Die Gästeflüsterer von Mallorca

Vor Beginn der Saison machen sich 1200 TUI-Mitarbeiter fit für die Betreuung von 1,3 Millionen Besuchern.

Warten auf «ihre» Cars: Zsofia Kaler und Guillermo Pio Rendon  An der Bar gibts jetzt Röhrli aus Stroh: Tina Grünold (l.) Fotos: Kurt Tschan Mit TUI kommen am meisten: Jedes Jahr räkeln sich Millionen von Gästen an den Stränden der spanischen Insel im Mittelmeer Foto: Getty Images

Warten auf «ihre» Cars: Zsofia Kaler und Guillermo Pio Rendon An der Bar gibts jetzt Röhrli aus Stroh: Tina Grünold (l.) Fotos: Kurt Tschan Mit TUI kommen am meisten: Jedes Jahr räkeln sich Millionen von Gästen an den Stränden der spanischen Insel im Mittelmeer Foto: Getty Images

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Ben Cameron empfängt den Gast in einem eingeschossigen Zweckbau. Auf dem Areal unweit des Flughafens Palma, an der Llucmajor 29, geht es geschäftig zu. Das Areal ist eingezäunt und die Zufahrtsstrasse holprig. Wären da nicht die farbigen TUI-Busse mit dem roten Smile-Symbol, die in der Werkstatt aufgebockt sind, käme niemand auf die Idee, dass hier das mallorquinische Herz des grössten Reiseveranstalters der Welt schlägt. Ben Cameron kritzelt Zahlen auf eine Folie. Die vergangenen zwei Jahre waren im beruflichen Leben des 35-jährigen Teammanagers, der für die Abwicklung des TUI-Geschäfts am Flughafen verantwortlich ist, ein Highlight.

1,3 Millionen Gäste wurden pro Saison abgewickelt. «Auch in diesem Jahr werden wir von allen Reiseveranstaltern wieder die meisten Starts und Landungen haben», sagt Ben Cameron. Daran ändern auch die 15 nach zwei Unfällen aus dem Verkehr gezogenen Boeing 737 Max der firmeneigenen Airline Tuifly nichts. «Für sie haben wir neue Maschinen geleast», sagt Ben Cameron. «Deswegen wird kein einziger TUI-Tourist weniger nach Mallorca reisen.»

Für dieses Jahr rechnet er aber nicht mit einem weiteren Wachstum. Nach dem Rekordjahr 2018 mit 59,4 Millionen Übernachtungen auf den Balearen geht er von einem leichten Rückgang aus. «Trotzdem haben wir für diese Saison wieder 1200 Mitarbeiter in den TUI-eigenen Hotels und der Gästebetreuung eingestellt», sagt er.

In der Smiles-Academy wird geübt – und gelacht

Nur wenige Meter vom Bus­depot entfernt steht Inken Regine Kaste vor einem Dutzend Mitarbeiter, die zu Reiseleitern ausgebildet werden. «Eine einmalige Sache», sagt sie. «Wer sonst lernt in zwei Wochen einen ganzen Beruf.» In der TUI-Smiles-Academy wird ab und an auch gelacht. Vor allem Fallbeispiele, in denen unzufriedene Gäste nachgespielt werden, sorgen für Unterhaltung. Ob nun ein Flugzeug Verspätung hat, das Gepäck verloren geht, das Fitnesscenter geschlossen bleibt oder der Swimmingpool kein Wasser hat, der Fantasie, was alles schiefgehen könnte, sind keine Grenzen gesetzt.

«Wir bieten für alle Probleme eine Lösung in 24 Stunden an», sagt Inken Regine Kaste, «und wir zeigen Empathie.» Empathie setze zum Beispiel aktives Mithören voraus, sagt Inken Regine Kaste, die zu einer Zeit in die Reisebranche einstieg, als sie dafür eigentlich schon zu alt war. 2009 durfte man nicht über 40 sein, um als Reiseleiterin zu arbeiten. Inzwischen ist die Deutsche zuständig für 30 Reiseleiterinnen und -leiter in der wichtigsten Destination des TUI-Konzerns.

«Schon als kleiner Junge habe ich dem Reiseleiter das Mikrofon aus der Hand gerissen.»

Maximilian Schmiedel, 22 Jahre alt, zuletzt im Pflegedienst tätig, erfüllt sich dieses Jahr seinen Lebenstraum. «Schon als kleiner Junge habe ich dem Reiseleiter das Mikrofon aus der Hand gerissen und im Reisebus die Gäste unterhalten», sagt er. Soeben hat der Dresdner seinen ersten Saisonvertrag unterschrieben. Der Schulklasse erklärt er, wie er ein Ehepaar entschädigen würde, das anstelle der gebuchten Meersicht vom Zimmerfenster aus nur den Hotelgarten sieht. Als Erstes hat er mit der Hoteldirektion ein Upgrade auf eine Juniorsuite ausgehandelt. Für die erste Nacht steht den Gästen aber eine Rückerstattung zu. Maximilian Schmiedel kommt auf einen Betrag von zehn Euro und fünf Cent.

