Auszeit mit Kindern – Chancen und Hürden

Drei Paare erzählen, wie es ist, mit Kindern längere Zeit auf Reisen zu sein.

Mama Kerstin und Tochter Juliette (4) lernen im Zug in Thailand schnell neue Leute kennen. Foto: Roland Villars Photography

Mama Kerstin und Tochter Juliette (4) lernen im Zug in Thailand schnell neue Leute kennen. Foto: Roland Villars Photography

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Zeit füreinander haben, etwas anderes sehen, dem Alltag den Rücken kehren. Davon träumen unzählige Familien, die sich im Hamsterrad des Alltags gefangen fühlen. Aber wie ist das, mit Kindern unterwegs zu sein? Anstrengend? Entspannt? Was ist mit Schule, Job und der Wohnung?

Wir haben drei Familien befragt, die es gewagt haben: Sie waren einige Wochen oder Monate auf Reisen. Was die Auszeit mit ihnen gemacht hat, was toll daran war und ob das Reisen mit Kindern wirklich entspannt ist, lesen Sie hier.

Monika Abt reiste alleine mit Lovisa (10), Niklas (8), Hanna (7) und Madlaina (4) von Hawaii über Japan nach Sri Lanka. Sie waren fünf Monate unterwegs, einen Monat lang begleitete Vater Thomas sie.

«Zuhause würden die Kinder nie so viel lernen wie auf Reisen»

Familie Abt hat einen Plan: Sie wollen während fünf Monaten reisen. Die Kinder werden sie für diese Zeit aus der Schule nehmen und sie dafür während zwei Monaten in Hawaii in den Unterricht schicken. Während die Abmeldung in der Schweiz problemlos klappt, ist es gar nicht so einfach, die Jungmannschaft an einer amerikanischen Schule unterzubringen. Über 50 hawaiianische Schulen kontaktiert Familie Abt sie mit ihrer Idee, die älteren drei der vier Kinder im Inselparadies zur Schule zu schicken. Überall Fehlanzeige, denn es braucht eine spezielle Bewilligung dafür.

Monika Abt mit Lovisa (10), Niklas (8), Hanna (7) und Madlaina (4) auf Hawaii. Foto: Privat

Dann endlich, kurz vor Abreise: Eine Schule auf Kauai ist interessiert und organisiert die notwendigen Papiere. Lovisa und Niklas dürfen die lokale Schule besuchen. Die siebenjährige Hanna, die in der Schweiz in die erste Klasse geht, wird mit Madlaina die Preschool besuchen.

Monika Abt, die als Lehrerin punktuell Stellvertretungen macht und daneben selbstständig ist, kann sich diese Zeit nehmen. Betriebswirt Thomas ist festangestellt, mehr als vier Wochen Ferien am Stück liegen nicht drin. Also zieht Monika alleine mit den vier Kindern los.

Nichts geht über gute Planung (und Humor)

Auf Kauai bleiben sie zwei Monate, tauchen in den Alltag ein. 70 Prozent der Klassenkameraden von Niklas und Lovisa stammen aus der Unterschicht, haben die Insel noch nie verlassen. Die Kinder sehen, wie privilegiert sie in der Schweiz leben – eine wertvolle Lektion. Am Ende ihres Aufenthalts stösst Thomas dazu, gemeinsam besuchen sie Maui und Big Island.

Danach trennen sich die Wege wieder: Thomas fliegt zurück in die Schweiz, Monika und die Kinder zieht es nach Japan. Vor Jahren hat das Ehepaar Abt dort gelebt, das faszinierende Land wollen sie dem Nachwuchs unbedingt zeigen. Sie reisen schnell für ihre Verhältnisse, besuchen innert zwei Wochen die hektischen Grossstädte Tokio, Osaka und Hiroshima. Dass bei der Weiterreise nach Sri Lanka ein Flug gestrichen wird, nehmen sie mit Humor und legen einen zweitägigen Zwischenstopp in Kuala Lumpur ein.

