Der Zug ist das Ziel

Unterwegs wie anno dazumal: Mit dem luxuriösen Eastern & Oriental Express von Singapur nach Bangkok.

Die Stewards sind grossartig, die Küche ist grossartig, die Waggons sind grossartig. Das dauernde Ruckeln ist nicht so grossartig – aber man gewöhnt sich an alles.

Die Stewards sind grossartig, die Küche ist grossartig, die Waggons sind grossartig. Das dauernde Ruckeln ist nicht so grossartig – aber man gewöhnt sich an alles. Bild: Luis Davilla (AGE/F1online)

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Es ruckelt beim Duschen. Es ruckelt beim Trockenrubbeln. Es ruckelt beim Zähneputzen, beim Abschminken und beim Pipimachen. Drei Tage geht das so und zwei Nächte, aber da muss man durch. Wer eine Zugreise tut, der soll ordentlich durchgeschüttelt werden, auch (oder gerade) wenn es sich dabei um eine Reise der Luxusklasse handelt.

Und, ach: Ein Zug der Luxusklasse ist er wirklich, dieser Eastern & Oriental Express, der zweimal monatlich in Singapur losfährt, ganz Malaysia und den Süden Thailands durchquert und am Ziel, in Bangkok, von A bis Z verwöhnte (und ja, auch durchgeschüttelte) Passagiere ausspuckt.

Wobei das mit dem Ziel so ja nicht ganz stimmt – Ziel ist hier der Weg an sich: 2050 Kilometer entlang von Tropenwäldern, Reisfeldern und Ölpalmen-Plantagen. So viel Grün nimmt das Auge auf, dass man Monate davon zehrt. Bis zu jenem Moment (der garantiert kommt), in dem dieses Depot aufgebraucht ist und man wieder hierher will, Gezuckel hin oder her. Das gilt, wohlgemerkt, nicht nur für Eisenbahnfans (oder, wie sie sich selber neckisch nennen: Ferrosexuelle).

Was diese Waggons zu bieten haben, ist ziemlich spektakulär.

Selbst Leute, die Züge nur besteigen, wenn die Variante via Flugzeug nicht gegeben ist (die Schreibende zählt zu dieser Sorte), müssen zugeben: Was diese Waggons zu bieten haben, ist schon ziemlich spektakulär. Feudale Einrichtung bis hin zu mit Teakholzintarsien verzierten Wänden? Checked! Sterneküche? Checked! Personal, das einem nicht nur jeden Wunsch von den Augen abliest, sondern ihn erfüllt, ehe man überhaupt gefragt hat? Checked!

Kaum ist man in den grün-beigen Zug gestiegen, wird einen der für die gebuchte Kabine zustän­dige Steward zu selbiger begleiten und lächelnd erklären, wie man die Sonnenstoren bedient und wo man im En-suite-Bad den Föhn findet. Und dann ziemlich rassig den Afternoon-Tea servieren: perfekte kleine Sandwichs und Scones mit Marmelade und Clotted Cream, alles natürlich auf edlem Porzellan und weissen Tischtüchern. Man seufzt das erste Mal glücklich, greift zu und geniesst in aller Ruhe die Aussicht ins Grüne.

Gesocialized wird später, beim Pre-Dinner-Cocktail im Barwagen. Dabei bleiben Shorts und Shirts im Koffer: Wer im E & O reist, von dem wird erwartet, dass er sich in Schale schmeisst. Gut so. Der Anblick beflipflopter Füsse auf den edlen Teppichen wäre der Stimmung nicht zuträglich – welche (man kommt sich etwas ­affig vor, wenn man es hinterher so formuliert, aber vor Ort macht es Sinn) durchwegs erhaben ist.

WLAN gibts schon auch – für die Unverbesserlichen

Ja, dieser Zug strahlt Erhabenheit aus. Wer mitfährt, wird automatisch ein bisschen leiser sprechen als gewöhnlich, den Mitpassagieren in den engen Gängen höflich den Vortritt lassen und kleinere Happen von seinem Menü zum Mund führen. Obwohl alles so lecker ist, dass man sich ein gelegentliches «hmm» nicht verkneifen kann. Was die Köche hier zaubern, kann es locker mit manchem nicht-fahrenden Sternelokal aufnehmen: Rindsfilet mit Lotuswurzel, zum Beispiel, oder in Kokosmilch gedämpften Kabeljau. Wenn man bedenkt, in was für einer winzigen Küche gezaubert werden muss: fantastisch.

Der enge Raum, dessen muss man sich bewusst sein, ist Part of the Game. Explizit wird man vor der Reise darauf hingewiesen, dass man sich bitte auf einen – und nur einen – Koffer Gepäck beschränken möge (wer mehr mitführt, muss die überzählige Bagage in den Gepäckwaggon geben). Mehr passt schlicht nicht in die Kabine; und es wäre auch ein Jammer, die Einrichtung mit sich türmenden Reisetaschen zu verschandeln.

Dort wird man sich indes ohne­hin nur zum Frühstück, zum Tee und zum Schlafen aufhalten. Der Place to be ist ein anderer: der gedeckte, aber sonst offene Aussichtswagen. «Observation Deck» heisst der ans Ende des Zuges gehängte Waggon, und natürlich lassen sich hier nicht nur die vorbeirauschenden Landschaften beobachten, sondern auch die Mitreisenden. Wer partout nicht ohne sein kann, hat in der angrenzenden «Observation Lounge» Internetzugang. Aber ehrlich: Wer braucht schon WLAN, wenn es da draussen so viel Herrliches zu entdecken gibt. Und Lustiges: etwa die entlang des Eisenbahntrassees aufgestellten Kraftsportgeräte, an denen sich Malaien und Thai zum Open-Air-Fitness und Trainspotten treffen.

Auf den letzten Kilometern bahnt sich der E & O seinen Weg durch die Slums vor Bangkok. Es ist, als würde einem das Universum eine Erinnerung daran schicken, dass es da draussen noch eine andere Realität gibt. Dieser letzte Ruckler ist womöglich der wichtigste dieser fantastischen Reise.

Die Reise wurde ermöglicht von Belmond und Geoplan Reisen. Zugfahrt Singapur–Bangkok inkl. zweier Übernachtungen, Vollpension, geführter Besichtigungen während der Zwischenstopps ab 2800 Franken pro Person; www.belmond.com.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.05.2018, 17:58 Uhr

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