Süchtig und unverfroren

Dani Arnold gehört zur Weltelite der Eiskletterer. Der 31-jährige Urner ist zudem ein geduldiger Lehrmeister, wenn es darum geht, einen 220 Meter hohen Eisfall oberhalb von Kandersteg zu erklettern.

Dani Arnold auf der Extremroute «Mach 3» an der Breitwangflue im Kandertal. Foto: Thomas Senf (Visual Impact)

Dani Arnold auf der Extremroute «Mach 3» an der Breitwangflue im Kandertal. Foto: Thomas Senf (Visual Impact)

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«Beta Block Super», «Crack Baby», «Blue Magic»: Es ist kein Zufall, dass die berühmtesten Eisfälle der Schweiz nach Drogen oder harten Medikamenten benannt sind. Der hohe Suchtfaktor gehört beim Eisklettern dazu. Und so kam es auch in dieser Saison – wie schon im vergangenen Winter – in der Szene zu typischen Entzugserscheinungen wie Stimmungsschwankungen und innerlicher Unruhe, weil die nötige Kälte erst spät ins Land zog. Geduld war gefragt, denn lange hiess es im gesamten Alpengebiet, die Eissäulen seien dünn, mager, spröd, röhrig, schneebedeckt, wasserhinterspült, heikel, schlecht zum Absichern.

Es ist bereits Ende Januar, als Eismeister Dani Arnold anruft und sagt, ­einige Fälle seien nun dick genug gewachsen. Der 31-jährige Urner richtet sein ganzes Leben darauf aus, um sich möglichst viele dieser eisigen Linien «reinzuziehen». Man sieht es ihm an: Von Kopf bis Fuss durchtrainiert, gesunde Gesichtsfarbe, um 4 Uhr früh gut gelaunt. Mitten in der Nacht aufzustehen und den ganzen Tag bei Minustemperaturen im Schatten zu verbringen, ist für ihn das Schönste. Arnold gehört zur Weltelite der Eiskletterer und weiss immer, wo es gerade gefrorene Wasserfälle gibt. Oder noch extremer: Felsrinnen, die mit Eis und Schnee gefüllt sind. Als er vor einem Jahr «Crack Baby», den 340?Meter hohen, extrem steilen Monster­eisfall oberhalb von Mitholz BE allein und ohne Sicherung in 27 Minuten und 13 Sekunden durchstieg, war die Szene sprachlos. Fast noch mehr als 2011, als er Ueli Steck den Zeitrekord in der Eigernordwand abnahm.

Einen besseren Eiskletterlehrer als Dani Arnold hätte ich also kaum finden können. Wir treffen uns in Kandersteg, der Tag bricht gerade an, und es schneit, während wir durch den zauberhaften Oeschinenwald hinauf zum Staubbach wandern. Nach einer halben Stunde erblicken wir das Ziel: «Blue Magic». Die 165 Meter hohe Eislinie (Schwierigkeitsgrad WI5+) gehört zu den attraktivsten der Schweiz, ein Klassiker, ein Magnet. Darum darf man sich weder wundern noch ärgern, wenn schon eine Seilschaft drinsteckt, wenn man ankommt – so, wie wir das an diesem Morgen erleben. Mit Eisfällen verhält es sich wie mit den Liegebetten am Strand. Sind sie besetzt, muss man sich anderweitig umsehen.

Eine harte, aber fragile Materie

Hier oben wäre «Rübezahl» (WI6) eine Alternative: 215 Meter durchgehendes Eis, das über die steile Felswand fällt. Aber die Temperaturen sind zu warm, Wasser plätschert fröhlich über die Eiszapfen. Hier zu klettern, käme einer endlosen, kalten Dusche gleich. Bleibt noch das gigantische, verzettelte Eis­gebilde auf der rechten Seite der Fluh. Alle Varianten in diesem Bereich sind ­so­genannte kombinierte Routen, Eis und Fels, was die Kletterei schwieriger macht. Wir wählen «Antifa» (M5+), laut Eiskletterführer Urs Odermatt «eine kühne Eisspur mit einer kurzen Mixedstelle», 220 Meter hoch. Für mich, das ahne ich schon jetzt, wird die «Mixedstelle» anspruchsvoll.

