Das schlechteste Hotel der Welt

Seit 20 Jahren schmückt sich das Hans Brinker in Amsterdam mit dem Superlativ, das «schlechteste Hotel der Welt» zu sein. Ein Bericht aus der «Hölle».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Solche Bewertungen fürchtet jeder Hotelier der zivilisierten Welt: «Sehr siffige Bude, Schlafsack und Hausschuhe sind zu empfehlen!», schreibt User Enimi auf Tripadvisor. Groovemaster 99 setzt eins drauf: «Liebloses Zimmer mit extrem miesen Blechgestellbetten, primitivstem Bad und Desinfektionsmittelgeruch.» Und User Jonas wird auf Holidaycheck apokalyptisch: «Klassenfahrt in die Hölle – Albtraum pur!»

Selten wird ein Gasthaus so hart beurteilt. Das Amsterdamer Hostel Hans Brinker an der schmalen Kerkstraat, zentral gelegen zwischen Prinsen- und Keizersgracht, erhält online viele Tritte in die Magengrube. Am treffendsten ist aber wohl, was ein weiterer Tripadvisor-Scharfrichter berichtet: «Dieses Hotel ist so mies, dass es wieder grossartig ist.» So will man es hören im Hans Brinker. Schliesslich investiert man seit 20 ­Jahren massiv in die Reputation. Allerdings auf etwas unübliche Art: Das Haus rühmt sich als «Worst Hotel in the World» – als schlechtestes Hotel der Welt.

«Jetzt mit Tür in jedem Zimmer»

Um dieser höchst ungewöhnlichen Strategie auf die Spur zu kommen, muss man nicht den Hotelier sprechen. Sondern den Werber. Wir treffen den gut gelaunten Erik Kessels in seiner Agentur in einer ehemaligen Kirche an der Lauriergracht. Der Werber erinnert sich: «Das Hans Brinker war 1996 unser erster Kunde und eigentlich ein Albtraum für jeden Werber. Sehr einfach, eher abgenutzt.» Alles, was man Schönes hätte sagen können, wäre gelogen gewesen. «Woraus die Idee entstand: Ehrlichkeit ist der einzige Luxus. So baute man das Motto: «The Worst Hotel in the World».

Diesen Ruf zementiert Kessels seit über 20 Jahren gnadenlos: «Jetzt mit Tür in jedem Zimmer», lautete mal ein Werbespruch, «Jetzt noch lärmiger», ein anderer. Als es ein Jubiläum zu feiern gab, liess Kessels Hundehäufchen aufs Pflaster vor dem Hoteleingang legen. Auf den eingesteckten Fähnchen stand: «Jetzt noch mehr Hundedreck vor dem Eingang». Der analoge Shitstorm schaffte es in die Weltpresse. Was man zelebriere, erklärt Kessels, «ist eigentlich Antiwerbung, aber ehrlich und mit Ironie. Das Hauptpublikum, Schüler und Studenten aus aller Welt, versteht das.» Wie auch den Spruch auf der Website: «Du bekommst ja, was du siehst. Guck nur nicht zu genau hin.»

Chromstahl-Futterkrippen wie 1974

Nun wird es Zeit, selber das nämliche Haus an der Kerkstraat zu ­betreten. Was wir vorfinden, höflich gesagt: eine Unterkunft ohne falschen Schmuck und Zierrat. Der Gang zu den Zimmern hat den Charme einer zu schmal geratenen Bahnhofunterführung. Der Höhepunkt hier: Werbeplakate aus über 20 Jahren der hans-brinkerschen Antiwerbung. Die Zimmer: hart am unteren Rand der Zweckmässigkeit: Pritschen. Schmale Spinde. Fenster, die man, wenn der Mechanismus funktioniert, ein wenig kippen kann. Wer sich im Charmebereich zwischen Gefängniszelle und Zivilschutzanlage wohlfühlt, liegt hier goldrichtig. Ein Höhepunkt im Tagesablauf: Wenn um 17 Uhr eine blecherne Lautsprecherstimme durchs Haus plärrt: «Happy, happy Hour!»

Weiter also ins Restaurant, das als chromstählerne Futterkrippe grüsst, wie man sie im zivilisierten Westeuropa letztmalig schätzungsweise 1974 gesehen hat. Aufenthaltsraum, Bar und Kellerclub: eine Mischung aus Pfadiheim und Rotlichtschuppen, die Wände aufs Grimmigste verkritzelt. Hier drin stecken Abertausende Erinnerungen von Schülerpartys und studentischen Hormoneskalationen. Ein Wort zur In-House-Sauberkeit: Ja, der Begriff ist bekannt. Es wird schon mal geputzt. Der Aufwand dafür ist aber eher minimal. Menschen mit Hygienefimmel sollten wissen: Es gibt passendere Hotels in Amsterdam.

Schwyzer Schulklasse hats überlebt

Die Bude brummt. Zu Beginn kam man im Hans Brinker auf jährlich 60 000 Übernachtungen, dank Antiwerbung und Ausbau seien es heute zwischen 150'000 und 160'000. Anfangs hatte das Haus 250 Betten, jetzt sind es 500. Im Laufe der Jahre annektierte man eine Ballettschule zur rechten, ein Restaurant zur linken und eine Kirche zur hinteren Seite. Meist sind es Schüler, Reisegruppen und Studenten, die sich ins Hans Brinker getrauen. Auch weil die Unterkunft billig ist. Im gemischten 6-Betten-Schlafsaal kommt man für 25 Franken pro Nacht unter, Frühstück inklusive. Wie wir uns an der Chromstahl-Futterkrippe stärken, checkt eine Schwyzer Schulklasse auf Bildungsreise aus: «Wir haben es überlebt. Es war nicht so schlecht, wie wir gedacht hatten», gibt einer der Eleven zu Protokoll.

Zwei Dinge sind es wohl, die das Hans Brinker am Leben halten: Wenn man gar nichts verspricht, ist die Erwartungshaltung auch nicht hoch. Und: Wer sich als schlechtestes Hotel der Welt rühmt, spart Geld. Weil man nie renovieren muss. Klar ist, dass sich das Hans Brinker nicht bessern will. Denn das wäre wirklich Antiwerbung. Stattdessen expandiert man. Ein zweites Hans Brinker wurde 2015 in Portugal eröffnet. Wo andere Werber in Superlative ausbrechen und das Original möglichst übertreffen wollen, stellt man im Hans Brinker den Unterschied zwischen dem neuen Hotel in Lissabon und dem Amsterdamer Stammhaus so dar: «Der gleiche lausige Service. Bei besserem Wetter.»


www.hansbrinker.com. Das Buch zum Hotel: «The Worst Hotel in the World», Verlag Booth-Clibborn, 226 Seiten, viele Abbildungen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.06.2017, 16:28 Uhr

Artikel zum Thema

Stilsünde im Zürcher Hotel Storchen

Analyse Das neue Interior Design passt in dieses historische Haus und zu Zürich wie der Trump Tower an den Bürkliplatz. Mehr...

Feiernde Jugendliche verwüsten Hotel

Zu heftig Party gemacht: Rund 800 portugiesische Schüler lassen ein Hotel an der Costa del Sol zerstört zurück. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Geldblog Bezahlen fürs Pflegeheim der Mutter?

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klein übt sich: Ein Gruppe Mittelschüler in Hangzhou, China, absolviert eine Militärübung. (August 2017)
Mehr...