Abseits der Trampelpfade

Zimbabwe leidet unter der Diktatur. Doch wer die einstige Kornkammer Afrikas mit offenen Augen bereist, lernt tapfere Menschen kennen und eine atemberaubende Natur.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man sieht das Desaster aus dem Kleinflugzeug, das die Touristen in die Safarigebiete Zimbabwes bringt: verbuschte Wiesen, dann und wann unterbrochen von winzigen Feldern oder, seltener, von grossen runden Ackerflächen. Über diesen drehen sich noch die alten Bewässerungsanlagen, gespiesen aus aufgestauten Bächen.

Im Jahr 2000 enteignete Zimbabwes Diktator Robert Mugabe, der mit der Unabhängigkeit des Landes 1980 an die Macht gekommen war, die weissen Farmer. «Onkel Bob» installierte seine Günstlinge in der Landwirtschaft. Doch sie wussten nicht, wie man einen Bauernbetrieb führt. Farmarbeiter verloren die Stelle, die Felder verwandelten sich zurück in Grasland. Zwei Drittel des einstigen Landwirtschaftslandes werden heute nicht mehr bebaut, schätzen Fachleute. Ferien in Zimbabwe: zu gefährlich, denkt man, schwierig und erst noch politisch unkorrekt. Doch es gibt durchaus Gründe, ins ehemalige Rhodesien zu fliegen, das die Kornkammer Afrikas war und Teil des britischen Empires. Und das seit Jahrzehnten Negativschlagzeilen produziert.

Als Folge des wirtschaftlichen Niedergangs entwickelte sich eine horrende Inflation. 2003 erhielten Touristen in Victoria Falls für 50 Euro einen ganzen Plastiksack voller Zimbabwe-Dollar. 2008, kurz bevor der US-Dollar als Landeswährung eingeführt wurde, gab es 100-Milliarden-Scheine. Diese werden heute bei den Fällen als Souvenirs verkauft. Victoria Falls bleibt der touristische Hotspot des Landes, vor kurzem hat die Stadt im Vierländereck Zimbabwe-Sambia-Botswana-Namibia einen neuen Flughafen erhalten.

Im ersten Hotel am Platz, das den Namen der Sehenswürdigkeit trägt, wähnt man sich in der Kolonialzeit: Weisse Damen und Herren lassen sich auf der Terrasse zum Sonnenuntergang einen Gin & Tonic servieren, mit Blick auf die donnernden Wassermassen und die berühmte Brücke über den Sambesi, von der sich Verrückte an einem Gummiseil hinabstürzen. Die 14 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner von Zimbabwe leben in einer ganz anderen Welt.

Die Chance, dem Armenviertel zu entfliehen, ist gleich null

800 Kilometer östlich, in der Hauptstadt Harare, weiss Catherine Magoro* nicht, wie sie das Schulgeld für ihre vier Kinder bezahlen soll: 45 Dollar pro Trimester. Auch für die Schuluniformen und die Bücher müssen die Familien selber aufkommen. Der Staat hat kein Geld. Mit dem Verkauf von selbst gebackenen Küchlein verdient die 44-Jährige ein bis zwei Dollar am Tag. Ihre Chancen, jemals aus dem Armenviertel herauszukommen, in dem sie aufgewachsen ist, sind gleich null. Ihr Zweitältester träumt von einer Fussballerkarriere. Als Profi will er der Mutter ein grosses Haus bauen und sie im Mercedes ausfahren. In seinem Team gehört er immerhin zu den Besten.

90 Prozent der Zimbabwer sind stellenlos. Im Vergleich zur schwarzen Unterschicht geht es jenen Weissen, die trotz aller Widrigkeiten im Land geblieben sind, noch gut. Aber auch sie leiden. Eva Tenner betreibt in einem der besseren Quartiere von Harare ein Gästehaus. Es ist das Elternhaus ihres verstorbenen Mannes, das sie vor einigen Jahren um einen Anbau erweitert hat. Der Garten ist im englischen Stil angelegt, zwei Perlhühner spazieren über die grüne Wiese. Alles in Ordnung, könnte man denken, wäre da nicht der Tennisplatz in der Ecke des riesigen Grundstücks, etwas verborgen hinter grossen Bäumen. Hier haben die Töchter des Hauses das Ballspiel gelernt, und Eva Tenner spielte jeweils am Freitag mit ihren Freundinnen Turnier.

Jetzt ist der Platz verwaist. Die meisten Zimmer im Gästehaus stehen leer. Die Belegung sank innert zehn Jahren von 80 auf 20 Prozent. Wer besucht schon Harare? Die Vertreter der internationalen Organisationen steigen in den grossen Hotels ab. Touristen lassen die Hauptstadt aus. Eva Tenner ist wirtschaftlich am Ende. Sie muss verkaufen. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, als sie erzählt. Wohin sie gehen wird, weiss sie nicht.

