Der Sehnsuchtsberg

Die Wanderung auf den Mount Damavand, mit 5671 Metern der höchste Gipfel des Iran, ist körperlich herausfordernd und voller Überraschungen in äusserst karger Landschaft.

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Auf den letzten paar Hundert Metern beginnt Mohammad zu singen. Der iranische Bergführer weiss, was die Stimmung jetzt noch heben kann: iranische Liebes­lieder. Es ist ein träumerischer Gesang, der die Wandernden auf den Gipfel tragen soll. Ein akustisches Lebenszeichen inmitten einer der kargsten Gegenden der Welt.

Wir befinden uns auf über 5000 m ü. M. Die Beine tragen nur noch schwer. Mohammad singt weiter. Seine gute Laune wirkt ansteckend und verhindert, dass sich der Verstand mangels Sauerstoffversorgung von der Realität entkoppelt. Doch eigentlich singt er ein trauriges Lied. Wie fast alle persischen Liebesballaden endet es tragisch: Der Protagonist stürzt sich vom Felsen, nachdem er von seiner Frau verlassen wurde. So jedenfalls übersetzt es Mohammad aus dem Farsi – der Muttersprache der meisten Iraner.

Es ist ein Szenario, an das keiner denken mag. Schon gar nicht auf einer Wanderung entlang eines exponierten Grats.

Auf den letzten Schritten hinauf zum 5671 Meter hohen Gipfel läuft es sich wie in Trance. Die Bergführer geben den Takt vor: Schritt für Schritt im Zeitlupentempo, so wie Neil Armstrong auf seiner Mondbegehung. Schneller ist nicht zu empfehlen; ein Lungenödem möchte keiner riskieren. Die Sauerstoffzufuhr beträgt hier noch rund 50 Prozent von dem, was die Wandernden ansonsten gewohnt sind. Langsam gehen und viel trinken lautet der Schlüssel zum Gipfelerfolg.

Nach sieben Stunden Marsch liegt das Ziel zum Greifen nah – vermeintlich. Mohammad deutet mit dem Wanderstock auf den Gipfelkrater, dessen Schwefelschwaden schon deutlich sicht- und riechbar sind: «Eineinhalb Stunden noch.» Es ist eine niederschmetternde Nachricht, inmitten des beissenden Eiergestanks. Eine Teilnehmerin muss sich übergeben. Mohammad singt weiter von Selbstmord, seine gute Laune lässt sich durch nichts verderben.

Was einst Reinhold Messner nicht schaffte

Kurz nach Mittag stehen alle auf dem Gipfel. Sie haben das geschafft, was Reinhold Messner im Jahr 1970 verwehrt blieb: die Besteigung des Damavand, des höchsten Bergs im Iran und des höchsten Vulkans in ganz Asien. Zugegeben: Der Vergleich mit dem Abenteurer aus dem Südtirol ist unfair. Natürlich hätte Messner die gesamte Reisegruppe bei gleichen Bedingungen locker hinter sich gelassen. Doch er wollte den Vulkan im Winter besteigen. Die Sicht war vernebelt, der Wind garstig, die Bedingungen lebensbedrohlich. Messner blieb nichts anderes übrig, als auf halber Strecke umzukehren.

Heute sind die Bedingungen glasklar. Nachdem es in der Nacht zuvor geregnet und gestürmt hat, scheint nun die Sonne. Unter dem Nebelmeer lässt sich das Kaspische Meer erahnen. In der Nacht sollen gar die Lichter Teherans zu sehen sein, das 70 Kilometer weiter südlich liegt.

Auf den ersten Blick erscheint der Damavand wie eine mons­tröse, natürliche Pyramide. Die benachbarten 4000er-Berge des Elburs-Gebirges wirken in seinem Schatten wie Zwergenhügel.

Erst mit der Zeit offenbart sich seine Schönheit – als eine faszinierende Ansammlung bizarrer Gesteins- und Eisformationen. Manchmal wechselt der Vulkan im Minutentakt seine Farben – je nach Lichteinfall. Die Nuancen des rötlichen Gesteins, die grünen Hochebenen, die als Futterstätte für die mitgereisten Maultiere dienen, das leuchtend gelbe Schwefelgestein und die weissen Schneezungen, die aus entfernter Betrachtung an zerronnenes Speiseeis erinnern. Wer länger die karge Gegend betrachtet, entdeckt viele Details.

