Vier Rollen für die Freiheit

Die Anden bieten spektakuläre Strecken für Downhill-Skateboarder. Unsere Autorin hat sich mit der Community auf die Strasse gewagt.

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Fernando Rodriguez und seine Freunde meistern an diesem Nachmittag zum dritten Mal die Strasse oberhalb ihrer Heimatstadt Huancayo. Das Adrenalin rauscht durch die Adern, für einen kurzen Augenblick vergessen sie Alltag und Sorgen, während sie über die gewundene Andenstrasse rasen. Vor jeder engen Kurve stellen die Skater ihr Brett kurz quer und rutschen ein paar Meter, die Hand mit einem Plastikpuck am Boden, um etwas Tempo rauszunehmen. Downhill-Skateboarding nennt sich diese Extremsportart auf vier Rollen.

Während der Anfahrt legt Rodriguez Wert darauf, bei einem Kiosk anzuhalten, um Kokablätter zu kaufen. Bereits die Inkas kauten diese Pflanze, als Schutz gegen die Höhenkrankheit, die sich für Ankömmlinge am ersten Tag wie ein böser Kater nach einer durchzechten Nacht anfühlen kann. Am Startpunkt der Strasse verteilt der 25-Jährige die Blätter unter den Longboardern. «Das ist ein kleines Ritual, um Pachamama um Schutz zu bitten», erklärt er, bevor er drei Kokablätter nimmt, langsam zerkaut und dann ausspuckt.

Stets auf der Suchenach dem nächsten Kick

An der Passstrasse oberhalb von Chupuro, ungefähr eine Auto­stunde von Huancayo entfernt, treffen sich an diesem Sonntagnachmittag vierzehn Longboarder zum Training, darunter eine einzige Frau: die Autorin. Der weibliche Anteil in dieser Sportart ist sehr tief. Die Strasse schlängelt sich auf 4300 Meter über Meer. Auf dieser Strecke haben schon internationale Rennen stattgefunden, im vergangenen Juli nationale Meisterschaften.

Vor solchen Veranstaltungen ist meist eine Schamanin dabei, die mit allen Teilnehmenden ein Ritual durchführt. Nur etwas für Abergläubige? Für Rodriguez ist es mehr. Einmal habe er kein Ritual durchgeführt, Pachamama, die Göttin der Erde, nicht um Schutz gebeten. Just an diesem Tag kam er bei 80 Stundenkilometer seinem besten Freund auf dem Longboard zu nahe, verkeilte und flog durch die Luft. Beim Sturz brach sich Rodriguez die Schultern, zwei Rippen und das Becken.

Dieser Unfall ist nun zwei Jahre her. Während der Rehabilitation hat sich der Longboarder auf die Organisation von Rennen kon­zentriert, um indirekt seiner Leidenschaft nachzugehen. Nun ist Fernando Rodriguez wieder gesund, hat seit kurzem den Masterabschluss in der Tasche und viel Zeit zum Trainieren.

Wie viele andere peruanische Longboarder hegt er den Traum einer Karriere als Athlet. Dass sich mit diesem Sport der Lebensunterhalt nicht ver­dienen lässt, ist kein Geheimnis, dafür steht die Sportart zu sehr im Schatten. Es geht Rodriguez darum, an der ganzen Weltcuptournee teilnehmen zu ­können – oder wenigstens bei allen Tourstops in Südamerika dabei zu sein, um Champion des eigenen Kontinents zu werden.

Was zählt, sind der Moment, die nächste Kurve.

«Todos locos», denken viele, wenn sie die Longboarder auf ihren Brettern die Strasse ­herunterbrausen sehen, «alles Verrückte». Was treibt sie an? Was bringt sie dazu, das Leben zu ­riskieren? Egal, wo man fragt, die Antworten sind überall dieselben: «Das Gefühl von Freiheit, das Spiel mit den eigenen Grenzen, die Suche nach dem nächsten Adrenalinkick.»

Wer bei Höchstgeschwindigkeiten mit einem Rollbrett auf offener Strasse ins Tal saust, muss den Kopf ganz bei der Sache haben. Der Alltag, die Sorgen – für einen Moment ist alles vergessen, alles sehr weit weg. Was zählt, sind der Moment, die nächste Kurve.

Muskelkater in den Beinen – und im Gesicht

Einige Athleten vergleichen das Longboarden mit Meditation. Angst? Nein, aber eine gesunde Portion Respekt und viel Vertrauen in den eigenen Körper, in die ­eigenen Fähigkeiten. Manch einer überschätzt sich, rutscht in den Strassengraben, steht wieder auf und fährt weiter. Umfallen gehört zur Sportart ebenso wie das Hochgefühl nach einer sauberen Abfahrt in der Gruppe. Ein intensiver Tag auf dem Longboard sorgt nicht nur für Muskelkater in den Beinen, ­sondern auch im Gesicht – vom ständigen Grinsen.