Während Dani Arnold die erste Seillänge vorausklettert und ich unten sichere, tauchen zwei weitere Eissüchtige auf. Ich komme kurz mit einem von ihnen ins Gespräch: Im Winter arbeite er nur drei Tage pro Woche, damit er mehr Zeit fürs Eisklettern habe, sagt er. Bevor es für mich bereits losgeht. Anders als Aussenstehende oft meinen, sind Eisfälle keine spiegelglatten Platten, sondern kunstvoll gewachsene Formationen, ähnlich wie Wachs, das über eine Kerze geronnen ist. Eis ist eine harte, aber gleichzeitig fragile Materie. Schlägt man mit den ergonomisch geformten Pickeln zu hart zu, splittert es weg – das kann sprichwörtlich ins Auge gehen. Deshalb benutzt man die Strukturen: Löcher, Fugen, Kerben, Rillen. Auch die Frontzacken der Steigeisen müssen mit Feingefühl ins Eis getreten werden, damit sie bei der Belastung halten.

Man kann sich nun wie eine Raupe in der «Paralleltechnik» emporarbeiten: Füsse nach jedem Schritt breitbeinig nebeneinander platzieren, Eisgeräte weiter oben einhauen, die Füsse nachziehen, wieder breitbeinig platzieren und so fort. Dani Arnold hat mir jedoch empfohlen, die «Diagonaltechnik» anzuwenden. Im Steileis sei es besser, wenn man wie auf einer Leiter hochsteige, einen Fuss immer über den anderen setze. «Das ist zwar anstrengender und sehr physisch», sagt er. Aber trotzdem einfacher und vor allem schneller.

Steigeisen sind keine Finken

Die zweite Seillänge endet in einer sehr engen Felshöhle. Weiter geht es über einen schmalen, schneebedeckten Quergang. Unter uns gähnen 85 Meter Abgrund. Ich bin Nachsteigerin, würde ich fallen, dann nur ins Seil. Aber es wäre ein Pendelsturz. Ich würde fünf, sechs Meter abwärtssausen, dann hin und her schwingen – und aufschlagen. Schmerzen wären garantiert. Aber meine Nerven halten stand, ich rutsche nicht aus und erreiche den Standplatz zur vierten Seillänge, wo die eigentliche Schwierigkeit der Route wartet: die ­Mixedstelle. Dani Arnold klettert ­voraus, sein linkes Steigeisen steckt im Steileis, das rechte im leicht überhängenden Fels. Die ungefähr zehn Meter hohe Schlüsselstelle bewältigt er, als wäre sie kinderleicht.

Im Gegensatz dazu gleite ich etliche Mal ab, während ich versuche, die Eisschrauben zu lösen und an meinen Klettergurt zu hängen. Durch die Seildehnung lande ich jedes Mal wieder einen guten Meter weiter unten und muss aufpassen, dass mir die Pickel nicht aus den klammen Händen gleiten. Ohne diese käme ich hier überhaupt nicht mehr weiter. Ich führe einen schweisstreibenden Kampf. Die Beine fast zum Spagat gedehnt, suche ich im harten «Röhreneis» und im Fels Halt. Aber ich verliere immer wieder das Gleichgewicht. Später erklärt mir Dani Arnold, was ich falsch gemacht habe: Anders als beim Klettern mit den Kletterfinken kann man sich mit den Steigeisen nicht zur Seite lehnen, um den Körperschwerpunkt auszugleichen. Weil die Kletterei leicht diagonal unter dem Fels verlief, habe ich aber genau diesen Fehler gemacht – und viel Kraft und Zeit vergeudet.

