Neuer Schwung am Schicksalsberg

Zermatt feiert dieses Jahr 150 Jahre Erstbesteigung des Matterhorns. Das Walliser Bergdorf trotzt allen Krisen, auch weil eine junge Generation von Unternehmern den alpinen Tourismus stets neu erfindet.

Im Schatten des Mythos: Am Fuss des Matterhorns finden die Freilichtspiele zum Jubiläumsjahr statt. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Im Schatten des Mythos: Am Fuss des Matterhorns finden die Freilichtspiele zum Jubiläumsjahr statt. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

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Livia Anne Richard ist eine bekannte Theaterautorin und -regisseurin: Ihre Inszenierungen auf dem Hausberg Gurten erregen weit über Bern hinaus Aufsehen. Zudem hat sie ein ehemaliges reformiertes Gemeindehaus an der Aare in der Berner Altstadt zum Theater Matte umfunktioniert. Sie betreibt es erfolgreich und ohne Subventionen. Ihr Cousin, der 45-jährige Thomas Sterchi, ist Ästhet, Geniesser und Multimillionär. 1997 hatte der im Berner Vorort Köniz aufgewachsene Internet- und Gastro­unternehmer zusammen mit einem Partner Jobs.ch gegründet, das man zum führenden Online-Stellenportal ausbaute. 2007 verkauften die beiden Jobs.ch für einen dreistelligen Millionenbetrag an eine US-Beteiligungsgesellschaft. Von dieser erwarben Tamedia und Ringier 2012 die Plattform gemeinsam für 390 Millionen Franken.

Der Cousin und die Cousine spielen in der Jetset-Destination Zermatt eine wichtige Rolle. Er hinter den Kulissen, sie bei der diesjährigen Feier «150 Jahre Erstbesteigung des Matterhorns», an dessen Fuss das Walliser Bergdorf liegt. 1865 erkletterten die vier Engländer Edward Whymper, Reverend Charles Hudson, Lord Francis Douglas und Robert Hadow zusammen mit den Bergführern Peter Taugwalder und dessen Sohn Peter aus Zermatt sowie Michel Croz aus Chamonix zum ersten Mal «ds Hore», wie es im lokalen Dialekt genannt wird.

Die Tragödie beim Abstieg

Alexander Seiler, ein Seifensieder aus dem Goms, war in den 1850er-Jahren ins Mattertal gekommen. Er sah Zermatts Entwicklung voraus und übernahm, misstrauisch beäugt von den Einheimischen, die Herberge des Wundarztes Josef Lauber am Dorfplatz. Seiler baute an ihrer Stelle das Hotel Monte Rosa, von wo am 14. Juli 1865 die Matterhorn-Expedition ausging.

Die Tragödie jenes Tages, der Todessturz von Hudson, Douglas, Hadow und Croz wegen eines Seilrisses beim Abstieg, hat Zermatts internationalen Ruf begründet – und den Mythos des Matterhorns. In der damals führenden englischen Presse konnte Whymper seine Abenteuer in bunten Farben schildern. «Die anderen Briten waren ja tot», sagt Edy Schmid, Kurator des Matterhorn-Museums am Dorfplatz: «Also bestritt niemand seine Darstellung.» Vater Taugwalder hingegen wurde verleumdet und zerbrach fast daran.

Auf dem Dorfplatz hätten auch die von Livia Anne Richard geschriebenen und inszenierten Freilichtspiele zum Jubiläumsjahr aufgeführt werden sollen, welche die Erstbesteigung und das teilweise noch wenig bekannte Drum und Dran dramatisieren. Doch die Betreiberin des Hotels Monte Rosa, die Seiler-Gruppe, wehrte sich. «Die Spiele hätten den Hotelbetrieb zu sehr gestört», sagt Kevin Kunz, Chef der Hotelgruppe, die auch das Mont Cervin Palace und weitere Häuser betreibt.

Als Ausweichort fand sich der Riffelberg hoch über dem Dorf. «Ich flog mit Thomas Sterchi und Livia Anne Richard im Helikopter hoch und versuchte, sie von der neuen Location zu überzeugen», erzählt Zermatts Tourismusdirektor Daniel Luggen: «Livia war begeistert», Sterchi hingegen stieg aus dem Projekt aus.

