Die letzte Überfahrt

St. Helena im Südatlantik, Verbannungsort Napoleons, war bis anhin nur mit einer mehrtägigen Schiffsreise erreichbar. Doch das ändert sich – nicht nur zur Freude der «Saints».

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Das Zeitgefühl kommt spätestens am dritten Tag auf See ins Wanken: Oder sind es doch schon vier Tage her, seit die RMS St. Helena Kapstadt in Südafrika verlassen hat? Rundum nichts als die endlose Weite des Meeres, weit und breit kein Land, kein Schiff, keine Möwen, dafür flüchtig die Fontäne eines vorüberziehenden Wals. Das ganze Universum reduziert sich auf diese 105 Meter lange und 19 Meter breite Nussschale, in deren Mehrbettkabinen 145 Passagiere Platz finden. Das explizit für die Versorgung von St. Helena erbaute Schiff ist auch ein Frachter: Im vorderen Teil türmen sich die Container, in denen sämtliche denkbaren Güter auf die Insel transportiert werden. «Wir haben Wetterglück. Im Südatlantik kann es je nach Saison ruppig werden», kommentiert Kapitän Andrew Greentree die ruhige, sonnige Überfahrt. Der gebürtige «Saint», so werden die Insulaner genannt, hat sein halbes bisheriges Leben auf der RMS verbracht.

Doch nun wird alles anders: Mit der Eröffnung des Flughafens auf St. Helena und der Aufnahme regelmässiger Linienflüge wird das Postschiff im Februar 2018 aus dem Dienst genommen. Er und die 54-köpfige Crew müssen sich um neue Jobs kümmern. Auf St. Helena bleiben Stellen aber Mangelware. Viele Insulaner sind deshalb gezwungen, auf Ascension Island, den Falklandinseln oder in England zu arbeiten.

«Das Schiff ist die Nabelschnur»

Die Insel St. Helena und die RMS St. Helena – das war bisher eine gottgegebene Symbiose: «Die RMS ist viel mehr als ein Schiff. Es ist die Nabelschnur, welche die Saints mit dem Rest der Welt verbindet. «Nun wird diese ersetzt», sagt Jacqueline Leo, Hotelmanagerin des Schiffs, mit Wehmut. Wobei die Geschichte rund um den bereits im Frühling 2016 eröffneten Flughafen pikante Züge trägt: Gefährliche Scherwinde verunmöglichten bislang regelmässige kommerzielle Flüge. Nun haben kleinere Fluggeräte, die nicht die ganze Piste benötigen, den Dienst aufgenommen.

Ein englisch-nostalgisches Glockenspiel lädt die Passagiere zu Tisch: Es sind die Essenszeiten, die den Tageslauf auf See bestimmen. Dieser spielt sich ansonsten zwischen der Kabine, den zwei Lounges und dem hübschen Sonnendeck mit kleinen Pool ab. Für Kurzweil sorgt das von Purser Terence täglich mit viel Witz und Verve gestaltete Unterhaltungsprogramm: «Wie lange regierte Alexander der Grosse?» Ratlose Blicke kreuzen sich in den Quiz-Teams, die abends um sechs Uhr die Main Lounge bis auf den letzten Platz füllen.

Bereits am Vormittag sorgte an Deck ein Cricket-Match für Stimmung, Dokumentar- und Spielfilme verkürzen den Tag, und am Abend ist auch mal eine bierselige Pub Night mit kuriosen Spielen wie Skittles oder Bagatelle angesagt. «Die freundlichste Schiffsreise der Welt», bringt Kate aus Neuseeland die einmalig-familiäre Atmosphäre an Bord auf den Punkt.

Fast alle Passagiere haben einen guten Grund für die lange Überfahrt: Saints wie Melvin, der in England lebt und wieder einmal die Heimat besucht. Oder Helena, die von der Heirat ihres Sohnes in Southampton nach Hause zurückreist. Englische Expats, die auf der Insel ihren Dienst antreten: Dave, der neue Polizeichef. Claire, die Apothekerin, Charlotte, die Therapeutin oder die Studentin Polly auf Recherche. Schliesslich reisen auch einige Touristen mit wie Kate aus Neuseeland. Oder die Duks, eine Grossfamilie aus Kapstadt, welche die wöchentliche Ankunftszahl auf St. Helena drastisch steigern wird. Dies registriert Tourismusdirektor Christopher Pickard, auf einer Dienstreise ebenfalls an Bord, mit Freude.

