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Augen auf, Ohren auf und staunen

Elefanten sind die Hauptdarsteller im Chobe-Nationalpark in Botswana. Aber auch Erdmännchen, Löwen und exotische Vögel sorgen für Erinnerungen, die Safarifahrer nie mehr vergessen.

Aussteigen strengstens verboten: Aus sicherer Distanz beobachten Touristen eine Löwin. Foto: PD
Aussteigen strengstens verboten: Aus sicherer Distanz beobachten Touristen eine Löwin. Foto: PD

Safari klingt nach unerträglicher Hitze, Abenteuer und Gefahr. Zumindest für Anfänger, welche exotische Wildtiere nur aus dem Zoo kennen. Kurz vor der Abreise werden potenzielle Todesfallen ausgemacht. Braucht es Wanderschuhe, um den giftigen Schlangenbiss zu verhindern, oder erhöht dies nur die Gefahr eines Hitzschlags? War der Verzicht auf eine Malariaimpfung ein kühnes Zeichen gegen die Angst machende Pharmaindustrie oder schlicht leichtsinnig?

Spätestens bei der Landung in Botswana weichen die Sorgen der Faszination. Es ist die Zeit nach der grossen Dürre. Erste Grashalme spriessen aus dem kargen Savannenboden – eine Landschaft von schlichter Schönheit. Die Elefanten sind schon aus der Luft zu sehen. In Karawanen bahnen sie sich gemächlich ihren Weg – zwischen Flughafenpiste, Büschen und den ersten Häusern von Kasane. In der Kleinstadt an der Grenze zu Namibia, Sambia und Zimbabwe leben Menschen und Elefanten nah beieinander. Es kommt regelmässig vor, dass sich einer der Dickhäuter auf eine Strassenkreuzung verirrt. Dann herrschen Verkehrschaos und ­Ärger bei den Einheimischen. Bei den Touristen löst das Schauspiel hingegen Entzücken aus.

Der angrenzende Chobe-Nationalpark bietet eine der dichtesten Elefantenpopulationen der Welt. 100 000 Tiere leben auf den 10 000 Quadratkilometern des Naturreservats. Doch das Schutzgebiet besteht nicht nur aus Elefanten. Das weiss keiner besser als Sam. Der 36-jährige Guide führt Touristen seit sieben Jahren durch den Nationalpark: Tarnfarbene Kleidung, Cowboyhut, Feldstecher und ein breites Lachen sind seine Erkennungsmerkmale. Er sitzt am Lagerfeuer des Chobe Under Canvas, eines luxuriösen Zeltcamps mitten in der Wildnis. «Das ist meine Bibel», sagt Sam und tippt auf ein dickes Buch: «Birds of Botswana» – ein mehrere Hundert Seiten dicker Schmöker voller bunter Illustrationen der reichhaltigen Vogelwelt Botswanas. Er kenne jeden einzelnen dieser Vögel, jahrelang habe er das Werk studiert.

Die Reisegruppe testet Sams Wissen: «Auf welcher Seite befindet sich der Bandschlangenadler?» «342», antwortet Sam. «Der Blutschnabelweber?» – «Seite 211». Sam kennt alle und besteht auch den praktischen Test: Aus dem Dickicht hinter dem Lagerfeuer erklingt eine Melodie: «Das ist der Rotbauchwürger.»

Unterhaltsames Tierleben

Sam wird der Gruppe die Tierwelt des Chobe-Nationalparks näherbringen. Das Geländemobil startet morgens um 6 Uhr zur Pirschfahrt, die über die verschlungenen Sandwege des Reservats führt. Eine erfahrene Teilnehmerin weiss, wie es geht: «Wer sich auf eine Safari begibt, reist zurück in die Kindheit.» Das Geländemobil sei der Buggy, mit dem man passiv durch die Gegend tuckere. «Augen auf, Ohren auf und einfach nur Staunen», empfiehlt die Dame.

