Ferien im Milliardengrab

Ein Schiff, ein Stadion – und sogar eine Insel: Diese touristischen Megaprojekte sind grandios gescheitert.

Schon 13-mal gab es Projekte für den Nachbau der Titanic, die 1912 gesunken ist. Fotos: PD

Schon 13-mal gab es Projekte für den Nachbau der Titanic, die 1912 gesunken ist. Fotos: PD

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The World Islands, Dubai

Dubai ist bekannt für seinen Gigantismus. Dazu gehören auch die Milliardenprojekte im Persischen Golf, entstanden durch die Aufschüttung künstlicher Inseln. Zwei von ihnen, die beiden «Palmen» (Palm Jumeirah und die viel grössere Palm Deira), sind inzwischen mindestens teilweise überbaut. Doch The World Islands ist eine andere Geschichte: Es sollte ein Archipel entstehen, dessen 300 Inseln jeweils ein Land, eine Region oder eine Stadt darstellen. Das Projekt startete 2003. Bis 2008 waren fast zwei Drittel der Inseln verkauft. Doch die Finanzkrise 2008 brachte die Bau- und Entwicklungstätigkeit zum Stehen. Heute ist nur eine einzige der Inseln – ausgerechnet der Libanon – fertig gebaut und für Touristen zugänglich. Mit aufgelaufenen Kosten von rund 13,5 Milliarden Franken, ohne nennenswerten Return, ist The World Islands vielleicht die grösste touristische Fehlinvestition aller Zeiten.

Stuttgart 21, Deutschland

Aus dem oberirdischen Kopfbahnhof Stuttgart soll ein unterirdischer Durchgangsbahnhof werden. Geplant wird seit den 1970er-Jahren, gebaut seit 2010. Begleitet wurde der Baubeginn von einigen der heftigsten Krawalle, welche die Bundesrepublik je gesehen hat. Die Gesamtkosten wurden einst mit 2,45 Milliarden Euro veranschlagt. Doch die Kosten sind völlig aus dem Ruder gelaufen und dürften sich am Schluss auf über 10 Milliarden Euro belaufen. Wann der neue Bahnhof in Betrieb genommen wird, steht in den Sternen: Ursprünglich war die Eröffnung für Dezember 2019 geplant. Jetzt soll sie 2025 sein, vielleicht.

Flughafen Berlin-Brandenburg, Deutschland

Mit Infrastrukturprojekten haben die Deutschen definitiv kein Glück. An der «Bauschande Deutschlands», dem neuen Grossflughafen Berlin-Brandenburg (BER), wird nämlich schon seit 2006 gebaut; die Eröffnung war für 2011 vorgesehen, musste jedoch seither immer weiter hinausgeschoben werden. Momentan reden die Verantwortlichen von einem Eröffnungstermin im Oktober 2020. Aber viele Berliner mögen das nicht glauben. Es gibt Stimmen, die besagen, am besten würde man alles abreissen und bei null wieder anfangen. Wer weiss: Vielleicht wird BER eines Tages doch noch eröffnet. Dann wird er allerdings bereits zu klein sein, wenn der Flugverkehr weiterhin im selben Mass steigt wie in den vergangenen Jahren.

New South China Mall, Dongguan, VR China

Wer besitzt die grössten Shoppingmalls? Nicht die Amerikaner jedenfalls, die sie einst erfunden hatten, sondern (laut dem deutschen «Handelsblatt») die Philippinen, Malaysia und die Volksrepublik China. Die allergrösste Mall steht in der chinesischen 8-Millionen-Stadt Dongguan nördlich von Hongkong. Der Bau kostete 1,2 Milliarden Franken und bietet auf mehr als 600'000 m2 Bruttomietfläche Platz für 2350 Geschäfte, eine Achterbahn, ein Imax-Kino, ein Hotel, venezianische Kanäle und eine Kopie des Markusplatzes und des Pariser Arc de Triomphe. Doch die New South China Mall hat ein Problem: Die meisten Ladenflächen sind leer; Kunden gibt es kaum, und wenn, dann vor allem für die Kinos. Die South China Mall ist nie verlassen worden wie viele zerfallende Malls in den USA: Die Mieter sprangen hier nicht vom sinkenden Schiff; sie haben es gar nie betreten.

