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Anpfiff zu Katars Charmeoffensive

Knapp vier Jahre vor der Fussball-WM wirbt das Emirat mit einem Verwöhnprogramm um die Gunst der Gäste.

Endlich ein «echter» Katarer! Der letzte Perlentaucher, 85, handelt heute mit Kunstperlen aus Japan. Fotos: Chris Winteler
Endlich ein «echter» Katarer! Der letzte Perlentaucher, 85, handelt heute mit Kunstperlen aus Japan. Fotos: Chris Winteler

Die Charmeoffensive startet frühmorgens am Flughafen Zürich mit einem Upgrade in die preisgekrönte Businessclass. Die katarische Tourismusbehörde und Qatar Airways haben zur Pressereise nach Katar, Gastgeber der Fussball-Weltmeisterschaft 2022, geladen. Man scheut keine Kosten: In der Holzklasse würde der gut fünfstündige Flug im Airbus A350 nach Doha 1239 Franken retour kosten, in der Luxusklasse 6135 Franken.

Das kleine Emirat, nur ein Viertel so gross wie die Schweiz, will sich als selbstbewusstes, modernes, offenes Land präsentieren. Offen auch für vielseitiges traditionelles Essen: Und so werden wir direkt nach der Landung ins Restaurant mit dem leicht problematischen Namen «Afghan Brothers» chauffiert. Riesige Platten mit Fisch, Fleisch und Reis – wir sitzen am Boden, barfuss, wie es die Sitte verlangt. Keine appetitliche Vorstellung nach einem langen Reisetag.

Als Willkommensgeschenk erfreut uns Qatar Tourism mit einem hübschen Seidenschal, allerdings made in China. Wir wohnen im Grand Hyatt, 5 Sterne, 400 Meter langer Privatstrand (nur hier sind Bikinis erlaubt), ein Gym mit einem separaten Trainingsraum allein für Frauen. JLo erwartet uns. Reiseleiter JLo wird uns in den folgenden drei Tagen Katar zeigen. Er stammt von den Philippinen –und er ist schwul, das merkt man schnell. JLo liebt Jennifer Lopez und Shakira, in seiner Freizeit tanzt er Salsa. Er ist einer von unzähligen Gastarbeitern. Etwa 2,7 Millionen Menschen leben in Katar, über 80 Prozent sind ausländische Arbeitskräfte. Nur jeder neunte Einwohner besitzt den katarischen Pass.

«Woran erkennt man die Katar-Ladies?», fragt JLo im klimatisierten Bus und gibt die Antwort gleich selbst: «An den High Heels unter der Abaya.» 90 Prozent der Frauen tragen den schwarzen Ganzkörperumhang, der sie vor den (vermeintlich) lüsternen Blicken fremder Männer schützen soll. Darunter aber modisch zerrissene Jeans und Victoria’s-Secret-Unterwäsche, weiss JLo. Tatsächlich, die Katarerin liebt Luxuslabels, die Sonnenbrille ist von Bulgari, die Handtasche von Gucci.

Katarerinnen lieben Gold und Luxuslabels
Katarerinnen lieben Gold und Luxuslabels

Unser erster Abstecher führt ins Museum für Islamische Kunst von Stararchitekt I. M. Pei, gefüllt mit Schätzen aus 1300 Jahren. Das prächtige Bauwerk mit Blick auf die imposante Skyline lädt zum längeren Verweilen ein. Wir aber eilen zu Fuss zum nächsten Termin im Islamischen Zentrum und der Moschee al-Fanar. Werden gestoppt von einem Rotlicht, warten geschlagene 15 Minuten, bis die Ampel auf Grün wechselt. Als Fussgänger hat man in Doha nichts zu melden.

Um Punkt 12 Uhr beginnt das Gebet. Dem bärtigen Herrn bleiben fünf Minuten, um uns in den Islam einzuführen. Er konzentriere sich auf das Wesentliche: «Alle Menschen sind Kinder Gottes – wir lieben sie alle.» Zum Abschied beschenkt man uns mit einem Buch «Understanding Islam» und einem hübschen Kugelschreiber mit aufgedruckter Moschee.

Erstmals dürfen Journalisten kritische Fragen zur WM stellen

Über Mittag stellen wir uns der jemenitischen Küche. Neue, exklusive Restaurants zu testen, sei übrigens eines der Lieblingshobbys der Katarer, sagt JLo. Die Frage drängt sich auf: Warum bringt uns ein Filipino das Land und seine Sitten näher, weshalb kein Katarer? «Good question», sagt JLo, die Antwort sei einfach: Kein Katarer würde diesen «minderwertigen» Job machen. Katarer würden in der Regierung arbeiten oder als CEO ihrer eigenen Firma.

Eine Wüstensafari steht nun auf dem dichten Programm. Wir fahren in den Süden, vorbei an Erdöl- und Erdgasraffinerien, die dem Volk gegenwärtig das weltweit höchste Pro-Kopf-Einkommen bescheren. In der Ferne mitten im Nirgendwo erblickt man den Umriss eines der acht WM-Stadien. Der Driver aus Jordanien lässt Luft aus den Pneus des Toyota 4×4. Los gehts! Rauf und runter, scharf entlang der Dünenkante. Egal welche Küche, ein voller Magen verträgt sich schlecht mit einer Wüstensafari. Auch JLos Parfüm riecht nun besonders streng.

