Wo Kinder schlagen dürfen

In Davos lernen schon Sechsjährige, dass beim Golfen auch die Etikette wichtig ist. Golf-Familien sind ein interessantes Sommerpublikum für die Hotellerie.

Wer das erste Mal einen Schläger in der Hand hält, übt das Spiel über kurze Lochdistanz. Fotos: Nicola Pitaro

Wer das erste Mal einen Schläger in der Hand hält, übt das Spiel über kurze Lochdistanz. Fotos: Nicola Pitaro

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Die Füsse stehen hüftbreit auseinander, die Knie beugen sich, der Oberkörper kippt leicht nach vorne. Dann wird ausgeholt, der Schläger zischt durch die Luft. Aber der kleine gelbe Ball, platziert auf einem Gummiröhrchen, grinst einen zwischen den Füssen frech an. Die erste Schwierigkeit, die Golfspielen bereithält, ist grundsätzlicher Natur: Wie treffen wir den Ball auf dem Tee? Das erfahren wir an diesem Samstagmorgen auf der Driving Range des Golfplatzes Davos.

Håkan Gustavsson, der Golfpro, wie die professionellen Golftrainer genannt werden, sieht gleich, woran die Anfänger kranken: «mehr durchschwingen», «den Oberkörper unten lassen», gibt er freundlich Tipps. Kurze Zeit später saust etwas Gelbes durch die Luft. Gustavsson und sein jüngerer Kollege Roberto Francioni begleiten den Flug mit «Wow»- und «Super»-Rufen. Der 14-jährige Sohn Nils hat als Erster den Bogen raus. Auch beim 12-jährigen Finn hört man bald das charakteristische «Pock», wenngleich seine Bälle noch nicht so weit fliegen.

Kragenhemd und Stoffhose

In Davos können Kinder ab 6 Jahren Golf spielen lernen. Der Club zählt 55 jugendliche Mitglieder, auch Feriengäste sind willkommen. Golf wird in der Schweiz eher als elitärer Zeitvertreib angesehen, dabei sei es ein anspruchsvoller Ballsport, findet der gebürtige Schwede ­Gustavsson. «Es geht auch um Koordination», und wie bei beiden Trainern ­deutlich zu merken ist: um Leidenschaft. In den Kinder-Kursen steht neben langem und kurzem Spiel, Taktik und Golfregeln auch «Etikette» auf dem Programm. Bei der Kleidung wird auf ein Kragenhemd und eine Stoffhose Wert gelegt – lieber keine Jeans und wenn, dann zumindest keine «destroyed» Variante. Die Buben, die es eher gewöhnt sind, grössere Bälle mit dem Fuss in eckige Ziele zu befördern, können mit den Outfitregeln leben. Sie haben das erste Mal einen Golfschläger in der Hand, und schon hat es sie gepackt. Die gelben Bälle fliegen nun wie ein Golfstrom über die eingezäunte ­Rasenfläche. Nur schwer können sie sich lösen, um Francionis verwirrender Schlägerkunde zu folgen: Driver, Hölzer, Eisen, Wedges, Putter.

Die Münder bleiben offen, als der 26-jährige Francioni einige Schläger vorführt. Da macht es nicht nur «Pock», sondern auch «Peck» oder «Witsch». Man glaubt ihm gern, dass der Ball beim Abschlag 200 Stundenkilometer schnell werden kann: «In der Bergluft fliegen die Bälle sogar um zehn Prozent weiter als im Flachland», fügt Gustavsson an.

Weshalb Caddies Sinn machen

Einige der Schlägerköpfe sehen aus wie eckige Hufeisen, andere wie Mini-Ufos. Aber wofür waren die noch mal? Wir gehen hinüber auf eine kleine Fläche mit raspelkurzem Rasen und zahlreichen Löchern. Hier werden die Putter eingesetzt, die Schläger für die kurzen Distanzen, mit denen man den Bällen, profan ausgedrückt, den letzten Schubs gibt. Dabei glänzt der Junior. Finn versenkt beim Mini-Parcours gekonnt die Bälle.