Auf 20 000 bis 40 000 wird die Zahl der Weissen geschätzt, die noch in Zimbabwe leben. Die Mehrheit der enteigneten Farmer ist ausgewandert, viele ins Nachbarland Sambia. Einer, der blieb, ist Mister B. – so stellt er sich vor. Im Hwange-Nationalpark ist er zuständig für die Wasserpumpen der Firma Wilderness Safaris. 14 dieselbetriebene Pumpen, die von April bis Dezember rund um die Uhr laufen und dafür sorgen, dass die Safaritouristen garantiert Tiere sehen: Elefanten, Büffel und Antilopen, die zum Trinken an die Wasserlöcher kommen, manchmal auch Giraffen, Zebras, Löwen, Hyänen oder mit Glück sogar Wildhunde.

Kein Verlass auf den Staat: Der Lehrerlohn kommt häufig nicht

Mister B. ist 69, die Haut sonnenverbrannt. An seinem Hut stecken farbige Federn. Frühmorgens fährt er mit dem Jeep los, auf der Ladefläche Treibstoffkanister und eine Werkzeugkiste. Zwei Tage braucht er, um alle Pumpen im Wilderness-Konzessionsgebiet zu kontrollieren und Diesel nachzufüllen. Mister B. liebt seine Arbeit, und er liebt das Tuckern der Motoren. Für ihn ist es der Herzschlag des Parks. Es sei eine geniale Idee von Parkgründer Ted Davison gewesen, dafür zu sorgen, dass die Tiere nicht nur während der Regenzeit, sondern das ganze Jahr Wasser im Hwange finden und nicht bis hinauf nach Botswana wandern müssen.

Davison war 1928 in das trockene Savannengebiet im Südwesten des Landes gekommen. Er erforschte es minutiös und sah, dass genügend Grundwasser vorhanden war. In den 40er-Jahren bohrte er die ersten Wasserlöcher, heute gibt es insgesamt 60 davon. Mit 14 600 Quadratkilometern ist der Hwange der grösste Nationalpark Zimbabwes.

Wilderness betreibt hier vier Lodges und eine Flugpiste. Die meisten Touristen kommen per Kleinflugzeug. Theoretisch wäre auch eine Anfahrt im Auto möglich, denn die Lodges liegen am Rand des Schutzgebietes. Selbst zu fahren, empfiehlt sich allerdings nicht. Und das nicht nur wegen der Schlaglöcher: In Zimbabwe sind Strassensperren durch Polizisten gang und gäbe, die Beamten reichern mit willkürlichen Bussgeldern ihren kleinen Lohn an.

Auf den Staat ist kein Verlass. Dorfschullehrerin Betty Jakande verdient 300 Dollar im Monat. Theoretisch zahlt die Regierung die Lehrerlöhne. Doch häufig kommt das Geld nicht. Betty Jakande hat Glück, dass sie in einem Dorf an der Grenze zum Hwange arbeitet, und auch die Schulkinder haben Glück. Sie profitieren von der Unterstützung durch die Lodge-Betreiber. Ihre Eltern müssen nur 30 Dollar Schulgeld im Jahr zahlen, viermal weniger als im Armenviertel von Harare.

Wilderness gehört zu den Marktführern im Safarigeschäft des südlichen Afrika und gilt als vorbildlich, was die Förderung der Dorfentwicklung betrifft. Die Firma baut Schulen, schickt talentierte Jugendliche an die Uni und bildet Frauen handwerklich aus. Wilderness beschäftigt Leute aus dem Dorf in den Lodges und lädt Kinder für ein Wochenende in den Park ein, um ihnen die Natur und die Tiere näherzubringen.

Die Mitglieder des Trupps waren früher selber Wilderer

Dorfvorsteher Johnson Achebe ist des Lobes voll für die Lodge-Betreiberin. Der Tourismus sei ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Ansonsten würden nur noch die Chinesen in Zimbabwe investieren. Für sie hat Achebe kein gutes Wort übrig: «Sie beuten unsere Rohstoffe aus und verpesten unser Land.» Der Dorfchef sagt auch, was das Safariunternehmen im Gegenzug für sein Engagement erhält: «In meinem Dorf gibt es keine Wilderei mehr. Dafür garantieren wir.»

Ein Besuch bei der ersten und bisher einzigen Anti-Wilderer-Einheit des Parks, auch sie massgeblich durch Wilderness finanziert, zeigt, wie die Dorfbewohner sich früher und manche wohl auch heute noch mit Fleisch aus dem Park versorgten: Sie legten Schlingfallen aus. Dutzende solcher Fallen sind über einen Pflock gestapelt.

