Kunterbunt und Dudeldei

Unterwegs in Astrid Lindgrens Welt in Südschweden – wo Michel aus Lönneberga seine kleine Schwester an der Fahnenstange hochzog und die mutige Pippi Langstrumpf zum Vorbild aller Mädchen wurde.

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«Sing dudeldei, sing dudeldei, der Michel war bekannt, sing dudeldei, sing dudeldei, bekannt im ganzen Land» – wir sind im Volvo unterwegs in Småland, im Süden Schwedens. Småland, das ist Michel-Land, hier auf dem Katthult-Hof wurde «Michel aus Lönneberga» Anfang der 70er-Jahre gedreht. Gross und Klein strömen an diesem sonnigen Julitag auf das idyllische Anwesen, wo der strohblonde Lausbub seine Eltern zur Verzweiflung trieb.

In dieser Küche ist Michel mit dem Kopf in der Suppenschüssel stecken geblieben. An dieser Fahnenstange hat er seine kleine Schwester hochgezogen – «ich sehe die ganze Welt, bis Mariannelund!», rief Klein Ida entzückt. In dieses Plumpsklo hat Michel seinen strengen Vater versehentlich eingesperrt. Und in diesem Holzschuppen musste er seine Strafe absitzen – hier hat er seine vielen, vielen Holzmännchen geschnitzt.

Familien picknicken unter den Kirschbäumen, blonde Kinder füttern Schweine, Pferde, Hühner. Manch ein Bub verlässt den Kat­t­hult-Hof mit einer blauen Michel-Mütze auf dem Kopf. Die Geschichten des liebenswerten Bengels stammen aus der Feder der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren. Wobei: Im Original heisst Michel nicht Michel, sondern Emil – «Emil i Lönneberga». Der Name wurde im Deutschen geändert, um eine Verwechslung mit Erich Kästners «Emil und die Detektive» zu vermeiden.

Astrid Lindgren (1907–2002) und ihr Schaffen sind in der Provinz Småland allgegenwärtig. Besonders in Vimmerby, wo sie aufwuchs und wo sie bestattet wurde. «Michel aus Lönneberga», «Pippi Langstrumpf», «Karlsson vom Dach», «Die Kinder aus Bullerbü», «Ronja Räubertochter» und «Die Brüder Löwenherz» – mit einer Gesamtauflage von etwa 160 Millionen Büchern ist Astrid Lindgren die erfolgreichste Kinder- und Jugendbuchautorin der Welt. Bis zu ihrem Tod wurde sie Jahr für Jahr zur populärsten Schwedin gekürt.

In ihrem Elternhaus und dem Museum, dem Astrid Lindgrens Näs, erfährt man viel über ihr Leben und ihr Engagement für die Rechte der Kinder. Auf dem Marktplatz sitzt die Schriftstellerin in Bronze an der Schreibmaschine. In einer Seitengasse findet man den Laden, in dem Pippi einmal 18 Kilo Bonbons gekauft hat.

Vimmerby ist idealer Ausgangsort für Ferien in der Provinz Småland. Dieser typisch skandinavischen Gegend mit endlosen Wäldern, lichten Birkengrüppchen, unzähligen Seen, weiten Mooren und den charakteristischen falunroten Häusern und Höfen. Violett leuchten die Heidenröschen, gelb-blaue Flaggen wehen in den Gärten. «Hey, hey», grüsst man sich. Alles wirkt beschaulich und gepflegt, wie in Sevedstorp, wo 1986 die Abenteuer von Lisa, Lasse und Bosse verfilmt wurden. Diese drei kleinen, schmucken Höfe standen Modell für die Geschichten der Kinder von Bullerbü. Heute vergnügen sich andere blonde Kinder im Heuhaufen, in der Scheune werden Souvenirs und Kinderkleider verkauft.

Pippis Äffchen auf dem Frühstückstisch

Die Schweden schätzen die Ruhe und die Natur, lieben es, zu campieren und zu fischen, Komfort ist ihnen nicht so wichtig. Diesen Sommer blieb man bisher übrigens von blutrünstigen Mücken verschont, zu kalt und trocken wars. Campingplätze findet man überall, Hotelbetten hingegen sind im Sommer knapp. Wir wohnen im Fredensborgs Herrgård, ursprünglich ein Herrenhaus, das seit 1912 dem Ferienverein für Angestellte der schwedischen Eisenbahn gehört, klar, dass viele Bähnler unter den Gästen sind. Aber sie alle sind mit dem Auto angereist. Das Fredensborgs ist abgelegen, liegt verträumt inmitten eines Golfplatzes und verfügt über einen eigenen Badesteg samt Sauna am See.