Foreshore Freeway Bridge, Kapstadt, Südafrika

Dieses Projekt erinnert an die Sihlhochstrasse in Zürich – mit dem Unterschied, dass die Sihlhochstrasse bis zu jener Stelle für den Verkehr genutzt wird, an der sie unvermittelt abbricht. Die Freeshore Freeway Bridge gehört zu einer in den 1970er-Jahren geplanten Autobahn, deren Bau jedoch 1977 eingestellt wurde. Die Rampen stehen, aber es fehlen 260 Meter Strasse, um das Bauwerk zu komplettieren. Weshalb es bis heute nicht vollendet ist, bleibt ein Geheimnis. Immerhin dient der Brückenstummel als Touristenattraktion und Filmschauplatz. Die Kosten für die nie genutzte Brücke: mehr als 600 Millionen Franken.

Estadio Nacional de Brasilia, Brasilien

Für Fussball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele wurden schon viele Stadien gebaut, welche nach dem Anlass viel zu gross waren, kaum genutzt wurden und nicht mehr instand gehalten werden konnten. Das Olympiastadion Sevilla ist ein Beispiel: Es wurde als Teil der Bewerbung Sevillas für die Olympischen Sommerspiele 2004 gebaut – die dann in Athen stattfanden. Paradebeispiel ist aber das Estadio Nacional in Brasilia. Es kostete fast 490 Millionen Franken, und an der Fussball-WM 2014 in Brasilien fanden dort sieben Spiele statt. Seither wird es kaum mehr genutzt: Brasilia hat keine professionelle Fussballmannschaft, welche die Kosten von rund 200‘000 Franken pro Monat tragen könnte. Deshalb ist das Stadiongelände jetzt ein Busdepot, während im Stadiongebäude Hunderte Regierungsbeamte tätig (oder untätig) sind.

The Harmon Hotel, Las Vegas, USA

In der Spielerstadt Las Vegas wird geklotzt, nicht gekleckert, allerdings nicht immer erfolgreich: 2007 wurde mit dem Bau des Harmon Hotel begonnen. Kostenvoranschlag: 279 Millionen Dollar (nach heutigem Wert 272 Millionen Franken, damals rund 330 Millionen Franken). Ein elliptischer Turm mit Glasfassade sollte es sein, mit 400 Zimmern und 207 Eigentumswohnungen. Doch dann kam 2008 die Finanzkrise; zudem wurden Baumängel entdeckt. 2013 wurde entschieden, das Harmon abzureissen. Das Hotel hat nie einen Gast gesehen, aber am Ende Kosten in Höhe von fast 400 Millionen Dollar verursacht – davon 20 Millionen allein für den Abbruch.

Titanic II, Australien

Vielleicht kein gutes Omen: Schon 13-mal gab es Projekte für den Nachbau der berühmt-berüchtigten Titanic, die 1912 vor Neufundland gesunken war. Der exzentrische australische Milliardär und Bergbauunternehmer Clive Palmer (65) enthüllte 2012 seine eigenen Pläne; seine Titanic II sollte 2016 vom Stapel laufen. Dann wurde der Bau in einer chinesischen Werft wegen finanzieller Schwierigkeiten vorübergehend eingestellt. Doch inzwischen wird wieder gebaut. Palmer kündigte im September 2018 an, das Schiff werde 2022 in Dienst gestellt. Nach einer Reise nach Dubai und von dort nach Southampton soll es auf der Strecke Southampton–New York und für Kreuzfahrten eingesetzt werden. Doch noch könnte das Projekt Titanic II Schiffbruch erleiden.

Ryugyong-Hotel, Pyongyang, Nordkorea

Einst bauten die Pharaonen Pyramiden, um ihre Herrlichkeit zu manifestieren. Die nordkoreanische Diktatorenfamilie Kim liess ab 1987 das 330 Meter hohe Ryugyong-Hotel erstellen. Es sollte einen Schatten auf Südkorea werfen, wo 1988 die Olympischen Sommerspiele stattfanden. Nur war das Hotel zu diesem Zeitpunkt nicht fertiggestellt, und der Bau wurde 1992, nach dem Kollaps der Sowjetunion, komplett eingestellt. 2008 wurde plötzlich wieder daran gearbeitet. 2011 stand die Fassade, doch die für 2013 geplante Eröffnung des Hotels zusammen mit der Hotelgruppe Kempinski fand nicht statt. Natürlich bleibt es ein Staatsgeheimnis, wie viel der Bau der Hotelruine verschlungen hat. Und anders als die ägyptischen Pyramiden wird das laut «Guinnessbuch» «höchste ungenutzte Hotelgebäude der Welt» nicht einmal als Touristenattraktion vermarktet.

Erstellt: 26.08.2019, 14:13 Uhr

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