Der iranische Dichter Mohammad-Taqi Bahar schrieb einst: «O weisser Dämon mit Füssen in Ketten. O terrestrischer Dom, o Damavand.» Das Diabolische des Bergs ist offensichtlich. Es manifestiert sich am deutlichsten in den Schwefelschwaden, bei guter Sicht vom Bergfuss aus zu sehen.

Dort startete die Wanderung drei Tage zuvor: im Dorf Nandal auf 2400 m ü. M., wo es sich am urtümlichen, teils harten Leben iranischer Bergbauern teilhaben lässt. Im Innenhof des Kleinbauernhofs, der als Unterkunft dient, wird auch dann und wann ein Schaf geschlachtet: Frischfleisch für die kommenden Tage. Zarte Kebabspiesse landen wenig später auf dem Teller.

Begegnung mit einem Schafhirten auf 3000 Metern

Die Mahlzeiten sind üppig, die Einrichtungen spartanisch. Geschlafen wird auf Isolationsmatten in einem Raum, der sonst der Familie als Wohnzimmer dient. Ein letztes Mal besteht hier die Möglichkeit, ein WC zu benützen. Ortstypisch sind diese als Stehklo ausgestattet. Durch die Kauer­position lassen sich die Oberschenkelmuskeln für den Marsch aufwärmen. Immerhin sind diese Klos hygienischer als die oftmals bakterienhaltigen Sitztoiletten.

Am nächsten Tag bringen uns Allradfahrzeuge über sandige Schotterstrassen zum Startpunkt der Wanderung. Von nun an treffen wir noch ab und an auf Zivilisation: etwa beim Schafhirten, der auf über 3000 m ü. M. eine riesige Herde bewacht. Stoisch beobachtet er die Wandergruppe von einem Felsen aus, flankiert von seinen drei Hunden. Aus seiner steinernen Hütte qualmt der Rauch eines Feuers, das seine Frau in den frühen Morgenstunden angezündet hat.

Touristen gibt es auf dieser nördlichen Aufstiegsroute kaum. Dafür Steinbockherden, Vogelschwärme, vereinzelte Mohn­blumen und Gänseblümchen bis auf über 4000 Meter Höhe. Das subtropische Klima macht das möglich, auch wenn die Temperaturen nach Sonnenuntergang ungemütlich tief sind.

Wärme und vor allem Unterhaltung bietet dafür die iranisch-schweizerische Gruppe. Das Leben abseits der Zivilisation lässt uns zusammenrücken. Im Essenszelt, das die Lastentiere bis ins letzte Camp auf über 4000 Metern tragen, unterhält man sich zu Tee und iranischem Konfekt. Kein Internet und kein Telefon, das dazwischenfunkt. Auch über Politik oder Frauenrechte lässt sich fernab iranischer Sittenwächter für einmal offen diskutieren. Hier am Berg verschwinden die kulturellen Hürden zusehends, im Mittelpunkt stehen individuelle Geschichten, Respekt und Menschlichkeit.

Auf dem Gipfel, endlich am Ziel angelangt, frage ich Mohammad, ob alle iranischen Liebeslieder so traurig enden würden. Seine Antwort verrät, woher die Melancholie kommt: «Wer verheiratet ist, hat keine Zeit zum Singen. Musiker hingegen, die einsam sind, besingen ihre Sehnsüchte.»

Die Umgebung auf dem Damavand erscheint dafür passend: karg, garstig, vielleicht etwas trostlos. Und dennoch: Der Damavand ist ein Sehnsuchtsort. Einer der unberührten Natur, fernab des Massentourismus.


Die Reise wurde unterstützt von Globotrek. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.07.2017, 11:38 Uhr

Tipps und Infos: 16-tägige Tour

Anreise Direktflüge von Zürich nach Teheran gibt es nicht. Mit Turkish Airlines über Istanbul oder Lufthansa über Frankfurt.

Trekking Der Schweizer Anbieter Globotrek ist auf Erlebnis- und Trekkingreisen spezialisiert. Neu bietet er 16-tägige Touren in den Iran und auf den Mount Damavand an. Nächste Reise: 22. 9. bis 7. 10. Weitere Daten im Sommer 2018. Preis ab 5500 Fr. pro Person, inkl. Flug. Gute Kondition erforderlich. www.globotrek.ch

Beste Reisezeit Juni bis Sept.

Visum Für die Einreise in den Iran benötigt man ein Visum, das man bei der Botschaft in Bern erhält.

Allg. Infos tourismiran.ir/en

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