Wenn Schweizer im hohen Norden heimisch werden

Sie betreiben eine Bäckerei oder bieten Hundeschlittenfahrten an: Zu Besuch bei Auswanderern, die sich in Schwedisch-Lappland eine neue Existenz aufgebaut haben.

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Schweizer Auswanderer wollen wir besuchen, erfahren, warum sie sich in Schwedisch-Lappland ein neues Leben aufgebaut haben. Was sind das für Menschen, die in diesem so weiten und spärlich besiedelten Land für immer bleiben wollen? Fesselt sie die Stille und Einsamkeit? Wie erleben sie die dunklen Wintertage, die extreme Kälte? Stimmt das Klischee vom verschlossenen, eher ungehobelten Nordländer?

Unsere Reise beginnt in Kiruna (19'000 Einwohner), der nördlichsten Stadt Schwedens. Gar über dem Polarkreis, vom 12. bis 31. Dezember, steigt die Sonne nie vollständig über den Horizont. Im Januar liegt die Höchsttemperatur bei minus 10 Grad Celsius. Kiruna ist ein charmefreier Ort umgeben von Bergwerken, jeder sechste Einwohner arbeitet für die grösste unterirdische Eisenerzmine der Welt. Weil sich die Mine immer weiter Richtung Stadtkern frisst, wurde beschlossen, Kiruna bis 2033 komplett um 3 Kilometer nach Osten zu verlegen.

In dieser rauen Minenstadt wollte Thomas Rosencrantz mit seinen filigranen Luxuspralinés durchstarten. Doch der gelernte Confiseur-Konditor aus Effretikon ZH merkte rasch: «Niemand hat auf mich gewartet.» Kiruna lebte ein Jahrhundert ohne Pralinés. Grubenarbeiter und Luxuspralinés, das passt nicht wirklich zusammen. Ein Bergmann isst für drei: «Pasta, Fleisch, fettig und nahrhaft – und garantiert nichts Grünes», das weiss Thomas aus Erfahrung. Die ersten Monate hat er sich als Koch einer Bergwerkskantine durchgeschlagen.

Zurück in die Wildnis

Heute, 27 Jahre später, ziert die schwedische Prinzessin Victoria die Website von Thomas Rosencrantz. Sie hält ein Schächtelchen Pralinés in den Händen. «Kiruna Praliner», so heissen die «chocolats de luxe» des 53-jährigen Schweizers. Wir erwarten eine schicke Confiserie an bester Lage. Es erwartet uns eine Hütte mitten im Wald, wohl die winzigste Pralinés-Fabrik der Welt. Eine halbe Stunde Fahrzeit ausserhalb Kirunas, Thomas jedoch findet, er lebe «sehr zentral». Kein weisser Kittel, kein weisses Häubchen, der Chocolatier trägt Trainerhose und Shirt, da er nur auf Bestellung arbeitet, fehlt der direkte Kundenkontakt. Es duftet nach Schoggi.

Weg aus der Schweiz wollte der Zürcher immer schon. In Lappland ist er geblieben, weil es hier Platz hat und weil er den Schnee liebt – von November bis Mai ist es immer weiss. Den (kurzen) Sommer hingegen mag er nicht, im Juni, Juli regieren die Mücken. Vor allem aber ist er wegen der Schlittenhunde hierhergezogen. Vom Fensterchen aus sieht man die Hundezwinger, 30 Huskys, sie bellen aufgeregt.

An der Wand hängt ein Kalender mit Schweizer Eisenbahnen. Nein, das Leben in der Schweiz fehlt ihm nicht, «diese Menschenmasse!», er sei immer froh, wenn er zurück in die Wildnis könne. Doch auch in Lappland war es nicht immer leicht. Anfangs habe er zwar von allen Seiten Hilfe bekommen. «Jeder hier kann ein Haus bauen, jeder ist ein Handyman.» Doch sobald man Erfolg habe, sei Schluss damit. «Der Neid hier oben ist ausgeprägt», sagt Thomas, gerade Schweizer würden sich untereinander gar nichts gönnen. Er sucht keinen Kontakt zu Landsleuten, am liebsten hätte er auch keine Nachbarn, und wenn, dann Gehörlose, die sich nicht über das Hundegebell enervierten.

