«So wie andere ins Büro gehen, gehe ich täglich wandern»

45‘000 Kilometer zu Fuss – weiter als Christine Thürmer ist keine Frau der Welt gewandert. Und sagt: «Dafür muss man keine Leistungssportlerin sein.»

«Ich laufe langsam. Mache Pausen. Betrachte Blumen und Tiere»: Christine Thürmer. Fotos: PD

«Ich laufe langsam. Mache Pausen. Betrachte Blumen und Tiere»: Christine Thürmer. Fotos: PD

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«Ich hätte nie gedacht, dass England so einsam sein kann», schreibt Christine Thürmer am 3. August 2019 auf ihrer Facebook-Seite. Die einzige Unterbrechung in der Landschaft seien die vielen Steinmauern, die sie überwinden müsse. «Das viele Klettern hält fit.» Wie fast jeden Tag erzählt sie in einem Post mit Fotos von ihren Erlebnissen auf ihrer Weitwanderung quer durch Europa. Über dreihundert Personen gefällt der Beitrag, rund 5000 Personen folgen Thürmer auf ihrer Seite. Christine Thürmer läuft, mehrere Monate pro Jahr, insgesamt tausende von Kilometern.

Vor fünfzehn Jahren ist sie losgelaufen. Nachdem ihr in ihrem Job als «Turnaround-Managerin» gekündigt worden war, gönnte sie sich eine Auszeit und ist in fünf Monaten den Pacific Crest Trail gelaufen, ein rund 4300 Kilometer langer Weitwanderweg an der Westküste der USA, von der Mexikanischen Grenze bis an die Grenze Kanadas. Zurück in Deutschland und in einer neuen Anstellung, liess sie der Gedanke ans Laufen nicht mehr los. Zwei Jahre später wanderte sie den Continental Divide Trail, entlang den Rocky Mountains, diesmal von Norden nach Süden. Es folgte der Appalachian Trail, der dritte der bekannten amerikanischen Langstrecken-Trails, dann weitere Wanderungen in Europa, und zwischendurch auch Strecken mit dem Velo oder mit dem Kanu, um den Körper zu schonen.

Kritik an Outdoor-Szene

Mittlerweile hat die heute 52-Jährige ihren Job an den Nagel gehängt und das Wandern zu ihrem Beruf gemacht. Sie hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr Erstling «Laufen. Essen. Schlafen.» wurde zum Bestseller. Thürmer über ihre Entscheidung: «Ich will das, was ich mag, immer mit voller Kraft und Energie betreiben. Und mir war es wichtiger, Zeit für meine Passion, als Geld zu haben.»

Woher denn kommt diese Passion fürs Laufen? Thürmer erzählt mit einem Lachen und freimütig, dass ihr das Wandern nicht eben in die Wiege gelegt worden sei: «Meine Familie hat sich für Outdoor überhaupt nie interessiert. Bei den wenigen Ausflügen ging es meinen Eltern mehr um die Einkehr als um das Laufen.» Auch war die junge Thürmer nicht als Nachwuchsathletin bekannt: «Ich war in der Schule im Sport eine Niete, und daher war auch mein Wanderniveau ausgesprochen schlecht.»

Gewandert ist sie trotzdem: «Ich bin früher schon immer viel gereist und mangels Budget war das Wandern dann eine gute und billige Möglichkeit, ein Land kennenzulernen.» Am meisten begeistert sie aber der Flow: «Wandern ist eine selbstbestimmte Tätigkeit, die einen weder über- noch unterfordert. Dadurch komme ich wie Künstler in einen Flow, einen Schaffensrausch, und kann problemlos 30 bis 40 Kilometer jeden Tag laufen.»

Mittlerweile ist sie die meistgewanderte Frau der Welt. «Zumindest soweit ich das weiss und es dokumentiert ist», sagt sie gleichzeitig stolz und bescheiden. Als besondere Leistung empfindet sie das nicht. «Jeder kann das schaffen.» Das Geheimnis sei nicht Geschwindigkeit, sondern Ausdauer. «Ich laufe langsam. Mache Pausen. Betrachte Blumen und Tiere. Wenn es im Sommer pro Tag sechzehn Stunden hell ist, heisst das ja, dass ich sechzehn Stunden Zeit zum Laufen habe. Dann schaffe ich mit gemütlichen 3 Kilometern pro Stunde doch ganze 30 Kilometer pro Tag in zehn Stunden und kann immer noch sechs Stunden Pause machen. Ich bin einfach meistens die Letzte, die abends das Zelt aufschlägt, aber um Geschwindigkeitsrekorde geht es beim Weitwandern nicht.»

«Gerade Frauen in meinem Alter existieren in dieser Outdoor-Welt nicht. Das schreckt viele davon ab, es selber zu probieren.»