Inzwischen ist uns klar geworden, warum einige Damen am Morgen merkwürdige dreirädrige «Kinderwagen» am Sheraton Davos Hotel Waldhuus vorbeigeschoben hatten, in denen keine Kinder sassen. Es waren Golfspielerinnen mit ihren Caddies, die wir belächelt hatten. Nun, da wir wissen, dass eine Golf­tasche mit 14 Schlägern bis zu 20 Kilogramm wiegt, wirken auch die batteriebetriebenen Trolleys nicht mehr absurd.

Nach der ersten Lektion, zurück im Hotel, sind die Jungs nicht mehr zu halten. Zum Haus gehört eine gepflegte Minigolfanlage, sie liegt am Waldrand: «Da haben auch schon Rehe gegrast, manchmal verläuft sich ein Dachs dorthin», erzählt eine Angestellte. An diesem Nachmittag üben junge Meisen das Fliegen. Die Söhne haben für die Idylle keinen Blick. Sie spielen, als ginge es um den Sieg bei einem Millionen-Dollar-Masters. Tatsächlich hatte Gustavsson am Morgen erklärt, dass die Turniere mit dem Putten am Loch gewonnen werden. Also üben wir beim Minigolfen kurze Schläge. Auf Bahn 8 klirrt es plötzlich. Der Ball hat nach einem ausserplanmässigen Bogen eine Laterne getroffen. Die Angestellten nehmen das Malheur des Sohnes gelassen. Sie sind Kinder gewohnt, schliesslich ist das Hotel auf Familien ausgerichtet.

Für Martin Koepfli, seit letztem September General Manager des Hotels, ist das Golfangebot ein Mittel, um dem schwierigen Eurokurs zu trotzen: «Schweizer zieht es vermehrt in die günstigen Nachbarländer», sagt Koepfli. Diese Gäste möchte er mit den Golfangeboten zurücklocken, die Gesamtrechnung soll für Familien stimmen. Im Arrangement eingeschlossen ist neben dem Viergangmenü am Abend auch das Frühstücksbuffet.

Die von den Buben als herausragend prämierten Pancakes sind der Grund, dass wir am nächsten Morgen fast zu spät zur zweiten Lektion kommen. Wir dürfen nun auf den richtigen Golfplatz, spielen mit weissen Bällen. Die Dimensionen sind für Anfänger gewöhnungsbedürftig. Die Ziele, Loch 10, 11 und 14, liegen in weiter Ferne. Die Bälle verschwinden im Gebüsch, in Sandgruben, Bunker genannt, oder im Fluss Landwasser, den es bei Loch 14 zu überwinden gilt. Mithilfe von Gustavsson und Francioni gelangen wir in die Nähe der Löcher – zum Green, der Fläche mit dem drei Millimeter kurzen Rasen, der sich wie ein Teppich anfühlt. Nils überlegt am Ende, ob er einen richtigen Golfkurs belegen soll, während sein jüngerer Bruder neugierig ein Hightechgerät betrachtet. «Das ist eine Reinigungsanlage für die Schläger», erklärt Gustavsson. Sie entfernt Sand und Gras mit Ultraschall. Golfer denken wirklich an alles.

Sheraton Davos Hotel Waldhuus und Golf Club Davos haben die Reise unterstützt.

Erstellt: 05.08.2015, 18:11 Uhr

Runter vom Zauberberg

Den Sommer über in der Zentralschweiz, im Winter in Davos: Bardhyl Coli probt ein neues Modell, das der Schweizer Hotellerie weiterhelfen könnte.

Von Christoph Ammann

Einen Tag pro Woche schaut Bardhyl Coli im Waldhotel Davos vorbei. Am Zauberberg trifft der 31-jährige General ­Manager jeweils nur zwei Mitarbeiter an, die den Laden in Schuss halten. Das Luxushotel bleibt in diesem Jahr den ganzen Sommer geschlossen. «Die Rechnung ging nicht mehr auf, wir mussten uns zu dem Schritt durchringen», sagt Coli. «Es kann nicht sein, dass die Winter- die Sommergäste subventionieren.»

