Königliches von der Schatzinsel

Kühe und Kartoffeln sind Jerseys Aushängeschilder. Doch auch darüber hinaus hat die grösste der Kanalinseln einiges zu bieten.

 Jersey verzeichnet eine weltrekordverdächtige Differenz zwischen Ebbe und Flut. Foto: PD

Jersey verzeichnet eine weltrekordverdächtige Differenz zwischen Ebbe und Flut. Foto: PD

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Spitzhacke und Spaten liegen müde auf dem Boden. Der Acker ist erst zur Hälfte abgeerntet; in den schnurgeraden Reihen stecken noch Hunderte Kilo Kartoffeln. Die braunen Knollen gehören nicht zum Kerngeschäft der Woodlands Farm im Herzen der Insel Jersey. Die Geschwister Bryony und Charlie Le Boutillier, die den Hof von Vater Richard übernommen haben, betreiben zwar einen Selbstbedienungsladen, wo Passanten die Jersey Royals sackweise kaufen, die wahre Liebe der jungen Farmer gilt aber den 340 Rindviechern, die an diesem angenehmen Vorsommertag auf den sattgrünen Weiden grasen. «Kühe und Kartoffeln machen beste Werbung für Jersey», sagt John Garton. Der begeisterte Insulaner leitet eine parastaatliche Vermarktungsfirma, die unter dem Label «Genuine Jersey» lokale Produkte aus Landwirtschaft und Fischerei bewirbt.

Während die Le Boutilliers den Anbau der berühmten Jersey Royals, die im Januar gesetzt und ab April geerntet werden, weitgehend in Handarbeit pflegen, ist ihr Stall technisch aufgerüstet. Zwar fehlen Roboter, die es den Kühen jederzeit erlauben, die Milch loszuwerden, doch eine Melksession mit 200 Kühen und zwei Menschen dauert auf der Woodlands Farm höchstens zweieinhalb Stunden, Reinigungsarbeit inbegriffen.

Der Reporter herzt ein zweiwöchiges Kalb, das wie die Altersgenossen in grünen Hütten wohnt. Die Milchlieferantin in spe bemächtigt sich mit rauer Zunge der Hand des Besuchers und saugt diese innigst. Das zutrauliche Tier ist bereits mit einer kryptischen Nummer im ältesten Herdenbuch der Welt vermerkt. Die Rasse der Jerseys bleibt seit 140 Jahren vor Einkreuzungen geschützt; auf der Kanalinsel dürfen keine andern Milchkühe gehalten werden. Die 3000 Pro­tagonistinnen liefern jährlich 14 Millionen Liter Milch, die bis nach China und Japan exportiert wird. Asiaten lieben das fetthaltige Getränk besonders; auch in England kommt kaum ein Supermarkt ohne Jersey-Milch im Regal aus.

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Weltweit leben vier Millionen Jersey-Rinder, sie gelten als robust und anpassungsfähig – ähnlich den mit der Natur vertrauten Menschen auf der windumtosten Insel.

Bryony kramt in einem Kühlschrank und zaubert hausgemachte Glace und Caramelaufstrich hervor. Beides schmeckt exzellent. «Wir wollen einen Teil der Milch selber verwerten und die Erzeugnisse ab Hof verkaufen», sagt die dynamische Farmerin. Eben hat sie eine Scheune zu einem Eventraum umgebaut, ein neuer Hofladen ist in Arbeit. Vermarkter John gefällt der Drive der jungen Generation: «Viele Landwirte sind innovativ.»

Obwohl die insulare Bauernschaft nicht mal zwei Prozent zum Bruttosozialprodukt Jerseys beiträgt, sind die Farmer die besten Botschafter. Denn die in der Wirtschaft tonangebenden Finanzinstitute im Hauptort St. Helier schwächeln. Die niedrigen Steuern, mit denen Jersey um ausländische Kapitalanleger buhlt, geraten zunehmend unter internationalen Druck. Die Insel gehört weder zu England noch zu Grossbritannien und schon gar nicht zur EU. Das Eiland zwischen der Normandie und der englischen Südküste ist ein Protektorat der britischen Krone; die Jerseyaner regieren sich weitgehend selber.«Auch im Tourismus gab es einen Rückgang», sagt Patrick Burke, Besitzer des Hotels The Atlantic in St. Brélade. In den 70er-Jahren, bevor Mallorcas Stern als Massendestination aufging, fielen vor allem Engländer schwarmweise auf Jersey ein. Man zählte 25 000 Fremdenbetten. Heute sind es noch 10'000.