Jeder Besucher ist bald inselweit bekannt

Der letzte Abend auf See, mit einem stimmungsvollen Barbecue an Deck gefeiert, steckt tags darauf noch in den Knochen. Doch bereits um sieben Uhr morgens sind fast alle Passagiere an Deck. Was zuerst nur als ferne Wolkenbank erkennbar war, rückt als düster-kahle, steile Küstenkontur näher und näher – heimlich wischt der eine oder andere Saint eine Träne weg. Die RMS ankert vor der in einem engen Tal gelegenen Hauptstadt Jamestown, die Passagiere und Güter werden per Tenderboot und Floss an Land gebracht. Auf dem Platz beim Zollgebäude herrscht Hochbetrieb: Die Ankunft der RMS alle paar Wochen ist stets ein Ereignis.

Ein seltsames Gefühl kommt auf – nun gibt es kein Entrinnen mehr: gestrandet, fast 2000 Kilometer vom nächsten Kontinent entfernt auf einem isolierten Vulkanüberrest, mitten in der Weite des Südatlantiks. Wie hat sich da wohl der Portugiese João da Nova gefühlt, als er 1502 als erster Mensch die zuvor unbewohnte Insel betrat? Um das strategisch interessante Eiland auf dem Seeweg zwischen Europa und Asien stritten sich in der Folge Portugiesen, Holländer und ab 1659 die Engländer. Die Bevölkerung ist denn auch ein Gemisch aus Europäern und von ihnen auf die Insel geholten Sklaven und Arbeitskräften aus Madagaskar und Asien.

An der kurzen, von traditionellen Kolonialgebäuden gesäumten Main Street in Jamestown sitzt Don Harris wie immer vor seinem Guesthouse. Aus einem kleinen Transistorradio klimpert Country-Musik – er kennt jeden, und jeder kennt ihn. So wie sich fast alle Saints kennen und jeder Besucher bald inselweit bekannt ist.

Die morgendliche Einkaufstour seiner Frau Irene dauert Stunden, denn auf dem kurzen Weg zu den wenigen, nostalgisch anmutenden Läden der «Stadt» wird stets getratscht. So wie alle Insulaner stets und überall tratschen. Denn Internet und Social Media sind auf St. Helena noch kein Thema. Der Inselalltag ist äusserst entspannt, freundlich-ungezwungen und herzlich kommunikativ. Sogar die Autofahrer winken sich unterwegs zu – immer und überall.

St. Helena war nach der Eröffnung des Suezkanals und dem Verlust des Status als Versorgungsstation für die Schifffahrt immer eine mausarme Insel. «Daraus entwickelte sich eine egalitäre, solidarische und selbstgenügsame Gesellschaft, die einst von der Flachs­industrie und heute vor allem vom Fischfang lebt – in erster Linie aber von der Unterstützung der Engländer», erklärt Basil George auf einem Bummel durch Jamestown. Der vife Ex-Lehrer zeigt Besuchern seine Inselheimat und glänzt dabei mit breitem Wissen und prägnanten Ansichten – eine Insel­persönlichkeit. Zum neuen Flughafen meint er: «Fünf Tage Seereise oder fünf Stunden Flug – die raschere Erreichbarkeit wird die Insel verändern und ihr einen neuen Rhythmus aufzwingen. Es werde wohl künftig Gewinner und Verlierer geben, so Basils Befürchtung, die von vielen älteren Insulanern geteilt wird.

Wo Wirebirds fliegen und Napoleon in Verbannung lebte

Karg und kahl recken sich die steilen Talflanken beidseitig von Jamestown in die Höhe. Welch ein Gegensatz dazu das Inselinnere: Buschwerk, Wälder und Wiesen überziehen mit zunehmender Höhe die Hügel. Bei Blue Hill wähnt man sich angesichts wei­dender Kühe in den Schweizer Voralpen.

Eine exotische, sattgrüne Vegetation bedeckt die Gegend um den Diana’s Peak, mit 823 Metern der höchste Punkt der Insel. Ein gut unterhaltener Wanderweg führt durch hohen Flachs entlang von Baumfarnen und endemischen Cabbage Trees auf den höchsten Punkt. Unterwegs säubern Matthew und seine Mannen vom Saint Helena National Trust den Weg: «Es ist nicht mehr weit», muntert er die Hiker auf. Südlich vom Diana’s Peak fällt das Gelände steil in das wildromantische Tal der Sandy Bay ab, wo ein weiterer Wanderweg lockt: Von der Meeresbucht gehts über eine steinige Flanke und einen kahlen Grat hinunter zur Küste von Lot’s Wife mit den geschützten Badebecken. Die Wanderwege machen St. Helena zu einem Paradies für Hiker.

Bei Longwood hoppeln wilde Hasen über die Strasse, ab und zu flattert ein endemischer Wirebird ins Gebüsch. Hier liegt das mit Originalmöbeln ausgestattete Anwesen, wo Napoleon seine letzten Jahre verbrachte – Pflichtprogramm für St.-Helena-Besucher. Ebenso wie das in der Nähe in einer abgeschiedenen, totenstillen Waldlichtung gelegene Grab des verbannten Korsen. Längst ruhen dessen Gebeine im Pariser Invalidendom.

