Das Land, das die Zeit vergisst

Gabriel Win jagt Paradiesvögel und kennt sein Alter nicht. Gleichzeitig versucht sein Land, Papua-Neuguinea, den Anschluss an die westliche Welt zu schaffen. Das birgt einige Probleme.

Geschmückt mit Paradiesvogelfedern und Bananenblättern: Beim Goroka-Festival wird getanzt und gesungen. Foto: Franz Lerchenmüller

Geschmückt mit Paradiesvogelfedern und Bananenblättern: Beim Goroka-Festival wird getanzt und gesungen. Foto: Franz Lerchenmüller

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Eine Handvoll Pfeile hat Gabriel Win auf dem Rücken, er marschiert durch den Dschungel und sucht Vögel. Paradiesvögel. Gabriel jagt diese bunten Tiere mit den langen Federn. Gewehr und Kugeln? Gabriel macht eine abschätzige Handbewegung – macht er nicht, ist verboten. Hoch oben auf den Bäumen bei den süssen Früchten sollen sie sich aufhalten.

Stundenlang wartet Gabriel, dann sieht er einen Paradies­vogel, einen roten, nimmt einen Pfeil und lässt die Sehne schwingen. Treffer. Der Vogel fällt zu Boden, es ist bereits sein dritter. Gutes Geld. 150 Kina bekommt er für die drei Vögel, das sind knapp 50 Franken. Viel Geld in Papua-Neuguinea.

Gabriel Win ist Bauer und Paradiesvogeljäger. Foto: Franz Lerchenmüller

So erzählt das Gabriel Tage später. Der Bauer ist nach Goroka gereist und hat sechs Stunden Busfahrt auf sich genommen. Nun steht er im Garten eines befreundeten Bekannten, Frauen ziehen sich in seinem Rücken um – raus aus den Jeans, rein in den Wams aus Bananenblättern. Sie schminken sich und tragen Federn auf den Köpfen.

Es ist der Höhepunkt des Jahres, Nationalfeiertag und Goroka-Show. Über hundert Stämme reisen in den kleinen Ort in der Mitte des Landes. Sie laufen auf ein riesiges Feld, singen und tanzen, eine Jury bewertet sie. Es sind keine Melodien, die da erklingen, eher Laute, die aus einer anderen Zeit kommen. «Das ist unsere Geschichte», sagt Gabriel, «wir pflegen sie mit Stolz.»

Über 800 Sprachen und ähnlich viele Kulturen

Papua-Neuguinea oder PNG, wie hier überall steht, ist ein Land, das irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart steckt. «Das letzte Abenteuer dieser Welt» kann man in Reiseprospekten lesen. Wer hierherkommt und in die entlegenen Dörfer reist, der sieht, wie es einmal an vielen Orten dieser Welt war: einfach, klein, selbstversorgend.

Ob im abenteuerlichen Dschungel oder am perlweissen Strand: Fast die Hälfte der Bewohner kommt noch immer ohne Strom und fliessendes Wasser aus. Die Menschen lebten hier lange in Clan- und Dorfstrukturen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb in PNG über 800 Sprachen gesprochen und ähnlich viele unterschiedliche Kulturen gepflegt werden.

Gabriel ist alt, sein Gesicht ist voller Furchen, die Zeit hat Spuren hinterlassen, doch an sein Alter kann er sich nicht erinnern. «So um die 50», sagt er. Die Zeit ist in PNG nebensächlich, man hat sie, sie geht nicht verloren. Gabriels Gesicht hat etwas Wildes, etwas Grimmiges, doch sobald er lacht, und dafür braucht es wenig, weicht es Herzlichkeit und Freundlichkeit.

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Nur einmal, da kommt das Lachen nicht. Das Vorurteil. Immer wieder gehört: das Land der Menschenfresser. «Das machen wir schon lange nicht mehr», sagt er. Als Holländer und Deutsche die Insel im 19. Jahrhundert kolonialisierten, erschraken sie darüber, was sie sahen. Kannibalen, die Hirne im Wasser kochten; die Genitalien und Muskeln assen. Gabriel erzählt, dass sein Vater Menschenfleisch gegessen habe, doch darüber gesprochen habe er mit ihnen, den Kindern, kaum. In den Sechzigerjahren haben die Menschen damit aufgehört, die meisten jedenfalls. Es soll noch Stämme geben, tief im Wald und nicht zivilisiert, die Menschen essen.

