Vollfett in der Spur

Die Trendsportart Winterbiken kommt in Zeiten akuten Schneemangels wie gerufen. Selbst Nobelkurorte wie Gstaad springen auf.

Dicke Reifen greifen: Bikeguide Claude Frautschi am Lauenensee. Foto: Bernard van Dierendonck

Dicke Reifen greifen: Bikeguide Claude Frautschi am Lauenensee. Foto: Bernard van Dierendonck

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Beim Lauenensee, wo die Sonne gerade noch hinter dem Mutt- und Spitzhorn hervorblinzelt, liegt endlich durchgehend Schnee auf dem Alpsträsschen. Spurrillen von Pferdekutschen, Matsch, hart gefrorener Schnee: Auch wenn die Fatbikes mit zehn Zentimeter dicken Stollenpneus überraschend locker über die Hindernisse rollen, erfordert die ungewohnte Unterlage von Winterbike-Neulingen volle Konzentration. Zur Auflockerung demonstriert der Guide Claude Frautschi, was mit den klobigen Bikes möglich ist, und fährt im Wheelie, elegant auf dem Hinterrad, an uns vorbei. Wir lassen die Nachahmung vorerst bleiben, gehen aber die Abfahrt zurück ins Tal viel entschlossener an.

Der Ausflug zum viel besungenen See ist eine von zahlreichen Winterbiking-Routen in der Region Gstaad. Der Ferienort empfiehlt auf seiner Website elf weitere Strecken, die zwischen 3 und 13 Kilometer lang und somit ­locker in einem halben Tag zu meistern sind. Grundsätzlich ist in der Region das Velofahren auf allen Winterwanderwegen erlaubt. Während Gstaad dem Mountainbike-Trend im Sommer noch hinterherradelt und erst im letzten Juli eine erste offizielle Downhillstrecke eröffnete, ist die Region im Winterbiken schweizweit führend.

Einfach erlernbar und mal was anderes als Skifahren

Einen wesentlichen Impuls liefert das viertägige Etappenrennen Snow Bike Festival, das vom 19. bis 22. Januar 2017 zum zweiten Mal stattfindet. Dabei werden insgesamt eine Strecke von 100 Kilometer Distanz und 2500 Höhenmeter zurückgelegt. Eine Etappe findet in der Nacht bei Flutlicht statt. Bei den Abfahrten benützt man teilweise sogar die sonst für Velos gesperrten Skipisten. In der letzten Saison nahmen 120 Sportler aus 20 Nationen teil. Für das noble Gstaad ist dieser Anlass eine Chance, sich von einer anderen, jüngeren Seite zu zeigen. Sogar der britische Fernsehsender BBC berichtete über das Rennen.

Viele Wintersportorte entdecken die fetten Velos. Reagieren damit auf einen Gästewunsch: Gemäss Schweiz Tourismus wollen drei Viertel aller deutschsprachigen Gäste in den Winterferien auch anderes unternehmen, als Ski zu fahren. Einfach erlernbare Sportarten wie Winterbiken passen perfekt. Während der Verkauf der fetten Räder an Privatpersonen stagniert, etablieren sich die wuchtigen Velos als spassige Mietartikel. Und da Zweirad-Piloten nicht auf eine geschlossene Schneedecke angewiesen sind, bietet sich der Sport auch in tiefer gelegenen und zunehmend unter Schneemangel leidenden Skigebieten an.

Im Winter sind in Gstaad die Bergbahnen für Velos tabu. Anders im winzigen Skigebiet Sunnbüel oberhalb von Kandersteg: Dort ist sogar das Anbügeln auf dem Schlepplift erlaubt. Auf der Fiescher­alp im Wallis dürfen Fatbiker auch die Luftseilbahn zur Bergstation auf 2222 m ü. M. benützen. Bevor man die 13 Kilometer lange Schlittelpiste nach Lax unter die Räder nimmt, empfehlen die Fiescher Touristiker ein stärkendes Fondue. Dass sie dabei zu einem Verzicht auf Alkohol mahnen, klingt wie ein guter Walliserwitz.

Minisprünge nach Frites und deftiger Grümpelwurst

Nicht entgehen lassen wir uns das Sparenmoos. Die Gstaader haben die bei Langläufern und Wanderern beliebte Hochebene nun auch zum Hotspot fürs Winterbiken deklariert. Bequem transportiert der öffentliche Bus ab Zweisimmen die Velos. Während einer Aufwärmrunde nehmen wir uns Zeit fürs Panorama. Gegenüber ragen die zackigen Gipfel der Freiburger Alpen in den milchig blauen Himmel. Nebenan im Wintersport­gebiet Saanenmöser-Schönried tummeln sich die Skifahrer, während wir auf dem Wanderweg allein unterwegs sind.

Noch knirscht der Schnee unter den breiten Reifen. Nach einem Boxenstopp in der Buvette Muma bei einer deftigen Grümpelwurst und Pommes frites steuern wir die Schlittelpiste zur Heimchueweid an. Diese Strecke hat nichts mehr mit einer beschaulichen Spazierfahrt gemein. Wir jagen die präparierten Hänge hinunter. Bei Bodenwellen gelingen gar Minisprünge. Solange der Schnee fest bleibt, greifen die Pneus. Bis ein Flecken faulen Schnees den Übermut bremst. Das Vorderrad bricht aus – doch der Sturz in den weichen Schnee ist harmlos.

Zum Abschluss zeigt Guide Frautschi seine Lieblingsstrecke. Konzentriert balancieren wir die Räder über einen schmalen, in den Tiefschnee getretenen Pfad hinunter in ein einsames Bachtobel. Stufen, enge Kurven – wir sind im Element. Selbst gelegentliche Ausrutscher in den Tiefschnee enden nicht mit einem Salto vorwärts über den Lenker. Euphorisch folgen wir dem Weglein entlang des munter rauschenden Bächleins und wissen: Genau – das ist Biken!


Die Reise wurde von Gstaad Saanenland Tourismus unterstützt.

Erstellt: 05.01.2017, 14:26 Uhr

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