Mehr als Hummus und Hamam

Für die Welt zwischen Israel und Jordanien sind viele blind. Doch das Westjordanland birgt zahllose Schätze.

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Stacheldraht, Mauer, Wachturm: Wir sitzen im Bus Richtung Ramallah, nackter Beton versperrt die Sicht. Wir wissen nicht, was uns erwartet. Sind verloren, entmutigt und – voreingenommen. Der politische Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern lässt sich unmöglich verdrängen. Mit im Bus sitzen 40 Palästinenser: Familien mit Kindern, Rentner und Jugendliche. Alle fahren von Jerusalem in die inoffizielle Hauptstadt des Westjordanlandes, nach Ramallah. Vor uns der Checkpoint Qalandiya, einer von 98 auf dem palästinensischen Gebiet. Während unserer zweiwöchigen Reise bleibt er der einzige. Die Passkontrolle ist einen halben Blick und zwei Minuten später geschafft. Vor uns liegen wüstendurchzogene Landschaften, modernes Stadtleben, Gastfreundschaft und ganz viel Hummus.

Die ersten Minuten in Ramallah sind chaotisch. Im Stau der Hauptstrasse quetschen sich Autos vierspurig in die gefühlt einspurige Bahn. Typisch nahöstlich: Autohupen bestimmen das Gesetz der Strasse. Wir manövrieren uns zwischen Blechkolonnen und Fussgängern durch, zwischen Tönen und Gerüchen. Der Duft der Fladenbrotbäckereien weht uns alle paar Meter entgegen und mischt sich mit dem Aroma von Kardamom. Dieses verfeinert das Lieblingsgetränk der Palästinenser: den Kaffee. An jeder Ecke wird frisch gebrüht, geröstet und ausgeschenkt.

Die Restaurants sind schlicht, die Speisen nahrhaft

Der Markt eine Strasse weiter lässt kein nahöstliches Klischee aus. Es türmen sich Gewürze in allen Farben, Auberginen in allen Formen und Oliven in allen Grössen. ­Datteln kleben in Pyramiden ­aneinander, Bananen hängen in Stauden von den Ständen. Der ­dominante Guave-Geruch wird nur von jenem des Fleischstandes überboten.

An die Blicke der Einheimischen gewöhnen wir uns schnell. Vorerst wissen wir noch nicht, dass wir auf unserer Reise fast keine anderen Touristen treffen werden. Denn abseits der Pilgerstätten rund um Bethlehem und Jericho sind weite Teile des Westjordanlandes touristisch unbekannt. Für Leute, die nicht Arabisch sprechen, ist die Online-Suche nach Ausflugszielen praktisch unmöglich. Wir entscheiden uns für die altbewährte Methode Hörensagen und landen den ersten Treffer: eine Strasse voller Restaurants, die nicht mal Google Maps kennt. In der Al-Sahl Street reihen sich Cafés und Grills aneinander. Bis spät abends wird hier im Kreise von Familien oder Freunden gegessen und Shisha geraucht. Die Ausgehkultur ist stark verankert, egal an welchem Wochentag. Männer sitzen oft bis in die Nacht im Café, trinken gesüssten Tee und spielen Backgammon. Die Restaurants sind einfach, das Essen ist deftig. Immer dabei sind Mezze-Platten mit Salaten, Oliven, eingelegtem Gemüse, Falafel und natürlich Hummus, dem Kichererbsenpüree mit der Sesampaste Tahini. Abu Reshas Spezialität sind Schaschlik-Spiesse, im Abu Jamal ist Fatteh beliebt, ein Hummus-Joghurt-Mix mit frittierten Pita-Brot-Stücken.

