Wenn Delfine beim Fischen helfen

In Burma kooperieren wilde Flussdelfine auf eigentümliche Weise mit den Fischern. Doch die Tradition droht auszusterben. Helfen könnten ausgerechnet Touristen.

Von ihrer Zusammenarbeit haben sowohl die Fischer auf dem Irawadi-Fluss wie auch die Delfine etwas. Foto: Living Irrawady Dolphin Project

Von ihrer Zusammenarbeit haben sowohl die Fischer auf dem Irawadi-Fluss wie auch die Delfine etwas. Foto: Living Irrawady Dolphin Project

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Mit einem kegelförmigen Holzstab aus Teak, einer für Burma typischen Holzart, klopft Fischer Maung Lay an den Bootsrand, immer schneller, bis ein vibrierendes Geräusch entsteht. Mit wachen Augen schaut er über den Irawadi-Fluss, den grössten Fluss Burmas, welcher vom Norden in den Süden verläuft und quasi die Hauptschlagader des Landes bildet. Wir befinden uns nördlich von Mandalay, Burmas zweitgrösster Stadt. Nun macht der Fischer ein gurrendes Geräusch, fast wie eine Taube, und schlägt mit dem langen Paddel flach auf die Wasseroberfläche.

Wenige Augenblicke später taucht eine hellgraue Finne im Wasser auf und verschwindet gleich wieder: der Irawadi-Delfin. Der Orcaella brevirostris kann bis zu 2,8 Meter lang und 150 Kilogramm schwer werden. Er zeichnet sich durch seinen runden Kopf aus. Sowohl in Flüssen als auch in flachen Küstengewässern kommt er vor, vor allem im südostasiatischen Raum, wie etwa in Indonesien, Laos, Kambodscha und Indien. Oder eben im Irawadi-Fluss in Burma, von wo er seinen Namen hat.

Das Geräusch des Fischers hat inzwischen drei weitere Delfine angelockt, immer wieder können wir sie kurz auftauchen sehen. Nun steht Maung Lay auf, die Balance im schmalen Fischerboot gekonnt haltend, das Wurfnetz halb über die Schulter bereitgelegt, die Enden fest in der Hand. Er wartet darauf, dass die Delfine einen Fischschwarm in Richtung Boot treiben, während ein weiterer Delfin von der anderen Seite dafür sorgt, dass die Fische nicht entkommen. Ist der Fischschwarm nahe genug, wird der Delfin mit seiner Schwanzflosse auf die Wasseroberfläche schlagen, als Zeichen, dass der Fischer nun sein Netz auswerfen kann. Zum Lohn werden sich die Delfine diejenigen Fische schnappen, die dem Netz entgehen können. Eine harmonische Kooperation.

«Die Delfine sind sehr sensibel», sagt der Fischer Maung Lay. Foto: Eva Hirschi

Doch bevor es dazu kommt, zerreisst plötzlich der ratternde Motor eines Frachtschiffs die idyllische Stille. Es transportiert Bambusholz; an uns vorbeiziehend hinterlässt es schwarze Rauchschwaden. Die Delfine sind längst abgetaucht, wir haben sie aus den Augen verloren. «Der immer grössere Verkehr auf dem Fluss macht unsere Arbeit schwieriger», sagt Maung Lay. Nicht nur sind diese alten, verrosteten Frachter eine Belastung für die Umwelt, auch stören sie die Tiere. «Die Delfine sind sehr sensibel. Sie mögen das Geräusch der Motoren nicht», sagt der 55-jährige Burmese.

Vom Aussterben bedroht

Maung Lays Sorge steht ihm ins Gesicht geschrieben, Falten zeichnen tiefe Furchen in sein von der Sonne gebräuntes Gesicht. Seit er Teenager ist, arbeitet er zusammen mit den Delfinen, das Handwerk hat er von seinem Vater gelernt. «Manche Delfine kenne ich sogar beim Namen», sagt der kooperative Fischer stolz. Doch der Irawadi-Delfin ist vom Aussterben bedroht, nicht nur stört der grössere Verkehr, auch ist in den letzten Jahren die Wasserverschmutzung stark angestiegen, was den Fischbestand schrumpfen liess.

Zudem ist Elektrofischen gang und gäbe, eine (illegale) Methode, bei welcher eine Batterie ins Wasser gelassen wird und alle sich in der Nähe befindenden Tiere per Elektroschock getötet werden. Zwar patrouilliere die Regierung, doch ob dies viel helfe, sei fraglich, sagen die Fischer.