Viele blonde Kinder wuseln um das Frühstücksbuffet, ab und zu fällt etwas zu Boden. Manch ein Mädchen trägt Zöpfchen wie Pippi, und Herr Nilsson, Pippis Äffchen, hier natürlich aus Stoff, darf auf dem Tisch sitzen. Dieser ist trotz der kleinen Gäste weiss gedeckt, mit Blümchen und weissen Kerzen geschmückt. «Are you okay with children?», erkundigt sich rücksichtsvoll ein Vater, als sein Töchterchen etwas gar heftig neben unserem Tisch auf den Boden stampft. Überhaupt sind es vor allem die Väter, die dem Kind das Nutella-Maul abwischen und das Baby im Tuch um den Bauch schnallen.

Die Familien haben alle das gleiche Ziel: «Astrid Lindgrens Welt», Schwedens grösstes Freilichttheater, das jeder Schwede, jede Schwedin einmal im Leben besucht haben muss. Von Mai bis August ist der Themenpark täglich geöffnet, bei jedem Wetter. Um 10 Uhr geht die Tür auf, die Schlange ist lang. Eine Glocke klingelt schrill. Es sind die Dorfpolizisten Kling und Klang aus «Pippi Langstrumpf», die auf einem wackligen Tandem durch den Park zirkeln; wenig später begegnen uns die Ganoven Blom und Donner-Karlsson, die um die Hausecken schleichen. Pippi und Michel sind die unbestrittenen Lieblinge – ihre Aufführungen sind bis auf den letzten Platz besetzt. Die Kinderwagen stauen sich auf den speziellen Parkplätzen. Schwedische Väter und Mütter sind übrigens nicht sozialer als anderswo, wenns darum geht, dem Nachwuchs freie Sicht zu ergattern.

Astrid Lindgren erfand starke Mädchen

«Hey Pippi Langstrumpf, hollahi hollaho holla hopsassa, hey Pippi Langstrumpf, die macht, was ihr gefällt.» Nach der Vorstellung drängt es Kinder und Eltern zur frechen Göre, die im Schneidersitz vor der Villa Kunterbunt sitzt. «Pippi Långstrump» war Astrid Lindgrens Debütwerk, die Romane wurden in 70 Sprachen übersetzt. Die mutige Pippi, das stärkste Mädchen der Welt. «Astrid Lindgren war eine starke Frau, die starke Mädchen erfunden hat», sagt Lena Möller, die Presseverantwortliche des Parks. Es sei kein Zufall, dass Schwedens Frauen als emanzipiert und selbstständig gelten: «Schwedens Mädchen wollen wie Pippi sein.» Persönlich zieht Lena Möller allerdings Emil alias Michel vor. Ihre Eltern und Geschwister spielten Statistenrollen im Film, sie lag damals, vor über 40 Jahren, krank im Bett. Es wurmt sie noch heute.

Das Recht der Kinder, überall frei spielen zu dürfen, lag der Schriftstellerin besonders am Herzen. Besonders beliebt scheint «Die winzige, kleine Stadt» zu sein, mit Häusern so klein, dass sich ein baumlanger Schwede kaum hineinzwängen kann. Ein Junge zieht sich die Schuhe aus, bevor er in ein Häuschen tritt. Es ist ein Schweizer Bub, Vincent, 4 Jahre alt. «Du musst die Schuhe hier nicht ausziehen», ruft die Mutter. Familie Kersten aus Wabern BE verbrachte drei Wochen mit dem Camper in Schweden, zum Ferienabschluss besuchen sie den Themenpark. Sie wären auch ohne Nachwuchs hier, sind sich die Eltern einig. Aus Nostalgie, um die Kindheit aufleben zu lassen, als sie wie Pippi, er wie Michel sein wollten. Tatsächlich muss man keine Kinder haben, um den Park zu geniessen – obwohl manch ein Besucher quasi als Alibi ein Kind mitbringe, erzählt Lena Möller.

