Volltreffer im Schnee

Biathlon, Eisschnelllaufen, ein Skiberg: Im Chiemgau fallen die Winteraktivitäten aus dem üblichen Rahmen.

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Schon weit vor der Chiemgau-Arena hört man die Schüsse. Sie klingen nur anders als im Fernsehen, wenn Biathlon läuft. Hier sirren, schnalzen und klacken sie. Noch etwas fällt auf im Stadion südlich von Ruhpolding D: Wie still es ist ohne die Zuschauer, die den Ort während des Weltcups in eine röhrende Weihestätte des Biathlon-Sports verwandeln.

Ausserhalb der fünf Tage im Januar, an denen bis zu 70'000 Zuschauer in die Chiemgau-Arena strömen, bleibt es ruhig um den Schiessstand in den bayrischen Voralpen. Nur die Schüsse zerschneiden die Stille, irgendwelche Athleten trainieren immer. Heute übt der norwegische Nachwuchs, zusammen mit den Briten. Die seien zwar körperlich fit, man erkenne sie aber am technisch wenig ausgefeilten Laufstil, bemerkt Martina Seidl augenzwinkernd. Sie muss es wissen, war sie doch unter dem Mädchennamen Zellner in den 90er-Jahren eine der erfolgreichsten Biathletinnen der Welt. Sechs WM-Medaillen holte sie, und 1998 gab es mit der deutschen Staffel Olympia-Gold in Nagano.

Der Finger zieht am Abzug, es knallt, schnalzt, klackt, das Ziel wird weiss. Treffer!

Die Traunsteinerin zeigt der Besuchergruppe, wie man schiesst. Das Gewehr ist archaisch, schlicht und aus Holz. Die Patronen, dünner als ein Bleistift, können Schaden anrichten. Deshalb erfolgt zunächst eine Sicherheitseinweisung. Beim Queren der Bahnen sollen wir tunlichst darauf achten, nicht von Nachwuchstalenten über den Haufen gebrettert zu werden. Am Schiessstand sei die scharfe Waffe stets auf die Zielscheiben zu richten.

Endlich darf der Gast selbst ans Gewehr: Während er auf der Matte liegt, kriecht die Kälte in den Körper, über Diopter und Ringkorn werden die fünfzig Meter entfernten Scheiben anvisiert. Der Finger zieht am Abzug, es knallt, schnalzt, klackt, das Ziel wird weiss. Treffer! Adrenalin schiesst durch den Körper. Versuch Nummer zwei: Zielen, abdrücken, klack. Noch einer! Alle fünf Schüsse gehen ins Ziel. Man wähnt sich an der Weltspitze, dort, wo für die Schweiz Selina Gasparin und Benjamin Weger laufen.

Eisschnelllauf gehört dank des Frillensees zur Gegend

Nur hätte man für die Treffer eine halbe Ewigkeit gebraucht, erklärt Seidl. Ausserdem waren die Ziele grösser als bei den Profis. Die schiessen im Liegen auf Scheiben mit einem 4,5 Zentimeter kleinen Durchmesser – ungefähr so gross wie der einer WC-Papierrolle. Wir haben auf das Stehend-Ziel geschossen, 11,5 Zentimeter, so gross wie die ganze Rolle. Beim Stehend-Schiessen ist unverkennbar: Das Gewehr wiegt doch was – fünf Treffer? Fehlanzeige.

Schweizer, die eine Abwechslung zu den klassischen Skiferien im nahe gelegenen Ausland suchen, finden im Chiemgau eine breite Palette an Betätigungsfeldern auf kleinem Raum. Neben Biathlon kann sich der sportliche Gast als Eisschnellläufer in der wuchtigen und gleichzeitig eleganten Halle in Innzell D versuchen. Während einer Führung lernen wir: Eisschnelllauf als Leistungssport gibt es in der Gegend schon lange. Auf dem idyllisch gelegenen Frillensee oberhalb von Innzell fanden früher Meisterschaften statt. Bis 1963 ein Traktor ins Eis einbrach und man es für sicherer hielt, im Tal eine Kunsteisbahn zu errichten.

Vierzig Kilometer Langlaufloipe ziehen sich durch das Tal südlich des Chiemsees. Kurse bietet die erste Langlaufschule Deutschlands in Ruhpolding an. Die entsprechende Ausrüstung kann man mieten.

