«Mit Vernunft etwas riskieren»

Extrem-Skifahrer Silvan Poltera warnt vor Gefahren, die beim Freeriden auftauchen können. Und er erklärt, warum man sich nicht auf Lawinenairbag, Rückenprotektor oder Helm verlassen sollte.

«Ob der Hang wirklich sicher ist, weisst du erst, wenn du unten bist», sagt Silvan Poltera. Freerider kurz vor dem Start in Haines, Alaska. Foto: Pally Learmond

«Ob der Hang wirklich sicher ist, weisst du erst, wenn du unten bist», sagt Silvan Poltera. Freerider kurz vor dem Start in Haines, Alaska. Foto: Pally Learmond

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Stiebender Pulverschnee, unberührte Hänge – Freeriden entwickelt sich zum Grosstrend im Wintersport. Warum?
Heute wollen viele keine gewöhnlichen Skifahrer mehr sein, sondern «coole» Skifahrer.

Was ist eigentlich Freeriden? Es gibt keine Definition, oder?
Das Freeskiing hat zwar eine lange Tradition. Schon in den 60er-Jahren wagten sich Pioniere in extreme Steilwände. Aber einer klaren Definition hat sich dieser Sport stets entzogen. Allgemein kann gesagt werden: Der Freerider ist ein Skifahrer, Snowboarder oder Telemarker, der sich abseits der markierten Pisten in frisch verschneiten Schneehängen bewegt.

Was ist der Unterschied zwischen Freeskier und Freerider?
Freeski etabliert sich heute als Überbegriff für alle Varianten, die vom Alpin­skifahren abweichen. Darunter fallen zum Beispiel auch die Freestyler, die in den Parks und Pipes ihre Tricks ausführen. Oder die Urban-Freeskier, die in der Stadt über Treppengeländer rutschen. Am stärksten wächst jedoch die Free-ridegemeinde.

Also die Tiefschneefahrer?
Die einen Freerider transportieren die Tricks aus den präparierten Parks und Pipes ins freie Gelände, bauen selber Schanzen, springen über Bäume. Andere nehmen den Skilift und «powdern» abseits der gesicherten Pisten. Wiederum andere touren in abgelegene Gebiete, klettern auf Berge und fahren über anspruchsvolle, felsdurchsetzte Hänge. Freeriden lässt viel Kreativität zu und kann als «freie Fahrt» oder «freier Ritt» übersetzt werden. Die zentrale Bedeutung hat dabei das Wort frei.

Wieso ist der Begriff so wichtig?
Der Freerider entscheidet frei, wie und wo er fahren will. Sein Ziel ist, ungebunden zu bleiben, Neues zu entdecken und an Orten zu fahren, wo noch kein anderer war. Solange er niemand anderes gefährdet, muss er sich an keine Regeln halten. Die einzige Einschränkung bleibt die Natur, die Schwierigkeit des Terrains, die Schneeverhältnisse, das Wetter – und der Freerider selber. Er muss die Berge und seine eigenen Grenzen sehr genau einschätzen können.

Sie waren früher Alpin-Rennfahrer.
Ja, doch dann ging mir der Alpinsport mit all seinen Regeln auf die Nerven. Da fährt jeder über dieselbe Strecke, es geht um Zeit, alles ist vorgegeben. Beim Freeriden gehts um die Auseinandersetzung mit der Natur und mit dir selber.

Welche Voraussetzungen sind fürs Freeriden nötig?
Spass am freien Gelände und die Bereitschaft, sich intensiv mit den Gefahren auseinanderzusetzen, sich für jede Tour seriös vorzubereiten. Skifahren lernt man schnell – Freeriden verlangt mehr.

Entsprechend höher sind die Risiken.
Diese gilt es möglichst zu kontrollieren. Auf der einen Seite berücksichtigen wir die Gefahren der Natur. Etwa Wetter, Lawinensituation oder Schwierigkeit des Geländes. Auf der anderen Seite stehen die Gefahren, die vom Menschen selber ausgehen. Er bleibt am Berg das grösste Risiko. Fast alle Unfälle sind Folge einer menschlichen Fehlentscheidung.