Kulinarik, Kultur und Spass

«Wir besetzen eine Nische», sagt Hotelier Burke, «wir müssen der Welt zeigen, dass es uns gibt.»

Mit Branchenkollegen hat er die Vereinigung Jersey Luxury Hotels gegründet, die um anspruchsvolle Besucher wirbt. In Mitteleuropa gilt Jersey heute als eher hochpreisige Destination mit einer soliden Programmmischung aus Kulinarik, Kultur und Outdoorspass.

Im Atlantic Hotel, das über einer einsamen Bucht thront, lässt Patrick durch den neuen Chefkoch Will Holland eine vorzügliche Küche zelebrieren. Und obwohl es zum belebten Fischerort St. Aubin’s Bay mit Strandpromenade und vielen Lokalen nur ein Katzensprung ist, sieht man vom Atlantic aus keine weiteren Gebäude. Berauschend der Sonnenuntergang, authentisch das Konzert der Vögel im Morgengrauen: Auf das Gurren der Tauben folgt das Krächzen der Krähen, untermalt vom Geschrei einer Lachmöwe, die am Himmel patrouilliert.

Man fühlt sich auf der grössten Kanalinsel den Elementen sehr nahe, vermisst phasenweise aber das Rauschen des Meeres. Kein Wunder, es ist auch nicht immer zur Stelle: Jersey verzeichnet eine weltrekordverdächtige Differenz zwischen Ebbe und Flut – bis zu 12 Meter. Bei Ebbe vergrössert sich die Fläche der 140 Quadratkilometer messenden Insel um 25 Prozent. Den Franzosen, die 1782 das Eiland der britischen Krone abjagen wollten, spielten die Gezeiten einen Streich: Zwei Kriegsschiffe liefen auf Grund. Die verbleibenden Invasoren waren zu schwach, um grösseren Schaden anzurichten.

Frischwasser für Austern

Das Nass zieht in unheimlichem Tempo auf und ab. Der Tidenhub zwischen der Bucht von St-Malo und der englischen Küste wirkt so brachial, weil der Atlantik das Wasser mit Wucht in den Flaschenhals des Ärmelkanals presst. Die Flut sorgt regelmässig für Frischwasserzufuhr in den Austernzuchten auf den Sandbänken vor Jersey, wo in 1000er-Packungen die Pazifische Auster gedeiht. Sie wird etwa von Sean Faulkner an Besucher und Restaurants verkauft. Er betreibt in einem Bunker, den die deutsche Wehrmacht zur Verteidigung der von ihr eroberten Insel gebaut hatte, einen florierenden Handel mit Meeresfrüchten und Fischen. Die Fischer liefern neben Makrelen oder Seebarschen auch Hummer, Jakobsmuscheln, Spinnen- und Taschenkrebse. Sie tauchen nach Muscheln, Schleppnetze sind nicht erlaubt. Bis zum Verkauf hütet Faulkner die Schätze in riesigen Becken. Ab elf Uhr brutzeln Meeresfrüchte auf dem Grill.

Und dazu werden Salat und Jersey Royals gereicht. Die Kartoffeln schmecken köstlich, fest im Biss, trotzdem etwas mehlig und leicht nussig. Wahrhaft königlich, die Queen im fernen Buckingham darf stolz sein auf die Untertanen im atlantischen Aussenposten und deren Delikatessen.

Die Reise wurde unterstützt von Rolf Meier Reisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2018, 18:18 Uhr

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Jersey Infos und Tipps

Anreise: Charterflug mit Blue Islands samstags bis 8. 9. von Zürich nach Jersey und Guernsey. Linienflug am Samstag ab Bern mit Skywork bis 13. 10. Tägl. Flüge via London.

Unterkunft: The Atlantic, St. Brélade, eines der drei besten Hotels der Insel, www.theatlantichotel.com

Veranstalter: Rolf Meier Reisen (RMR) Tel. 052 675 50 40, www.rolfmeierreisen.ch

Arrangements: 4 Nächte im Atlantic Hotel mit Flug u. Transfer bei RMR ab 1490 Fr. p. P. im DZ. Inselkombi: Jersey/Guernsey, Dreisternhotels, Flüge, Fährüberfahrt, Transfer ab 1550 Fr. pro Woche.

Essen: www.genuinejersey.co.uk

Allgemeine Infos: www.jersey.com/de

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Charlie Le Boutillier.

Bryony Le Boutillier.

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