Die Schweden verlangen nach ihrer «Prinsesstarta»

Die Pralinés finanzierten nicht zuletzt das Hundefutter. Dumm nur, dass beide seiner Leidenschaften im Winter Hochsaison haben. 40 Sorten Pralinés hat der Confiseur vor Weihnachten im Angebot. Jedes einzelne ist von Hand gemacht. Die Schokolade kommt aus Belgien, Schweizer Schokolade sei zu teuer. Der Auswanderer musste feststellen: Die Schweden wollen keine Schoggi-Osterhasen, dabei waren die Hasen früher seine Spezialität. Und Pralinés mit Nüssen oder Mandelfüllung verkaufen sich nicht – zu viele Allergiker. Schweden mögen es weich und süss. So wie die geliebte Schwedentorte mit Biskuit, Vanillecreme und einem Überzug aus grünem Marzipan. Egal, wie aufwendig seine Tortenkreationen waren, wie viel Lob er dafür bekam, am Schluss verlangte der Schwede immer nach seiner Schwedentorte. Vielleicht auch deshalb ist dem Schweizer die «Prinsesstarta» zuwider.

Am besten verkaufen sich Pralinés mit Baileys- oder Beerenfüllung, Blaubeeren, Preiselbeeren und vor allem die orangen Moltebeeren, auch «das Gold Lapplands» genannt. «Chocolatier suisse» steht auf der Website, der einzige Hinweis auf seine Herkunft. Es komme nicht gut an, wenn man sich als Schweizer aufspiele. Sein Tipp: Bescheiden bleiben. «Lagom» ist das Zauberwort in Schweden: Nicht hervorstechen, sich zurücknehmen.

TV und Radio seien sein Fenster in die Welt, sagt Thomas Rosencrantz. Spielt die Schweizer Eishockeynati gegen Schweden, sei er «Superpatriot». Und Schweizer Politik, die Namen der Bundesräte? «Keine Ahnung.» Der Confiseur will in der Wildnis bleiben. Doch hier leben könne man bloss, solange man mobil sei – nur schon der Briefkasten steht einen halben Kilometer weit weg vom Haus.

Fünf Stunden Fahrt von Kiruna nach Arvidsjaur, 400 Kilometer Einsamkeit, selten nur kommt uns ein Lastwagen entgegen. Trotz Schnee und Eis auf der Strasse, die Schweden fahren zügig. Vor jedem Radarkasten wird der Automobilist netterweise zweimal gewarnt. Und die Busse zahlen muss nur, wer auf dem Foto erkennbar ist, kurzes Ducken sei weit verbreitet. Zwischenhalt in Jokkmokk, dem Zentrum der samischen Kultur. Es ist Ende März, die Sonne scheint bei minus 16 Grad. Die Leute tragen Polarstiefel an den Füssen, und die Rollatoren der älteren Menschen sind mit Kufen versehen. Wir besuchen das Sami-Museum. Die Ureinwohner machen nur vier Prozent der Bevölkerung aus – und auch der Sami (Lappe sagt man nicht) trägt heute Thermokleider statt Tracht, fährt Schneetöff statt Hundeschlitten.

Familie Eugster wohnt 25 Kilometer ausserhalb von Arvidsjaur (1100 Einwohner), ein wichtiger Ort für die Automobilbranche. Vor allem deutsche Firmen testen in der Umgebung ihre neuen Modelle auf Wintertauglichkeit. Unser Golf wird in den verschneiten Hügeln von drei brandneuen Porsche in Tarnbemalung verfolgt – wie in einem James-Bond-Streifen.