Die Angestellten in der Touristeninformation im Stadtzentrum freuen sich über unseren Besuch; das Büro wird zum fast täglichen Anlaufpunkt. Wir erfahren von einem Wanderausflug, den eine lokale Gruppe organisiert. Das Programm: zwei Tage in der Wüste und eine Übernachtung im Zelt. Drei Tage später stehen wir mit Proviant und sechs Litern Wasser am Treffpunkt. Mit 30 palästinensischen Studierenden, einer Reiseleiterin und ihrem Partner brechen wir auf Richtung Wadi Qelt – ein wasserdurchzogenes Tal mitten in der Wüste. Am Kloster St. Georg nahe Jericho beginnt der acht Kilometer lange erste Teil der Wanderung.

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Der Herbst im Westjordanland ist heiss, wir brechen am Abend auf. In allen Tönen von orange, gelb und rot trifft die Sonne auf Sand, Fels und Gestein. Himmel und Düne verschmelzen im Sonnenuntergang zu einem Panorama. Nur die grünen Büsche markieren den Grund der Schlucht, wo im Winter und Frühling Wasser fliesst. Es verlässt die Quelle Ain Fawaar, das Ziel unserer Wanderung, und fliesst über 2000 Jahre alte Aquädukte bis in den Fluss Jordan.

Auf halber Strecke halten wir zum Abendgebet an. Zwei Paare sind gläubige Muslime, der Rest hält sich nur lose an religiöse Vorschriften. So wie viele junge Einheimische, besonders in Ramallah. Wir sehen händchenhaltende Paare, die Frau im Kopftuch. Auch treffen wir einige, die in Europa oder den USA studierten und nun wieder im Westjordanland leben. Ein Studentenvisum zu bekommen, sei möglich. So bereisen die jungen Palästinenser die Welt und bringen ein Stück Westen in die muslimische Tradition zurück. In der Nacht kommen wir im Lager an und bauen die Zelte im Mondschein auf. Unter Einheimischen gilt der Ort als beliebtes Ausflugsziel. An diesem Wochenende sind wir jedoch die Einzigen und erstaunt, wie gut der Wanderweg markiert ist. Alle versammeln sich um das Feuer und essen Hummus, Pita und Labneh, einen libanesischen Frischkäse. Bis in die Nacht sitzen wir im Kreis, rauchen Shisha und hören arabische Lieder.

Am nächsten Morgen brechen wir zu spät auf. Uns erwischt die nackte Mittagshitze der Wüste. Auf dem schweissgetränkten Weg treffen wir Beduinen, die Ziegenherden hüten. 26 000 leben in verschiedenen Stämmen auf dem palästinensischen Gebiet. Wir spazieren durch Wasserbecken, die sich am Grund der Schluchten gebildet haben. Im Winter formieren sich daraus Wasserfälle. Dann wird aus dem Gelb und Braun ein Grün und Blau. Sieben Kilometer später erreichen wir die Ain-Fawaar-Quelle – einen Nationalpark, der unter israelischer Verwaltung steht. Hier treffen sich Palästinenser und Israelis, schwimmen in den antiken Becken.

Die Gäste sind keine Gäste, sondern Freunde

Obwohl die Palästinenser Jerusalem ihre Hauptstadt nennen, ist Ramallah das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum. Die Stimmung wirkt locker, die Menschen sind ausgelassen. Auch die Kunstszene ist breit: Im Sommer finden Tanz- und Musikfestivals statt, wie das Pam-Fest für alternative Musik oder das Festival für zeitgenössischen Tanz. Christliche Palästinenser organisieren alljährlich ein Bierfestival und ein Oktoberfest, die auch muslimische Palästinenser anlocken.

Junge Leute treffen sich in Bars, getrunken wird auch Alkoholisches, wie Arak, Wein und Bier. Im Berlin-Pub wird nachts getanzt. «Arabisco» oder «Jazz in Berlin» heissen die Partys. In der Garage-Bar spielen oft lokale Bands. Wir gehen in die Bar La Grotta. Es heisst, lokale Künstler würden sich hier treffen. Und tatsächlich sitzen Gäste an der Bar, trinken und skizzieren in Büchern. Obwohl Besitzer Shadi Zaqtan uns an dieser Stelle vermutlich korrigieren würde: Für ihn sind es keine Gäste, sondern Freunde. Alle sind Maler und Musiker – und Kunst ist ihre Art zu leben. Einige stimmen in eine spontane Jam-Session ein. Wir trinken Arak und fragen Shadi, ob viele Touristen Ramallah besuchen würden. «Wer ist schon ein Tourist? Du kommst ein-, zweimal, und schon bist du ein Freund, du bist einer von uns», sagt er.

