Skifahren nach Old-School-Art

Auf der Lenzerheide üben sich Nostalgiker mit Lederschuhen und Holzlatten im Skilaufen wie anno dazumal. Von Kindern belächelt, preisen sie das intensivere Bergerlebnis.

Skisport im Wandel der Zeit: Skifahrerin mit urtümlicher Ausrüstung. Bild: Getty Images

Skisport im Wandel der Zeit: Skifahrerin mit urtümlicher Ausrüstung. Bild: Getty Images

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Jeden Winter lässt sich die Skiindustrie revolutionäre Gimmicks einfallen. Die Palette der Innovationen reicht von Carbon-Power-Boost-Ski für gleichmässige Kraftaufnahme bis zu Race-Rocker-Ski für dynamische Schwungauslösung. All das und noch viel mehr fehlt unseren Ski. Sie sind nicht aus Carbon, sondern komplett aus Hickory-Holz. Die Latten der Marke Record haben keine moderne Carving-taillierung, sie sind schnurgerade und 1,95 Meter lang. Statt Power-Boost-Streben verfügen sie über einen Kabelzug mit Metallfeder. Damit schnallt man die Skischuhe an den Holzlatten fest. Die Skischuhe sind nicht aus Hartplastik, sondern komplett aus Leder. Anstelle von Schnallen haben sie Schuhbändel. Und beim Fahren hilft kein Chip im Ski — man muss das Hirn einschalten und die eigenen Muskeln benutzen.

Wir stehen am Dieschen-Übungslift auf der Lenzerheide und fragen uns, wie weit man mit der Uraltausrüstung unfallfrei kommt. «Die Kanten wurden geschliffen und die Ski frisch gewachst — vor 50 Jahren!», ruft Daniel Müller aufmunternd.

«Schön in die Knie gehen und bei der ersten Kurve einen Stemmbogen machen wie früher!» Stemmbogen, wie ging das noch mal? Kurve im Pflug anfahren, Druck auf den Aussenski geben und dann den anderen Ski umsetzen, sodass die Latten wieder parallel liegen. Gar nicht so einfach, wenn die Dinger fast zwei Meter lang sind.

«Sicherheitsbindungen wurden nach der Dicke des Handgelenks eingestellt. Je nachdem fester oder weicher.»Daniel Müller, Nostalgie-Skilehrer

Daniel Müller überprüft die Bindung. Richtig fest sitzen die Schuhe nicht, beim Losfahren fühlt sich alles weich bis wacklig an. Die Ski stammen aus den 50er-Jahren, die Schuhe der Marke Henke ebenfalls. Man bewegt sich automatisch ganz anders auf dem Hang als mit kurzen, drehfreudigen Carvingski. Um die Richtung zu ändern, braucht man viel mehr Kraft und einiges Geschick, damit sich die geraden Kanten nicht sofort im weichen Schnee verhaken.

Die Abfahrt auf den Brettern führt einerseits auf einem breiten Anfängerhang zur Talstation des Skilifts Dieschen, andererseits in die Anfänge des alpinen Wintersports. Daniel Müller besitzt eine grosse Sammlung von historischen Wintersportgeräten, man kann sein Privatmuseum in Summaprada bei Chur nach Anmeldung besichtigen. Und man kann bei ihm Unterricht im Old-School-Skifahren nehmen — ein interessanter Ausflug in die Frühzeit des Wintersports nach dem Motto: «Wedeln wie vor 100 Jahren». Daniel Müller bringt nicht nur die alten Ski und das entsprechende Knowhow mit, sondern ist auch für Styling und Anekdoten verantwortlich. Zum Nostalgiepackage gehört neben den Holzski, den historischen Stöcken und den Lederschuhen auch die angemessene Bekleidung. Müller bringt eine Knickerbockerhose aus Halbleinen mit, dazu Wadenwickel aus grobem Filz, einen Leinentschopen, eine Dächlikappe und eine Skibrille aus Leder und Glas zum Umbinden, ein Modell der Schweizer Armee von 1920.

Wintersport war immer teuer

Durch die sogenannte Uhubrille sieht der Hang bläulich aus, und aus den Augenwinkeln bemerken wir, wie Wintersportler sich am Lift umdrehen und auf uns zeigen. Lachen die Leute? Oder schütteln sie den Kopf darüber, wie man sich ohne Helm auf die Piste wagen kann? Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Mitleid, die uns im Bündner Skigebiet begegnet. Kinder glotzen uns an, die Eltern erklären: «So ist man früher Ski gefahren. Ehrlich!»