Longwood ist aber auch der Ort, wo die Engländer nach endloser Planung einen Flughafen gebaut haben. Über das Debakel mit den gefährlichen Scherwinden ärgert man sich auf St. Helena: «Eine andere Ausrichtung der Piste hätte das Problem gelöst», kriegt man etwa zu hören. Gerald Yon, Compliance Manager des Airports, weist allerdings darauf hin, dass nun massiv in spezielle Radars zur Wind- und Wetteranalyse investiert wurde: «Der Airport von St. Helena dürfte in dieser Beziehung heute führend sein.»

Für viele Saints ist klar: Die neue Fluganbindung wird die arg dümpelnde Wirtschaft ankurbeln – so auch den Tourismus: Gerade mal gut 300 echte Touristen zählte man 2016. «Das Potenzial liegt bei mindestens 3000 Besuchern jährlich», schätzt Christopher Pickard, Direktor von St. Helena Island Tourism. «Unsere Insel ist ein Paradies für ein reiseerfahrenes Individualpublikum, das sich neuen Erlebnissen öffnet.» 60 Gästebetten stehen in kleineren, einfachen Hotels, Guesthouses und Bed & Breakfast bereit, deren Betreiber ums Überleben kämpfen. Es mag deshalb erstaunen, dass die Hotelgruppe Mantis eben ein Viersternhotel in Jamestown eröffnet. «Dank der Linienflüge wird nun die Zahl der Ankünfte auf St. Helena steigen», zeigt sich Projekt­leiter Graham Vass optimistisch.

Auf der Rückfahrt mit der RMS St. Helena herrscht eine gewisse Melancholie. Während fünf Tagen stampft das Postschiff durch meterhohe Wellen – Kapitän Greenwood hatte auf der Hinfahrt davor gewarnt. Für viele ist die Überfahrt ein doppelter Abschied: Saints, die zurück ins Exil kehren, Expats, die wieder nach Hause reisen und Touristen, um eindrückliche Erfahrungen reicher. Für die meisten ist es gleichzeitig die letzte Überfahrt mit der einzigartigen RMS.

Nur John, der alle paar Monate für seinen südafrikanischen Arbeitgeber zwei, drei Tage geschäftlich auf die Insel muss und dafür stets wochenlang unterwegs war, flucht nach einigen Bieren an der Bar: «I hate this fucking ship!» Einer mehr, der die Flüge kaum erwarten kann.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.12.2017, 17:32 Uhr

Preisgekrönte Idee



Autor Beat Eichenbergers Reise nach St. Helena entspringt einer preisgekrönten Idee. Der 66-jährige freischaffende Journalist aus Wil ZH gewann den fünften Imholz-Förderpreis, den Reise­pionier Hans Imholz und der Swiss Travelwriters Club (STC) ausgeschrieben hatten.

Dank der Preissumme von 7500 Franken konnte Beat Eichenberger eine längere Recherchezeit nutzen. Um den Preis, der auch 2018 wieder ausgeschrieben wird, hatten sich 25 Journalistinnen und Journalisten beworben.
Der STC feierte vergangene Woche seinen 20. Geburtstag.

Die Teilnahmebedingungen für den Förderpreis finden sich ab 1. Februar 2018 auf: www.swisstravelwritersclub.ch.

Neues Hotel oder alte Farm Lodges



Lage
St. Helena liegt 1950 km von der Küste Angolas und 2900 km von der Küste Brasiliens entfernt im Südatlantik. Die Insel bildet zusammen mit Ascension und Tristan de Cunha ein britisches Überseegebiet.

Insel
St. Helena ist 122 Quadratkilometer gross. Höchster Punkt : Diana’s Peak 823 m ü. M. St. Helena zählt 4500 Einwohner, die Hauptstadt Jamestown 700 Einwohner. Das Klima ist gemässigt tropisch.

Anreise
SA Airlink fliegt seit Oktober jeden Samstag mit einer Embraer 190 von Johannesburg via Windhoek nach St. Helena und anderntags zurück ab 1067 Franken. Das Royal Mail Ship (RMS) beendet den Dienst im Februar 2018. Für Spätentschlossene sind noch letzte Betten buchbar. Danach verkehrt der Frachter Helena mit wenigen Kabinen.

Reiseveranstalter
Travelhouse/Africantrails bietet neu Reisen nach St. Helena an.

Unterkunft
Neues Viersternhotel Mantis St. Helena in Jamestown. Daneben einfachere Dreisternhäuser wie das Consulate Hotel, das Blue Lantern oder das Wellington House in Jamestown, die stimmungsvolle Farm Lodge in St. Pauls oder das renovierte Bertrand’s Cottage in Longwood.

Allgegeine Informationen
St. Helena Tourism Office.

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