Der erste Kuss und ein roter Bart

Im Nordosten Brasiliens bietet der Nationalpark Serra da Capivara überwältigende Felszeichnungen und eine einzigartige Natur. Aber internationale Touristen bleiben aus.

In mystisches warmes Licht getaucht: Felswände im Nationalpark Serra da Capivara. Foto: Alamy Stock Photo

In mystisches warmes Licht getaucht: Felswände im Nationalpark Serra da Capivara. Foto: Alamy Stock Photo

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Der Ort könnte kaum romantischer sein: Unter einem sternenglitzernden Nachthimmel piepst sich ein Schwarm Kaktussittiche leise in den Schlaf, eine Papageienart, die nur hier vorkommt. Eine schützende Felswand reflektiert warm angeleuchtet ein mystisches Licht. Die Besucher verfallen automatisch in einen Flüsterton. Hier soll ein küssendes Paar verewigt sein, das wohl erste Abbild dieser Intimität in der Menschheitsgeschichte.

Nur wenige Touristen befinden sich an diesem Abend auf dem mit Holz verkleideten Weg an der Felswand des Boqueirão da Pedra Furada. Die Fundstelle ist das Highlight im Nationalpark Serra da Capivara im Nordosten Brasiliens, im Bundesstaat Piauí. Vor Jahrtausenden haben hier die ersten Südamerikaner Spuren hinterlassen. Die Felswand gleicht einem überwältigenden, fröhlichen Urzeit-Comic: Rote Strichmännchen tanzen, hüpfen, werfen die Arme in die Luft oder vollführen akrobatische Kunststücke. Andere jagen Hirsche oder Emus. Und zwischendrin in dem Gewimmel zwei Figuren mit runden Bäuchen, die Köpfe zueinander geneigt: der Kuss!

Wissenschaftler halten sich indes zurück mit der Deutung der Zeichnungen, denn über die Urzeitmenschen, die hier vor 6000 bis mindestens 12'000 Jahren die Sandsteinwände bemalten, ist kaum etwas bekannt. Klar ist für die Archäologin Niède Guidon, die sich am nächsten Tag im Museum des amerikanischen Menschen (Fumdham) Zeit für die europäische Besuchergruppe nimmt: «Archäologisch betrachtet, befinden wir uns hier in der reichsten Gegend der Welt.» Im Park wurden über 1300 Fundstellen mit Zeichnungen oder Feuerstellen entdeckt, 173 davon sind für Touristen zugänglich.

Seit 1991 Teil des Unesco-Weltkulturerbes

Guidon erkannte als Erste den Wert der Felsmalereien und hat ihnen ihr Leben gewidmet. Die heute 85-Jährige forcierte, dass die archäologischen Stätten 1991 zum Unesco-Weltkulturerbe wurden. Sie möchte den Tourismus ankurbeln, damit internationale Besucher die Schätze sehen und Geld für die Erhaltung nach Piauí fliesst, dem ärmsten brasilianischen Bundesstaat.

Berechnungen zeigen, dass jährlich bis zu 3 Millionen Besucher kommen könnten, das wären 20-mal so viele wie im Schweizerischen Nationalpark. Die Realität sieht im Nationalpark Serra da Capivara anders aus: Gerade mal 16'700 Gäste waren es 2017. Die Zahlen hat Uwe Weibrecht analysiert. Der gebürtige Deutsche lebt seit über zwanzig Jahren in Brasilien, ist bestens vernetzt und arbeitet unter anderem als Reiseleiter. Er hat die Tour organisiert und den Kontakt zu seiner ehemaligen Chefin Niède Guidon vermittelt, denn Weibrecht war auch einmal Leiter des Nationalparks.

Farbenfroh: Künstler Hostyano Machado in seinem Garten in Teresina. Foto: Anke Fossgreen

Er kennt das Dilemma, gegen das die Archäologin seit Jahrzehnten ankämpft: die schwache Infrastruktur. Zwar wurde auf ihre Initiative vor drei Jahren im Nahen São Raimundo Nonato ein Flughafen eröffnet – allerdings landen dort keine Maschinen. Erst müssen Unterkünfte für die Touristen her, fordern die Manager der Airlines. Die Investoren hingegen bauen keine Hotels, solange es keine regelmässigen Flugverbindungen gibt.

Die Anreise per Auto oder Bus aus Petrolina im Südosten oder Teresina im Norden bleibt also länger – aber lohnenswert. Der Nationalpark Serra da Capivara ist nicht nur für die Felszeichnungen berühmt. Einzigartig ist auch die Natur in der Region, die Caatinga. Das indianische Wort bedeutet «weisser Wald». Keiner kennt die charakteristische Flora so gut wie José Alves. Der Professor von der Universität Vale do São Francisco in Petrolina hat ein umfassendes Werk über die aussergewöhnlichen Pflanzen in der Region verfasst. «Hier trifft die Buschwaldsteppe auf den atlantischen Regenwald», erklärt er der Reisegruppe.

«Weisser Wald» heisst die Caatinga, weil in der Trockenzeit die ausgeblichenen Stämme der Pflanzen in der Sonne leuchten sollen. Unvorstellbar für Touristen, die zwischen Dezember und April anreisen.