Frühes Aufstehen zahlt sich aus: Die Hyänen, diese hässlichen Aasfresser, sind vor allem in der Nacht aktiv. «Bei Tagesanbruch verkriechen sie sich in feuchten Erdlöchern», sagt Sam. Wir haben Glück. Nach 15 Minuten stoppt das Mobil. «Dort steht eine Hyäne. Sie schaut in unsere Richtung!» Sam reicht den Feldstecher herum: Beim Anblick des Tiers wird klar, weshalb der Schriftsteller und Safarifan Ernest Hemingway die Hyäne einst als «verschlagene Hundebastardenfratze» beschrieb.

Schon nach einer Kurve zeigt sich das nächste Faszinosum: Eine Giraffe frisst seelenruhig Blätter von der Krone einer Akazie. Das elegante und zugleich sonderbare Tier nimmt scheinbar keine Notiz von den Beobachtern. Doch vielleicht entgeht es auch nur der menschlichen Wahrnehmung. Sam weiss, warum: Giraffen kommunizieren mittels Infraschall, der für den Menschen nicht hörbar ist. «Durch die tiefen Töne können sie über weite Strecken Kontakt halten.»

Zebras grasen am Ufer des Chobe-Flusses. «Ihre Tarnung ist die maximale Aufmerksamkeit», sagt Sam. Er erklärt diesen Widerspruch: Würden die Tiere zusammenstehen, könne der Feind, ein Löwe, die Konturen des einzelnen Zebras nicht mehr erkennen. Zudem würden die Streifen abschreckend auf giftige Stechmücken wirken. Gleich neben den Zebras buddelt eine Gruppe Erdmännchen unentwegt Löcher in den Sand. «Sie suchen nach Futter», sagt Sam. Nur eines der Tiere steht scheinbar teilnahmslos auf den Hinterpfoten und scannt die Gegend. Ein Drückeberger? «Nein, er steht Schmiere und warnt die Freunde vor lauernden Gefahren», weiss der Guide.

Doch es gibt auch weniger subtile Szenen: Eine Löwenfamilie gibt sich genüsslich der gejagten Antilope hin. Die spitzen Zähne schlagen tief in das warme Fleisch. Der Zuschauer sitzt wenige Meter daneben und beobachtet aus der sicheren Warte des Safarimobils. «Wer das Gefährt verlässt, wird sofort attackiert», sagt Sam. Solange alle sitzen bleiben, erscheint das Mobil den Tieren als bewegliche, undefinierbare, womöglich etwas suspekte Masse. Ähnlich wie die Zebras.

Ein Tag in der Savanne des Chobe-Nationalparks reicht womöglich bereits, um alle Vertreter der Big Five – der grossen Fünf – zu sehen: Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Doch es braucht Zeit und mehrere Touren, um in den Alltag der Tiere einzutauchen. Dieser ist nicht immer spektakulär. Wenn eine Löwenfamilie beispielsweise während Stunden neben einem Wasserloch ausharrt und wartet, bis die mögliche Beute von allein kommt. Ein afrikanisches Sprichwort wird in diesem Moment wahrhaftig: «Die Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit.»

Wer sich der Stille dieses Nichtstuns hingibt, wird belohnt. Jede kleine Regung der Tiere avanciert zum Spektakel, weil sie eine Geschichte erzählt. Der Guide kennt die Familien, deren Verknüpfungen und Hierarchien. Wenn er erzählt, erscheint das wilde Leben im Busch plötzlich als unterhaltsame Fernsehsoap: das Löwenbaby, das den grossen Bruder ärgert. Die Mutter, die das Schauspiel genüsslich mit einem Gähnen quittiert. Im Hintergrund plötzlich ein Geräusch, das den Safariteilnehmern durch Mark und Bein fährt: Rrrroarr! Das langmähnige Familienoberhaupt meldet sich bei den Angehörigen, von seiner Entdeckungstour zurück. Die Zeit steht still, hier draussen in der Savanne. Sofern man sich der kindlichen Neugier hingibt: Augen auf, Ohren auf und staunen.

Die Reise wurde unterstützt von Andbeyond und vom Reiseveranstalter Abendsonne Afrika.

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