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Steiler Staat

Andorra ist ein bergiges Mysterium – aber auch ideales Reiseziel für Mountainbiker, Velofahrer und Wanderer.

Mässig sehenswerte Stadt, fantastische Landschaft: Andorra la Vella, Hauptstadt des Fürstentums Andorra. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)
Mässig sehenswerte Stadt, fantastische Landschaft: Andorra la Vella, Hauptstadt des Fürstentums Andorra. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Vermutlich meint der Bergführer es gut, wenn er die erschöpfte Kletternovizin ablenken will, die kurz vor den Tränen ist. Aber ob kryptische, schon fast philosophische Handlungsempfehlungen die richtige Methode sind? «Riech an der Zeit», rät Mark Crichton der Frau im Klettersteig. Crichton zerreibt mit den Fingern die Blätter einer kleinen Pflanze, die hier, zig Meter oberhalb der Schlucht von Segudet, aus der Wand drängt – Thymian.

Die Einwohner von Andorra sprechen Katalanisch, mit Touristen aber meist Englisch. Und auf Englisch klingt «thyme» fast wie «time». Gemeinsam lachen wir über das Missverständnis – und tatsächlich hilft der Duft der aromatischen Gewürzpflanze über die letzten Höhenmeter. Der Steig «Creu del Noral» mit seinen 150 Metern Höhendifferenz vom Einstieg in der Nähe des Örtchens Ordino bis zum Ausstieg weiter oben im Wald gilt unter den 16 Klettersteigen des Landes als Anfängerroute. Die Kletterfrau erklärt sich die Defizite in der Kondition mit dem dreistündigen Mountainbike Abenteuer am Vormittag.

Max Frisch schreibt nicht über das reale Fürstentum

Über Andorra wissen die meisten Leute nur das, was sie im Deutschunterricht bei Max Frisch gelernt haben: also nichts. In dem Buch werden Antisemitismus und Vorurteile thematisiert, nicht aber das echte Fürstentum Andorra. Der kleine Staat liegt inmitten der Pyrenäen und wird von zwei ausländischen Kofürsten regiert: dem Bischof des spanischen Bistums Urgell, zu dem Andorra gehört, und von dem jeweiligen französischen Präsidenten. Manchem mag noch einfallen, dass die Schweizer Fussballer vor einem Jahr im Kleinstaat nur mit Mühe siegten, dass das Land immer wieder auf der Liste der Steueroasen auftaucht, dass man dort billig Luxusgüter, Schnaps und Zigaretten kaufen kann und dass das grösste Skigebiet der Pyrenäen in Andorra liegt.

Dabei hat das Fürstentum auch im Sommer und Herbst auf engem Raum viel zu bieten. Andorra rühmt sich, der grösste unter den europäischen Kleinstaaten zu sein. Trotzdem ist das Land so klein, dass man problemlos nach dem Frühstück ein paar Stunden Mountainbike-Unterricht in Vallnord im Westen des Landes nehmen, am Nachmittag im Norden einen Klettersteig bezwingen und am Abend in der Hauptstadt Andorra la Vella, in der Mitte des Fürstentums, zu Abend essen kann. Von der französischen Grenze im Osten bis zur spanischen Grenze im Süden braucht man mit dem Auto gerade mal eine Stunde.

60 Gipfel über 2000 Meter

Die kurvenreichen, steilen Strecken sind es, die das Land für Velofahrer attraktiv machen. Die nicht sehr sehenswerte Hauptstadt Andorra la Vella liegt 1000 Meter, 60 Gipfel über 2000 Meter, der höchste sogar auf fast 3000 Meter über Meer – genug Berghänge also, um einige davon komplett den Mountainbikern zu überlassen. Die Bergstation Vallnord zum Beispiel gehört im Winter zu einem der grössten Skigebiete des Landes. Die Seilbahn fährt auch in der wärmeren Jahreszeit. Nun werden Mountainbiker samt ihrem Gefährt in die Höhe getragen.

Was den Skifahrern die blaue Piste, ist für Mountainbiker die grüne Abfahrt. Für geübte Biker ist die steile Route durch den Wald über Wurzeln, Steine und Tannzapfen keine Herausforderung: Als das Handy von Mountainbike-Lehrer Paul Commencal klingelt, nimmt er das Gespräch an und telefoniert entspannt mit seinem Vater. Die Anfänger hinter ihm mühen sich derweil, alles zu beachten, was er ihnen beigebracht hat – nur mit einem Finger die Bremse betätigen, auf den Pedalen stehen, die Knie leicht gebeugt und in den Kurven das äussere Pedal immer nach unten treten – und vergessen dabei das allereinfachste: Wie fährt man noch mal nach links? Unten sammelt ein Kollege von Commencal die Gruppe mit einem Pick-up wieder ein und fährt sie zurück zum Start. Schon bei der zweiten Runde fängt das Ganze an, Spass zu machen. Nur zittern die Beine nach dem mehrfachen bergab brettern wie Pudding.

Muskelschonender ist eine herkömmliche Wanderung. Wir treffen auf einem kleinen Parkplatz am Waldrand erneut einen gutgelaunten Mark Crichton. Im Schatten ist es am Morgen noch frisch. Unsere Route heisst Circuit de les Fonts, weil sie an mehreren kleinen Quellen vorbeiführt. Das eigentliche Ziel liegt jedoch am Ende der Strecke.

Atemberaubendes Gletschertal

Nach ein paar Metern Anstieg führt der Weg über eine Bergflanke. Mit jedem Schritt hört man das sonst allgegenwärtige Rauschen der Autos im Tal weniger. Schliesslich öffnet sich der Blick in eines der wenigen Täler Andorras, das nicht durch Strassen erschlossen ist. Die Besitzer der im Tal liegenden Bauernhöfe haben durchaus versucht, eine Strasse bauen zu lassen, sie bekamen sie nur nicht genehmigt. Seit 2004 ist das Vall del Madriu-Perafita-Claror im Südosten des Landes als Unesco-Weltkulturerbe gelistet.

Tatsächlich ist der Blick in das wilde Gletschertal atemberaubend. Die Hänge sind mit dichtem Wald bewachsen, unter uns leuchten die Schieferdächer einer alten Sommersiedlung, und am Horizont schimmern schneebedeckt die Gipfel, auf denen die Grenze zu Spanien verläuft Man ist in Andorra dem Himmel ganz nah.

Infos: www.visitandorra.com

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