Trügerische Normalität am Everest

Nach zwei Katastrophenjahren ging am höchsten Berg wieder eine erfolgreiche Saison zu Ende. Das war wichtig für Nepal, doch keine Garantie für die Zukunft – die Südroute bleibt unberechenbar.

Der Gletscher auf der Südroute ist gefährlich wegen hoher Dynamik: Ein Bergsteiger überquert den Khumbu-Eisbruch.  Foto: DDP

Der Gletscher auf der Südroute ist gefährlich wegen hoher Dynamik: Ein Bergsteiger überquert den Khumbu-Eisbruch. Foto: DDP

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Seit 2013 verlief keine Saison am Everest mehr ohne grössere Zwischenfälle. Da war die Schlägerei von Ueli Steck mit den Sherpas, dann 2014 die Eislawine, die 16 Sherpas tötete, und schliesslich das verheerende Erdbeben vom 25. April 2015, das in Nepal 9000 Menschenleben forderte, deren 19 am Everest. Eine Chronologie, die als Steigerungslauf göttlicher Wut gedeutet werden könnte. Schliesslich galt es in Nepal seit je als Provokation der Götter, auf Berge zu steigen.

2016 widerlegte aber den Glauben. Fast 400 Menschen erreichten den Gipfel, wovon zwei Drittel über die nepalesische Südroute aufstiegen. 5 Menschen starben. Vorsorglich wurde die Südroute im Bereich des Khumbu-Eisbruchs weiter westlich verlegt, weg von den gefährlichen Hängen des Lho-La Peak, wo immer wieder Eislawinen abgehen. Die Wetterfenster waren günstig, die Schneeverhältnisse so ideal, dass der Hillary-Step einfach zu überwinden war und die Diskussion um fest installierte Leitern wieder verstummte. Eine gute Saison. Die Bestätigung von Reinhold Messner kommt knapp und handgeschrieben: «Der Fluchtpunkt der Eitelkeiten», wie er den Gipfel nennt, «ist attraktiv wie eh und je.»

«Die Südseite ist zu gefährlich»: Reinhold Messner über den Massentourismus am Everest. Video: Dominik Osswald

Die nun zurückgekehrte Normalität könnte Fluch und Segen zugleich sein. Denn sie steht einem strukturellen Umdenken im Weg, das in letzter Zeit durchaus gewachsen ist. Nepal braucht zwar die Einnahmen am Everest. Doch kann der bergsteigende Massentourismus diese langfristig sichern? Die letzten Jahre haben gezeigt, welch labiles Geschäftsmodell da gewachsen ist, das Naturgewalten und sozialen Verstimmungen immer mehr Angriffsfläche bietet.

Fluchwörter und Mordlust

Es sah nach einer Lapalie aus, was Ueli Steck, Simone Moro und Jon Griffith im Frühjahr 2013 erbost hatte und was die Sherpas derart zur Rage trieb, dass sie die drei tatsächlich umbringen wollten. Steck und seine Begleiter hielten sich nicht an die Regeln, bewegten sich am Berg, während die Sherpas dort ihre Fixseile verlegten. Es war das klare Signal der drei Ausnahmekönner: Wir sind an eurem Berg nicht auf eure Hilfe angewiesen, folglich halten wir uns auch nicht an eure Regeln. Ein Angriff auf das wirtschaftliche Modell, die Hierarchie und, spätestens als sich Simone Moro wüster nepalesischer Fluchwörter bediente, eine folgenschwere Verletzung der Ehre der Sherpas. Das rechtfertigte aber nicht deren Gewaltbereitschaft. Vielmehr warf diese die Frage auf: Was musste in der Vergangenheit schon alles zähneknirschend toleriert worden sein, dass ein einziges unglückliches Zusammentreffen derartige Bosheit, sogar Mordlust heraufbeschwor?

Im Jahr 2014 war es der Natur geschuldet, dass die Saison zu Ende war, ehe sie begonnen hatte: Eine Eislawine begrub 16 Sherpas, während sie Fixseile im Khumbu-Eisbruch verlegten. In die Trauer mischte sich Wut. Das Bewusstsein zum Protest war nun gereift, und auch wenn niemand etwas für die Eis­lawine konnte, so war es keine Willkür, als die Sherpas nach Verantwortlichen suchten und bei der Regierung Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen und Lebensversicherungen stellten. Der Saisonabbruch wurde zum Missfallen vieler westlicher Bergsteiger vollzogen. In Solukhumbu wurde man vielfach den Eindruck nicht los, dass der Respekt vor 16 Menschenleben weniger galt als die rund 75'000 Dollar, welche die Touristen für ihr Abenteuer bezahlt hatten. Zwar wurden ihre Besteigungsbewilligungen auf fünf Jahre verlängert, doch einige reisten höchst missmutig darüber ab, dass sie den Gipfel nun nicht erklommen hatten.

