Die Erlösung führt in die Tiefe

In den Felsenkirchen des äthiopischen Hochlandes liegt Afrikas Jerusalem. Noch harrt die Stadt Lalibela der Entdeckung.

Äthiopische Christen auf der Wallfahrt in Lalibela: Weiss gekleidete Pilger bei der Kirche Sankt Georg. Foto: James Whitlow Delano/Laif

Äthiopische Christen auf der Wallfahrt in Lalibela: Weiss gekleidete Pilger bei der Kirche Sankt Georg. Foto: James Whitlow Delano/Laif

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Das Pfarrhaus von Lalibela im Hochland von Äthiopien ist ein wackliges, zweistöckiges Gebäude, nur durch einen klapprigen Wellblechzaun von der Strasse getrennt. Über einen dunklen, schmutzigen Treppenaufgang gelangt man in ein kleines Büro. Hier residiert Bischof Abba Yared, 45, in einen weiten schwarzen ­Talar gekleidet, um den Hals eine goldene Kette mit einem grossen Jesuskreuz. Seine Finger umklammern ein ebenso wunderbares Handkreuz. Auf des Bischofs Schultern lastet nicht nur die Verantwortung für die Schäfchen seiner Gemeinde, sondern auch für ein altes Wunderwerk der Kirchenarchitektur – die fast tausendjährigen Felsenkirchen von Lalibela.

Abba Yared spricht leise und feierlich, der Würde seines Amtes angemessen: «Wer diese Kirchen einmal gesehen hat, wird sie niemals wieder vergessen.»

Andernorts streben Kirchen in die Höhe, in Lalibela wurden sie tief in den Fels gehauen. Zum Eingang führt eine ausgetretene steinerne Treppe. Im Rücken die rote Tuffstein-Felswand, vor dem Besucher die Kirche, die von hier aus viel höher erscheint als 15 Meter.

Die Rituale sind altertümlich

Die Welterlöserkirche ist die Grösste der 11 teilweise verschachtelten Felsenkirchen von Lalibela. Sie wird umgeben von 72 Säulen, welche die 72 Helfer Jesu symbolisieren. Sie sind genau so sorgfältig in den Stein gehauen wie die fünf Kirchenschiffe im ­Innern, wie Altäre, kleine Fenster, prächtige Fassaden.

Lalibela ist das geistige Zentrum der äthiopischen orthodoxen Christen. Mitten in Afrika hat sich eine der ältesten christlichen ­Gemeinschaften gehalten, mit rund 40 Millionen Gläubigen die grösste der orientalisch-orthodoxen Kirchen. Altertümlich sind auch die Sitten und Rituale. Das besonders prächtig gefeierte Weihnachtsfest etwa findet vom 6. auf den 7. Januar statt, weil sich die Kirche an den alten julianischen Kalender hält.

Gottesdienst dauert bis zu zehn Stunden

Doch die Gläubigen pilgern schon Wochen vorher nach Lalibela, Ende November beginnt die vorbereitende Fastenzeit. Die weiss gekleideten Pilger besuchen jeden Tag, besser jede Nacht, die Kirchen und drängen sich zu Hunderten in die felsigen Innenhöfe. Die Gottesdienste beginnen meist früh morgens um vier Uhr. Tritt der Tourist in einer schlaflosen Nacht auf den Balkon des Hotels, um den in ­dieser Höhe besonders klaren Sternenhimmel zu betrachten, so hört er von weitem das eindringliche An- und Abschwellen der rituellen Wechselgesänge. Ein solcher Gottesdienst ist nichts für kleine Kinder. Er dauert zwischen sechs, sieben, manchmal bis zu zehn Stunden und folgt einer strengen Liturgie, der die Gläubigen die ganze Zeit stehend beiwohnen.

Bevor wir in die Welterlöser­kirche eintreten, heisst es: Schuhe ausziehen und Kopfbedeckungen abnehmen. Das Auge gewöhnt sich nur langsam an die Dunkelheit. Am Nachmittag ist der Kirchenraum fast leer, denn noch verirren sich kaum Touristen ins Herz Äthiopiens. Es fällt uns leicht, hier ein bisschen zur Ruhe zu finden – vor einer kleinen Nische, wo die rituellen Utensilien und Instrumente abgelegt wurden. Eine Ruhe, die der Mönch nicht im Geringsten stört, der schweigsam in der Hocke verharrt. Gestützt auf einen krummen Stab, hat auch er ein Kreuz in der Hand, allerdings ein viel schlichteres als der Bischof. Unsere äthiopischen Mitreisenden gehen geradewegs auf den Mönch zu, umarmen ihn zweimal und küssen dreimal sein Handkreuz – und erhalten so den Segen für den Tag.

Heiliges Wasser soll fruchtbar machen

Durch einen kurzen Tunnel im Fels erreichen wir den Hof der nächsten Kirche, der Marienkirche, ­deren drei Schiffe mit ­Graffiti und Wandmalereien ­verziert sind. Stilistisch überhöhte Darstellungen von Mönchen, äthiopischen Heiligen oder religiösen Symbolen beleben die ­Mauern, im Hof der Kirche liegt das Fruchtbarkeitsbecken, dessen grün ­schimmerndes heiliges Wasser die Empfängnisbereitschaft der ­Frauen ­fördern soll.

Bevor König Lalibela, der ­Namensgeber der Kleinstadt und später heiliggesprochene Herrscher der frühen Äthiopier, die ­Felsenkirchen Ende des 12. Jahrhunderts erbaute, hatte er den ­Auftrag der Legende nach in einem drei Tage währenden Traum direkt von oben erhalten. Er solle ein zweites Jerusalem bauen, hiess ihn Gott – und Lalibela führte den ­Auftrag gewissenhaft aus. Und selbst die Topografie scheint sich dem untergeordnet zu haben. ­Mitten durch das Kirchenareal fliesst der Fluss Yordanos, der ­allerdings nur während der Regenzeit ­Wasser führt.

Das Jerusalem für die Armen

Heute noch hat jeder äthiopische Christ die Pflicht, mindestens einmal im Leben in die für sie heiligste Stadt Jerusalem zu pilgern. Da die Leute aber arm sind, kann auch eine Reise ins zweite Jerusalem, also nach Lalibela, in Rechnung gestellt werden. Auch Bischof Abba Yared, der Hüter der Felsenkirchen, war noch nie im echten Jerusalem. Doch darüber grämt er sich keineswegs: «Ich bin so stolz, hier in ­Lalibela zu sein, denn das ist der friedlichste Ort der Welt.»


Die Reise wurde unterstützt von Travelhouse.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.12.2017, 16:57 Uhr

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