Auch die Paradiesvögel werden verzehrt; im Dorf von Gabriel ist das den Dorfältesten vorbehalten. Überhaupt, das Verhältnis zu diesem Vogel ist speziell. Er ziert das Wappen des Landes, in PNG gibt es so viele Arten wie nirgends auf der Welt. Viele sind vom Aussterben bedroht.

Tierschützer Peter ist aus der Hauptstadt Port Moresby nach Goroka ans Festival gereist, er arbeitet für einen Naturpark und stört sich an der Paradiesvogeljagd. «Wichtig ist vor allem die Aufklärung», sagt er. Er erzählt den Menschen, dass gewisse Arten besonders bedroht seien und dass sie doch die Federn besser lagern sollen, damit sie nicht jedes Jahr neue kaufen müssen. Für den Federschmuck braucht es bis zu 30 Vögel, bei 1000 Tänzern und Sängern ein lohnendes Geschäft für Jäger.

Häusliche Gewalt ist ein grosses Problem

Doch das Land kämpft nicht nur mit bedrohten Vogelarten. Auf dem Festivalgelände in Goroka sitzen Händler am Boden und bieten ihre Waren an – wie Cathy. Auch sie zuckt mit den Schultern auf die Frage nach ihrem Alter. Ihre Augen sind blau unterlaufen. «Mein Mann hat mich geschlagen, als er betrunken nach Hause kam», sagt sie. Sie will sich scheiden lassen und ihn vor Gericht ziehen. Beim Einlass auf das Festivalgelände steht ein riesiges Plakat: «Keine Gewalt an Frauen».

Das Problem ist fundamental. Gewalt ist Teil der melanesischen Kultur. Weil es im Dschungel bei den Stämmen keine Polizei und kein Gesetz gab, galt stets das Recht des Stärkeren. Jahrhundertelang haben sich die Stämme bekämpft, jede Provokation muss vergolten werden. Es gab gar Bräuche, bei denen der Bub, der zum Mann werden wollte, zum feindlichen Stamm gehen und mit einem Kopf zurückkehren musste.

So hat man in den 50er-Jahren das Goroka-Festival ins Leben gerufen, um die Stämme zu einem friedlichen Umgang zu motivieren. Ein Sprichwort besagt: Solange die Leute tanzen, töten sie nicht.

Das Land müsse an sich glauben

Auch wenn sich die Lage heute gebessert hat, liest man fast täglich in den Zeitungen, wie jahrhundertealte Stammesfeindschaften wieder aufflackern, weil plötzlich Menschen in den Städten auf kleinstem Raum miteinander leben müssen. Wäre Gewalt in PNG ein schlimmes Feuer, dann ist der Alkohol der Brandbeschleuniger.

Die Zeitung «National» hat kürzlich dem Thema einen Leitartikel gewidmet. Die Forderung: Es muss etwas geschehen. Bereits heute ist es verboten, an den Freitagen, wenn die Löhne ausbezahlt werden, Alkohol zu verkaufen. Ganze Wochenlöhne haben die Männer früher an diesen Tagen vertrunken.

Premierminister Peter O’Neill sagt, das Land müsse an sich glauben. Das ist schwierig, denn vom Staat kommt wenig zurück. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Korruption ebenfalls, die Infrastruktur mangelhaft: Kaum eine Stadt ist mit der anderen verbunden, Strassen sind mit ihren Schlaglöchern ein Ärgernis, Flugreisen für die Unter- und Mittelklasse zu teuer. Also klammern sich die Menschen an das Ästchen Tourismus, das wachsen soll – und mit ihm das ganze Land.

Die Reise wurde unterstützt von der PNG-Tourismusbehörde.

Erstellt: 02.05.2019, 19:32 Uhr

Insel voller Geheimnisse

Anreise: Über Singapur oder Hongkong. Swiss bietet Flüge in beide Städte an. Von dort mit Air Niugini nach Port Moresby. www.swiss.com; www.airniugini.com.pg

Unterkunft: In der Hauptstadt gibt es viele westlich eingerichtete Hotels mit gutem Standard, auf dem Land sind die Unterkünfte einfacher gehalten. Holiday Inn in der Hauptstadt Port Moresby, 170 Franken für 2 Personen pro Nacht. www.holidayinn.com

Rundreisen: Empfohlen wird eine geführte Tour; zu Individualreisen und Rucksacktourismus wird nicht geraten, weil es im Landesinneren an touristischer Infrastruktur mangelt.

Reiseveranstalter: www.pacificsociety.ch; www.knechtreisen.ch; www.ozeania.ch

Allg. Infos: www.papuanewguinea.travel; www.eda.admin.ch

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