Unter der Beobachtung von Felsenmeerschweinchen

Alves führt die kleine Gruppe zu einem Aussichtspunkt über runde, kunstvoll marmorierte Felsen. Ein paar Mocós, Felsenmeerschweinchen, die aussehen wie Kaninchen mit einem Murmeltierkopf, schauen neugierig aus schattigen Spalten. Grössere Tiere wie Ameisenbären, Gürteltiere oder gar ein Jaguar sind während der Regenzeit kaum im schier nicht endenden Grün zu entdecken. Es ergiesst sich in ein vor Urzeiten ausgewaschenes Tal. Alves ist alles andere als ein trockener Forscher. Als die Touristenschar ihn zu sehr mit Fragen bestürmt, regt er an, sich schweigend an die Hände zu fassen, dem Wind zu lauschen und die Magie des Ortes zu spüren. Während einige Gruppenmitglieder– eher rational veranlagt – die Augen verdrehen, kommen andere tatsächlich zur Ruhe. Atemberaubend schön hier.

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Zwar ist die aussergewöhnliche Natur in grossen Gebieten in Piauí geschützt, worauf Wellington Dias, der Gouverneur des Bundesstaates, mit Stolz verweist, als er kurze Zeit später in der gut 500 Kilometer nördlich gelegenen Bundeshauptstadt Teresina die Europäer empfängt. Auf dem Weg dahin mit dem Bus ist die Bedrohung der einzigartigen Landschaft jedoch augenscheinlich: Grosse Flächen der Caatinga fallen dem Sojaanbau zum Opfer. Der Naturschutz wird sich in Brasilien mit dem seit Jahresbeginn amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro wohl kaum zum Vorteil entwickeln, befürchten auch Einheimische. Bolsonaro hat beispielsweise angekündigt, die Abholzung des Amazonas-Regenwalds, der rund 3000 Kilometer nördlich von Piauí liegt, voranzutreiben.

Ein bisschen Kubismus ein bisschen Chagall

Zurück in der Zivilisation, in Teresina, öffnet Reiseleiter Uwe Weibrecht der Besuchergruppe nicht nur sämtliche Türen, sondern sogar eine Gartenpforte. So lässt uns ein bedeutender zeitgenössischer Künstler in seine Privatgemächer. Hostyano Machado hat den neuen Flughafen von São Raimundo Nonato mit Kunstwerken geschmückt. Jetzt begrüsst er die Touristen wie Freunde. Der kleine Mann mit blitzenden Augen trägt ein Künstlerbarett auf dem Kopf in Feuerrot, passend zu seinem ebenso gefärbten Vollbart. Das Gesichtshaar sieht aus, als hätte Hostyano selber mit Pinsel und Farbe aus den ausgedrückten Tuben, die auf einem Tisch im Atelier herumliegen, Hand angelegt.

Der verwilderte Garten und das grellbunte Anwesen – komplett ohne Fensterglas oder Türen, sodass der Wind hindurchstreicht – erinnert in Kleinformat etwas an den Garten des Tarot, den Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely in der Toscana erschaffen haben. Grossflächige Gemälde und skurrile Skulpturen überall. Im Pool, der mit bunten Mosaiken ausgelegt ist, verlieren die Gäste die Ehrfurcht. Sie bespritzen sich kichernd wie Kinder.

Zum Abschied schenkt Hostyano jedem eine Kohlestiftskizze, ein bisschen Kubismus, ein bisschen Chagall.

Die Reise wurde unterstützt vom Bundesstaat Piauí.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.01.2019, 17:57 Uhr

Tipps und Infos

Anreise: Mit Condor über Frankfurt, mit TAP über Lissabon nach Recife, Inlandflug nach Teresina oder Petrolina.

Übernachten: Hotel Sera da Capivara, São Raimundo Nonato, sehr einfache Zimmer, Tel: +55 89 981 427 358.

Aktivitäten: Nationalpark Serra da Capivara, Museum des amerikanischen Menschen, www.fumdham.org.br.

Keramikwerkstätte Ceranica Serra da Capivara, Sitio Barreirinho, Töpferwaren mit Motiven inspiriert von der Felsenkunst. 

Die Küste Barra Grande im Norden von Piaui ist von Juli bis Januar ein Paradies für Kitesurfer und auch bei weniger Wind sehenswert, www.barragrandepiaui.com.

Übernachtung: Pousada BGK, mit Bananenblättern gedeckte Hütten am Strand, www.bgk.com.br; La Cozinha, geführt vom belgischen Ehepaar Marie und Hervé Witmeur mit hervorragender Küche, www.lacozinha.com.

Deutschsprachige Reiseleitung: Uwe Weibrecht, Agentur Eurocity, stellt individuelle Programme zusammen, www.eurocity.com.br.

Beste Reisezeit: Ganzjährig, in der Regenzeit von Dezember bis April sind die Naturparks grün, in der Trockenzeit sind eher Tiere zu sehen.

Allgemein: www.visitbrasil.com.

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