Herzlichkeit trifft man im ganzen Westjordanland. Sich zu verirren, ist unmöglich. Man erklärt uns nicht nur den Weg, sondern bringt uns gleich ans Ziel. Oft werden wir zum Tee oder Essen eingeladen. Die Englischkenntnisse der Einheimischen überraschen, besonders junge Leute sprechen problemlos. Wir geniessen die Menschen, die pure Kultur und fühlen uns sicher und willkommen. Noch wissen wir nicht, dass uns am nächsten Tag der blanke Touristenhorror erwartet.

Eine Flasche Wasser kostet sieben Franken

Die Entfernungen im Westjordanland sind klein. Auf einem Gebiet so gross wie der Kanton Bern erreichen wir fast alle Orte mit dem Bus innerhalb einer Stunde. Zwar gibt es keine Fahrpläne, doch die gelben Minibusse für acht Personen verkehren nach bewährtem Nahost-Prinzip: sobald sie voll sind. Das Streckennetz ist lückenlos. Wir entscheiden uns, das Tote Meer zu besuchen. Die Nordküste erreicht man über Jericho. Wir passieren Tausende Pilgertouristen, um ein Taxi zum Kalia Beach zu erwischen. Vor dem Strand parkieren Dutzende Reisebusse. Schnell wird klar: Wir sind im Touristenzentrum gelandet. Für den Eintritt zahlen wir 60 Shekel pro Person, umgerechnet 16 Franken. Eine Flasche Wasser kostet sieben Franken. So viel zahlen wir in Ramallah für ein Abendessen zu zweit. Ein Kamel wartet zurechtgemacht auf Schnappschüsse. Enttäuscht tunken wir unsere Füsse ins Wasser und kehren dem Ort den Rücken.

Der Taxifahrer erzählt, dass es 20 Kilometer südlich einen anderen Strand gebe. Direkt hinter dem Checkpoint bei Metsoke Dragot führt ein Weg hinunter. Und tatsächlich: Der Strand ist menschenleer. Obwohl die Bedingungen rustikal sind – es gibt kein frisches Wasser, um das aggressive Salz vom Körper zu waschen – geniessen wir den Sonnenuntergang in Stille.

Um den exzessiven Jahrmarkt mit Hotdogs, Postkarten und Kühlschrankmagneten zu verarbeiten, fliehen wir ins Dorf Taybeh, 20 Kilometer östlich von Ramallah. In der christlichen Ortschaft stehen eine der beiden palästinensischen Bierbrauereien und die einzige Weinkellerei. Aus Nadim Khourys Hobby resultierte vor zwanzig Jahren eine Mikrobrauerei, heute produziert er 600'000 Liter Bier pro Jahr. Das Bier «Taybeh» – was übersetzt «köstlich» bedeutet – wird nach Japan, in die USA und in viele europäische Länder exportiert. Vor einigen Jahren übergab Nadim das Geschäft seiner Tochter Madees. Seitdem ist sie Braumeisterin. So hat er Zeit, palästinensischen Wein zu keltern. In der 2013 eröffneten Kellerei produziert er Sauvignon Blanc, Merlot und Syrah, arbeitet zudem auch mit der lokalen Rebsorte Zeini.