Familie Abt beim Elefanten beobachten in Sri Lanka. Foto: Privat

In Sri Lanka sind sie wieder in ihrem gewohnten Reisetempo unterwegs – langsam. Das rät Monika sowieso allen, die mit der Familie reisen wollen. Das und: Alle Unterkünfte vorbuchen. «Da brauche ich keine Überraschungen. Überraschungen gibt es beim Reisen eh genug.»

Die Kinder geniessen das Nichtstun und ihre entspannte Mutter

Die Reise lässt die Familie zusammenwachsen, vor allem die Geschwister. Monika geniesst die ausgedehnte Familienzeit, anstrengend findet sie das Reisen nicht. Zuhause jonglieren sie Schule, Hobbies, Job und Freunde, hier stehen sie morgens auf und entscheiden, worauf sie Lust haben.

Täglich üben sie Kopfrechnen, Lesen und Schreiben, die restlichen Fächer deckt der Alltag unterwegs ab. Musik in Form von hawaiianischen Tänzen und Liedern, Religionsunterricht an einer buddhistischen Zeremonie zu Ehren eines Verstorbenen, ein Besuch im hinduistischen Tempel.

Das Ende der Reise kommt immer näher. Die Kinder freuen sich auf ihr Zuhause, auf die Schule und ihre Freunde – und gleichzeitig vermissen sie das Unterwegssein schon jetzt. «Die Kinder haben so viel vom Reisen», ist Monika überzeugt. «Sie entwickeln sich, lassen sich auf Neues ein, trauen sich mehr zu, lernen aber auch, sich abzugrenzen.» Zum Beispiel dann, wenn wegen der blonden Haare jeder ein Foto mit ihnen machen will.

Das Reisen – für Familie Abt ist es auch eine Schule fürs Leben.


Sarah und Sergio Daniels verbrachten mit Linus (12) und Nela (10) fünf Wochen in Thailand.

«Die gemeinsame Zeit auf Reisen ist sehr wertvoll für das Familiengefüge»

«Aus dem Alltagstrott herauskommen», das, sagt Sarah Daniels, sei der Hauptgrund für eine Reise als Familie. Eine Auszeit nehmen, vom Stress, von der Schule, von allem.

Im Februar 2018 fliegen Sarah und ihr Mann Sergio mit Linus und Nela nach Thailand. Bereits zum vierten Mal erkunden die Daniels das Land in Südostasien.

Sarah, Diego Daniels mit Linus (12) und Nela (10) in Thailand beim steigen lassen einer Himmelslaterne. Foto: Privat

In Zürich besuchen Linus und Nela die Primarschule, ihre dreiwöchige Abwesenheit wird von der Schulleitung bewilligt. Die restlichen zwei Wochen sind Sportferien. Sarah befindet sich in der Ausbildung zur Sozialarbeiterin, sie hat gerade Semesterferien. Sergio nimmt Ferien und baut Überzeit ab. Abgesehen vom Hin- und Rückflug sowie zwei Inlandflügen organisieren sie vor der Abreise nicht viel.

Die Tierhaltung in Thailand schockiert die Familie

Thailand hat sich verändert seit dem letzten Besuch vor sechs Jahren. Sie sehen Abfallberge, Orte, die vom Massentourismus zerstört wurden, Armut. Eine gute Gelegenheit, um mit den Kindern über solche Themen zu sprechen. Auch, um zu zeigen, wie privilegiert ihr Leben in der Schweiz ist, betont Sarah: «Du kannst ihnen zeigen, wie wir auch auf Kosten von anderen gut leben.»

Sie reisen durch den Norden Thailands, machen Bootstouren, mieten Velos, bewegen sich mit Zug und Bus fort. Spontan entscheiden sie, wo es hingehen soll, übernachtet wird in einfachen Guesthouses. Die Unterkunft teilen sie sich auch mal mit Ameisen.