1000 Kilometer südöstlich von Huancayo liegt Arequipa, ein weiterer Hotspot der peruanischen Downhill-Szene. Die Inkas hielten das wüstenartige Klima für ­unfruchtbar und mieden die ­Gegend. Die Spanier aber realisierten bei ihrer Ankunft 1540, dass das Klima um die Vulkane ähnlich ist wie in der Heimat. Sie liessen sich gern hier nieder.

Heute ist die Stadt aus der Kolonialzeit mit einer Million Einwohnern nach Lima die zweitgrösste Perus. Im Zentrum liegt, wie in den meisten Städten des Landes, die Plaza de Armas. Ein historischer Platz, der von einer grossen Kirche, dem Rathaus sowie weiteren wichtigen Gebäuden flankiert wird.

«Mi casa es su casa», Longboarder sind willkommen

Im Vergleich zu Huancayo ist die Longboard-Szene hier sehr übersichtlich, momentan gibt es nur acht aktive Longboarder und eine Handvoll, die aus zeitlichen oder gesundheitlichen Gründen die Leidenschaft an den Nagel ­gehängt hat. Die Gruppe ist inter­national wenig vernetzt, auch weil hier keine Weltcuprennen ­stattfinden.

Für die 19- bis 23-jährigen Studenten liegt es zudem ­finanziell nicht drin, sich einen Lederanzug und die Reise nach Huancayo zu leisten, um dort an ­Rennen teilzunehmen. Umso mehr freuen sie sich über internationalen Besuch. «Mi casa es su casa» gilt für alle, die mit einem Longboard im Gepäck anreisen, auch wenn man vorher erst wenige Nachrichten auf Facebook aus­getauscht hat.

Facebook ist die Plattform, auf der sich die gut vernetzte Szene weltweit in Gruppen austauscht, waghalsige Videos teilt und die ­neusten technischen Errungenschaften wie aerodynamische Helme oder Carbon-Bretter mit Präzisionsachsen kommentiert. Für die meisten peruanischen Longboarder liegt solch professionelles Equipment ausser Reichweite. An gutes Longboard-Zubehör zu kommen, ist in Peru schwierig.

Der einzige spezialisierte Shop, der Chaman Longboard Store in Lima, machte 2016 aufgrund mangelnder Nachfrage dicht. Die wenigen peruanischen Skate-Shops verkaufen nur Street-Skateboards und Inlineskates. Dazu kommen «Tablas Piratas», billige Longboards aus China, die zwar praktisch als Fortbewegungsmittel, mit hohem Tempo aber sehr gefährlich sind.

In Peru haben Vegetarier ein schweres Leben.

Die ersten Adrenalinjunkies in Peru bretterten bereits 2001 die Strassen der Anden hinunter. Unter ihnen der damals 25-jährige Edgardo Bretoneche, der den Sport aus den USA kannte. Er gilt nicht nur als Pionier Perus, sondern ganz Südamerikas. Heute wohnt er in Lima, wo über die Hälfte der 150 aktiven Longboarder des Landes lebt.

Seit dem ersten Rennen in Tarma 2009, zwei Stunden von Huancayo entfernt, finden in Peru praktisch jährlich Weltcuprennen in der Disziplin Downhill-Skateboarding statt. Die Zusammenarbeit mit Regionalregierungen wird jedoch vor jedem Event zur neuen Herausforderung. Abgesehen von Peru gibt es in ­Südamerika vor allem in Brasilien, Kolumbien, Chile und Ecuador zahlreiche ­starke Athleten und inter­nationale Rennen.

Vor den Ausflügen trifft sich die Crew meist bei Victor Salas zu Hause in Arequipa, wo wir einquartiert sind. Mit eineinhalb Stunden Verspätung trifft der letzte Skater ein. Victors Mutter Maria kocht für alle, während im Wohnzimmer der Fernseher läuft: Telenovelas mit Intrigen oder Schlagzeilen zum neusten Korruptionsskandal in der Regierung. Bei den meisten Einheimischen lösen solche Nach­richten ein knappes Schulterzucken aus. Trotz geschlossenem Kongress und abgesetztem Präsidenten ist die politische Lage in Peru stabil.

