Woher kommt das Glück der Finnen?

In der winterlichen Weite von Luosto findet man die Antworten.

Die verschneite Landschaft verleitet zur Langsamkeit. Schnelle Bewegungen – lassen wir Auto, Hundeschlitten und Schneemobil mal beiseite – bleiben tabu. (Symbolbild) Foto: Jussi Nukari (Keystone)

Die verschneite Landschaft verleitet zur Langsamkeit. Schnelle Bewegungen – lassen wir Auto, Hundeschlitten und Schneemobil mal beiseite – bleiben tabu. (Symbolbild) Foto: Jussi Nukari (Keystone)

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Man könnte sich glatt verlieben in die Huskys. Diese Augen, diese Nasen – und wie sich die Hunde freuen, wenn man sie hinter den Ohren krault. Ob man nun sein Herz an diese Kraftpakete verliert oder überhaupt kein Hundenarr ist: Eine Huskytour hat ihren besonderen Reiz. Beeindruckend sind der Elan und die schier grenzenlose Power der Schlittenhunde. Kaum in Reih und Glied eingespannt , bellen und zerren sie, was das Zeug hält. Man löst den Schlitten, die Bremse, und schon sausen die Huskys los durch den Schnee.

Jetzt konzentrieren! Austesten, wie man vorsichtig bremst, damit man nicht zu nah an das nächste Gespann herankommt. Darauf achten, dass man ordentlich mitläuft und allenfalls schiebt, wenn das Gelände steiler wird.

Die zweite Person, die vorne sitzt, kann hingegen völlig entspannt der wilden Jagd zusehen und sich amüsieren, dass die lieben Köter auch noch ihre Geschäfte verrichten.

Den Hunden scheint sowieso alles egal zu sein. Rufen ist ebenso zwecklos wie irgendeine andere Art der Einflussnahme. Dem Musher bleibt nur, die Kontrolle mithilfe der Bremse zu behalten und sich einzulassen auf das ­Wintererlebnis.

Auf halber Strecke der Huskytour gibt es eine Pause für Tier und Mensch – Zeit zum Knuddeln. Katri von der Arctic Husky Farm kocht in einer Waldhütte auf finnische Art Kaffee und Tee über dem offenen Feuer. Dann geht die Reise zurück zur Farm, wo mehr als 200 Huskys hausen.

Nach einem Tag hat man vergessen, wozu es Uhren gibt

Auf einem Hundeschlitten könnte es ja glatt liegen, das persönliche Glück. Doch es gibt weitere Gelegenheiten für Hochgefühle in Finnisch-Lappland. Herrlich ist die Stille. Die verschneite Landschaft verleitet zur Langsamkeit. Schnelle Bewegungen – lassen wir Auto, Hundeschlitten und Schneemobil mal beiseite – bleiben tabu. Allein schon das Ankleiden bei zweistelligen Minusgraden dauert lange: Wie viele Schichten? Schnee- oder Sonnenbrille? Zwei Paar Handschuhe? Mit dickem Overall? Zeit hat man. Und nach einem Tag weiss man eh nicht mehr, wozu Menschen Minuten und Stunden messen.

Ein wohliges Gefühl von Zeitlosigkeit macht sich breit. Und der Eindruck verstärkt sich: Man muss gar nichts tun. Der Körper entspannt sich ganz von allein.

Man atmet auf, wenn man im lichtdurchfluteten, kalten Winterwunderland steht und die Eiskristalle in der Luft tanzen. Foto: K-U. Schneemann

So schnallt man jeden Morgen in aller Ruhe die Schneeschuhe an oder steigt auf die Langlaufski. Durch lichten Wald, in dem in ordentlichen Abständen die heimeligen Blockhäuser stehen, wandert man zum Dorf oder in die weisse Weite. Für die Einkaufstour steht ein kleiner Tretschlitten bereit. Man begibt sich damit zum einzigen lokalen Supermarkt oder zum nächsten Café. Selbst nahe der Strasse fühlt man sich wie in Watte gepackt. Die Autos fahren langsam auf der weissen Piste, und wie selbstverständlich geniesst der Fussgänger Vorrang.

Sogar die magere Auswahl an Lebensmitteln im Laden nimmt man gelassen hin. Irgendwas findet sich schon zum Kochen. Einfachheit und Genügsamkeit machen sich auch beim Thema Essen breit. Und sonst gibt es ja irgendwo leckeren Rentier­eintopf, etwa im gemütlichen Restaurant Korbara neben der Husky- und Rentierfarm zwischen Luosto und Pyhä.