Spielen Selbstüberschätzung und Leichtsinn eine Rolle?
Nicht nur. Nehmen wir den Schnee: Du kannst ihn einschätzen, mit bestem Wissen und Gewissen. Aber es bleibt eine Einschätzung, egal, wie viel Erfahrung du hast. Ob der Hang wirklich sicher ist, weisst du erst, wenn du unten bist. Auch beim Fahren können unerwartete Gefahren auftauchen. Unebenheiten im Gelände, Felsen, wechselnde Schneearten. Manchmal musst du innert Hundertstelsekunden reagieren. Da werden schon mal Fehler gemacht.

Viele Freerider tragen Helm, Rückenprotektor, Lawinenairbag. Wie viel nützt solche Ausrüstung?
Sie kann das Verletzungsrisiko minimieren, aber Unfälle nicht ausschliessen. Wenn du in eine Lawine kommst, garantiert dir der Airbag nicht, dass du da lebend raussteigst. Im mittelschweren Gelände hilft dir die richtige Ausrüstung vielleicht noch. Wenn du in einer extremen Steilwand stürzt, dann schützt dich gar nichts mehr. Da ist ein Fehler fast sicher fatal, mit der Ausrüstung höchstens fünf Prozent weniger. Also würde ich mich nicht darauf verlassen.

Verleitet Sicherheitsausrüstung dazu, mehr Risiken einzugehen?
Tatsächlich werden Sachen ausprobiert, die ohne Ausrüstung nicht gemacht würden. Je mehr Leute einen Sport betreiben, desto mehr Fahrlässigkeit, Probleme und Unfälle gibt es. Das ist schade und schlecht fürs Image. Man kann auch mit Vernunft etwas riskieren.

Dann ist die Sicherheitsausrüstung sozusagen unnütz?
Für Einsteiger und solche, die in wenig anspruchsvollen Hängen fahren, macht die Ausrüstung durchaus Sinn. Sie kann sogar Fortschritte bringen. Ohne Lawinenpiepser würden es viele wohl gar nicht wagen, die Piste zu verlassen. Doch wie gesagt: Die Vernunft ist wichtiger als jede Sicherheitsausrüstung.

Wahrscheinlich wird bald jeder Freerider rechtlich verpflichtet sein, Sicherheitsausrüstung zu tragen.
Das wäre vor allem eine Entwicklung im Interesse der Wirtschaft und würde dem Grundsatz unserer Gesellschaft entsprechen: Sicherheit.

Was wäre schlauer?
Die Leute zu sensibilisieren, dass im freien Gelände Gefahren lauern. Dass sie lernen, wie man sie erkennt und ihnen begegnet – am besten schon im Kindesalter. Die heutige iPad-Generation schaut sich die Eigernordwand lieber auf Youtube an, statt mal selber nach Grindelwald zu reisen und sie in echt vor sich zu sehen. Man muss ja nicht gleich durchsteigen. Man soll einfach raus, die Natur kennen lernen, den Körper spüren.

«Fehler kann er sich da keine erlauben. Würde er stürzen, wäre er «zhudlen und zfätzen»»

Nebst der Sicherheitsausrüstung werden auch die Ski immer spezifischer für das Fahren im Tiefschnee weiterentwickelt.
Das Material wird immer besser, auch die Schuhe oder die Kleidung. Im Gegensatz zu früher fahren die meisten heute breitere Ski. Manche Modelle sind so breit wie Snowboards, was im Pulverschnee mehr Auftrieb verleiht. Und man kann damit schneller fahren und grössere Schwünge machen.

Als Markenzeichen tragen Freerider auch Kleidung, die aussieht, als wäre sie zwei Nummern zu gross.
Wie bei jeder Randsportart hat sich auch im Freeriden eine Lifestyle-Community gebildet, ein Verbundenheitsgefühl.