Kein Problem für die tierliebende Familie, die vegan lebt. Viel mehr Mühe haben sie mit der Art, wie in Thailand Tiere gehalten werden. Elefanten, an einer kurzen Kette angebunden, müssen Touristen auf sich reiten lassen, Affen werden als Prestigeobjekte gehalten und der Zoo in Chiang Mai sei eine einzige Katastrophe.

Das Lebensgefühl, das Neue, das Abenteuer fasziniert sie

Auch wenn es viele Dinge gibt, die sie stören, geniesst Familie Daniels ihre Auszeit in vollen Zügen. Sie freuen sich über die gemeinsamen Erlebnisse, spielen sich als Familie wieder ein, es gibt keine Ablenkung. «Im Alltag siehst du die Kinder fast nicht mehr. Sie sind in der Schule, bei Freunden», bedauert Sarah.

Natürlich sei das Reisen mit Kindern auch anstrengend. «Du musst dauernd auf die Bedürfnisse von vier Personen eingehen, das gibt Konflikte.» Auch wenn jemand krank werde, sei das nicht angenehm. Auf diesem Trip erwischt es Sergio und Linus, sie erbrechen und liegen mit Fieber flach. Auf früheren Reisen mussten sie sich schon mit Denguefieber, Würmern und steifen Nacken auseinandersetzen. Sie nehmen es hin, ein Abbruch der Reise war nie ein Thema.

Familie Daniels auf dem Markt irgendwo in Thailand. Foto: Privat

Mittlerweile sind sie im Süden unterwegs, auf Ko Phayam besuchen sie ein Lach-Seminar («das war schräg»), auf Ko Surin schnorcheln sie, geniessen die Natur und die Tierwelt. Es sind die kleinen Erlebnisse, die für sie das Reisen ausmachen, Luxus und Unterhaltung suchen sie nicht. Mit den Kindern kommen sie schnell in Kontakt mit Einheimischen, werden auch einmal zu jemandem nach Hause eingeladen.

Tipps für Familien, die eine längere Reise planen, hat Sarah nicht. Nur: «Nicht irritieren lassen von dem, was andere machen. Sich fragen, wie ticken wir als Familie, was ist uns wichtig, was passt zu uns.» Und dann einfach machen.


Kerstin Zuttel und Roland Villars bereisten mit Tochter Juliette (4) während drei Monaten Thailand und Vietnam.

«Reisen ist auch mit kleinen Kindern möglich»

«Aua!» Juliettes Schrei unterbricht die Velotour jäh. Der Fuss der Vierjährigen ist in die Speichen geraten, eine tiefe Wunde blutet. Der Fuss ist zudem gequetscht – doch das erfahren die besorgten Eltern, Kerstin Zuttel und Roland Villars, erst später. Denn in dieser Gegend, im Norden von Vietnam, gibt es weder Arzt noch Spital.

Einzige Anlaufstelle im Dorf ist die Heilerin und dieser statten sie nun einen Besuch ab. Doch als die alte Frau befiehlt, einmal kräftig an Juliettes Fuss zu ziehen, nimmt die kleine Familie Reissaus und die zweitägige Reise nach Hoi An in Angriff. Dort wird Juliette in einer internationalen Klinik versorgt.

Vater Roland zusammen mit Tochter Juliette (4) auf einem Boot in Vietnam. Foto: Roland Villars Photography

Einige Wochen früher, in Zürich. Kerstin räumt die Wohnung, die während drei Monaten untervermietet wird. Ihre Stelle als HR-Managerin hat sie gekündigt, auch damit sie bei Juliettes Kindergarteneintritt später im Jahr genügend Zeit für die Tochter hat. Roland hat unbezahlten Urlaub genommen, der Flug nach Bangkok ist gebucht.

Seit sie Eltern sind, ist der Alltag durchgetaktet: Beide Eltern sind berufstätig, Roland leitet neben seinem 60-Prozent-Job ein Startup. Juliette besucht eine Krippe. Bringen, holen, zur Arbeit eilen. Dazwischen Haushalt, Rechnungen zahlen und versuchen, sich ab und an ein wenig Freizeit freizuschaufeln.