Feuer ist neben korrekter Kleidung sicher das Zweitwichtigste im Norden. Im Gelände trifft man viele Hütten mit Brennholz. Erinnerungen an die Feuerstellen in Schweizer Wäldern kommen auf. Es scheint ein lappisches Grundrecht zu sein, sich jederzeit Kaffee und Tee kochen zu können – es ist so selbstverständlich wie die Sauna oder der Sprung in einen der Abertausenden Seen. «Ich habe immer Zündhölzer und trockenes Holz dabei, wenn ich in den Wald gehe», erklärt Tuomas Hietala, mit dem wir eine Schneeschuhtour unternehmen. Er führt zusammen mit seiner Partnerin Sanna Kleingruppen durch die Wälder zur alten Hütte, die einst sein Grossvater bewohnte. Sanna kocht für alle feinen Beerensaft und Elchstew mit Preiselbeeren und Kartoffeln.

«Es ist ein anderer Start in den Tag, wenn du dein Frühstück selbst aus dem Fluss fischst.»Tuomas Hietala, Bewohner Lapplands

Was ist nun dran, am finnischen Glück, wollen wir wissen. «Das einfache Leben und die Weite der lappischen Natur machen mich glücklich – die Einsamkeit und die Stille», sagt Tuomas. «Es ist ein anderer Start in den Tag, wenn du dein Frühstück selbst aus dem Fluss fischst.» Wenn er einige Zeit hier im Wald und in der Hütte lebe, kriege er das Gefühl, wirklich frei zu sein. Luxus auf einem anderen Level, findet Sanna.

Die Menschen verbringen viel Zeit draussen in der Natur

«Die Reduktion auf das, was das Leben ausmacht, mindert Stress.» Sie erklärt, was das einfache Leben beinhaltet: «Auf dem Boden auf dem Lammfell schlafen, morgens Feuer machen, täglich fischen, Holz hacken, Beeren und Pilze sammeln. Das ist eigentlich alles.»

In unserem Blockhaus, wieder verbunden mit der modernen Welt, lesen wir im «World Happiness Report» der Vereinten Nationen, dass Finnland unter 156 Ländern wiederholt das «glücklichste Land» der Erde ist, vor Dänemark, Norwegen, Island, den Niederlanden, der Schweiz, Schweden, Neuseeland, Kanada und Österreich. Macht es denn einen Unterschied, ob man in Finnland oder in der Schweiz, immerhin auf Platz 6, lebt, um sich glücklich zu fühlen? Was ist dran an dieser Umfrage?

Luxus auf einem anderen Level: Auf der Rentierfarm ist Genügsamkeit angesagt. Foto: K-U. Schneemann

Offenbar verbringen die meisten Finnen tatsächlich mehrere Male pro Woche Zeit in der Natur. Sie geniessen das traditionelle Sauna­vergnügen, pflegen das winterliche Eisbaden. Das löst heftige Hormonstürme aus und soll gemäss Studien vor Depressionen schützen. Und mitten im Wald, so steht für uns fest, fühlt man sich wieder als Teil der Natur.

Man atmet auf, wenn man im lichtdurchfluteten, kalten Winterwunderland steht und die Eiskristalle in der Luft tanzen. Man erlebt die unglaubliche Weite und Stille, das unerschöpfliche pudrige Weiss und das Licht, wenn sich der Abendhimmel fast schon kitschig in grelles Rosa verfärbt. Nicht zuletzt lässt sich mit etwas Glück hin und wieder das tanzende Nordlicht bestaunen. Was nun froh stimmt, muss man schon selbst herausfinden. Dazu ist die ursprüngliche Wildnis Lapplands ohne Zweifel ein geeignetes Feld.

Die Reise wurde unterstützt von Kontiki

Erstellt: 14.10.2019, 09:05 Uhr

Blockhausferien in Luosto

Anreise: Täglich mit Finnair von ­Zürich via Helsinki nach ­Rovaniemi, Finnair.com; Nonstop-Flug mit Edelweiss jeweils am Samstag von 21.12.–14.3., Flyedelweiss.com

Reiseveranstalter: Nordland-­Spezialisten sind Kontiki, Glur und Travelhouse. Kontiki.ch, Glur.ch, Travelhouse.ch

Arrangement: Kontiki Reisen (Tel. 056 203 66 66) bietet winterliche Blockhausferien in Finnisch-Lappland an, etwa eine Woche in ­Luosto ab 1360 Fr. p. P., inkl. Direktflug ab Zürich, Transfers, Nordlichtalarm

Allg. Infos: Visitfinland.com, Nationalparks.fi, Luosto.fi

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