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Das Geister-Spiel

Am Donnerstag treten die Schweizer Fussballer zur WM-Barrage gegen Nordirland an. Achtung, die Nordiren haben heimliche Helfer im Rücken.

«Der Fall ist klar», sagt Alan Walls. Der 35-jährige Manager führt das Bushmills Inn, ein Viersternhotel in Bushmills, einem kleinen Städtchen in der nordirischen Grafschaft Antrim. Hier wird auch der Bushmills destilliert, der älteste und berühmteste Whisky des Landes. Walls trinkt lieber Bier und zapft sich einen Pint Guiness. «Alkohol am Steuer, das geht nicht – schon gar nicht, wenn man Fussballnationaltrainer sein will.»

Die Rede ist von Michael O’Neill – der Coach der Nordiren hat seinen Führerschein abgeben müssen – und von den Schweizern, die den Nordiren die WM-Teilnahme streitig machen. «Sie treten als Favoriten an», sagt Walls. «Und wir sind die Underdogs.»

Das sei noch lange kein Grund, schimpft der Mann neben ihm, die Flagge des Gegners zu hissen. «Das grenzt an Landesverrat!» Tatsächlich flattert auf der Turmzinne des Hotels, hoch über den Bushmills-Dächern, das weisse Kreuz auf rotem Tuch. «Wenn wir Gäste aus dem Ausland empfangen», entgegnet Walls, «begrüssen wir sie mit ihrer Fahne, das ist Ehrensache – egal, woher sie kommen und wer gegen uns Fussball spielt.» Und überhaupt: «Der Underdog wird den Favoriten besiegen; gegen unsere unsichtbaren Helfer sind die Schweizer machtlos!» Der andere stimmt ihm wortlos nickend zu; beide wissen, worauf der Hotelmanager anspielt.

Der Glaube an jenseitige und übersinnliche Mächte ist in Nordirland ungebrochen und weitverbreitet. Sagenhafte Helden und mystische Riesen, gespenstische Untote und kecke Kobolde bevölkern oft rätselhafte, manchmal düstere, stets faszinierende Szenerien.

So gesehen, hätten Schweizer Fussballfans, die nach Belfast reisen, bis zum Rückspiel, am 12. November in Basel, ein paar Tage Zeit, die nordirische Natur zu erleben und vielleicht auch dem einen oder anderen Naturgeist zu begegnen.

Zum Beispiel das Rätsel um den Giant’s Causeway, den berühmten Damm des Riesen: Wenige Kilometer nördlich von Bushmill und nicht viel mehr Seemeilen westlich von den schottischen Inseln hat, wahlweise je nach Präferenz, die Natur oder Finn McCool ein Phänomen geschaffen, das bereits vor 30 Jahren von der Unesco mit dem Prädikat Weltnaturerbe ausgezeichnet und kürzlich erst mit einem neuen Besucherzentrum ausgestattet worden ist.

37'000 mehrheitlich sechseckige, im Grundriss fast identische, aber unterschiedlich hohe Basaltsäulen pflastern die Küste, teils türmen sie sich zu veritablen Hügeln auf, teils ragen sie weit ins Meer hinaus. Geologen erklären, dass Lava, die vor 60 Millionen Jahren nach vulkanischen Eruptionen erkaltet ist, diese Formen geschaffen habe.

Die Mystiker sehen das ganz anders: Das war Finn McCool, wissen sie, der Riese. Er wollte Benandonner, seinen Rivalen in Schottland, der ihn beleidigt hatte, zum Duell fordern. Damit dieser trockenen Fusses übers Meer gelangt, hat Finn die Steinsäulen ins Wasser hinausgeschleudert.

«Game of Thrones» und eine Lady, die ihr Grab sucht

Oder die nordirischen «Game of Thrones»-Schauplätze: Die US-Kultserie mit Suchtpotenzial spielt auf fiktiven Kontinenten zwischen Mittelalterromantik und Science-Fiction-Fantasy und lässt Helden und Dämonen Machtkämpfe austragen. Der spannendste Drehort ist das Castle Ward alias Burg Winterfell, wo die Fans, in Kostüme gekleidet, in der Kunst des Bogenschiessens unterwiesen werden.

Eine weitere Location ist die als «Dark Hedges» bekannte uralte Buchenallee bei Ballymoney. Sie ist so pittoresk, dass man sich auf einem fremden Planeten wähnt. Oder in einer Zwischenwelt: Zuweilen taucht hinter grotesk verkrümmten Baumstämmen die «Graue Lady» auf. Sie hatte so lange auf dem Friedhof gelegen, bis dieser aufgehoben worden ist. Nun sucht sie ihr Grab.

In der Nähe und direkt am Meer zählt auch das Ballygally-Castle zu den «Game of Thrones»-Wallfahrtsorten. Hier soll Lady Isabella von ihrem Ehemann James Steward aus dem Turmfenster in den Tod gestürzt worden sein, weil sie ihm keinen Sohn hatte gebären können.

Zu den Wesen, die zwar in grosser Zahl durch das Land geistern, leibhaftig aber noch nie gesehen worden sind und lediglich auf Zeichnungen und in Form von Puppen sichtbar werden, gehören die Leprechauns – kleine, geizige und meist griesgrämige Kobolde mit roten Haaren unter dem grünen Hut. Es heisst, sie bringen Glück: Wenn sie ausnahmsweise gut drauf sind und einem heimlich eine Münze zu­stecken, soll diese immer wieder zurückfinden.

Vorletzte Woche, wenige Tage, nachdem das Fifa-Los Nordirland und die Schweiz zu Barrage-Gegnern im Kampf um die WM-Qualifikation erklärt hatte, erkor der renommierte Lonely-Planet-Verlag – welch netter Zufall – die Nordküste der Insel und die Hauptstadt Belfast weltweit zu den touristischen Topdestination für das Jahr 2018.

«Belfast?», wundert sich ein Zecher in der Bushmills-Bar. «Wa­rum Belfast?» – «Vielleicht», sagt Hotelmanager Alan Walls, «weil auf dem Gelände der Werft Harland & Wolff, wo sie die Titanic gebaut haben, das neue Museum eröffnet worden und rundherum das Titanic-Quartier entstanden ist.» «Bleibt nur zu hoffen, dass wir gegen die Schweizer nicht so spektakulär untergehen wie vor 100 Jahren die Titanic.»

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Allg. Infoswww.tourismni.com Irische Fussballnational­mannschaft: www.irishfa.com

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