Das grössere Problem, sagt der Chef der Einheit, seien aber die professionellen Wilderer, die in den Park eindringen, einen Elefanten schiessen (Nashörner gibt es keine mehr), die Stosszähne mit Äxten heraushauen und auf den Schultern wegtragen. Das alles innert weniger als einer Stunde. Doch auch diesen Männern ist die Einheit auf der Spur. Die sieben Mitglieder des Trupps kennen die Methoden, denn sie haben früher selber gewildert. Sie wissen, dass man an den Dellen in den Schultern eines Mannes ablesen kann, ob er ein notorischer Wilderer ist.

Einen ersten grossen Erfolg hat die Einheit bereits verbuchen können: Es gelang ihr, zwei Wilderer zu stellen und schliesslich vor Gericht zu bringen. Von all dem merkt ein gewöhnlicher Tourist nichts. Ferien in einer Safari-Lodge sind paradiesisch. Man wird verwöhnt. Wenn die Temperaturen in der Nacht gegen null Grad sinken, liegt bei der Rückkehr ins Zelt eine Wärmeflasche unter der Bettdecke. Der Safari-Jeep ist ausgerüstet mit Ponchos, die man sich auf der Morgenfahrt über­ziehen kann.

Und, was wesentlich zum Erlebnis beiträgt: Alle Guides sind top. Müsste man dennoch eine Rangliste erstellen, stünde Mike vom Davisons Camp zuoberst. Dieser Mann weiss einfach alles. Er kennt den Verdauungstrakt der Elandantilope ebenso wie die Gewohnheiten der Grastermiten. Er sieht eine tote Eule am Boden liegen und sagt, welcher Adler sie vom Baum geholt hat. Er weiss, wie man aus den Blättern eines bestimmten Strauches eine Seife herstellt, die gegen Hautkrankheiten wirkt. Und er lacht ein Lachen, das einen vergessen lässt, in welch ausgehungertem Land man ist.

Ferien in Zimbabwe? Solange die politischen Spannungen nicht eskalieren und man gern abseits der touristischen Trampelpfade auf Safari geht: sehr empfehlenswert! Und was passiert, wenn der 93-jährige Mugabe stirbt? Dann breche das Chaos aus, sagt eine erfahrene Politbeobachterin in Harare. Dorfvorsteher Achebe denkt anders: «Dann übernimmt die Jugend und bringt unser Land wieder zum Blühen.»


Die Reise wurde unterstützt von Knecht Reisen

*Aus Sicherheitsgründen sind alle Nachnamen geändert. In Zimbabwe verschwinden immer wieder Menschen, die sich kritisch über das Regime äussern.

Erstellt: 15.09.2017, 14:37 Uhr

Tipps und Infos: Auf Safari von Camp zu Camp

Anreise Via Johannesburg nach Victoria Falls oder Harare, verschiedene Fluglinien.

Reiseveranstalter Knecht Reisen stellt individuelle Zimbabwe-Reisen zusammen. Zum Beispiel: 2 Nächte im Victoria Falls Hotel, 3 Nächte im Little Makalolo Camp im Hwange-Nationalpark, 3 Nächte im Ruckomechi Camp im Mana-Pools-Nationalpark, jeweils inklusive Aktivitäten und Vollpension, Flugtransfers zwischen den Lodges, Flüge ab/bis Zürich mit British Airways Economy Class: ab 7650 Fr. p. P. im DZ

Buchen Knecht Reisen Tel 062 834 71 31; www.knecht-reisen.ch

Unterkünfte In den Nationalparks Hwange und Mana Pools gibt es eine Reihe von Lodges sowie öffentliche Zeltplätze. Weitere Übernachtungsmöglichkeiten ausserhalb der Parkgrenzen. In Victoria Falls zahlreiche Hotels unterschiedlicher Preisklassen.

Sicherheit Die politische Lage ist labil, in grösseren Städten kommt es immer wieder zu Demonstrationen, die man unbedingt meiden sollte. Vom Selbstfahren ist abzuraten. Aktuelle Sicherheitshinweise des EDA beachten. www.eda.admin.ch

Beste Reisezeit Für klassische Safaris eignet sich die Trockenzeit von Mai bis Okt., für Vogelsafaris die Regenzeit in den Monaten Nov. bis April, wobei es nicht den ganzen Tag regnet und man ebenfalls viele grosse Tiere sehen kann. Die Sommer im südlichen Afrika sind tagsüber heiss, die Winter tagsüber angenehm warm und nachts teilweise sehr kalt.

Allgemeine Infos www.zimbabwetourism.net

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Blogs

Sweet Home So selbstverständlich harmonisch

Geldblog Dufte schlafen mit Aromahersteller Givaudan

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Was für eine Plage: Eine Bauernstochter in Kenia versucht mit ihrem Schal Heuschrecken zu verjagen. (24. Januar 2020)
(Bild: Ben Curtis) Mehr...