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Delhi trotzt dem grauen Dunst

Die indische Hauptstadt ist eine der grössten Metropolen der Welt und bezahlt dafür mit ­katastrophal verdreckter Luft. Ihre ­Anziehungskraft ist aber selbst im Winter ungebrochen.

Die Sonne ist nicht mehr zu sehen: Ab November wird der Smog dichter und dichter Foto: Getty Images
Die Sonne ist nicht mehr zu sehen: Ab November wird der Smog dichter und dichter Foto: Getty Images

Alle Jahre wieder: Im November kommt Indiens boomende Hauptstadt Delhi in Medien in aller Welt schlecht weg. Das liegt am Grossereignis, das dann seinem Höhepunkt zustrebt, der «Delhi Air Show» – jedenfalls nennen viele Inder das Spektakel so, weil es mit Galgenhumor erträglicher wird. Indiens grösste Stadt mit gut und gerne 28 Millionen Einwohnern hat dann unter den grössten Metropolen der Welt die schlechteste Atemluft. Es ist die Jahreszeit des Röchelns, Hustens, Augenreibens.

«Im November ist es am extremsten», sagt der 36-jährige Namgyal Wangchuk, gebürtig aus Ladakh und seit vielen Jahren als Tourismusmanager in Delhi tätig. Besonders dick sei die Suppe zu Diwali, Indiens Lichterfest im Herbst. Dieses wird mit Böllern und Feuerwerk begangen, während just in dieser Jahreszeit auch die Landwirte im Umland ihre abgeernteten Felder abbrennen. «Einige Besucher beschweren sich dann, dass man nicht einmal die Sonne sehen kann», so Wangchuk – was nicht an den Wolken liegt, sondern am Qualm und Smog.

Das Timing ist unglücklich. Ausgerechnet im November beginnt dank der angenehmeren, milden Wintertemperaturen die touristische Hochsaison in Delhi, im nahe gelegenen Agra und in vielen anderen Landesteilen Indiens.

Schuld sind nicht nur die zehn Millionen ­Motorfahrzeuge

Die widerliche Luft ist allerdings nicht nur eine Nebenwirkung von Lichterfest und Landwirtschaft. Auch der von Jahr zu Jahr zunehmende Strassenverkehr mit mehr als zehn Millionen Motorfahrzeugen in Delhi trägt seinen Teil bei – wobei das Wachstum der National Capital Region mit ihren zahlreichen Vorstädten in rasantem Tempo weitergeht. Vor allem aber spielt die geografische Pfannenlage der Grossstadt eine Rolle, die in den Wintermonaten oft eine Inversion mit sich bringt. Bei diesem Phänomen hängt in den unteren Schichten der Atmosphäre kalte Luft fest, die von wärmeren Schichten darüber quasi zugedeckt und festgehalten wird, sodass keine Zirkulation stattfindet. Und da es im November, mehrere Wochen nach Ende des Monsuns, kaum noch regnet, werden Schadstoffpartikel in der Luft auch nicht ausgewaschen. Kurz: eine unappetitliche Gemengelage für alle jene, die atmen müssen, Ortsansässige wie Besucher.

Trotzdem bleibt Delhi, eine der ältesten Siedlungen der Menschheit, eine touristische Sensation ersten Ranges. Hysterie oder gar Panik angesichts der beängstigenden Luftverhältnisse wären dabei wenig hilfreich. Denn zum einen ist Delhi eine ausgesprochen grüne Stadt, durchsetzt mit Parks, Bäumen und repräsentativen Boulevards. Zum anderen haben viele bessere Hotels und Restaurants längst Luftfilter installiert. «Ausländische Gäste bleiben ohnehin nur für ein paar Tage, bevor sie weiterreisen», sagt Meredith Wilks, eine auf Indien spezialisierte Reiseunternehmerin aus Sydney, und rät zu Gelassenheit. Ihre Gäste wüssten zwar um die Luftproblematik. Diese halte aber niemanden von einem Besuch ab, weil die Stadt zu interessant und attraktiv sei.

