Wenn Sterne am Himmel Tango tanzen

Wo die Nacht noch Nacht ist: Die dänischen Inseln Mön und Nyord gehören zu den dunkelsten Gegenden von Nordeuropa. Ideal für Hobby-Astronomen, um mit ihren Teleskopen Stellung zu beziehen.

Spektakulär: Die kilometerlangen Kreidefelsen entlang der Ostküste der Insel Mön. Foto: Gerald Haenel (Laif)

Spektakulär: Die kilometerlangen Kreidefelsen entlang der Ostküste der Insel Mön. Foto: Gerald Haenel (Laif)

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Kommen sie nun, oder kommen sie nicht? Am Abend hat sich der Himmel über der dänischen Insel Mön in Dunst gehüllt, aber für den Folgetag wird klare Sicht vorhergesagt: Auf einer langen, breiten Wiese direkt an den Kreideklippen beziehen Hobby-Astronomen Stellung. Sie richten Teleskope auf, kippen den Kopf in den Nacken und harren der Perseiden – ein Sturm von Sternschnuppen, die im Spätsommer am Himmel Tango tanzen.

Sie zeigen sich auch über Kopenhagen, Hamburg oder Zürich; aber die Lichter der Grossstadt sind zu hell, als dass man den Leuchtschweif der meist nur Stecknadelkopf-grossen Meteore am Firmament wahrnehmen könnte. Deshalb zieht es Sterngucker seit jeher aufs Land. Auch hier hat die Lichtverschmutzung zugenommen. «Die Städte strahlen eine Menge Licht ab, aber auch Dörfer sind mittlerweile gut beleuchtet, und Autos fahren mit Halogenlicht.» Tom Axelsen, seit über 30 Jahren Hobby-Astronom auf der Insel Mön, schüttelt den Kopf: «Keine Chance, den Sternenhimmel in voller Pracht zu sehen.»

Lichtsmog kannman messen

«Verlust der Nacht» heisst ein Projekt, an dem sich unter anderem das Astrophysikalische Institut in Potsdam und die Technische Universität in Berlin beteiligen. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, welchen Einfluss Lichtverschmutzung auf Mensch und Natur hat. Lichtsmog kann man messen. So stellte sich heraus, dass es in Kopenhagen 100-mal heller ist als auf Mön. Seit August 2011 zeichnet die International Dark Sky Asso­ciation (IDA) in Tucson, Arizona, Dark-Sky-Destinationen weltweit aus. Zusammen mit dem angrenzenden Eiland Nyord erhielt Mön 2017 als erste Region Nordeuropas den Titel einer lichtgeschützten Gemeinde.

«Wo die Nacht noch Nacht ist»: Damit werben beide Inseln. Von Kopenhagen aus sind sie in anderthalb Stunden zu erreichen. «Hier ist es fast so dunkel wie in der Wüste von Namibia», schwärmt Axelsen. «Unsere Strassenlaternen scheinen nach unten, wir sind von Wasser umgeben, und es gibt nur 9000 Einwohner auf der Insel.» Macht unter dem Strich eine der dunkelsten Gegenden Nordeuropas. «Leg dich mit dem Rücken auf die Wiese und schau nachts in den Himmel», rät er. «Da wirst du mehr als 5000 Sterne entdecken. In Kopenhagen bekommst du 100 zu sehen, wenn überhaupt.»

Nachts Sterne gucken und tagsüber schlafen? Keine gute Idee. Die Inseln, auf denen auch das dänische Königshaus Ferien macht, haben mehr zu bieten. Ole Eskling vom Möns Klint Resort drückt seinen Gästen eine lange Liste möglicher Aktivitäten in die Hand. Da ist das Geo Center Möns Klint – eine Art wissenschaftlicher Abenteuerspielplatz, auf dem man die Entstehungsgeschichte Dänemarks vor 70 Millionen Jahren erleben kann. Da sind die bis zu 128 Meter hohen Kreidefelsen, die sich sechs Kilometer entlang der Ostküste ziehen: Auf ihnen hat sich dichter Wald gebildet. Auf 496 Stufen – die längste Treppe Dänemarks – geht es hinunter ans Meer. Hier wird jeder fündig: Versteinerte Muscheln, Seeigel, Reste von Korallen gibt es zuhauf.

Nur 41 Menschen, aber Tausende Vögel

Zurück im kleinen Hafen von Klintholm gibt es ein grosses Hallo. Uffe und Sara offerieren ihre Gin-Kreation «Isle of Mön» im Noorbo Handelen. Vor dem Spirituosengeschäft direkt an einem der Quais sind die Tische und Stühle voll besetzt. So ein Event ist ein willkommener Anlass, Inselneuigkeiten auszutauschen. Den kleinen Hafen hat übrigens der Ururgrossvater von Carl Gustav Scavenius anlegen lassen. Der Däne ist vor ein paar Jahren mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern aus Kopenhagen auf das Familiengut Klintholm zurückgekehrt und kurbelt nun mit einer Handvoll Freunden und Nachbarn den naturnahen Tourismus an. Wer ein Gespür für das Leben auf dem über 200 Jahre alten, bilderbuchschönen Gut bekommen möchte, mietet sich im Ferienhaus ein, das die Familie in einem der Nebengebäude eingerichtet hat.

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Von hier aus braucht man mit dem Auto eine halbe Stunde bis zur Nachbarinsel Nyord, die über eine schmale Brücke erreichbar ist. Nur 41 Menschen leben hier, dafür Tausende von Vögeln – das Mini-Eiland ist Vogelschutzgebiet. Mittendrin liegt das Dorf Nyord, das mit den alten, reetgedeckten Bauernhöfen, riesigen Hortensienhecken, einer fast runden Kirche und einem klitzekleinen Lotsenhaus wie aus der Zeit gefallen scheint.

Der letzte Abend auf Mön: Sich ins Gras legen und schauen. Das Dunkel lichtet sich. Immer mehr Sterne tauchen auf, der Grosse Wagen, der Adler, der Schwan, die Milchstrasse funkelt hell und klar. Und plötzlich regnen sie herab: eine nach der anderen,und dann sogar gleichzeitig – Hunderte von Sternschnuppen.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Denmark. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 17:52 Uhr

Paradies für Sterngucker

Anreise: Direktflüge nach Kopenhagen mit Swiss und SAS,
dann per Mietwagen weiter.

Übernachten: Auf dem Cam­pingplatz Möns Klint Resort
(www.campingmoensklint.dk) gibt es die erste Dark Sky Area Skandinaviens, Erwachsene 16 Fr./Tag, Kinder 12 Fr.; Hütten am Rande des Campingplatzes für maximal vier Erwachsene und zwei Kinder
ab 690 Fr./Woche; Ferienhaus für 6 bis 8 Personen auf Gut Klintholm ab 890 Fr./Woche; Schloss Liselund ab 250 Fr. im DZ inkl. Frühstück; www.liselundslot.dk

Allg. Infos:

. (red)

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