Ist Freeriden ein sozialer Sport?
Ja und nein. Die Community verhält sich sehr sozial, auch beim Austausch von Informationen. Man schaut aufeinander, wenn man zusammen unterwegs ist. Doch im Gelände ist letztlich jeder für sich und sein Überleben verantwortlich.

Wird man am Berg zum Egoisten?
Je höher dein Niveau, desto kleiner wird der Kreis der möglichen Partner. Besonders wenn du extreme Touren machst, willst du nicht mit jedem unterwegs sein. Wenn du das auch laut sagst, machst du dich nicht immer beliebt.

Bis vor kurzem bevorzugten Extrem-Freerider Gelände, in dem sie über möglichst hohe Felsen springen konnten. Was ist heute angesagt?
Geschwindigkeit. Ein Profi wie der Unterwalliser Jérémie Heitz fährt mit circa 150 Stundenkilometern über gigantische Nordwände, die mit 50 Grad so steil sind, dass der Schnee gerade noch liegen bleibt. Fehler kann er sich da keine erlauben. Würde er stürzen, wäre er «zhudlen und zfätzen».

Wo führt dieses «Höher, schneller, krasser» noch hin?
Ach, ich dachte schon lange, das Maximum sei erreicht. Aber es geht weiter. Dank des heutigen Materials ist vieles einfacher als noch vor zwanzig Jahren. Nicht nur die Abfahrten, auch die Aufstiege. Den Gipfel eines Viertausenders zu erreichen, ist keine ausserordentliche Leistung mehr.

Gibt es Steilhänge, die noch nicht mit Ski befahren wurden?
In den Alpen ist es bereits schwierig, unbefahrene Berge zu finden. Anders im Himalaja. Künftig wird sich das Extrem-Freeriden darum in die höchstgelegenen Regionen der Erde verlagern.

Freeriden wurde in jüngster Zeit stark kommerzialisiert. Steht das nicht im Widerspruch mit der einst gepriesenen Freiheitsphilosophie?
Stimmt, es geht vom Individualismus zum Generalismus. Rund ums Freeriden hat sich eine ganze Industrie entwickelt. Man kann mit diesem Sport Geld verdienen, und man diskutiert schon darüber, ob die Disziplin olympisch werden soll.

Es gibt bereits die Freeride World Tour, den Weltcup der internationalen Elite.
Vom ursprünglichen Gedanken des «freien Ritts» weichen solche Wettkämpfe meiner Meinung nach ab. Der Berg wird von den Organisatoren vorbestimmt, alle fahren über denselben Hang, es gibt Regeln. Aber für die Industrie sind diese Veranstaltungen natürlich wichtig.

Erstellt: 27.01.2016, 19:57 Uhr

Silvan Poltera

Der 33-Jährige hat sich gegen eine Profikarriere entschieden: «Weil mich die Freiheit reizt und weil ich für das Herz in die Berge gehe.» Sobald Geld ins Spiel komme, wachse der Druck, sagt er. Poltera studierte an der Universität Bern Sportwissenschaften und arbeitet heute als Marketing-Manager Wintersport beim Schweizer Bike- und Wintersportartikelhersteller Scott. In dieser Position verantwortet er u.a. das Firmen-Sponsoring von Spitzenathleten. Aufgewachsen ist er in St. Gallen, schon im Kindesalter kam er über die Leichtathletik zum Leistungssport: «Ich war immer ein Zappelphilipp und führe noch heute ein Adrenalinjunkie-Dasein.» In der Jugend war er aggressiver Inlineskater, fuhr im Alpin-Nachwuchskader Skirennen und liess sich zum Schneesportlehrer ausbilden. Knochen hat er sich schon gebrochen, Zähne aus­geschlagen auch. Sein Motto: «Was mich nicht umbringt, macht mich härter.» (nk)

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