Skyline von Doha
Skyline von Doha

Aber die Aussicht ist einzigartig, das Meer dringt tief in die Wüste ein, in der Ferne liegt Saudiarabien. Extra für uns hat man drei Kamele ins Wüstencamp gestellt. Romantik unterm Sternenzelt ist angesagt: Lady Gagas «P-P-P-Poker Face, P-P-P-Poker Face» hämmert aus dem Lautsprecher. Doch der Himmel verzaubert, die Milchstrasse leuchtet hell. «Milky Way?», fragt JLo. Er kenne nur den Schokoriegel.

Die Lust auf ein Bier vor dem Schlafengehen ist bei manchen Kollegen gross, der Blick auf die Spirituosenkarte an der Hotelbar jedoch ernüchternd: 16 US-Dollar kostet die Dose Heineken. Alkohol wird nur in internationalen Hotelketten ausgeschenkt. Wie das während der WM (21. November bis 18. Dezember 2022) gehandhabt wird? Fussball ohne Bier, für viele Fans unvorstellbar. Fragen zum Thema Alkohol während des Turniers, vor allem jedoch zu den massiven Vorwürfen bezüglich Ausbeutung von Gastarbeitern, den Todesfällen auf WM-Baustellen – erstmals, so ­Qatar Tourism, werden wir Journalisten diese brennenden Fragen direkt dem lokalen WM-Organisationskomitee stellen können.

Wir haben eine Audienz im 29. Stock des 215 Meter hohen al-Bidda Towers: «Medienmanager» Matthias Krug, ein in Katar geborener Deutscher, führt durch die 40-jährige Geschichte des katarischen Fussballs – Fussball sei heute noch beliebter als Kamel­rennen. Und präsentiert die topmodernen Stadien, die als funkelnde Modelle hinter Glas hängen. «State of the Art», lobt Krug mehr als einmal. Die brennenden Fragen? «Bitte schriftlich stellen», sagt Krug. «No answers to these questions», wird die Medienstelle schliesslich auf die kritischen Fragen reagieren – PR-Kultur von ­ihrer fragwürdigsten Seite.

Klassische Musik ertönt, es riecht dezent nach Vieh

Heute erwartet uns ganz Erstaunliches: Die grösste Kuhfabrik der Welt. Vorbei an den Palästen des Emirs von Katar und seinem Gefolge. Emir Scheich Tamim, 38, verheiratet mit drei Frauen, Vater von neun Kindern. Die Mehrehe sei gar nicht so toll, erklärt Reiseleiter JLo. Denn jede Frau müsse gleich behandelt werden. Bezogen auf katarische Verhältnisse heisst das: «Kriegt die Lieblingsfrau einen Ferrari, müssen auch die anderen Frauen einen Ferrari bekommen.»

Dass wegen der vielen Bauarbeiter 80 Prozent der Bevölkerung männlich sind, das stört JLo nicht. Er grinst und spricht aus, was wir schon lange ahnten: «I’m proud to be gay.» In einem Land, wo Homo­sexualität offiziell verboten ist? JLo jedenfalls rät Schwulen nicht von einem Besuch Katars ab, sie sollen ihre Neigung einfach nicht offen zeigen.

«Baladna», mein Land, heisst die gigantische Kuhfabrik. Grün ist hier nur der Betonboden. High­techställe für 24 000 Hochleistungskühe der Holstein-Rasse, «mehr Komfort als ich selber habe», sagt der Direktor aus Polen. Klassische Musik ertönt, es riecht dezent nach Vieh. Früher hatte Katar alle Milchprodukte importiert, erst seit die Nachbarn Saudiarabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain im Juni 2017 die Grenze dichtmachten und einen Boykott verhängten, produziert man selber. Schulklassen besuchen den künstlichen Bauernhof, erstmals sehen die Kinder eine richtige Kuh.

Melk-Karussell in der Kuh-Fabrik
Melk-Karussell in der Kuh-Fabrik

Endlich! Am letzten Abend treffen wir doch noch einen «echten» Katarer. Den letzten Perlentaucher, 85 Jahre alt, noch immer handelt er mit Perlen, mit Zuchtperlen aus Japan. Er war auch einmal Bodybuilder, ein Poster in seinem kleinen Geschäft im Souk Waqif zeigt ihn im Tigerschurz, als er noch etwas frischer war. Kaum vorstellbar, dass noch die Grosseltern all dieser sagenhaft reichen Menschen Perlentaucher, Fischer und Nomaden waren – und oft hungerten. Heute können sich Katarer locker einen Falken bis zu einer Million Dollar leisten. Der Jagdfalke ist das Statussymbol, der umsorgte Liebling der Scheiche. Der Falke hat einen eigenen Pass – und darf auf Reisen Businessclass fliegen. Für Falken und Gäste: nur das Beste.

Die Reise wurde unterstützt von Qatar Tourism

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