Zapfenski und Bambusstock (30er-Jahre). Bild: Getty Images

Wintersport war schon immer teuer. «1932 hat ein Paar Ski 36 Franken gekostet», sagt Müller, «das war damals sehr viel Geld.» Dazu brauchte man noch eine Aufstiegshilfe, die aus Seehundfell hergestellt wurde und ebenfalls mehr als 20 Franken kostete. Skilifte waren zu dieser Zeit etwa so weit verbreitet wie Seehunde in den Alpen. Ein Wintersporttag bestand zu 90 Prozent aus Aufstieg und zu 10 Prozent aus Abfahrt bis 1934, als am Bolgen in Davos der erste Bügellift der Welt in Betrieb ging, erfunden vom Zürcher Ingenieur Ernst Gustav Constam. Der erste Lift der Welt stand in Schonach im Schwarzwald, er wurde 1904 mit Wasserkraft angetrieben, verfügte aber noch nicht über Bügel.

So viele Innovationen wie die der vergangenen Jahre gab es in der Skiindustrie früher nicht. 1934 kamen die ersten Stahlkanten auf, die ersten Sicherheitsbindungen der Marke Lusser erst 1964. Die Methode, um die Bindung einzustellen, wirkt aus heutiger Sicht wie mittelalterlicher Hokuspokus. Heutzutage berechnet man den sogenannten Z-Wert aus dem Gewicht des Fahrers, der Körpergrösse, der Sohlenlänge des Schuhs und dem Können. «Damals nahm man am Handgelenk des Skifahrers Mass», sagt Daniel Müller, «je nachdem, wie dick oder dünn es war, stellte man die Bindung fester oder weicher ein.» Daniel Müller hat für seine Sammlung Stücke aus den letzten 100 Jahren des Skisports zusammengetragen. Vieles stammt von Skiclubs, die irgendwann ihre Rumpelkammern aufgeräumt haben, anderes von privaten Estrichen. Manche Exemplare sind überraschend wertvoll: Für einen Schnallenschuh der Marke Molitor, einen der ersten seiner Art, zahlen Sammler bis zu 1000 Franken. Mehr als 150 Paar Ski, dazu Skischuhe, Skibrillen und Skistöcke hat Müller gehortet. Darunter auch Ski von 1909, die so viel wert sind wie mehrere Paar neue Race-Carver.

Fast so schnell wie mit Carvern

Bei einem historischen Skitreffen in Arosa vor 20 Jahren habe ihn «irgendwie ein Virus erwischt», gesteht Daniel Müller, seitdem könne er nicht mehr aufhören zu sammeln. Es geht ihm nicht nur um die Exponate, es geht ihm auch um die andere Art des Skifahrens. «Früher war man langsamer unterwegs», sagt der Nostalgiker, «man musste erst zu Fuss aufsteigen, dann hat man eine Pause eingelegt und ist schliesslich vorsichtig abgefahren — es gab ja auch keine perfekt gewalzten Pistenautobahnen wie heute. «Die Freiheit ist früher viel grösser gewesen, das Bergerlebnis intensiver.»

Old-School-Skifahrer haben im Prinzip die gleiche Sehnsucht nach Entschleunigung wie Freunde von Skitouren– mit dem Unterschied, dass die Ausrüstung eben uralt ist. Das heisst nicht, dass man zwangsläufig alt aussieht mit den historischen Sportgeräten. Je nach Mut und Können ist man genauso schnell unterwegs wie mit modernen Carvingski. Wer den Federzug öffnet an der Bindung, hat die Fersen frei und kann versuchen, die Piste im Telemarkstil hinabzuschwingen. In den dicken, überhaupt nicht atmungsaktiven Kleidern beginnt man dann schnell zu schwitzen. An Wedeln ist aber nicht zu denken. Das schafft nur der Hund, der neben der Piste wartet und sich freut, wenn die historische Skistunde vorbei ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2017, 17:58 Uhr

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Tipps und Infos

Unterkunft: Priva Alpine Lodge, stylishe Appartementanlage mit guter Infrastruktur, www.privalodge.ch. Die gleichen Besitzer eröffnen am 27. 12. 2018 mit dem Revier ein Hotel für ein onlineaffines, hipes Publikum, www.lenzerheide.meinrevier.com.

Old-School-Ski: Package vom 23. bis 25. 3. 2018 in der Priva Alpine Lodge, 700 Fr. für 2 Pers. Skitage und Kurse auch buchbar bei Daniel Müller, Tel. 079 702 59 09. Museum Summaprada GR. www.holzski.biz.

Arosa: Nostalgie-Skirennen am 4. 3. 2018. www.arosa.ch.

Nostalgie: Belle-Epoque-Woche in Kander-steg Januar 2018 mit nostalgischen Sportarten. www.kandersteg.ch

Allg. Infos: www.lenzerheide.ch.

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