Auch Ruhesuchende werden im Chiemgau fündig. Eine knappe halbe Stunde von Ruhpolding entfernt liegt Reit im Winkl D. Vom Ortsteil Blindau führt ein steiler Waldweg hinauf zur Hindenburghütte. Wem die drei Kilometer Anstieg nicht gefallen, lässt sich chauffieren – die Highlights warten oben. Bei der urchigen Hütte mit währschafter Küche startet einer von fünf deutschen Premium-Winterwanderwegen. Sie machen uns zu Qualitätswanderern. Die Wege werden bei Bedarf jeden Morgen neu gewalzt und haben einen wunderbar weichen Tritt.

In Klein-Kanada stellt sich Premium-Feeling ein

Ausser dem Knirschen des Schnees herrscht tiefe Stille. Keine Autobahn führt nach Reit im Winkl, keine Zugstrecke durchschneidet die Gegend, die auch Klein-Kanada genannt wird. Tatsächlich wähnt man sich im hochgelegenen Hinterland mit Blick hinüber nach Österreich in unendlicher Weite. Hier lässt es sich prima entschleunigen – auch während geführter Touren. Wenn Wanderführerin Marlies Speicher, gebürtige Bayerin, von der Gegend spricht, merkt man: Sie liebt, was sie tut. Leichte Atemübungen helfen, die geschundenen Städterlungen mit frischer Alpenluft zu füllen. Premium-Feeling eben.

Schön gemütlich geht es auch in Deutschlands zweitlängster Seilbahn zu. Sie gondelt über fünf Kilometer gemächlich auf den 1674 Meter hohen Hochfelln. Dort liegt ein kleines Skigebiet. Vom Gipfel führen ausschliesslich schwarze Abfahrten ins Tal. Die Hochfellnbahn ist im Winter nur am Wochenende in Betrieb. Das rechnet sich nie. Doch für die Einheimischen leiste man diesen Dienst gerne, sagt Wolfgang Helldobler, Leiter des Tourismusverbandes Bergen-Siegsdorf. Oberhalb von Bergen geht es nicht in erster Linie darum, Touristen zu beglücken und mit Wintersport und Après-Ski Geld zu verdienen.

Gerne darf man den Machern im Wintersportgebiet über die Schulter sehen und zum Beispiel mitfahren, wenn nach Betriebsschluss die Skipisten präpariert werden. Zweieinhalb Stunden sitzen wir neben Pistenbully-Fahrer Franz und geniessen den Nervenkitzel, in einem riesigen Gefährt an einem Stahlseil hängend Schneemassen zu schieben. Auf die Frage, ob das Seil schon einmal gerissen sei, antwortet Franz gelassen: «Schon oft, allein in diesem Winter dreimal.» Glücklicherweise ist das Seil nur zur Absicherung da, der Pistenbully meistert die steilen Steigungen aus eigener Kraft. Und so fühlt man sich in der Kabine, umgeben von Schnee und Dunkelheit, erhaben und geborgen gleichzeitig.

Die Reise wurde unterstützt von Chiemgau Tourismus.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.12.2018, 19:01 Uhr

Die bayrischen Voralpen bringen Abwechslung


Anreise: Mit dem Zug oder Fernbus nach München, weiter Richtung Salzburg bis Traunstein, ab dort bis Ruhpolding, www.sbb.ch; mit dem Auto über München oder Innsbruck.

Unterkunft: Hotel Ortnerhof, etwas ausserhalb von Ruhpolding gelegen, DZ ab 54 Euro pro Person, www.ortnerhof.de; A-Ja Resort Ruhpolding, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, DZ ab 64 Euro pro Person, www.ajaresorts.de

Aktivitäten: Biathlon-Weltcup in Ruhpolding vom 15. bis 20. Januar 2019, www.biathlon-ruhpolding.de, Eisschnelllauf in der Max-Aicher-Arena in Innzell, Publikumseislauf täglich von 14–16 Uhr, vom 22. Dez. bis 4. Jan. zusätzlich von 10–12 Uhr (ausser samstags), www.max-aicher-­arena.de; Langlaufschule Ruh­polding: Kurse und Vermietung, www.langlaufschule-ruhpolding.de; Winterwandern in Reit im Winkl: www.reitimwinkl.de; Hochfelln-Bahn: Fahrt auf dem Pistenbully, www.hochfelln-seilbahnen.de

Allg. Infos: www.ruhpolding.de; www.chiemsee-chiemgau.info

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