Vom Sushi Powder ins heisse Bad

Auf der japanischen Insel Hokkaido ist Skifahren streng reglementiert. Denn der flockig leichte Tiefschnee hat seine Tücken.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Mount Niseko-Annupuri ist zwar nur 1308 Meter hoch, doch auf dem Gipfel heulen sibirische Winde – bei minus 15 Grad Celsius. Die Freerider in den bunten Kleidern stehen im Schutz der ­Hütte zusammen, halten die Handschuhe vors Gesicht.

Der Berg liegt im Norden Japans, auf der Insel Hokkaido. Wir erreichen den Gipfel über meh­rere Lifte im Skigebiet Niseko Hanazono. Zuletzt fahren wir mit einem lotterigen Sessellift – eigentlich sind es nur kleine Holzplatten, die mit einem Metallarm an einem Drahtseil befestigt sind. Sicherheitsbügel und Fussstützen fehlen. Die letzten Höhenmeter be­wältigen wir zu Fuss.

Wer in der japanischen Schneewüste Einsamkeit erwartet, wird enttäuscht. Trotz widriger Bedingungen trotten Hundertschaften auf den Gipfel: Japaner, Australier, Norweger, Deutsche und Schweizer. Besonders guter Schnee hat sie hierhergelockt. «Sushi Powder» nennt man ihn etwas fantasielos.

Bergführer Felix Berktold deutet vom Mount Niseko-Annupuri hinab in die graue Tiefe, zeigt auf das Ziel. Wir sollen Abstände einhalten, mahnt er. In der Nacht sind 13 Zentimeter Schnee gefallen.

Der erste Schwung fällt vorsichtig aus. Die Sicht bleibt schlecht, Kontraste sind kaum erkennbar. Nach zwei, drei Schwüngen werden wir lockerer. Der Pulverschnee wirkt federleicht und liegt meterhoch auf der Bergflanke. In jeder Kurve wuchten wir weisse Fon­tänen in die Luft. Wir rasen ins Tal. wei Unternehmerbrüder aus ­Zürich, distinguierte Herren, jauchzen wie die Buben.

Hokkaido liegt in einer Monsunzone. Im Januar fegen eisige Winde aus Sibirien und China über die Insel. Aus dem Meer steigt feuchte Luft auf, die von den Winden ins Landesinnere getragen wird und so die Schneefälle verursacht. Weil es beständig kalt ist, bleibt der Schnee trocken und leicht.

Mehr Schnee als auf Hokkaido gibt es kaum irgendwo: Im Skigebiet Niseko fallen pro Saison bis zu 11 Meter. Nur wenige Hundert Kilometer nördlich liegt die schneereichste Messstation der Welt: Im Badeort Sukayu Onsen schneit es im Schnitt pro Saison 17,6 Meter. Zum Vergleich: Arosa kommt ­saisonal auf 7,2 Meter.

Fahrer getaucht, ein Ski bleibt verschwunden

Weil das Weiss leicht und trocken wirkt, kursiert der Irrglaube, es gebe auf Hokkaido keine Lawinen. Doch der japanische Lawinendienst meldete 1910 bis 2010 nicht weniger als 602 Lawinentote – die Hälfte kam bei der Ausübung von Wintersport ums Leben.

Freeriden ist ein Gegenkonzept zum Fahren auf markierten Pisten. Es steht für Freiheit, bringt aber auch Gefahren mit sich. Die Japaner haben es geschafft, selbst das Freeriden zu reglementieren. Am Berg sind Korridore ausgesteckt, Gates genannt, die überwacht werden. Je nach Lawinensituation bleiben manche Gates geschlossen. Wer auf den Gipfel des Mount Niseko-Annupuri will, wird kontrolliert: An einem Tor prüft ein Detektor automatisch, ob das Lawinensuchgerät eingeschaltet ist. Aus Sicherheitsgründen wird der Gipfel nach 14 Uhr geschlossen. Suchaktionen nach vermissten Freeridern sollen noch bei Tageslicht stattfinden.

Als wir auf der Abfahrt das erste Mal halten, hat sich auf geröteten Gesichtern Grinsen breitgemacht. Hinter uns liegen steile, aber grossflächige Bergrücken. Nun warten die Birkenwälder, die jeden Japan-Prospekt zieren. Die Slalomfahrt durch die Bäume ist nicht minder entzückend – zudem profitieren wir jetzt von gutem Sichtkontrast. Der Schnee bleibt flockig bis ins Tal. Am Fuss des Mount Niseko-Annupuri wird das Gelände flacher, wir brauchen die Stöcke, um uns an Bauernhöfen vorbeizupflügen.

Unser Ziel ist ein Supermarkt in Kutchan, wo Verpflegung wartet. Bergführer Berktold fährt derweil per Anhalter zur Talstation des Skigebietes zurück, um den Kleinbus zu holen. Unser Hotel Niseko Weiss liegt fünf Minuten vom nächsten Skigebiet entfernt. Dusche im Zimmer gibt es keine, dafür einen Onsen – ein von heissen Quellen gespeistes Bad.

Während wir nach den Skitagen Bier trinkend im dampfenden Wasser sitzen, amüsieren wir uns über den Luxemburger Alex, der spektakulär stürzte – und für Sekunden im Schnee untertauchte. Oder über Nils aus Bayern, der einen Ski verlor. Trotz intensivem Suchen fanden wir diesen nicht mehr.

Am nächsten Morgen stehen wir wieder auf dem Mount Niseko-Annupuri. Der gleiche bitterkalte Wind. Doch das Beste: Die Hänge sind unberührt, als wäre nie ein Skifahrer gestartet. Die Spuren wurden verweht oder zugeschneit. Wir rasen los.


Die Reise wurde unterstützt von Flory Kern – Ski Berge Abenteuer GmbH; www.flory-kern.de (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2017, 15:40 Uhr

Artikel zum Thema

Skifahren rockt

Outdoor Outdoor Rocker-Ski sind zurzeit der Renner: Sie erleichtern auch unerfahrenen Skifahrern das Tiefschneefahren. Zum Blog

Tipps und Tricks fürs Tiefschneefahren

Outdoor Outdoor Hammermässig durch jungfräulichen Tiefschnee zu powdern – wer träumt nicht davon? Doch oft liegen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Der ehemalige FIS-Rennfahrer Erich Auer sagt, wie es geht. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home 10 Wohnideen, die Leben in die Bude bringen

Tingler Die Liebe im 21. Jahrhundert

Die Welt in Bildern

Schlangenfrauen: Kontorsionistinnen während einer Aufführung im Cirque de Soleil in Auckland. (14. Februar 2019)
(Bild: Hannah Peters/Getty Images) Mehr...