So versteht sie sich denn auch nicht unbedingt als Teil der Outdoor-Szene. Sie lehnt beispielsweise Sponsoring für sich komplett ab. Sie wolle bei der Wahl von Ausrüstung und Tourenziel unabhängig sein und auch in ‹uncoolen› Ländern wie Ungarn wandern können.

Gerade bei der Wahl ihrer Wanderdestination ist Thürmer kritisch: «Ich fahre aus ethischen persönlichen Gründen nicht in Entwicklungsländer, denn ich würde mir blöd vorkommen, in einem Land der Luxusbeschäftigung Wandern nachzugehen, wo andere aus purer Armut laufen müssen.»

An der Outdoor-Szene missfällt ihr zudem das Wettbewerbsdenken: «Es geht meist um Höher, Schneller, Weiter – dafür bin ich nicht aus meinem Karrierejob ausgestiegen.» Und nicht zuletzt findet sie, dass die Outdoor-Industrie eine zu homogene Zielgruppe anspreche. «In Katalogen und Magazinen sieht man nur junge, topfitte Personen. Überwiegend durchtrainierte Männer unter dreissig, die ständig halbnackt ihren Sixpack-Bauch präsentieren.» Thürmer führt aus: «Das empfinde ich als abschreckend für Normal-Menschen, die eben nicht den Schönheitsnormen entsprechen, aber trotzdem draussen Spass haben können.» Und sie betont: «Ganz im Gegenteil finde ich es ja gerade toll, dass es unterwegs eben völlig egal ist, wie man aussieht. So wie in der Outdoor-Werbung sieht nach Wochen auf dem Trail auf jeden Fall niemand mehr aus.»

Thürmer möchte deshalb ein Vorbild sein und andere Frauen in einem, wie sie es selber sagt, «gesetzteren Alter» ermutigen, sich in die Natur zu wagen. Die Rückmeldungen, die sie erhält, zeigen ihr, dass ihre Arbeit wichtig und nötig ist. «Gerade Frauen in meinem Alter existieren in dieser Outdoor-Welt nicht. Und das schreckt viele davon ab, es selber überhaupt zu probieren.»

«Ich habe einige Freunde verloren»

Ein weiteres Thema, das Thürmer in Fahrt bringt, ist die Frage nach der Sicherheit als Frau allein in der Wildnis. «Ich möchte keinesfalls die Gefahren kleinreden, die sich gerade Frauen stellen», betont sie. In Filmen und Romanen werde aber häufig unnötig Angst geschürt. Thürmer zeltet immer wild draussen. Sie achtet darauf, dass sie ihr kleines Zelt entweder bei anderen Wanderern aufstellt oder abseits der Wege im Gebüsch, im Wald versteckt. So sei die Chance, dass jemand sie gezielt angreife, sehr klein. «Ich wurde auf jeden Fall auf all meinen Reisen noch nie gestört oder gar bedroht.» Zudem: «Gerade auf einem Langstrecken-Wanderweg ist die soziale Kontrolle sehr gross. Tagsüber läuft zwar jeder für sich, man trifft sich aber immer wieder und passt aufeinander auf.»

Wie sieht es aber mit Freundschaften abseits der Wanderwege aus? Haben ihre Freunde Verständnis für den unsteten Lebensstil von Thürmer? «Die meisten finden es toll, dass ich meine Träume verwirkliche. Allerdings habe ich auch einige meiner Freunde verloren, weil ich nicht mehr für den wöchentlichen Kinobesuch zur Verfügung stand.» Damals habe sie das gekränkt, heute denke sie einfach, dass Menschen ein unterschiedliches Freundschaftsverständnis haben. «Ich pflege meine Freundschaften auch von unterwegs durch Emails und Anrufe, aber einige Menschen brauchen halt die persönliche Anwesenheit, die ich nicht immer bieten kann.»

Das Leben auf ständiger Wanderschaft birgt auch Strapazen. Am meisten zugesetzt haben Thürmer aber bislang nicht etwa körperliche Anstrengung, schlechtes Wetter oder Einsamkeit, sondern der Dreck: «Man schläft, isst, wäscht sich im Dreck. Irgendwann ist man regelrecht paniert mit einer Schicht aus Schweiss, Körpercreme, Staub und Moskitomittel. Das zermürbt unglaublich.» Sie hat aber ihre Tricks zum Durchbeissen: «Erstens: Nicht im Impuls aufgeben. Sondern sich bei nächster Gelegenheit ein Hotel suchen, duschen, die Kleider waschen. Und am nächsten Tag entscheiden.» Und zweitens? «So wie andere ins Büro gehen, gehe ich täglich wandern. Ich liebe diesen Job über alles in der Welt. Aber ich bin mir bewusst, dass es wie bei jedem Job es gute und schlechte Tage gibt.» Und wenn gar nichts mehr nützt? Thürmer lacht: «Schokolade funktioniert immer. Bei mir auf jeden Fall.»

Zum Blog von Christine Thürmer: www.christinethuermer.de

Erstellt: 27.08.2019, 15:04 Uhr

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