Mit der Erstbesteigung begann auch der Aufstieg Zermatts, das aber seinen rustikalen Charakter weitgehend bewahrte: Gemütlichkeit, Chalets, Fondue. Hätte man sich nicht weiterentwickelt, wäre Zermatt vielleicht in eine ähnliche Krise geraten wie andere alpine Ferienorte. Doch wie einst Hotelpionier Seiler begannen vor etwa 20 Jahren junge Leute, ihre Zermatt-Visionen zu verwirklichen.

Gescheitert und neu begonnen

«Julen und Sterchi sind die Erfinder des modernen alpinen Tourismus», sagt Tourismusdirektor Luggen. Thomas Sterchi nämlich hat dem Dorf, wo er eine Wohnung und das In-Lokal Heimberg besitzt, eine wichtige Institution beschert: Er ist Mitgründer und treibende Kraft des Festivals Zermatt unplugged. Dieses wird vom 14. bis zum 18. April zum achten Mal internationale und lokale Stars wie James Blunt, Anastacia, Patricia Kaas oder Sina präsentieren.

«Julen», das ist Heinz Julen (51), Künstler und begnadeter, aber nicht ausgebildeter Architekt. Julen, dem, wie einst Seiler, viele Zermatter mit Misstrauen begegnen, wurde mit seinem spektakulären Into-the-Hotel bekannt. Es besass zum Beispiel einen Jacuzzi in der Sky-Suite, der samt Badenden durchs geöffnete Dach ausgefahren, oder eine Bar, die hydraulisch über mehrere Stockwerke bewegt werden konnte. Into-the-Hotel war im Jahr 2000 sieben Wochen geöffnet, dann wurde es stillgelegt und später bis auf die tragenden Elemente abgebrochen. Heute befindet sich dort das Omnia, ebenfalls ein attraktives Hotel, aber ohne Julens Extravaganzen. Die Tragödie um das Projekt, von Heinz Julen erzählt, ist auch anderthalb Jahrzehnte später eine emotionale Geschichte von Liebe, Missgunst und Eifersucht (und gäbe genug Stoff für ein weiteres Theaterstück).

Julen ist trotzdem omnipräsent. Ihm gehören das Kulturlokal Vernissage, wo Zermatt unplugged 2007 seine Anfänge nahm, im selben Gebäude das Lifestyle-Hotel Backstage und ein Restaurant mit Michelin-Stern, in dem Starkoch Ivo Adam wirkt. Das Boutiquehotel Cœur des Alpes, betrieben von Julens Schwester Leni, wurde von ihm konzipiert. Seine Handschrift trägt auch das Chez Vrony im Skigebiet, ein legendäres Lokal einer weiteren Julen-Schwester.

Das Dorf neu positioniert

Sicher ist, dass Julen und Sterchi das Bergdorf belebt haben, was dazu beitragen hat, dass in den vergangenen Jahren

mehrere Hundert Millionen Franken in Zermatts Hotels investiert worden sind. Die neuen Häuser heissen etwa Firefly oder Cervo. Letzteres, ein 5-Stern-Chaletresort mit 36 Zimmern und mehreren Restaurants, gehört Daniel Lauber, 35 Jahre alt und Direktor des örtlichen Hoteliervereins. Trotz Eurokrise und Ukrainekrieg sei «die Buchungssituation sehr gut», sagt er. Probleme gebe es höchstens beim Generationenwechsel in den Betrieben, die meist in Familienbesitz sind. Das Festival Zermatt unplugged habe mitgeholfen, das Dorf auch bei jungen Gästen neu zu positionieren. Nicht dass er die Vergangenheit verachtet, im Gegenteil. Er sei, sagt Daniel Lauber, voller Dankbarkeit für das, was die Vorfahren hier geschaffen hätten, und das 150-Jahr-Jubiläum werde Zermatt zusätzlichen Drive geben.

Erstellt: 18.03.2015, 17:48 Uhr

Zermatt Tipps

Anreise: Per Zug von Zürich via Visp, www.sbb.ch

Hotels:

Backstage, www.backstagehotel.ch

Cervo, www.cervo.ch

Cœur des Alpes, www.coeurdesalpes.ch

Firefly, www.firefly-zermatt.ch

The Omnia, www.the-omnia.com

Restaurants:

Heimberg, www.heimberg-zermatt.ch

Chez Vrony, www.chezvrony.ch

Freilichtspiele auf dem Riffelberg: 9. Juli bis 29. August, www.freilichtspiele-zermatt.ch

Zermatt unplugged: 14. bis 18. April, www.zermatt-unplugged.ch

Museum: Matterhorn Museum – Zermatlantis: www.zermatt.ch/museum

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