Nicht jede will Erste sein

In der Kletterszene geistert eine neue Abkürzung herum: FFA – First Female Ascent. Doch ist die erste Wiederholung einer Route durch eine Frau heute überhaupt noch erwähnenswert?

Die Frauen haben längst zu den Männern aufgeschlossen: Nina Caprez in ihrem Projekt La Reina Mora (9a). Foto: Aurora Photos, Keystone

Die Frauen haben längst zu den Männern aufgeschlossen: Nina Caprez in ihrem Projekt La Reina Mora (9a). Foto: Aurora Photos, Keystone

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Als die Amerikanerin Paige Claassen die Route The Bleeding, eine 8c im US-Bundesstaat Utah, als erste Frau kletterte, war das der Beginn einer Kontroverse in der Kletterszene. Claassen war es nämlich schlicht egal, dass sie die erste Frau war, die diese Route geschafft hatte. Sie wollte nicht von einem «FFA» reden. Die Abkürzung steht für First Female Ascent und bezeichnet neuerdings die erste Frauenbegehung einer Route, die zuvor nur von Männern geklettert worden war (früher stand FFA für First Free Ascent). «Manche Frauen finden diese Bezeichnung motivierend. Ich persönlich denke aber, dass First Female Ascents irrelevant sind», meinte Claassen.

Das sorgte erst für Verwirrung, lässt man sich im Alpinismus doch sonst gerne als Pionier und Pionierin feiern; besonders, wo je länger, je mehr schon alles geholt worden ist. Dann entbrannte eine Grundsatzdiskussion: Ist es erwähnenswert, wenn Frauen zu Männern aufschliessen? Oder ist das schon so selbstverständlich, dass es fast demütigend ist, es hervorzuheben?

Im Klettern unterstellt man sich gerne nur den Regeln der Natur. Gesellschaftliche Normen betrachtet man meistens von dort, wo man sich aufhält: von oben herab. Steht diese dem Selbstverständnis nach puristischste aller Sportarten nicht über dem Gesetz, das überall sonst gilt, wenn die Volleyballnetze der Männer höher hängen, ihre Skiabfahrten länger und ihre Hanteln schwerer sind?

Lynn Hills dünne Finger

Entgegen anderen Sportarten findet im Klettern eine Konvergenz der Geschlechter statt. Betritt man heute einen Klettergarten, so findet man keine Route, an der sich nicht gleichermassen Männer wie Frauen versuchen.

Zunächst war es zwar üblich, dass Männer den Sport vorantrieben und grundsätzlich ein höheres Niveau hatten als Frauen. Diese Ordnung wurde aber bald gestört. Anfangs konnte man noch ignorieren, wenn Frauen plötzlich hochkamen, wo sie nicht hochkommen sollten. Als die junge Lynn Hill einst eine schwierige Kletterstelle schaffte, weil sie sich an einem winzigen Quarzkristall halten konnte, wurde das von ihren männlichen Kollegen, die sich am Kristall nicht halten konnten und auch sonst keine Lösung fanden, zur Kenntnis genommen – ohne grosse Euphorie. Doch irgendwann half alles Wegsehen nicht mehr. Lynn Hill wurde fester Bestandteil der Kletterwilden an den Granitwänden des Yosemite-Nationalparks.

Als sie 1994 schliesslich als erster Mensch überhaupt die berühmte Nose am El Capitan frei klettern konnte – was zahlreiche Männer zuvor schon versucht, aber nicht geschafft hatten –, schien sich der Gender-Gap im Klettern definitiv zu schliessen. Doch schon wurden Männerstimmen laut, die behaupteten, Hills Begehung sei eben nur möglich gewesen, weil sie als Frau besonders dünne Finger habe. Dadurch habe sie das Great Roof, einen äusserst schwierig kletterbaren Riss unter einem Überhang, besser meistern können als ein Mann. Lynn Hill kümmerten diese Kommentare wenig. Sie sagte auch, dass es ihr egal gewesen sei, die erste Frau zu sein, die die Nose frei kletterte. Was aber zählte: dass sie der erste Mensch überhaupt war, dem das gelang.