In den überwölbten Strassen pulsiert das Leben

Wenn Ramallah für Moderne steht, steht Nablus für Tradition. Die Stadt im Norden des Westjordanlandes lebt klassische Bräuche. Die zitadellenartige Altstadt ist geprägt von Palästen und Moscheen. Unter antiken Gewölben finden sich Märkte, Restaurants oder Hamams. Das bekannteste Bad ist Al-Shifa, 400 Jahre alt und an gewissen Tagen auch für Frauen geöffnet.

Das Handwerk spielt eine grosse Rolle in der Stadt. Die Verarbeitung von Oliven zu Öl oder Seife ist zentral. Wenn man Palästinenser über Nablus ausfragt, sind sich alle einig: Man muss Kunafah probieren. Die Süssspeise aus gezuckertem Gries, gefüllt mit Ziegenkäse, ist Kult – die beste soll es im Imbiss Al Aqsa geben.

Mit Aussicht statt Schwarzsicht endet unsere Tour. Wir sitzen im Bus nach Jerusalem. Diesmal nicht verloren, sondern vertraut. Im letzten Stau der Reise winkt der Busfahrer den Kaffeedealer heran. Noch einmal geniessen wir den Duft von Kardamom. Nicht wie Touristen – sondern wie Freunde.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.12.2018, 17:15 Uhr

Preisgekrönt ins Westjordanland

Mit der Idee, eine Reisereportage über das Westjordanland zu schreiben, hat sich Anna Shemyakova gegen 30 Mitbewerber durchgesetzt und den Imholz-­Förderpreis gewonnen. Das Preisgeld von 7500 Franken ermög­lichte der 29-Jährigen die Recherche in einem von Touristen wenig ­frequentierten Gebiet. Die SonntagsZeitung publiziert ihre Re­portage exklusiv im Print. Shemya­kova wohnte in Zürich und arbeitete unter anderem für die «Luzerner Rundschau». Seit September lebt sie als freie Journalistin in Tel Aviv. Reisepionier Hans Imholz und der Swiss Travelwriters Club werden den Preis auch 2019 wieder ausschreiben.
www.swisstravelwritersclub.ch

Per Bus ins Westjordanland

Lage und Politik: Das Westjordanland liegt westlich von Jordanien und östlich von Israel. Auf der Fläche von 5800 Quadratkilometern leben 2,4 Millionen Menschen. 83 Prozent sind Palästinenser (Muslime, davon 2 Prozent Christen). 17 Prozent sind Juden in Siedlungen. Diese und weitere Gebiete stehen unter israelischer Verwaltung (C-Gebiet). Städte wie Ramallah, Jericho, Bethlehem und Nablus stehen unter palästinensischer Verwaltung (A-Gebiet). Der Rest wird von beiden kontrolliert (B-Gebiet).

Anreise: Ab Zürich oder Genf mit Swiss oder El Al nach Tel Aviv. Mit israelischen Mietautos darf man nicht ins Westjordanland einreisen. Es empfiehlt sich die Anreise per Bus. Vom Damaskustor in Jerusalem verkehrt Bus 218 nach Ramallah.

Unterkunft: Royal Court ­Hotel, Ramallah. Modernes Haus im gehobenen Standard im Zentrum. DZ ab 95 Franken, www.rcshotel.com; Khan ­Al-Wakala Hotel, Nablus. ­Einfaches Hotel im historischen Gemäuer der Altstadt. DZ ab 80 Franken, www.kawhotel.com

Wandertouren: Routen auf www.walkpalestine.com. Viele Reiseveranstalter sind für Touristen schwer zu finden. Die Touristeninformation in Ramallah gibt Auskunft über alternative Touren.

Beste Reisezeit: Ganzjährig. In den Wüstenregionen rund um Jericho und das Tote Meer wird es in den Sommermonaten über 35 Grad heiss.

Visum: Ein Besuchervisum wird bei der Einreise nach Israel kostenfrei für 90 Tage ausgestellt. Dieses gilt auch im Westjordanland. Der Reisepass muss bei der Ausreise noch sechs Monate gültig sein.

Allgemeine Informationen: www.visitpalestine.ps

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