Eine der vielen Sehenswürdigkeiten, die Delhi unwiderstehlich machen: Das Humayun-­Mausoleum stammt aus dem 16. Jahrhundert. Foto: Getty Images
Eine der vielen Sehenswürdigkeiten, die Delhi unwiderstehlich machen: Das Humayun-­Mausoleum stammt aus dem 16. Jahrhundert. Foto: Getty Images

Was das historische Erbe angeht, die Ruinen, Mausoleen, Museen und Denkmäler, spielt Delhi in einer Liga mit Rom, Istanbul oder Kairo. Es gilt derart viel Spektakuläres zu besichtigen, dass eine taktische Auswahl sinnvoll ist, um sich nicht zu verzetteln. Ganz oben auf dem Pflichtprogramm sollten dabei die Bauten des Mogul-Reichs stehen, die vor allem Shah Jahan zu verdanken sind. Dieser Grossmogul liess im 17. Jahrhundert nicht nur den weltberühmten Taj Mahal in Agra als Grabmahl für seine Ehefrau Mumtaz errichten. Am Yamuna-Fluss stromaufwärts baute er auch noch eine völlig neue Stadt: das heutige Old Delhi mit seinem Roten Fort, der Moschee Jama Masjid und Chandni Chowk, der Hauptachse des urbanen Ensembles.

Das Vogelkrankenhaus der Jains ist ein Ort der Hoffnung

Einige Kilometer von Old Delhi südwärts liegt die Grabanlage des Grossmoguls Humayun. Qutb Minar wiederum (ausgesprochen «KU-tip mi-NAR»), eine halbe U-Bahn-Stunde südwestlich davon, diente schon vor 800 Jahren als Sitz des damals begründeten Sultanats von Delhi – der Beginn der indoislamischen Ära. Der spektakuläre, 72 Meter hohe Turm, auch er Unesco-Weltkulturerbe, wurde nach einem tragischen Unglück zwar für Besucher gesperrt, ist einen Halbtagesausflug aber allemal wert.

Dann das Regierungsviertel im Zentrum Delhis mit dem India Gate, einem gewaltigen Triumphbogen, den Prachtstrassen Rajpath und Janpath und eleganten Bungalows aus der Spätzeit der britischen Kolonialherrschaft. Die Gedenkstätte für Mohandas «Mahatma» Gandhi am Ufer des Yamuna. Gurudwara Bangla Sahib ist nach dem Goldenen Tempel von Amritsar im indischen Bundesstaat Punjab eines der wichtigsten Heiligtümer der Sikhs. Zurück in Old Delhi ist das Vogelkrankenhaus der Religionsgemeinschaft der Jains kein idyllischer Höhepunkt der Reise, aber ein eigentümlich berührender Ort der Hoffnung.

Bei der Besichtigung Delhis geht es aber, wie stets südlich des Himalajas, nicht nur um das Was, sondern auch um das Wie: Wie kommt man von A nach B, ohne Nerven, Portemonnaie oder Gesundheit übermässig zu strapazieren. Besonders praktisch: Anders als zum Beispiel die Westküstenmetropole Mumbai verfügt Delhi über ein benutzerfreundliches öffentliches ­Transportsystem. Wann immer möglich, ist es ratsam, in der Mega-City die moderne U-Bahn zu benutzen. Dafür muss man einmalig an Schalter oder Automat eine Travel Card kaufen und aufladen. Praktisch alle Hotels und Hostels arrangieren Transfers.

Günstiger und pragmatischer – und in Indiens Städten längst allgegenwärtig – sind indes Fahrdienste wie Ola und Uber (beide per App auf dem Smartphone). Diese kosten mehr als die zahllosen gelbgrünen Autorikschas in Delhi, selbst auf langen Strecken aber nur ein paar Franken – und es atmet sich in Delhi in einer geschlossenen Fahrgastkabine einfach besser als im Fahrtwind eines offenen Tuk-Tuks.

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