Die restlichen sechs Wochentage leitet der Ostschweizer neu das Hotel Vitznauerhof. Wenn das 4-Stern-Superior-Haus Mitte Oktober die Türen schliesst und die Winterpause am Vierwaldstättersee anbricht, zieht Coli mit seiner ­Lebensgefährtin Maria Redlich, die im Hotel für Marketing und Verkauf verantwortlich ist, wieder nach Davos. Dort startet im Dezember die einträgliche Wintersaison. «Der hohe Frankenkurs stellt die Hotellerie bekanntlich vor Herausforderungen», sagt Coli. «Wenn wir wieder Erfolg haben und der Konkurrenz im Ausland trotzen wollen, müssen wir neue Wege suchen.» Vielleicht, mutmasst der Hotelfachmann, eröffne das Modell, zwei Hotels in unterschiedlichen Saisons mit der gleichen Crew zu betreiben, neue Perspektiven.

28 von 37 Mitarbeitern, also fast der ganze Stab, sind Coli von Graubünden nach Vitznau gefolgt. Die Besitzer der beiden Hotels hatten einen Kooperationsvertrag ausgehandelt. Der Doppel­direktor kalkuliert scharf und nutzt Synergien: Wer heute im Waldhotel für den Winter reserviert, wird in den Vitznauerhof umgeleitet. Verkauf und Marketing wurden zusammengelegt, die Gas­tronomie hier und dort trägt die Handschrift des talentierten Küchenchefs Karim Schumann. Er managt am See drei Restaurants. Kulinarisches Aushängeschild des 53-Zimmer-Hotels ist das Fischrestaurant Sens im ehemaligen Bootshaus, wo man sich in einer edlen Lounge mit Sushi auf den Hauptgang, Zander und Forelle, einstimmt.

Allrounder sind gefragt

«Die Kooperation funktioniert, weil beide Hotels ungefähr gleich gross sind und viele Leute im Team verschiedene Funktionen erfüllen», sagt Coli. Der Chef ist das leuchtende Beispiel eines Allrounders: Mit 15 Jahren startete er seine Karriere, bildete sich zum Restaurantfachmann, Koch und Sommelier aus und absolvierte die Hotelfachschule in Zürich. Mit 27 übernahm Coli als jüngster General Manager der gehobenen Schweizer Hotellerie das Waldhotel in Davos.

Seine Herkunft – er stammt aus Kosovo – will er nicht überbewerten, unbedeutend sei sie aber nicht: «Wenn man als Mitglied einer Flüchtlingsfamilie mit insgesamt drei Koffern in die Schweiz gekommen ist, fühlt man sich verpflichtet, hart zu arbeiten, um seine Ziele zu erreichen.» Dazu gehört eine erste erfolgreiche Sommersaison in Vitznau. Im 2010 nach langer Umbauzeit wiedereröffneten Jugendstilpalast intensiviert das Duo Coli/Redlich das ­Seminar- und Hochzeitsgeschäft und kümmert sich vermehrt um individuelle Feriengäste. «An dieser Traumlage ­direkt am Vierwaldstättersee, mit der Südflanke der Rigi im Hintergrund, muss es einfach klappen», sagt Coli.

Vitznauerhof: DZ mit Frühstück ab 320 Fr., www.vitznauerhof.ch. Waldhotel Davos: DZ mit Frühstück ab 350 Fr., www.waldhotel-davos.ch

Tipps und Informationen

Golfen für Kids und Jugendliche:

Golf-Kids-Camp Davos: 4. bis 7. Oktober 2015, für 6- bis 15-jährige Anfänger oder Fortgeschrittene, 18 Golfstunden, 670 Franken. Tel. 081 416 56 34, www.golfdavos.ch, www.asg.ch/asg/kidsgolf.cfm

Sheraton Davos Hotel Waldhuus, direkt am Golfplatz, zwei Kinder bis 14 Jahre übernachten gratis im Zimmer der Eltern, ab 289 Fr. inkl. HP und Kinderbetreuung, Tel. 081 417 93 33, www.sheraton.com/waldhuus Weitere Golfhotels: de.steigenberger.com/davos; www.seehofdavos.ch; www.hotelparsenn.ch; www.morosani.ch; www.hotel-edelweiss-davos.ch

Für einen golffreien Tag: Mit der Gästekarte Davos Klosters Card sind die Bergbahnen gratis. Tipp: der Botanische Garten Alpinum auf der Schatzalp, www.davos.ch. (afo)

Ufos? Eckige Hufeisen? Eine kleine Schlägerkunde ist unerlässlich.

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