Im Folgejahr 2015 waren viele wieder angereist, als sich das verheerende Erdbeben ereignete. Diesmal erübrigte sich jede Diskussion über eine Fortführung der Saison, nachdem eine Lawine das Basislager zerstört hatte, und die Touristen schätzten sich glücklich, das in Trümmern liegende Land schnellstmöglich verlassen zu können.

«Je mehr der Everest tötet, desto mehr Bergsteiger kommen.»Alan Arnette, Alpinist

Das Bergsteigerbusiness bringt rund 15 Millionen Dollar jährlich nach Nepal. Von den über 7000 Menschen, die bis heute den Gipfel erreichten, wählte die Mehrheit die Südroute via Nepal, während die ehemals tibetische Nordseite – wenn auch objektiv sicherer – mit China als launischem Türsteher eher gemieden wird. Würde die Nordseite nun dennoch zur besseren Wahl und damit das Geschäft nach China abwandern?

Tatsächlich setzte 2016 ein berühmtes, wenn auch paradoxes Muster aus, das sonst jeweils zu spielen scheint. Der Bergsteiger Alan Arnette macht es an der Statistik der letzten 20 Jahre fest, wenn er sagt: «Je mehr der Everest tötet, desto mehr Bergsteiger kommen.» So folgte auf eine Saison mit aussergewöhnlich vielen Toten immer eine mit Rekordansturm.

Diesmal sollte es nicht so sein. Anfang Jahr zeichnete sich ab, dass viele Bergsteiger fernbleiben würden. Nepals Tourismusministerium entschied daher, die Gültigkeit der 11'000 Dollar teuren Besteigungsbewilligungen vom letzten Jahr zu verlängern. Zwar kamen mit 289 Bergsteigern dann immer noch rund 10 Prozent weniger als noch 2015, doch damit hinterliessen die Ereignisse der Vorjahre relativ geringe Spuren. Sinnbildlich dafür wurden zahlreiche Zelte im Basislager wieder dort aufgebaut, wo sie letztes Jahr von der Lawine zerstört wurden.

Einstürzende Eisgebilde

Auch der Schweizer Expeditionsführer Kari Kobler war wieder am Berg, stand mit zwei Gästen und sechs Sherpas auf dem Gipfel. Er macht seine Expeditionen seit je auf der Nordseite, weil diese objektiv sicherer ist; die Route verläuft kaum im Bereich von heiklen Eisabbruchzonen. Kobler sagt, dass man die Nervosität im Vorfeld der Besteigungen auf der Südseite habe spüren können, umso mehr die aktuelle Erleichterung, dass alles gut gegangen sei. Doch seien nur unmerklich mehr Bergsteiger auf der Nordseite aufgetaucht als in früheren Jahren.

Die nepalesische Befürchtung, dass mehr Touristen den chinesischen Nordweg wählen könnten, weil sie das Vertrauen in den Südweg verloren, hatte sich also nicht bewahrheitet – zumindest noch nicht. «Solange grosse Anbieter wie zum Beispiel Himalayan Experience auf der Südseite bleiben, wird diese Verlagerung nicht stattfinden», ist Kobler überzeugt. Er gibt zu bedenken, dass solch grosse Anbieter lokal stark verankert seien. «Die logistischen Abläufe sind sehr gut eingespielt, auf die Nordseite zu wechseln, würde bedeuten, alles neu aufzubauen.»

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Doch sowohl Kari Kobler als auch Reinhold Messner sind sich einig: Es ist eine Frage der Zeit, bis sich auf der Südseite wieder Unfälle ereignen wegen plötzlicher Ereignisse wie Eis­lawinen oder einstürzender Eisgebilde. Eine Gefahr, die in Zukunft gar anwachsen könnte, wie der Glaziologe Tobias Bolch von der Uni Zürich sagt. So liege die Gleichgewichtslinie des Khumbu-Gletschers auf rund 5700 m ü. M.: An diesem Punkt kommt gleich viel Eis von oben nach, wie nach unten wegfliesst. Hier ist die Gletscherdynamik hoch, die Fliessrate beträgt über 50 Meter pro Jahr. Unter dem Eis bildet der Fels eine steile Stufe, die den Gletscherabbruch verschärft. Hier müssen die Bergsteiger zwangsläufig durch. «Wenn die Schneegrenze weiter ansteigt, wie sie es in der jüngsten Vergangenheit als Folge des Klimawandels tat, könnte der ganze Khumbu-Eisbruch ins Zehrgebiet mit den grössten Gletscherbewegungen fallen», erklärt Bolch.