Astrid Lindgren wollte keinen Ausverkauf in den Pippi- oder Emil-Buttiken, und sie duldete kein Fast Food. Dafür gibts Köttbullar, gebratene Fleischbällchen mit Preiselbeerkompott und Kartoffelstock, dazu Beerensaft. Und viele Cafés, die zur Fika laden. Fika, so heisst die Kaffeepause, die in Schweden grössten Stellenwert geniesst. Die klassische Fika besteht aus (dünnem) Kaffee und einer Kanelbullar, einer Zimtschnecke. Die Schweden lieben es süss, sogar sehr süss.

Die allerbesten Schleckwaren gibts in der Karamellkokeri im Örtchen Mariannelund. Das Mariannelund, das Klein Ida hoch oben an der Fahnenstange erblickt hat. Cecilia Johnsson führt die kleine Fabrik in der 3. Generation. Jedes bunte Bonbon, jede Kokoskugel wird von Hand hergestellt. Zu Anfangszeiten, 1930, sei Pfefferminz der Renner gewesen, heute Lakritze, sagt Cecilia. Im Sommer stehen die Leute Schlange vor ihrem süssen Laden. Und weil man als Schleckwarenproduzentin eine Verantwortung hat, stecken in einem Glas bei der Kasse Zahnbürstchen in den Farben der Bonbons.

Im Juni erst eröffnet wurde das Filmmuseum Filmbyn in Mariannelund. Hier blickt man hinter die Kulissen der Kinderfilmklassiker. Projektleiter und Michel-Fan Robert Glader führt begeistert durch das Astrid-Lindgren-Reich. Zu jedem Film sind Interviews mit den damaligen Schauspielern zu hören. Nur einer fehlt: Michel- Darsteller Jan Ohlsson. Mit grossem Bedauern, so Robert, habe man zur Kenntnis nehmen müssen, dass der ehemalige Kinderstar nicht mehr mit Michel in Verbindung gebracht werden will. Der herzige Bub von damals lehne bis heute jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit ab.

Astrid Lindgrens Werke, prägend für das ganze Land, sollen auch künftigen Generationen erhalten bleiben. «Wir haben viele neue schwedische Bürger, die ohne Michel und Pippi aufgewachsen sind», erwähnt Robert. Ein Drittel der 1500 Bewohner von Mariannelund seien Flüchtlinge. Damit die Tradition nicht verloren geht und vor allem auch das starke Frauenbild transportiert wird, führe die Schule spezielle Astrid-Lindgren-Projekte durch.

Jeder in Västervik besitzt ein Boot

Und wieder fahren wir im Volvo durch endlosen Wald. Eine einsame Gegend, kaum Verkehr – und doch droht Gefahr: Vor allem bei Dämmerung sind alle möglichen wilden Tiere unterwegs. Ob Dachs oder Reh: Sollte man ein Tier anfahren, muss die Polizei (11414) informiert werden. Zusammenstösse mit Elchen – die Brocken sind bis 700 Kilo schwer – haben besonders schlimme Folgen: Jährlich sterben in Schweden 15 bis 20 Menschen. Der Elch gilt als Nationaltier Schwedens. Umfragen haben gezeigt, dass 90 Prozent der Touristen unbedingt einen Elch sehen wollen.

Nirgendwo kommt man dem Elch so nah wie im Virum Älgpark bei Tuna. «Ich glaub, mich knutscht ein Elch!» – hier wird der Spruch zur Realität. Kjell Svensson, der Elch-Safaris anbietet, verspricht: «Nie, nie würde ein Elch beissen, küssen aber schon.» Kjell verteilt Kartoffel- und Apfelstücke, «Bonbons für die Elche». Kinder und Erwachsene sitzen auf den Bänken oder auf dem Dach der alten Militärwagen, die vom Traktor gezogen werden. Wir ruckeln durch die bezaubernde Landschaft, passieren das Tor zur Weide. Schon kommen die Elche angetrottet, je älter, desto unförmiger ihre Nasen. Stina, Adam, Edit oder Emil, zum Nachnamen heissen sie alle Svensson. Die Tiere drängen mit ihren Köpfen in die Wagen, lassen sich streicheln, schnappen sich die Apfelstücke aus den Mündern der Besucher. Was für ein Spass! Harald Svensson ist der Älteste der Familie, 11 Jahre, kein Geweih, keine Zähne mehr, staksig auf den Beinen, aber ein leidenschaftlicher Küsser. Nach dem Hände- (und Münder-)waschen gibts Kaffee und Kuchen, was denn sonst.

