Zug um Zug zu Orten, die keiner kennt

Bahnfahren auf dem Balkan erfordert Geduld und Flexibilität. Spektakulär ist die Reise auf Schienen von der Adria über die Bergwelt Montenegros nach Belgrad.

Eine Zugskomposition wartet in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica auf Fahrgäste. Foto: Prismaonline

Eine Zugskomposition wartet in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica auf Fahrgäste. Foto: Prismaonline

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Podgorica, Hotel Europa: Die Réceptionistin wünscht zum Abschied viel Glück. «Auto, Bus, Taxi – alles ist schneller und angenehmer als Zugfahren», sagt sie mit einem leicht fiesen Lächeln. Wir lassen uns aber nicht beirren, schliesslich haben wir uns bewusst fürs Bahnfahren entschieden. Ein paar Gehminuten vom Hotel entfernt befindet sich der Bahnhof der Hauptstadt des Balkanstaates Montenegro. Dort warten wir auf den Zug, der von der Stadt Bar an der montenegrinischen Adriaküste kommt. Unser Ziel ist Serbiens Hauptstadt Belgrad.

Spektakulär ist die 455 Kilometer lange Strecke, weil sie durch das schroffe Dinarische Gebirgsmassiv führt. Dabei fährt der Zug durch 254 Tunnel und über 243 Brücken; eine davon ist die höchste Eisenbahnbrücke Europas. Kenner bezeichnen den Zug von Bar nach Belgrad als «Giganten unter den europäischen Gebirgsbahnen». Doch der ­Gigant lässt auf sich warten.

Gegen 10 Uhr, mit knapp 30-minütiger Verspätung, trifft der Zug ein. Und eine weitere, noch längere Warterei ­beginnt. Zwei Kondukteure steigen ein und wieder aus, dann erscheinen drei Polizisten. Die wenigen Einheimischen im Zug bleiben gelassen.

498,8 Meter lang, 198 Meter hoch: Das Mala-Rijeka-Viadukt in Montenegro ist die höchste Eisenbahnbrücke Europas. Foto: Alamy

Den Grund fürs Warten erfahren wir von einem jungen Mann. Er erklärt, dass ein Streckenabschnitt in den Bergen durch Geröll und Bäume blockiert sei. «Das ist ein normales Problem hier», sagt er. Es kommt immer wieder vor, dass Erdrutsche und Überschwemmungen nach starken Regenfällen die Strecke beeinträchtigen. Manchmal treten auch technische Pannen auf. Grosse Verspätungen sind an der Tagesordnung.

Nach zweieinhalb Stunden fährt der Zug los. Gemäss Fahrplan müssten wir um 20 Uhr Belgrad erreichen. Wir hoffen, gegen Mitternacht dort zu sein.

Ein kleines Abenteuer

Es braucht auch Glück, wenn man in Montenegro oder anderen Balkanländern mit der Bahn unterwegs ist. Zugfahren ist in diesem Teil Europas noch ein kleines Abenteuer und ein «Slow Travelling» mit Ostalgie-Erlebnissen.

Das beginnt bereits an den Bahnhöfen. Jener von Podgorica zum Beispiel hat seine besten Zeiten längst hinter sich. Das war wohl in den Jahren, als Podgorica noch Titograd hiess. Der Betonplattenbau ist am Verwittern, das Bahnhofbuffet scheint schon lange nicht mehr in Betrieb zu sein. Beim Kiosk, der vor allem Zeitungen und Zigaretten verkauft, muss man sich zum kleinen Fensterchen bücken, um die Verkäuferin zu sehen. Und der Weg zum WC führt an einem Kabäuschen vorbei, in dem ein ­alter Mann sitzt und einen Obolus erwartet. Nur wenige Hundert Meter neben dem Bahnhof befindet sich Podgoricas Autobusterminal. Und hier eröffnet sich eine andere Welt: Der Busbahnhof präsentiert sich topmodern, geschäftig und kundenfreundlich.

Auf dem Balkan ist das Busfahren bei den Einheimischen deutlich beliebter als die Reise per Bahn. Die Modernisierung und der Ausbau der Bahninfrastrukturen kommen nur sehr langsam voran. Das schmälert die Attraktivität der Bahn auch für ausländische Touristen, die den Balkan mit einem Interrail-Ticket bereisen wollen. Das Interrail hat nicht mehr die Bedeutung seiner Anfänge in den 70er-Jahren.

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Doch auch im Zeitalter von Günstigfliegern und Billigfernbussen erfreut es sich beachtlicher Beliebtheit. Inzwischen steht das Angebot allen Altersgruppen offen. In der Schweiz wurden letztes Jahr 45'000 Interrail-Pässe verkauft. 30 Länder können bereist werden, nicht gültig ist das Interrail in Albanien und Kosovo. Aus der Balkanregion gehört eine Strecke zu den zehn meistbefahrenen – jene von Zagreb nach Split.