«Alles bestens», resümiert Inken Regine Kaste, «bis auf den ­Umstand, dass du falsch gerechnet hast.» Tatsächlich stünde dem Paar ein Kompensationsbetrag zu, der fünfmal höher liegt. «Das wäre ein halber Tag auf der Basis des bezahlten Pauschalpreises», sagt sie. Kulanz gehört bei TUI zum Geschäft, sofern die Ansprüche belegbar sind. Ohne Quittung kein Geld, lautet die Devise. «Das gilt selbst für Sonnencreme, Präservative und ­Deodorants im nicht mitgelieferten Gepäck.»

Guillermo Pio Rendon aus Granada und Zsofia Kaler aus dem ungarischen Györ plagen ganz andere Sorgen als Maximilian Schmiedel. Sie sind für die 72 Fahrzeuge umfassende Flotte von TUI auf Mallorca verantwortlich. So richtig mit ihrer Arbeit beginnen können sie aber erst, wenn die Busse wieder den Weg übers Meer zurückgelegt haben. Im Winter stehen sie auf den Kanarischen Inseln im Einsatz, wo dann Hauptsaison herrscht.

Warten auf «ihre» Cars: Zsofia Kaler und Guillermo Pio Rendon. Fotos: Kurt Tschan

135 Chauffeure beschäftigt TUI auf Mallorca. Sie legen in den sieben Monaten, in denen der Tourismus auf der Insel brummt, 6,4 Millionen Kilometer zurück. Das ist 16-mal die Strecke zwischen Mond und Erde. Gegen 1,9 Millionen Liter Treibstoff werden dafür benötigt.

Mallorca ist eine Ferieninsel, die am Limit steht. Die Wasserprobleme machen nicht nur der Gastronomie und Hotellerie zu schaffen, sondern auch der Landwirtschaft. Zudem droht Meerwasser in das Grundwasser zu dringen. Die Abwassersysteme sind überfordert, was dazu führt, dass Schmutzwasser ins Meer gelangt.

«Auch im vergangenen Winter floss nicht genügend Wasser in die beiden Stauseen im Tramuntana-Gebirge, die die Hauptstadt Palma mit Trinkwasser versorgen», sagt Taxifahrer Juan Antonio. Die Situation dürfte auch 2019 angespannt bleiben. «Es werden zwar weniger Hotels gebaut», sagt Juan Antonio. «Aber trotzdem werden die Übernachtungskapazitäten ausgebaut. Vor der Küste fischen inzwischen staatlich finanzierte Schiffe täglich bis zu 1,5 Tonnen Plastikabfall aus dem Meer.

Angestellte holen in der Freizeit Plastikabfall aus dem Meer

Angesichts dieser sich zuspitzenden Umweltsituation ist man beim Robinson-Club Cala Serena in Cala d’Or dazu übergegangen, nachhaltig zu wirtschaften. Gemüse, Früchte und Wein stammen, wenn immer möglich, von der Insel. «Wir konnten unsere Emissionen durch zahlreiche Massnahmen stark reduzieren», sagt Clubdirektorin Tina Grünold. Die Poolanlage wird mit Sonnenstrom geheizt, an der Bar gibt es nur noch biologisch abbaubare Röhrli aus Stroh.

An der Bar gibts jetzt Röhrli aus Stroh: Tina Grünold (l.).

Mit der eigenen Meerwasserentsalzungsanlage wird nicht nur Trinkwasser hergestellt. Das ausgeschiedene Salz wird auch für die Reinigung des Poolwassers verwendet. «Alles geschieht auf einer biologischen Basis und nicht mit Chlor», sagt Grünold. Die Chefin prüft auch den Verkauf von biologisch abbaubaren Wasserflaschen. «Zellulose könnte Plastik bald ersetzen», hofft sie. Jede Woche tauchen zudem Angestellte in der Freizeit nach Plastikabfall. «Wir wollen der Insel möglichst viel zurückgeben», sagt Grünold. «Letztlich gibt Mallorca uns nicht nur die Arbeit, sondern schenkt uns auch ein wunderschönes Leben.

Die Reise wurde unterstützt von TUI Suisse. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.04.2019, 18:08 Uhr

Flüge mehrmals täglich

Anreise: Mehrere Flüge pro Tag ab Basel und Zürich, www.easyjet.com, www.swiss.ch, www.edelweiss.ch, www.tuifly.com

Unterkunft: Hotel HSM Linda Playa, Paguera, z.B. vom 8. bis 15. Juni, DZ, HP ab 957 Fr. p. P., buchbar bei www.tui.ch, Robinson Club Cala Serena in Cala d’Or vom 8. bis 15. Juni, VP ab 1878 Fr. p.P., www.tui.ch

Allg. Infos: www.infomallorca.net

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