Zum Essen gibt es Arroz con pollo, Reis mit Poulet, Lomo saltado, Rindfleisch mit Pommes und Reis, oder sonst ein kräftiges Gericht mit Fleisch. Vegetarier haben ein schweres Leben in Peru. Nach der Stärkung herzt Maria jeden Einzelnen, dazu der obligatorische Kuss auf die linke Wange. Begrüssung und Verabschiedung sind immer sehr herzlich, erst recht innerhalb der Familie. So viel Zärtlichkeit zwischen Müttern und erwachsenen Söhnen ist man aus der Schweiz nicht gewohnt.

Dem Himmel etwas näher kommen

Beim Aussichtspunkt Mirador de los Andes auf 4910 Meter über Meer setzen wir uns zwischen die zahlreichen Steinmännchen und meditieren eine Weile, um Geist und Seele mit Körper und Naturzu verbinden. Schliesslich haben wir eine 30 Kilometer lange Abfahrt in den Colca-Canyon, einen der tiefsten Canyons der Welt, vor uns.

Touristen nehmen die vierstündige Autofahrt dorthin auf sich, um von Chivay aus bei einer mehr­tägigen Wanderung die Terrassen und die Kondore zu bestaunen. Wir nehmen die Fahrt auf uns, um 25 Minuten die ultimative Zu­friedenheit auf dem Longboard zu geniessen. Es herrscht Gegenverkehr, und die peruanischen Autofahrer sind für ihren riskanten Fahrstil berüchtigt. Entsprechend lautet die überlebenswichtige Regel: «Bleib auf deiner Strassenseite!»

Mehrmals legen wir eine Pause ein, die dünne Luft macht dem Kreislauf zu schaffen. Im Dorf Chivay am Ende der Strecke rennt uns ein Rudel bellender Hunde entgegen. Streunende Hunde sind landesweit ein Problem. Einzeln sind die zum Teil verwahrlosten Vierbeiner anhänglich, in der Gruppe können sie sehr aggressiv und gefährlich werden. Wir lärmen mit den Plastikpucks, um sie zu ver­treiben.

Die zehn Kilometer lange Strecke nach Chapi ist steil und technisch anspruchsvoll. Foto: Annina Brühwiler

Eine andere lange und sehr anspruchsvolle Abfahrt führt zum Pilgerort Chapi. Im Talkessel warten einzig ein paar Imbissbuden sowie eine der grössten Kirchen Perus. An gewissen religiösen Festen zu Ehren der Jungfrau von ­Chapi pilgern bis zu 100'000 ­Gläubige von Arequipa her ins Tal.

Ein Taxi chauffiert uns für umgerechnet 30 Franken dorthin und ­mehrmals die Strecke hoch. Auf der Pass­höhe zünden wir für jeden Mitstreiter eine Kerze an, damit uns die Jungfrau bei der Abfahrt beschützt. Die zehn Kilometer lange Strecke ist steil und technisch anspruchsvoll – eine mentale ­Heraus­forderung selbst für Profis.

Auf der Rückfahrt geniessen wir die Aussicht auf die Vulkane Misti, Pichu Pichu und Chachani. Kaum ein anderer 6000er weltweit ist so leicht zu meistern wie letzterer. Es gibt Leute, die auf Berge steigen, um dem Himmel näher zu sein. Wer als Longboarder nach Peru reist, findet dort den Himmel auf Erden.

Erstellt: 27.01.2020, 13:12 Uhr

Peru auf dem Longboard entdecken



  • Anreise: Flug von Zürich via Madrid nach Lima mit Iberia; www.iberia.com. Für Inlandflüge Latam, alternativ Langstreckenbusse, z.B. Olturso oder Movilbus.

  • Reiseveranstalter: Im Zentrum peruanischer Städte bei der Plaza de Armas gibt es zahlreiche Agenturen für Ausflüge in der Region.

  • Einreise: Kein Visum nötig für Peru, oft wird Ausreiseticket verlangt.

  • Beste Reisezeit: Mai bis November.

  • Allg. Infos: www.peru.travel/de

  • Downhill-Skateboarding: Die Sportart entstand in den 70er-Jahren in den USA aus dem Skateboarden. Die Bretter sind stabiler, die Rollen grösser als bei Street-Skateboards. Ziel ist es, mit möglichst hoher Geschwindigkeit eine geneigte Strecke hinunterzufahren. Zum Bremsen setzen die Longboarder entweder einen Fuss auf den Boden oder stellen das Brett quer. Spitzengeschwindigkeiten bei Rennen liegen bei 100 Stundenkilometern. Lederanzug und Integralhelm sind obligatorisch. Trainiert wird meist auf offener Strasse. Die rechtliche Lage sieht in jedem Land anders aus. In Peru ist die Strassenbenützung legal, in der Schweiz darf der Sport nur auf Nebenstrassen ausgeübt werden. www.swiss-downhill-longboarding.ch

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