Während die Südroute also im Schmelzen begriffen ist und Überraschungen bereithalten wird, scheint die Nordseite Boden gutzumachen. So berichtet Kari Kobler, dass die chinesischen Behörden inzwischen umgänglicher seien, dass eine neue Strasse bis nach Rongbuk gebaut wurde, «quasi bis ans Basislager heran». Ausserdem sei eine Zugverbindung quer durch Tibet bis nach Kathmandu geplant und eine Kehrichtverbrennung, um den anfallenden Müll der Bergsteiger vor Ort zu verbrennen. Auf die zukünftige Verteilung der Bergsteiger angesprochen, schreibt Messner: «Schwierig zu sagen: Die Südseite bleibt gefährlich, die Nordseite bleibt China.»

Erstellt: 29.06.2016, 17:29 Uhr

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Gegen das Aussterben

In Göschenen und Airolo ist man besorgt, dass der Gotthard-Basis­tunnel den Dörfern das letzte Leben aushaucht. Mag sein. Doch man darf die Wanderer nicht vergessen, die nun in Scharen ent­decken werden, dass man auch in fünf Tagen oben durchkann, statt in 17 Minuten unten durch. Diesen Tourentipp findet man pünktlich zur Tunnel­eröffnung sowohl in «Die Alpen» als auch im Transa-Magazin «4-Seasons» und im Angebot der Mammut Alpine School. Die Maturandin Vera Meier kam schon vor drei Jahren auf diese Idee. Im TA vom 5.?4.?2014 stellte sie ihre Maturaarbeit vor, für welche sie den Verlauf des Basistunnels oberflächlich abschritt. Der Haken für die Bergdörfer: Je nach Route, die man einschlägt, kommt man nicht in Göschenen oder Airolo vorbei. Göschenen bleibt aber Ausgangspunkt für das unverbesserliche Granitklettern im Salbit, und Airolo hat immer noch ein Skigebiet, das bis heute als Geheimtipp unter Freeridern gilt.

Vom Aussterben zeugen die Mammuts, die immer wieder im langsam auftauenden sibirischen Boden entdeckt werden. Vermutlich war es die rasche Erwärmung zum Ende der letzten Eiszeit, welche die wuchtigen Rüsseltiere kaltmachte. Die Schweizer Bergsportmarke Mammut lebt noch, aber es soll auch ihr nicht besonders gut gehen. Mammut war lange Zeit der Beamte unter den Ausrüstern: korrekt, farblos und dann plötzlich überschwänglich farbig im Bestreben, mit der Zeit Schritt zu halten, und seither so etwas wie die Schwiegermutter, die Emojis entdeckt hat. Doch das ist nicht der Grund der aktuellen Krise. Die Produkte verkaufen sich immer noch einigermassen gut. Schuld ist vor allem ein Währungsdurcheinander: Laut der «Handelszeitung» kauft Mammut in Dollar ein, verkauft vor allem in Euro und rechnet in Franken. Dieser Münzenmultikulti soll in der harten Wirtschaft da draussen zu empfindlichen Einbussen führen. Damit kommt die Marke aber sehr authentisch daher, denn ihr Motto lautet: «absolute alpine». Und nichts ist alpiner als: gerade so über die Runden kommen, auf die dritte Säule pfeifen, sich stattdessen einen Jetboil leisten und feine Süppli im kalten Biwak zubereiten. Wo Geldsorgen keinen Platz haben.

Ist Ihnen Christian Stangl ein Begriff? Der Österreicher wollte sich als «Skyrunner» einen Namen machen, indem er 8000er in Rekordzeiten bestieg, wurde dann aber im Jahr 2010 als grosser Betrüger bekannt, nachdem er hatte gestehen müssen, dass er den K2 – anders als zuvor behauptet – gar nie erklommen hatte, sondern auf halbem Weg kehrtmachte. Den Skyrunner hatte er damit errufmordet, alles sprach dafür, dass der Mann in die alpine Vergessenheit verbannt würde. Doch er kämpfte sich zurück. Sein Fehlverhalten eingestehend, setzt Stangl bei seiner Rehabilitation vor allem auf Bergsteigen, das tolle Zahlenkombinationen zulässt. So gelangen ihm als erster Mensch die «Triple Seven Summits», die drei höchsten Berge jedes Kontinents (2012 bestieg er nochmals die Spitze des K2). Weil das insgesamt 21 sind, erfand der den klugen Slogan «21. Jahrhundert = 21 Gipfel!». Und es kommt noch klüger: Sein neustes Projekt sind 50 Klettersteige, die er bis zu seinem Geburtstag am 10. Juli klettern will. Sie ahnen es: Der Mann, der derzeit fleissig an Österreichs Eisenstangen hampelt, wird im Juli 50-jährig.

In dieser Spalte stecken mehr und weniger wichtige Nachrichten aus den Bergen.

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