Diesem Hamsterrad will die Familie entfliehen, wenigstens für ein paar Monate.

Die kleine Tochter ist der Türöffner

In Thailand hat die Familie endlich Zeit füreinander. «Das war vor allem für Roland und Juliette toll und für ihre Beziehung sehr förderlich», erinnert sich Kerstin. Von Bangkok reisen sie in den Khao Sak Nationalpark und auf die Insel Ko Phra Thong. «Ein absoluter Traumort.»

Es folgen verschiedene Orte in Thailand, sie reisen mit Zug und Bus, das Land des Lächelns ist gewohnt unkompliziert. Länger als drei, vier Tage bleiben sie nie an einem Ort. Nach einem Monat fliegen sie nach Hanoi. Das hohe Reisetempo hat Nebenwirkungen: Juliette schläft plötzlich schlecht. Kerstin und Roland merken, dass sie darauf achten müssen, ihre Tochter nicht zu überfordern.

Roland und Juliette erforschen das Mekong-Delta auf einem Motorrad. Foto: Roland Villars Photography

In Ho Chi Minh City mieten sie eine Wohnung, das Mekong-Delta entdecken sie auf eigene Faust mit dem Motorrad. Roland fährt, Juliette und Kerstin sitzen hinten. Ein riesen Spass für Juliette.

Nach einem Monat kehren sie zurück nach Thailand. Juliette wird von den Einheimischen verwöhnt, bekommt Geschenke. Die Kleine ist ein Türöffner für den Kontakt mit den Einheimischen und findet überall schnell Freunde. Generell sei das Reiseziel für die Kinder wohl nicht so wichtig, meint Kerstin. «Aber die Natur zu erleben, die Strände, die Tiere, das schon.»

Auch auf Reisen bleibt Elternsein ein 24-Stunden-Job

Kerstin und Roland empfinden das Reisen mit Kind als erstaunlich unkompliziert und fühlen sich privilegiert, eine solche Reise machen zu können. Die Entschleunigung, das Im-Moment-Sein, das sei toll. Das Hamsterrad haben sie verlassen, merken aber auch: Alles ist nicht anders als zuhause. Auch in Südostasien sind sie 24 Stunden am Tag im Einsatz, Ruhezeiten gibt es kaum. Und das «Non-Stop-Aufeinanderhocken» sowie das Ausloten der verschiedenen Bedürfnisse erweisen sich immer wieder als Herausforderung.

Zusammen geniessen sie den Sonnenuntergang. Mama Kerstin und Tochter Juliette. Foto: Roland Villars Photography

Ergebnis dieses Auslotens ist, dass Roland fünf Tage alleine tauchen geht, während Kerstin und Juliette nach Ko Phayam reisen. Das Reisetempo haben sie gedrosselt und bleiben nun länger an den einzelnen Orten. Juliette ist glücklich und auch die Eltern kommen auf ihre Kosten.

Vereint geht es nach drei Monaten zurück nach Zürich. Bleiben wird die Erinnerung an eine unvergessliche Zeit. Und die Erkenntnis, dass Reisen auch mit Kindern möglich ist. Nur anders.

Erstellt: 25.12.2019, 15:15 Uhr

Kinder für eine Reise aus der Schule nehmen

Ob und wie lange schulpflichtige Kinder dem Unterricht fernbleiben dürfen, ist kantonal unterschiedlich und wird meist im Einzelfall entschieden. Für kürzere Absenzen kennen einige Kantone sogenannte «Jokertage», an denen Kinder unentschuldigt fehlen dürfen. Für längere Abwesenheiten braucht es meist eine Bewilligung oder ein persönliches Gespräch. Dabei sind einige Kantone, Gemeinden und Schulen kulanter als andere. Frühzeitig informieren lohnt sich auf jeden Fall.

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