Dani Arnold bleibt die Ruhe selbst. Starallüren sind ihm unbekannt. Trotz seiner Sponsoren arbeitet er regel­mässig als Bergführer oder hält Vorträge vor Publikum. Durch das selbst verdiente Einkommen bleibe er unabhängig und setze sich keinem Erfolgsdruck aus. Zudem müsse er nicht jeden Tag an der Limite klettern, sagt er. Seine Gäste sucht er sich dennoch aus. In der Regel Leute, die ehrgeizige Ziele verfolgen.

Eiszapfen wie Orgelpfeifen

Die zwei letzten Seillängen sind wieder «einfacher», das Eis etwa 80 Grad steil. Im Nachstieg bewältige ich diese Schwierigkeit sturzfrei. Vorausklettern würde ich mich jedoch nie getrauen. Meine Psyche ist zu schwach, und bei einem Sturz wären Beine oder Kniescheiben schnell gebrochen. Dani Arnold sagt, im Vorstieg müsse man genug Reserven einplanen, Eisrouten viel defensiver angehen als Felsrouten, einen Schwierigkeitsgrad wählen, bei dem man sich wohlfühle. «Sobald du über deine Verhältnisse gehst, machst du unweigerlich Fehler. Dann wird es rasch gefährlich.»

Nach vier Stunden erreichen wir den Ausstieg von «Antifa». Abgeseilt wird teilweise überhängend. Vorbei an mächtigen Eiszapfen, die wie Pfeifen einer Kirchenorgel ins Leere hängen. Mit einem einzigen Fusstritt könnte man diese abbrechen – ein tödliches Geschoss für Untenstehende. Beim Wandfuss treffen wir die beiden Eissüchtigen vom Morgen wieder. Sie steigen jetzt noch in «Rübezahl» ein. Auch die Seilschaft, die «Blue Magic» an diesem Tag besetzen konnte, ist zurück. Sie klagen. Weil der Klassiker in den Tagen zuvor einige ­Besucher hatte, seien jetzt Tritte und Absätze im Eis, was die Kletterei ein­facher macht. Genau das wünscht sich kein Eissüchtiger.

Dani Arnold hält bis Ende März 2015 in der ganzen Schweiz Multivisionsvorträge über seine Expeditionen in aller Welt. Infos zu «Der Grenzgänger»: www.explora.ch, www.daniarnold.ch

Erstellt: 25.02.2015, 19:32 Uhr

Fünf vermeidbare Fehler

Voraussetzungen für das Steileisklettern sind neben guter physischer und psychischer Fitness auch Leidensfähigkeit und Freude am Frieren. Man darf weder Angst vor unterkühlten Fingern noch dem sogenannten Kuhnagel haben, der bis zur Ohnmacht führen kann. Von Vorteil ist zudem eine gesunde Lust am frühen Aufstehen. Nicht zuletzt sollte man sich vor folgenden fünf dummen Fehlern hüten:

- Ohne genügend alpinistische Erfahrung und Wissen über die Tücken des Eises auf eigene Faust eine Tour starten.

- Stürzen im Vorstieg. Schlagen die Steig­eisen und die Pickel unkontrolliert auf, sind Knochen schnell gebrochen.

- Unterhalb einer Seilschaft klettern. Man gefährdet sich selber, weil die anderen von oben Eisschlag auslösen können. Und zudem die obere Seilschaft, wenn diese abseilt – und die Situation dreht.

- Die Lawinengefahr vergessen. Im Steileis können bereits kleine Schneeabgänge lebensgefährlich sein, ebenso beim Zustieg.

- Einen Eisfall klettern, bevor er sich richtig geformt hat. Gefrorene Wasserfälle sind ein Wunder der Natur, bilden sich in jedem Winter neu. Eine Jahreserstbegehung hat ihren Reiz, kann aber bei zu dünnem Eis riskant werden. Allenfalls können dadurch ausgelöste Eisabbrüche nicht mehr nachwachsen und die Route für den Rest des Winters ruinieren. (TA)


Eiskletterer Dani Arnold.

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