasten kann. Verändert man nur minimal den Winkel, rutscht man schon weg.

Auch durch das ausladende Dach der Grotte ziehen Routen.

Auch slowakische Bergsteiger sind zugegen. Sie attestieren der Diegter Grotte «Weltruf», zumindest europaweit gebe es für Drytooling kaum etwas Besseres. Sie selber wohnen zwar in Zürich, doch viele Kollegen aus dem Osten würden extra hierherreisen, um die berühmten Routen zu versuchen.

Es gibt nämlich nicht nur Übungsgelände für Nordwände in Diegten. Auch durch das ausladende Dach der Grotte ziehen Routen. Sie heissen «Ironman», «Superman» oder «Batman» und waren zeitweise die schwierigsten der Welt. Es erinnert an Fledermäuse, wenn die Drytooler durch den Überhang turnen. Das hat mit Eisklettern und Nordwänden nicht mehr viel zu tun – auch wenn Drytooling ursprünglich dort verankert ist.

Eisklettern fand lange nur an den grossen alpinen Wänden statt. Eis stellte entweder ein Hindernis auf dem Weg zum Gipfel dar, oder aber das Gegenteil: Eine Eisauflage kann auch den einzigen Weg zum Gipfel bedeuten, während verschneite oder nasse Felsen unüberwindbar sind. Senkrechtes Eis wurde von Bergsteigern lange nicht beachtet. Es galt als unbezwingbar, und ausserdem führten die gefrorenen Wasserfälle nicht auf Gipfel.

Dann kamen Eispickel auf den Markt, die nicht mehr gerade, sondern gebogene Schäfte hatten – und plötzlich wurde die Senkrechte interessant. So wurde etwa die Breitwangflue bei Kandersteg zum begehrten Ziel, eine rund vierhundert Meter hohe Felswand, über die sich Wasserfälle ergiessen. Im Winter erstarren sie zu riesigen Eiszapfen, an denen emporgeklettert wird. Oft erreicht man die freihängenden Zapfen nur über Felspassagen, das war die Geburt des «Mixed-Kletterns» – des modernen, kombinierten Kletterns.

Premiere in Europa

Auch in Diegten gibt es in kalten Wintern Eis. Der Wasserfall friert dann zu einem mächtigen Eiszapfen, manchmal wächst er zu einer durchgehenden Säule bis an den Boden. Der deutsche Bergsteiger Robert Jasper nutzte 1997 das wenige Eis in der Grotte, um das Mixed-Klettern voranzutreiben. Er überwand extreme Schwierigkeiten im Fels, um über einen filigranen Eiszapfen auszusteigen. «Eine neue Dimension?», fragte er damals; seine Route namens «Trait de Lune», wird als eine der ersten Mixed-Klettereien Europas gehandelt. Jasper wusste: Könnte man diesen Stil in grosse Wände exportieren, dann würden neue futuristische Linien entstehen.

Und so ist es auch gekommen. Jasper wurde durch spektaku­läre Linien bekannt, wie etwa «Flying Circus»: eine Serie von Eiszapfen an der Breitwangflue, die über Felspassagen zu einer 165 Meter langen Route kombiniert werden. Die neueren Routen in Diegten kommen ganze ohne Eis aus, weshalb die Beschreibung «Eisklettern ohne Eis» ebenso verwirrend wie zutreffend ist.

Drytooling etablierte sich auch dank der Eiskletterwettkämpfe als eigenständige Disziplin. Wenn der Eiskletter-Weltcup in Saas-Fee haltmacht, wo das Parkhaus im Dorf zur Arena umfunktioniert wird, machen die internationalen Athleten oft auch einen Abstecher nach Diegten. Und wenn sie neue Handschuhe brauchen, fahren sie nach Pratteln.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.11.2018, 20:37 Uhr

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