Keine Abenteurer, sondern Unternehmer

Wildact Adventure heisst das Tourismusangebot, das Simone Mendelin, 40, aus Glattbrugg, und Jürg Eugster, 43, aus Kloten, in den vergangenen 11 Jahren aufgebaut und ständig erweitert haben. Ein Tag mit den Huskys erwartet uns. Als der Bauingenieur 2007 im Internet eine Liegenschaft in Nordschweden entdeckte, haben sie nicht gezögert. Innert einem halben Jahr zog das Paar aus dem Kanton Zürich in die Abgeschiedenheit Schwedens. «Wir waren keine Aussteiger», betonen beide, sondern «Jungunternehmer mit Businessplan».

Die Kinder Ronja, 9, und Louis, 6, sind in Lappland geboren. Inzwischen besteht das Team aus einem Koch, einem Tourenführer und zwei «Doghandlern», zwei jungen Schweizerinnen, die sich professionell um die Hunde kümmern. Hochsaison für die Hundeschlittenfahrten ist von November bis April, angesprochen werden Schweizer und Deutsche, die «familiäre Ferien» suchen. Die Gäste wohnen in Blockhäusern, «alles selbst gebaut», sagt Jürg, «entweder man ist handwerklich begabt, oder man hat genug Geld auf der Kante». Zuerst muss der Ofen im Häuschen zünftig angefeuert werden, erst dann wirds gemütlich. Die hübschen Vorhänge und Kissenbezüge hat Simone, die gelernte Damenschneiderin, genäht.

Gegessen wird gemeinsam am grossen Tisch, es gibt Elch-Burger. Zwei Paare aus Berlin, Klaus und Martina, Norbert und Sabine, sind schon zum dritten Mal hier. Nirgendwo können sie besser «runterfahren», sie schwärmen von der Einfachheit, der Ruhe und Einsamkeit. Patrick und Beat, zwei junge Kantonspolizisten aus dem Thurgau, haben das «Lappland-Abenteuer» gebucht: Hundeschlittenfahren, Eisfischen, Langlaufen, Schneeschuhwandern – sie sind begeistert von den Nordlichtern, die sie letzte Nacht gesehen haben. Jürg erzählt während des Essens abenteuerliche Geschichten von Hundegespannführern, die bei voller Fahrt dösen, von gefrorenen Hundepfoten und -penissen. Solche Geschichten gehören zum Erfolgsrezept.

Die Huskys sind nach Gewürzen benannt

Der Start ins neue Leben sei nicht einfach gewesen, sagen die Auswanderer. Besonders die Behördengänge, mühsam, während der Jagdzeit müsse man gar nichts wollen. «Lappland ist das Afrika des Nordens», sagt Jürg. Kommt dazu: Die Nordschweden redeten kaum, seien weder höflich noch aufmerksam. Deshalb gelten in der Familie Eugster die Anstandsregeln aus der Schweiz.

Simone und Jürg vermissen auf der einen Seite die Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Genauigkeit der alten Heimat. Auf der anderen Seite schätzen sie, dass man das Leben hier oben lockerer nimmt. Wenn nicht heute, dann morgen. Leben und leben lassen. Was beide gar nicht vermissen, sei «das Tempo und der brutale Druck, gesellschaftlich, materiell». Immer wieder werde er von Schweizer Möchtegern-Auswanderern nach Tipps gefragt, sagt Jürg, inzwischen verlange er Geld dafür. Seine Meinung: «Mir hat auch niemand geholfen. Und wenn du es dir allein nicht zutraust, solltest du es dir zweimal überlegen.»

Wie Michelin-Männchen stehen wir im Schnee, tragen dicke rote Polarjacken, Hosen bis zur Brust und klobige Thermoschuhe. Konzentrieren uns auf Jürgs kurze Einführung ins Schlittenlenken. Mit 13 Hunden sind die Auswanderer nach Lappland gekommen, jetzt sind es 68. Inzwischen werden sie nach Themen benannt: Nach Automarken (Nissan, Subaru, Lexus) oder Gewürzen (Chili, Safran, Curry) – auch ein Bierwurf hatte man schon. Jeder Gast bekommt ein Gespann mit acht Hunden zugewiesen. Und ab gehts, die Huskys stürmen los – wir gleiten über gefrorene Seen, durch Fichtenwälder. Rauf und runter. Ganz still wird es, nur das Knirschen des Schnees unter den Kufen, das Hecheln der Hunde...