Die Sommertage im Norden dauern ewig. Zu Hause in der Schweiz stöhnt man unter der drückenden Hitze, hier ists angenehme 20 Grad warm, Sonne und Wolken wechseln sich ab. Wir fahren im Volvo dem Meer entgegen. Eine Stunde dauert die Reise von Vimmerby nach Västervik. Ein hübscher Ort mit lebhafter Hafen­promenade, wo die wetterfesten Schweden, wann immer möglich, draussen Fika machen. «Stockholm in miniature», sagt Niklas Lind vom lokalen Tourismusbüro, man fahre mit dem Boot mitten in die Kleinstadt. Jeder in Västervik besitze ein Boot. Er zeigt aufs Wasser, gerade absolviert sein Töchterchen die erste Segelstunde.

Mit dem Velo zum Archipel-Buffet auf Hasselö

Björn Ulvaeus, 72, von der Popgruppe ABBA lässt am Hafen ein mächtiges Konferenzgebäude bauen – die oberste Etage wird er als Feriendomizil nutzen. Er wolle Västervik, wo er eine so harmonische Kindheit genossen habe, etwas zurückgeben. ABBA, sagt Niklas, seien in Schweden nach wie vor hoch im Kurs.

Von hier fahren die Schiffe zu den Schäreninseln. 5000 Inseln liegen vor Västervik, wobei ein Eiland zuweilen nur aus einem Felsen besteht. Bloss etwa 20 der Inseln sind bewohnt. Hasselö ist mit zehn Kilometer Länge die grösste Insel im Archipel. Ausflugsboote fahren viermal täglich nach Hasselö, allerdings nur im Sommer, ab September ist einzig das Postboot unterwegs. 35 Menschen leben permanent auf der autofreien Insel, die praktisch in Frauenhand ist: Lina Johannsson und ihre Mutter führen den einzigen Laden, die einzige Herberge, den einzigen Campingplatz, das einzige Café, und sie vermieten Kajaks und Velos. Das einzige Restaurant, ein altes Bootshaus direkt am Wasser, gehört Linas Schwägerin. Im Holzschuppen schöpft man Fischsuppe, geräucherten Lachs, Pasteten und Salate vom Archipel-Buffet.

So gestärkt, holpert man auf dem Velo über Kieswege und passiert ein Brücklein auf die Nachbarinsel Sladö, ein Naturschutzgebiet. Man wandert über weiches Moos, pflückt Heidelbeeren – und die Schweden vergnügen sich im 16 Grad kalten Meer. Zeit für eine kurze Fika nur – schon um 17 Uhr fährt das letzte Schiff zurück. Lina winkt uns nach. Die junge Frau liebt das beschauliche Leben auf der Insel, freut sich sehr auf die einsamen Winter. Aber einmal im Jahr zieht es selbst Lina in den Rummel auf dem Festland: Jeden Sommer besucht sie die furchtlose Pippi Langstrumpf in «Astrid Lindgrens Welt», die Heldin ihrer Kindheit.


Diese Reise wurde unterstützt von Kontiki Reisen (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.07.2017, 14:06 Uhr

Tipps und Infos: Ferienspass mit Michel, Pippi und den Elchen

Anreise Mit Swiss oder SAS von Zürich nach Stockholm. Autofahrt nach Vimmerby in vier Stunden.

Unterkunft Fredensborgs Herrgård, DZ mit Frühstück ab 180 Fr.,
www.fredensborg.com

Restaurant Ingebo Hagar, Café und Hofladen, www.ingebohagar.se

Ausflüge Astrid Lindgrens Welt und Feriendorf,
www.astridlindgrensvarld.se Astrid Lindgrens Näs, www.astridlindgrensnas.se Katthult-Hof, www.katthult.se
Bullerbü, www.astridsbullerbyn.se Filmbyn, Astrid-Lindgren-Filmmuseum, www.filmbyn.se Elchpark Virum, www.virummoosepark.se
Insel Hasselö, www.hasselo.com Karamellkokeri, www.karamellkokeri.se

Arrangement Kunterbunter Ferienspass, 8-tägige individuelle Reise im Mietauto von Kopenhagen bis Stockholm, ab/bis Schweiz im Familienzimmer (2 Erwachsene, 2 Kinder) 4450 Fr., Buchung: Skandinavien-Veranstalter Kontiki, Tel. 056 203 66 66, www.kontiki.ch

Allg. Infos www.vimmerby.com, www.visitsmaland.se

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