Inzwischen wurde die Nose auch von Männern geklettert – mit maskulinen Fingern. Und im Fall von Tommy Caldwell gar mit nur neun davon: Er verlor den linken Zeigefinger an der Kreissäge. Das zeigt: Das Klettern einer Route erfordert immer individuelle Lösungen. Das egalisiert die Geschlechter. Längst hängen höhere Schwierigkeiten nicht mehr von nur einem Faktor ab, wie zum Beispiel der Kraft. Längst sind die stärksten Sportkletterer nicht mehr jene mit dem muskulösesten Körperbau. Rekorde werden dann geknackt, wenn die spezifischen Tücken einer Route dem Talent eines Kletterers entsprechen – so, wie es beim Tschechen Adam Ondra der Fall war, als er mit Change (9b+) die derzeit härteste Route der Welt schaffte. Change entspricht nach Ondras eigenen Angaben ganz einfach seinem Kletterstil: schwierige Bouldersektionen eingebettet in einen Ausdauerhammer, der nie leichter als 8b ist.

Der höchste von Männern erreichte Grad im Sportklettern ist heute 9b+, jener von Frauen 9a+. Und es ist klar, dass die Konvergenz anhalten wird. Eine Frau, die den Grad 9a+ geschafft hat, ist Ashima Shiraishi, eine erst 15-jäh- rige New Yorkerin japanischer Abstammung. Angesichts ihres zarten Alters fragt sich die Kletterwelt: Was wird Ashima noch an den Fels zaubern? Was resultiert, wenn sie sich bald ihr massgeschneidertes Projekt vornimmt? Die erste 9c? Vielleicht gar noch vor einem Mann?

Bei Sponsoren beliebt

Die FFA-Kontroverse entbrannte, weil Paige Claassens Gleichgültigkeit nicht von allen Kletterinnen geteilt wird. Allen voran US-Kletterin Sasha DiGiulian findet das Herausheben von FFAs wichtig, denn «sie zeigen den Fortschritt der Frauen im Klettern». DiGiulian wiederholte denn auch bereits zahlreiche Routen als erste Frau und verschaffte sich damit eine Identität beim Publikum – und bei Sponsoren. Man soll deshalb ihr Weibeln für die Wichtigkeit dieser Nomenklatur nicht als allzu selbstlos missverstehen.

Dass DiGiulian den Begriff vor allem in eigener Sache nützlich findet und ihn nach eigenem Gusto auszulegen vermag, wurde letzten Sommer an der Eigernordwand deutlich. Nachdem sie die Route Magic Mushroom im rechten Wandteil geklettert war, sahen amerikanische Medien darin die erste Frauen­begehung der Eigernordwand, was natürlich Unsinn ist. Die klassische Heckmaier-Route, die anders als Magic Mush­room auf dem Gipfel endet, wurde schon 1964 von der Münchnerin Daisy Voog durchstiegen. Überhaupt: DiGiu­lians Begehung von Magic Mushroom als FFA zu bezeichnen, schadet der Glaubwürdigkeit des Begriffs wohl eher. Die Route ist mit 20 Seillängen bis 7c+ zwar durchaus beachtlich. Doch dieses Niveau beherrschen zahlreiche Frauen. Dass die Route «noch zu holen» war, ist also dem Zufall geschuldet, dass sie noch von keiner anderen Frau ernsthaft versucht wurde. Man beachte Nina Caprez (eine Gegnerin des FFA-Begriffs): Ihre Mehrseillängenprojekte liegen im Bereich 8a bis 8c+.

Für die einen ist der Stempel FFA eine folgerichtige und notwendige Erwähnung. Die anderen finden, er markiere eine Differenz, wo keine sei, und sei ausserdem zu unklar definiert. Zählt eine Begehung als FFA, wenn sie zuvor noch nie von einer Frau versucht wurde?

«Keine Notwendigkeit»

Die deutsche Spitzenkletterin Ines Papert sagt: «Ich habe grosses Interesse an Erstbegehungen, habe mit Likhu Chuli 1 auch schon einen Gipfel als erster Mensch überhaupt bestiegen. Aber ich sehe keine Notwendigkeit, mich da als Frau hervorzuheben.» Und Nina Caprez, die derzeit stärkste Schweizer Kletterin, findet, es gebe nur einen Unterschied: jenen zwischen Erstbegehern und Wiederholern, «denn die wissen, dass die Route kletterbar ist».

