Vielfältige Pracht

Sonntagsausflug zum Schmetterlingsweg oberhalb des Lungernsees.

Von Touristenströmen noch verschont: Der Schmetterlingsweg im Kanton Obwalden, wo der Schwalbenschwanz (links) und der Kleine Fuchs (rechts) vorkommen. Bild: Cornelia Burch

Von Touristenströmen noch verschont: Der Schmetterlingsweg im Kanton Obwalden, wo der Schwalbenschwanz (links) und der Kleine Fuchs (rechts) vorkommen. Bild: Cornelia Burch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Von der Rinderalp gellen schrille Pfiffe herab. Sie vermengen sich mit dem aufgeregten Gebimmel der Treicheln und einem an- und abschwellenden Gebrumm zur kakofonischen Symphonie des Obwaldner Bergsommers.

«Luegid einisch», sagt Peter Lienert. Der Wanderführer ist stehen geblieben; er hat etwas entdeckt. Auf dem Sädel, eine gute Wanderstunde von der Bergstation der Turrenbahn entfernt, ist die atemberaubende Aussicht der Lohn für die Mühen des kleinen Aufstiegs. Peter lehnt den Rucksack an einen Stein und sagt nochmals. «Luegid einisch.»

Er meint nicht die Murmel­tiere, die ihre Sippe vor den Wanderern warnen; auch nicht die Rindviecher, die ihren Kräuterschmaus unterbrechen und sich in Bewegung setzen, weil die Neugier grösser ist als die Angst; selbst Bienen und Hummeln, die emsig von einer Blüte zur nächsten schwirren, lassen Peter unbeeindruckt.

Es ist etwas anderes.Er geht in die Knie, kauert vor einem Löwenzahnstängel, an dem ein blattähnliches Gebilde klebt: «Ein kleiner Fuchs», flüstert er, «auch als Nesselfalter bekannt . . .» Da löst sich der Schmetterling von der Pflanze und ist, kaum hat er die zarten Flügel geöffnet, bernsteinfarben mit schwarzen Segmenten, gesäumt von einer Reihe hellblauer Punkte, auch schon lautlos flatternd im tiefdunklen Blau des Himmels verschwunden.

Dieses feenhafte Wesen, das mit opulenter Farbenpracht und fili­granem Charme wie kein anderes Insekt zu verzaubern vermag, macht die Bergwanderung hoch über dem Lungernsee zum Erlebnis. Noch ist der Schmetterlingsweg von den grossen Touristenströmen verschont geblieben, in Kreisen der Lepidopterologen allerdings – so nennen sich die Zeit­genossen, die den zarten Flatterdingern einst mit Netzen und Botanisierbüchsen nachstellten, heute jedoch nur noch mit Notizblock und Teleobjektiv hinter ihnen her sind – ist er über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Nirgendwo auf dem Kontinent ist die Vielfalt an bunten Faltern so reichhaltig wie hier. 115 zum Teil sehr seltene Arten sind im Herzen der Schweiz registriert worden, an den Hängen ob dem See, der tief unten in kitschigem Smaragdgrün zwischen den Bäumen glitzert.

Symbol für Unsterblichkeit und Wiedergeburt

«Das Phänomen der Schmetter­linge hat auch mit diesem prächtigen Panorama zu tun», erklärt Peter Lienert und macht, während seine Gäste sich an Eistee, Landjäger und Bürli gütlich tun, eine ausladende Handbewegung vom Norden, wo hinter dem Sarner- und Vierwaldstättersee Stanserhorn, Pilatus und Rigi aufragen, über den Osten, wo hinter dem Melchsee die Älggialp den Mittelpunkt der Schweiz markiert, bis in den Süden, wo hinter dem Brünig die Berner und Walliser Hochalpen den Himmel berühren. «Hier ist deutlich erkennbar, wie sich die verschiedensten geologischen Schichten zum Alpenmassiv gefaltet haben. Die Ausrichtung der Hänge und die traditionelle, schonende Bewirtschaftung der Magerwiesen lassen saftige Gräser und würzige Kräuter in grosser Zahl gedeihen, die ihrerseits die Artenvielfalt der Insekten und insbesondere der Schmetterlinge ermöglichen.»

Im Westen, über dem Napf­gebiet, kochen dunkle Wolken hoch. Noch ist das Ziel, der See, gut zwei Stunden entfernt. «Wir nehmen die Abkürzung», beschliesst Peter angesichts der drohenden Wetterfront. «Statt nach Kaiserstuhl steigen wir den steileren Weg ab, direkt nach Lungern hinunter.»

Schmetterling. Welch dämlicher Begriff, denkt einer laut nach, abgesehen vom tasmanischen Teufel gebe es wohl kaum ein Tier, das vom Menschen mit einem ähnlich unpassenden Namen bestraft worden sei. Nicht ganz, wendet der Lepidopterologe ein, mit Schmettern habe das nämlich gar nichts zu tun; der Name gehe auf den altdeutschen Begriff Schmetten zurück, was so viel wie Rahm bedeute. Und Sommervögel – so die auch nicht besonders glückliche Bezeichnung im Schweizerdeutschen – seien Schleckmäuler, die gern Rahm naschen, was auch in der englische Bezeichnung Butterfly zum Ausdruck komme. Im Übrigen gelte das Tier, das sich von der unscheinbaren Raupe über eine geheimnisvolle Puppe in ein lebendiges Kunstwerk verwandle, auch als Symbol für Unsterblichkeit und Wiedergeburt.

«Schmetterling, Sommervogel, Butterfliege – alles Unsinn», meldet sich die Italienerin in der Gruppe zu Wort. «Der schönste und wirklich passende Name für diese Bellissima ist Farfallina!»

Ab 14. Juli bis 25. August bietet Obwalden Tourismus geführte Schmetterlingsweg-Touren für 79 Fr. an (inkl. Seilbahn und Frühstück). Reservation: Tel. 041 666 50 40, www.obwalden-tourismus.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.07.2018, 00:09 Uhr

Artikel zum Thema

Wenn plötzlich die Flut kommt

SonntagsZeitung Die Gezeiten vollführen vor der Kanalinsel Jersey ein mächtiges Spiel. Deshalb empfiehlt sich ein Wattführer. Mehr...

Auf zu den Quellen der Schweizer Flüsse

Eine 85 Kilometer lange Bergwanderung führt in fünf Etappen zu jenen Orten, an denen der Rhein, die Reuss, der Ticino und die Rhone entspringen – atemberaubende Momente inklusive. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Genuss, Leidenschaft und Exotik

History Reloaded Das blutige Ende der Romanows

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...