Im Fall der Fälle

Touristen können die Niagarafälle aus einer ungewöhnlichen Perspektive erleben. Ein Tunnel gibt den Blick frei auf unglaubliche Wassermassen.

Das Wasser schäumt und kocht, als sässe man mitten in einem Hexenkessel: Mit Pelerinen geschützte Besucher auf der Aussichtsplattform. Foto: Frank Heuer (Laif)

Das Wasser schäumt und kocht, als sässe man mitten in einem Hexenkessel: Mit Pelerinen geschützte Besucher auf der Aussichtsplattform. Foto: Frank Heuer (Laif)

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Ohne gelbe Plastikpelerine kommt man nicht hinter die Wasserfront. Den Schutz zu tragen, ist ratsam. Der in den Felsen gehauene Gang hat eine Aussichtsplattform zur Wasserseite hin. Doch Gischt sprüht gefühlt überall, sodass der Erkundungstrip zum feuchten Vergnügen wird.

Zunächst geht es zu Fuss oder mit dem Lift 45 Meter in die Tiefe, dann knapp 200 Meter entlang der Wasserfront der Niagarafälle. 1903 wurde die Röhre am Table Rock zwischen dem US-Bundesstaat New York und der kanadischen Provinz Ontario gebaut. Die Wassermassen, die lautstark über uns hinwegrauschen, erzeugen eine hohe Luftfeuchtigkeit, die man auf der Haut und auch mit der Nase wahrnimmt. Grüne Schimmelpilze und Algen haben sich an den Wänden niedergelassen.

Mit ungeheurer Kraft und Lautstärke donnern 2800 Kubikmeter Wasser jede Sekunde über die Köpfe der Besucher hinweg. Die Erschütterung des Tunnels spürt man im ganzen Körper. Erfahrungen, die schon Millionen Menschen gemacht haben – unter ihnen Prinzessin Diana, John F. Kennedy oder Harry S. Truman. Auch Marilyn Monroe, als 1953 der Film «Niagara» gedreht wurde, mit den Wasserfällen als schaurig-schöner Kulisse.

Der Besucherandrang wird reguliert. Nur eine bestimmte Anzahl von Menschen darf gleichzeitig in den niedrigen Gang. Am Eingang erfährt man, wie schwierig es war, eine Art Röhre hinter das nasse Naturwunder zu treiben. Unter uns kämpfen Ausflugsschiffe im Dutzend gegen die schäumenden Wassermassen. Sie bringen Passagiere so nah wie möglich zu den Stellen, wo die Fluten des Niagaraflusses in die Tiefe stürzen. Wir lernen, dass hier ursprünglich 21 Milliarden Liter pro Stunde die Ebene wechselten. Heute zweigen die Anrainerstaaten USA und Kanada die Hälfte zur Energiegewinnung ab.

Das Wasserspektakel bewegt sich jährlich um einen Meter zurück.

Die drei Wasserfälle, Horse­shoe Falls, Bridal Veil Falls und American Falls, die zusammen als Niagarafälle bezeichnet werden, bilden die Grenze zwischen beiden Staaten. Besucher erfahren, dass sich das Wasserspektakel jährlich um einen Meter zurückbewegt. Die Kraft des Wassers wäscht die weichen Schieferschichten an der Abbruchkante aus, bis das darüberliegende Gestein einbricht. Auf Schautafeln erfährt man weiter, dass den «Donnernden Wassern» schon mal der Hahn zugedreht wurde. US-amerikanische Geologen wollten 1969 eine Studie über die natürliche Erosion der Wasserfälle durchführen und stauten den Fluss. Was auf dem Grund sichtbar wurde, dokumentiert ein Schwarzweissfoto.

Und es gab Todesmutige, die sich in einer hölzernen Tonne in den Abgrund fallen liessen. Nicht alle haben den Sturz aus 54 bis 58 Meter Höhe überlebt. Dafür – wie ein Wunder – ein sieben Jahre alter Bub, der bei einem Bootsunglück in den Fluss geschleudert wurde. Er trieb über die Wasserkante, stürzte in die Tiefe und konnte unten von Schiffspassagieren aus dem schäumenden Wasser gefischt werden. Glücklicherweise trug er eine Schwimmweste.

Früher froren die Fälle im Winter fast vollständig zu

Man bewegt sich im Tunnel von Bildtafel zu Bildtafel, geschützt durch Betonwände, in die grosse Öffnungen eingelassen sind. Wie ein milchiger Vorhang rauscht das Wasser vorbei, Gischt dringt tief in den Gang hinein. Mit der gelben Pelerine ist das kein Problem. Spätestens auf der Aussichtsplattform, die direkt am Rand der Niagarafälle weit in den Fluss ragt, werden Kameras und Smartphones gezückt.

Wo sonst kommt man einem atemberaubenden Naturwunder so nahe? Es ist ein Höhepunkt der Journey-behind-the-falls-Tour, die mit einem Preis von umgerechnet 20 Franken jeden Kinofilm in den Schatten stellt. Das Wasser schäumt und kocht, als sässe man mitten in einem Hexenkessel. Die Gischt steigt aus den grün-weiss marmorierten Fluten wie Höllennebel, und die Ausflugsschiffe kämpfen gefühlt nur eine Armlänge entfernt gegen Strömung und Wellengang.

Ein einmaliges Erlebnis, das man wohl nie vergisst, auch wenn man es mit 30 anderen Pelerinenträgern teilt. Kaum zu glauben, dass im 19. Jahrhundert die Niagarafälle im Winter fast vollständig zufroren und sich nur ein kleines Rinnsal den Weg über die Klippen bahnte. Auch das muss ein spektakulärer Anblick gewesen sein.


Die Reise wurde unterstützt von Destination Canada. Die Tour «Journey behind the falls» dauert 1,5 Std.; www.niagarafallstourism.com

Erstellt: 03.02.2020, 12:26 Uhr

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