Ihr gelang letzten Sommer zusammen mit der Österreicherin Babsi Zangerl Die Unendliche Geschichte, eine rund 400 Meter hohe alpine Mehrseillängenroute mit Schwierigkeiten bis 8b+ in den glatten Kalkwänden des Rätikons. 1991 vom Österreicher Beat Kammerlander erstbegangen, sah sie erst eine einzige Wiederholung durch den Italiener Pietro del Prà, ehe letzten Sommer die beiden Frauen reüssierten.

Keine von beiden hängt den FFA an die grosse Glocke. Die Abkürzung geniesst derzeit mehrheitlich den Ruf von Marketingmittel bis Trostpreis. Die progressiven Kletterinnen scheren sich jedenfalls nicht darum.

Erstellt: 27.04.2016, 17:44 Uhr

«Lieber ins Unbekannte»

Die deutsche Spitzenkletterin Ines Papert wünscht sich mehr Erstbegehungen durch Frauen.

Was halten Sie von der Bezeichnung FFA?
Gleich mal eine Frage zurück: Haben Sie jemals von einem First Male Ascent gehört? Ich nicht. Und ich finde, solange man den Geschlechterunterschied nicht konsequent macht, braucht man damit gar nicht anzufangen. Die Frauen haben in den vergangenen Jahren so stark aufgeschlossen zu ihren männlichen Kollegen, dass man hier nicht mehr zwischen den Geschlechtern trennen sollte. Es sind vor allem die Medien, die FFAs gerne hervorheben. Ich selber weise bei Presseberichten explizit darauf hin, dass ich das nicht möchte.

Sie sind eine der wenigen Frauen, die Erstbegehungen machen. Kann es sein, dass andere Frauen lieber FFAs machen statt «richtiger» Erstbegehungen?
Erstbegehungen sind schon noch einmal eine spezielle Belastung, da gehört weit mehr dazu als das Klettern an sich: die oft komplizierte Anreise mit schwerem Gepäck, das Ausharren in der Kälte, die Ungewissheit, wie es weitergeht?.?.?. Schon möglich, dass da manche Frauen finden, der FFA sei leichter verdientes Ansehen. Ich wünsche mir, dass mehr Frauen sich ins Unbekannte wagen. Da sind wir definitiv noch weit hinter den Männern.

Gibt es je nach Route Vor- und Nachteile für Frauen respektive für Männer?
Klettern ist sehr spezifisch. Klar gibt es hin und wieder mal einen kräftigen, langen Zug, bei dem Frauen tendenziell mehr Mühe haben. Ich selber habe auch die eine oder andere Route offen, bei der ich einfach nicht weiterkomme, obschon sie nicht utopisch schwer bewertet ist. Solche körperlichen Limiten können sich schon bemerkbar machen. Andererseits sind Frauen in eher technischen Routen, wo Körperkontrolle, Stehtechnik und Bewegungsfähigkeit gefragt sind, gleich stark, manchmal sogar stärker.

Die Amerikanerin Ashima Shiraishi hat mit 13 Jahren als erste Frau den Grad 9a+ geschafft. Heute ist sie 15. Was darf man von ihr in Zukunft erwarten?
Sie ist unglaublich. Wenn der stärkste kletternde Mensch je einmal eine Frau sein sollte, dann wahrscheinlich sie. Sie ist zwar noch sehr jung, aber doch schon in einem Stadium, in dem sie aus eigener Überzeugung klettert. Bei jungen Talenten ist es ja leider oft so, dass sie von übermotivierten Eltern zu sehr gepusht werden und sich dann vom Sport abwenden. Interview: Dominik Osswald


Ines Papert
Die 42-jährige Deutsche macht immer wieder mit spektakulären Begehungen auf sich aufmerksam. Zuletzt an der äusserst schwierigen Ostwand des Torre Central in Patagonien.

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