Viele touristisch attraktive Ortschaften am Mittelmeer sind jedoch nicht auf der Schiene erreichbar, wie etwa Dubrovnik (Kroatien) oder Budva (Montenegro). Dazu kommen häufige Bauarbeiten. So ist die Strecke Zagreb–Sarajevo zurzeit nicht in Betrieb. Allzu oft müssen Teilstrecken mit Bussen befahren werden.

Wer sich mit dem bescheidenen Bahnangebot arrangiert, wird jedoch belohnt – mit Einblicken in den Alltag der Menschen weitab von Negativnachrichten, Pauschaltourismus und Weltkulturerbe-Hype. Der Zug hält an Orten, die in keinem Reiseführer stehen und trotzdem einen eigenen Charme haben. Weil die Züge meist alt und daher langsam sind, bekommt man gewissermassen Zeit geschenkt: zum Nachdenken, Plaudern mit fremden Leuten, Staunen, Nichtstun.

Eindrücklicher Aufstieg ins Gebirge

Auf den wenigen internationalen Verbindungen zwischen den Hauptstädten der Balkanländer ist älteres Rollmaterial im Einsatz. Die modernen Züge verkehren im Regionalverkehr. Rund um Belgrad zum Beispiel fahren modernste Flirt-Kompositionen des Schweizer Herstellers Stadler Rail.

Nicht auf dem neusten Stand ist unser «Gigant». Der Zug Bar–Belgrad, den wir in Podgorica bestiegen haben, besteht aus fünf älteren Wagen. Der Speisewagen ist mehr ein kleiner Bistrobetrieb, immerhin. In zwei Wagen gibt es noch die alten Senkfenster, die sich öffnen lassen und durch die man den Kopf in den Fahrtwind streckt. Der hinterste Wagen ist nicht gerade einladend. Abgewetzte Sitze und schmutzige Fenster treiben uns nach vorn. In einem der sauberen Sechserabteile im vorderen Teil des Zugs nehmen wir Platz auf weichen roten Polstern. Und wir lassen die Landschaft an uns vorbeiziehen, die mit dem Aufstieg in das Dinarische Gebirge immer eindrücklicher wirkt.

Tito eröffnete Prestigebau

Der Zug fährt vorbei an bewaldeten Bergen und entlang von felsigen Hängen. Er mäandert durch Schluchtenlandschaften. Tunnel und Brücken reihen sich ­aneinander. Der Bau der Strecke Bar–Belgrad durch die Bergwelt von Montenegro war eines der grössten europäischen Eisenbahnprojekte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bei seiner Einweihung 1976 galt es als Prestigebauwerk des damaligen Jugoslawien. Staatspräsident Tito höchstpersönlich eröffnete die Strecke mit seinem legendären «Blauen Zug».

Den spektakulärsten Eindruck hinterlässt der Moraca-Canyon. Man rattert über das 500 Meter lange Mala-Rijeka-Viadukt, das 200 Meter über dem Talgrund thront. Beim Blick in die Tiefe, wo der Fluss Mala-Rijeka nur als Silberband auszumachen ist, schiesst ein Gedanke durch den Kopf: Hoffentlich bleibt der Zug in den Geleisen. Aus Gründen der Sicherheit überquert der Zug die Stahlbrücke in spürbar langsamem Tempo. In schnelleren Teilen der Strecke, auf serbischem Gebiet, fährt er mit maximal 80 Kilometer pro Stunde.

Wir machen es uns gemütlich im Bistro­wagen, trinken türkischen Kaffee und Rakija-Schnaps. Die Zeit vergeht im Gespräch mit einem älteren Mann, der über das gute alte Jugoslawien referiert. Um 23.50 Uhr erreichen wir nach fast 14-stündiger Fahrt die Hauptstadt Serbiens. Mit vier Stunden hält sich die Verspätung in Grenzen. Und wir sind am richtigen Bahnhof angekommen. Nicht immer endet die Fahrt wie erwartet am Hauptbahnhof, sondern an einer anderen Belgrader Station. Glück gehabt.

Die Reise wurde unterstützt von Interrail/EurailGroup. Den Interrail-Global-Pass gibts als flexibles Angebot: 5 Gültigkeitstage innerhalb von 15 Tagen (310 Franken/2. Klasse) oder 7, 10, 15 Gültigkeitstage innerhalb eines Monats (368 bis 543 Franken/2. Klasse), www.interrail.eu. Fahrpläne Balkan: www.rail.cc/de (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2018, 17:54 Uhr

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