Im Dorf fehlte eine Bäckerei

Unser nächstes Ziel ist eine Bäckerei-Konditorei in Sorsele (600 Einwohner). Verkehrsschilder warnen vor Elchen. Die Autos sind mit extragrossen Scheinwerfern ausgerüstet. Sorsele liegt inmitten von Europas grösstem Naturreservat Vindelfjällen. Ein Fischerparadies, im Sommer wie im Winter – Eisfischen ist Volkssport hier. Mitten in der Wildnis hat Martin Wüthrich, 42, vor Jahren ein Holzhäuschen am See, natürlich mit Sauna, gekauft. Als Ferienhaus, als Sommarstuga. Seit 2015 lebt er hier mit seiner Freundin Sarina Bieri, 28. Beide gelernte Bäcker-Konditor, er aus dem Emmental BE, sie aus dem Entlebuch LU, sind in die schwedische Provinz gezogen, um zu bleiben.

Sie fühlten sich von Anfang an willkommen, denn es fehlte eine Bäckerei im Dorf. Die Gemeinde habe sogar bei der Suche nach einem geeigneten Lokal für die Princess Bageri-Konditori geholfen. Kein Schweizer Name, keine Schweizer Fahne vor dem Haus, «wir wollen für die Einheimischen da sein». Manche Dorfbewohner seien höchst skeptisch gewesen, blickt Martin zurück, «sie waren zufrieden mit ihrem pappigen, in Plastik verpackten Brot». Generell würden sich die Schweden sehr ungesund ernähren, «bauchfüllend und billig» – über allem liegt die geliebte Sauce béarnaise.

Einige Schweizer Spezialitäten hätten sich jedoch durchgesetzt: das Jägerbrot, ein Roggenring, zum Beispiel, oder das runde Rauchbrot, «ein Renner». Und trotz vieler Nussallergiker laufen die Nussgipfel, «Sorsele Boomerang», wie sie in der Princess Bageri heissen, gut.

Ihre Bilanz nach 3 Jahren: Nach wie vor vermissen sie Rivella und Thomy Senf. Familie und Freunde natürlich auch. Aber der Umsatz im Geschäft sei immer leicht gestiegen. Sie seien als Paar noch enger zusammengerückt. Und fühlen sich verankert im Dorf. «Wir sind glücklich, arbeiten aber viel, doppelt so viel wie in der Schweiz.» Sarina und Martin suchen dringend einen zuverlässigen Mitarbeiter, damit sie sich an die Familienplanung machen können – selbst dafür fehlt die Zeit.

So unterschiedlich die besuchten Auswanderer auch sind, niemand hat das Abenteuer bereut. Sie alle schwärmen vom Platz und von den Freiheiten, die sie in der engen Schweiz nicht hätten. Zwar lernten sie die Vorzüge des Geburtslandes in der Ferne zu schätzen – das Heimweh aber hält sich in Grenzen.

Diese Reise wurde unterstützt von Glur Reisen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.10.2018, 14:11 Uhr

Infos zu Schwedisch-Lappland

Anreise: SAS fliegt täglich 2- bis 4-mal von Stockholm nach Kiruna und zurück, mit guten Anschlussflügen ab der Schweiz
Winterreisen-Arrangements: «Kurztrip zum Nordlicht», 4 Tage, ab 1320 Fr. pro Person im Doppelzimmer. Hundeschlittentour bei der Familie Eugster ab 2135 Fr. pro Person (inkl. Flug, Transfer und 4 Tagen Aufenthalt)
Buchung: Glur Reisen, Basel, 061 205 94 94, www.glur.ch
Schweizer Auswanderer: Kiruna Praliner, Kiruna, www.kirunapraliner.se
Wildact Adventure, Sorberg bei Arvidsjaur, www.wildact.ch
Princess Bageri, Sorsele, www.princess-sorsele.se
Infos zu den Sami: Sami-Museum in Jokkmokk, www.ajtte.com, www.samer.se
Allgemeine Infos: www.swedishlapland.com

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