Vielleicht, so sagen sie zumindest, könne aber der Ökotourismus einen positiven Einfluss haben. Nämlich dann, wenn durch das wachsende Interesse die Bevölkerung am Fluss merken würde, dass diese Tiere wertvoll sind und man sie schützen muss, und die Fischer ermuntert würden, ihre traditionelle Fischmethode beizubehalten.

Tourismus als Chance

Dies ist auch das Ziel von «Living Irrawaddy Dolphin Project», einem neuen Social- Business, das seit September 2018 Delfin-Beobachtungstouren anbietet. Während ein bis drei Tagen fährt man mit dem gemütlichen, geräumigen Boot über den Irawadi-Fluss, steigt jeweils in ein kleines Fischerboot um und erlebt hautnah, wie Delfine und Menschen zusammenarbeiten. Dabei lehrt uns unser Guide Chit Htoo Wai viel Wissenswertes über den Irawadi-Delfin.

Zwar gebe es bereits andere Anbieter von Delfin-Touren, doch gehe es bei deren Tagesausflügen lediglich ums Delfinsichten. Eine solche Art von Tourismus kann, gerade was Tierbeobachtungen angeht, auch negative Konsequenzen haben. Etwa, wenn die Boote zu nahe an die Delfine fahren, ihnen aufdringlich folgen. «Doch wir achten darauf, dass wir die Tiere nicht stören. Deshalb geht es bei unseren Touren auch nicht nur um Delfine, sondern um das Kennenlernen des alltäglichen Lebens hier», sagt Chit Htoo Wai.

Htun Wai möchte nicht, dass seine Kinder dereinst sein Handwerk erlernen. Foto: Eva Hirschi

Bei einem Rundgang in einem der Fischerdörfer erhalten wir einen solchen Einblick, spazieren an Ochsen und frei herumlaufenden Hühnern vorbei, schauen beim Flechten von Bambushüten zu, besuchen das buddhistische Kloster und werden vom Mönch spontan zu Kaffee und Biskuits eingeladen. Übernachten werden wir auf einem Sandstrand am gegenüberliegenden Ufer, wo drei Tipi-ähnliche Zelte bereitstehen, mit richtigen Betten ausgestattet.

Zum Abendessen gibt es dann natürlich Fisch. Frisch gefischt und von den Dorfbewohnerinnen in einer Pfanne mit etwas Knoblauch und Öl angebraten, schmeckt er am besten. Verglichen mit früher falle der Fang heute allerdings viel kleiner aus, sagt Htun Wai. Auch er ist ein kooperativer Fischer. Bereits mit 13 Jahren begleitete er seinen Vater, mit 16 Jahren ging er zum ersten Mal allein fischen. «Die Arbeit ist härter geworden in den letzten Jahren, die Beziehung zu den Delfinen ist weniger stark. Aber wenn ich mit den Delfinen kommuniziere, bin ich sehr glücklich. Am besten gefällt mir der Moment, wenn der Delfin mit seiner Flosse auf das Wasser schlägt und mir sein Signal gibt», sagt der 37-Jährige stolz.

Ob er seiner siebenjährigen Tochter und seinem vierjährigen Sohn später auch einmal das kooperative Fischen beibringen und so die Tradition aufrechterhalten möchte? «Nein», lautet seine überraschende Antwort. «Ich hoffe, sie können eine gute Ausbildung geniessen und eine gute Arbeit in der Stadt finden», sagt er. Auch solle man als Buddhist eigentlich gar keine Tiere töten, fügt er nachdenklich hinzu. «Nein, ich will nicht, dass meine Kinder Fischer werden. Ich möchte, dass sie ein besseres Leben haben.»

Dass wir Zeugen dieser schwindenden Tradition werden durften, berührt uns umso mehr.


Ein Beitrag von Travelcontent.

Erstellt: 11.11.2019, 16:29 Uhr

Reisetipps

Mit Swiss oder Thai ab Zürich nach Bangkok, mit Bangkok Airways weiter nach Mandalay. Ein zweitägiger Ausflug mit «Living Irrawaddy Dolphin Project» inkl. Transport vom Hotel zum Boot und zurück, sowie Guide, Mahlzeiten und Beitrag an den Delfin- Konservierungsfonds kosten mit Übernachtung auf dem Boot 165 Dollar, mit Übernachtung im Zelt am Sandstrand 195 Dollar. Es gibt auch eintägige sowie dreitägige Optionen. Ideale Reisezeit: Dezember bis Februar.

Weitere Informationen: burmadolphins.com

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