So reist man nachhaltig und doch genussvoll

Experten zeigen, welche Möglichkeiten sich jedem Touristen bieten.

«Overtourism» nennt sich die Ballung von Touristen in Destinationen, die als besonders attraktiv gelten – zum Beispiel Venedig. <nobr>Foto: Keystone</nobr>

«Overtourism» nennt sich die Ballung von Touristen in Destinationen, die als besonders attraktiv gelten – zum Beispiel Venedig. Foto: Keystone

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Das Reiseverhalten verändert sich. Die Aufenthaltsdauer an einer Destination wird kürzer. In den Sozialen Medien kann man feststellen, dass immer mehr Reisende in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Hotspots abklappern mit dem Ziel, mit ihren «Selfies» Beachtung zu finden. Das trägt bei zum «Overtourism», der Ballung von Touristen in Destinationen, die als besonders attraktiv gelten. Und auch das Klima wird dadurch zusätzlich belastet.

Nachhaltiger Tourismus könnte die Lage verbessern. Tourismus ist laut der UNO-Welttourismusorganisation (UNWTO) nachhaltig, wenn er die «wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen vollumfänglich mit einbezieht und die Bedürfnisse der Besucher, der Industrie, der Umwelt und der Einheimischen berücksichtigt».

Der Schweizer Reise-Verband (SRV) beschäftigt sich schon seit anderthalb Jahrzehnten mit der Nachhaltigkeit im Tourismus: 2004 fand der erste Workshop zum Thema statt. 2007 führte eine Softwarefirma zusammen mit der Stiftung Myclimate in den Reisebüros eine einfache Lösung zur Kompensation des CO2-Ausstosses ein. Heute bieten viele SRV-Mitglieder den Kunden die Kompensation aktiv an, zum Beispiel über www.myclimate.org. Beiträge an die CO2-Kompensation können übrigens von den Steuern abgesetzt werden.

Zwar ist die Kompensation in effiziente Klimaschutzprojekte (z.B. Ersatz von Brennholz durch Solaröfen) laut SRV «äusserst wertvoll und reduziert den Klimaeffekt weltweit». Doch kompensieren allein genügt nicht. Jeder einzelne kann weitere Massnahmen umsetzen. Tipps für bewusstes und dennoch genussvolles Reisen liefert Roland Schmid, Experte für Umwelt und Soziales beim SRV.

Tipp 1: Die Reise gut vorbereiten

Die Wahl des Reiseziels, der Route, des Verkehrsmittels und der Unterkunft sowie die Dauer der Reise sind für die persönliche CO2-Bilanz entscheidend. Grundsätzlich sollte man sich zuerst gründlich informieren und erst dann buchen.

Tipp 2: Die Wahl des Transportmittels

Die Wahl des Transportmittels ist wichtig. Für kürzere Strecken empfehlen sich die Bahn, deren Klimabilanz viel besser ist als jene des Flugzeugs, oder der (Fern-)Bus. Ein klimafreundliches Fahrzeug ist aber nicht allein entscheidend. Es stellt sich immer auch die Frage, wie viele Menschen zusammen über welche Distanz in welchem Verkehrsmittel unterwegs sind. Wer nicht auf das Flugzeug verzichten will, sollte eine Airline wählen, die neuere Flugzeuge einsetzt. Deren Treibstoffverbrauch ist deutlich geringer. Zudem sollte man Zwischenlandungen vermeiden und wenn möglich weniger, dafür länger reisen nach dem Prinzip: Je weiter ich reise, desto länger bleibe ich am Ort.

Tipp 3: Die Wahl der Unterkunft

Reisende können sich für Unterkünfte (Hotel, Pension, Gästehaus, Campingplatz etc.) entscheiden, welche nachhaltig geführt werden und entsprechende Gütesiegel, Label oder Zertifikate besitzen. Die Zahl solcher Zertifikate ist allerdings ins Unermessliche gestiegen: Man redet von weltweit rund 150. Eine Orientierungshilfe im Label-Dschungel findet sich bei Fairunterwegs, dem Reiseportal zu Nachhaltigkeit auf Reisen.

Die Nichtregierungsorganisation Global Sustainable Tourism Council (GSTC) hat zudem Kriterien formuliert, die von Hotels und Reiseveranstaltern erfüllt werden sollten: reduzierter Wasser- und Energieverbrauch, Abfallmanagement, faire Arbeitsbedingungen und keine Kinderarbeit. Bei der Wahl von Kreuzfahrten hilft das Kreuzfahrten-Ranking des Naturschutzbundes Deutschland.

Tipp 4: Natur und Umwelt respektieren

Zum achtsamen Umgang mit Natur und Umwelt gehören:

  • Sparsam mit Wasser und Energie umzugehen
  • Keinen Abfall in der Natur zu hinterlassen
  • Mehrfach nutzbare Trinkflaschen, Tüten, Taschen etc. verwenden
  • Touristische Angebote mit Tieren nicht nutzen, wenn die Grundsätze des Tier- und Artenschutzes nicht eingehalten werden. Über den Tierschutz unterwegs informieren Naturschutz.ch und World Animal Protection

Silvia Frey, Meeresschutzbiologin bei Kyma Sea Conservation and Reserach, einer Organisation, welche den Schutz der Meere propagiert, weist auch auf die drastischen Folgen von Plastikabfällen für die Meeresorganismen hin. Rund 350 Millionen Tonnen Plastik werden jährlich produziert. Davon gelangen rund neun Millionen Tonnen in die Meere. Wenn man bedenkt, dass die Abbauzeit einer Plastiktüte 20 bis 30 Jahre beträgt, rund 50 Jahre für einen Styroporbecher und 450 Jahre für eine Plastikflasche, kann man ermessen, in welchem Umfang die Meere mit Plastik vermüllt sind.

Kyma (griechisch für «Welle») fordert deshalb «einen Systemwandel, der sowohl Produktion als auch Konsum umfasst». Jeder einzelne kann laut Silvia Frey seinen Beitrag leisten:

  • Möglichst wenig Abfall generieren und diesen sachgerecht entsorgen
  • Mehrwegtaschen in die Ferien mitnehmen
  • Auf Luftballons und andere Einwegplastikartikel verzichten
  • Auch biologisch abbaubares Plastik meiden, da es in der Natur oft nicht abbaubar und mit chemischen Inhaltsstoffen belastet ist
  • Mitmachen bei Strand- und Küstensäuberung

Tipp 5: Menschen- und Kinderrechte achten

Menschen, Gast und Gastgeber, stehen im Mittelpunkt jeder Reise. Doch neben positiven Aspekten als Wirtschaftsfaktor und als Quelle der Erholung und Erfahrung hat der Tourismus auch Schattenseiten, z.B. wenn Menschen- und Kinderrechte missachtet werden.

Fünf Faustregeln von Fairunterwegs haben sich bewährt:

  • Sich Zeit nehmen
  • Fairen Austausch mit den Einheimischen pflegen
  • Darauf achten, dass die Reise Einheimischen einen Nutzen bringt
  • Faire Preise bezahlen
  • Die Umwelt respektieren

Zertifizierte Unterkünfte nach GSTC-Standard achten auch auf die Einhaltung der Menschen- und Kinderrechte. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung. Mehr Informationen zu Kinderschutz und Tourismus liefert Nicht wegsehen! (Travelcontent)

Erstellt: 30.09.2019, 13:38 Uhr

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