Eine fast vergessene Diva

Das Ärmighorn ist ein Voralpengipfel, an dem Klettergeschichte stattfand. Und doch geriet es in Vergessenheit. Umso mehr lohnt sich ein Besuch.

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Voralpengipfel haben es nicht leicht. Sie klingen wie Vorspiel, Hauptprobe oder Übungsgelände, bevor man sich in die richtigen Alpengipfel mit Wechten und Gletschern wagt. Und manchmal gehen sie sogar fast vergessen – so erging es dem Ärmighorn. Schon lange ist die ­Seilbahn zur beschaulichen Alp Giesene nicht mehr in Betrieb, weshalb man den ganzen Weg von Mitholz im Tal zu Fuss hochsteigen muss, bis man endlich die rund 200 Meter hohe Südwand klettern kann, die auf einem Vorgipfel des Ärmighorns endet. Früher wurde diese Wand rege besucht, heute verirrt sich immer seltener eine Seilschaft hier hoch. Dabei ist der Kalkfels wunderbar strukturiert, bietet grosse Griffe, die Schwierigkeiten sind meist anhaltend und angenehm fordernd.

Am Wandfuss sitzt man auf einer grossen, abwärtsgeneigten Kalkplatte an der Sonne. Bis zum Gipfelkreuz wird man nichts anderes mehr sehen als rauen Alpenkalk in diversen Grautönen, manchmal leicht orange oder gelblich. Gegenüber liegen die kalten Gipfel der Blüemlisalp-Gruppe. Man hat sie im Genick, sobald man losklettert, und schon nach einer Seillänge fühlt man sich mächtig exponiert. Beim Abstieg zur Alp Giesene wird man sich der grünen Welt wieder hingeben, die um diese Jahreszeit so üppig ist, dass man sich am liebsten in eine Wiese verkriechen möchte, um die Sorgen geschäftiger Insekten zu teilen.

1978, das «Unfassbare»

Es ist natürlich Unsinn zu meinen, dass die grossen Herausforderungen nur an den grossen Bergen zu finden sind. ­Genau genommen gab es im Alpinismus eine Entwicklung, die man als angenehm gegenläufig bezeichnen kann: Während sonst alles expandieren und grösser werden will, mussten Bergsteiger auch das immer Kleinere suchen, um weiterzukommen. Voralpengipfel und Felswände, die nicht einmal einen Gipfel haben, rückten in den Fokus, und zwar nicht nur als Übungsgelände.

Weil die Berge bei 8848 Meter über Meer enden und dieses höchste aller Ziele schon 1953 erreicht war, musste man sich neu orientieren. Reinhold Messner pflegt zu sagen: «Der Eroberungsalpinismus wurde vom Schwierigkeitsalpinismus abgelöst.» Dieser Entwicklungspfad reicht in der Schweiz über die Voralpen bis in den Jura, wo mehrmals die höchsten Kletterschwierigkeiten «entwickelt» wurden. Wurden sie dann wieder an die Alpengipfel übertragen, bescherte das manchem Berg ein alpinistisches Revival, etwa dem Eiger. Die berüchtigte Heckmair-Route liegt am Übergang von Eroberung zu Schwierigkeit, «das letzte grosse Problem der Alpen» – die Route ist zwar schwierig, dennoch der einfachste Weg, die Nordwand zu erobern. 40 Jahre später stiegen die beiden Genfer Michel Piola und Gerhard Hopfgartner erstmals über den Genferpfeiler im westlichen Teil der Eigerwand auf die Westflanke aus, die Route hatte nie den Eigergipfel, sondern «nur» den Weg durch den Pfeiler zum Ziel.

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Praktisch zeitgleich rückte das im Vergleich zum Eiger unbedeutende Ärmighorn in den Fokus, als Jürg von ­Känel die Südwand erstmals freiklettern konnte; er benützte zur Fortbewegung nur Hände und Füsse an den natürlichen Felsstrukturen. Das Seil war nur da, um einen Sturz aufzufangen. Es war nicht die Erfindung des Freikletterns, das seinen Ursprung vermutlich in den USA hat (sofern man den überhaupt ­festlegen kann). Es war auch nicht das erste Mal, dass Freiklettern in der Schweiz zur Anwendung kam, und doch war von Känels Begehung am Ärmighorn aufsehenerregend.

1963 eröffnete die Seilschaft Trachsel/Grossen die erste Route durch die 200 Meter hohe Südwand. «Sie galt lange Zeit als eine der schönsten Felsklettereien in den Voralpen des Berner Oberlandes», schreibt Hannes Grossen in seinem 2010 erschienenen Buch. «Dass man die zweite Seillänge frei, ohne die Haken zu belasten, durchsteigen konnte, war damals für uns ‹normale› Kletterer kaum zu fassen.»

Mit «normal» meint Grossen den ­damals üblichen Stil des technischen Kletterns, wo man sich hocharbeitet, indem man Verankerungen anbringt und sich daran hochzieht. Nach der Entdeckung des Freikletterns galt der alte Stil bald als verpönt. Dass man fortan mit Fingern an Leisten Halt suchte, die Füsse oder Fäuste in Rissen verklemmte, bedeutete eine komplette Neubewertung des Kletterns. So war es 1978 unfassbar, dass die Südwand freizuklettern war – heute ist die Route im oberen Amateurbereich anzusiedeln, «Plaisir», wie es Jürg von Känel später bezeichnete und unter diesem Begriff eine ganze Reihe von Kletterführern publizierte. Der Begriff «Plaisir-Route» ist aus dem Schweizer Klettern nicht mehr wegzudenken, steht er doch für von Känels ­Erkenntnis, dass Freiklettern nichts mit dem Extremen zu tun haben muss, sondern mit einem Umdenken.

Abseits vom Rummel

Betrachtet man das Ärmighorn von Kandersteg aus, erinnert seine Pose an eine Diva, die sich auf dem roten Teppich den Fotografen präsentiert: Schulter, Hüfte und ausgestrecktes Bein zum Blitzlicht gedreht, bilden sie eine frontale Linie. Nur ist es eine vergessene Diva, das Blitzlicht war einmal. Zu schnell waren die Routen nach 1978 befreit worden, zu niedrig hielten sich die Schwierigkeiten. Der Voralpengipfel wurde zum Plaisir-Berg, leicht vergisst man, dass hier Klettergeschichte stattgefunden hat. Und schliesslich ging die Diva noch mehr in Vergessenheit, als sich auch noch die Seilbahn abwandte. Umso mehr lohnt es sich heute, den weiten Zustieg auf sich zu nehmen. Über den Südwestgrat findet man eine schöne Route zum Gipfel mit niedrigen Schwierigkeiten. Und in der Südwand die historischen, schwierigeren Linien – fernab vom Rummel. Nur die Blüemlisalp-Gruppe schaut zu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2018, 18:38 Uhr

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